[14]: Ich danke Ihnen mein Herr!
In den Familien sind an diesem Tage die Tische mit Speisen und Getränken
reich besetzt und Jeder, der sich einfindet, ist willkommen. Niemand wartet
eine Einladung zum Zulangen ab, sondern versieht sich ohne weitere Umstände
mit dem, was ihm zusagt. Am Neujahre wird auch ein Räuschchen entschuldigt,
da der herumwandernde Neujahrwünscher überall ein Glas trinken muß; selbst
den Damen sagt man nach, daß sie diesem Tag zu Ehren sich bereden lassen,
Etwas mehr wie gewöhnlich von den gefüllten Gläsern zu nippen.
Außer dem ersten Januar gibt auch der Valentinestag Veranlassung zu
netten Witzen. Es ist nämlich an diesem Tage Sitte, Bekannten und Freunden
sogenannte Valentines zu schicken, welche aus Bildern der verschiedensten
Art mit geschriebenen oder gedruckten Reimen und Gedichten bestehen. Das
Scherzhafte liegt besonders darin, daß sie anonym einlaufen und deßhalb
der wirkliche Absender oft gar nicht errathen wird. Die Bilder enthalten
Anspielungen, Carricaturen, Neckereien u. s. w. und werden in unglaublicher
Anzahl durch die Stadtpost versandt. Es giebt eigene Valentines-Fabriken,
welche hübsche Geschäfte mit diesem Artikel machen, da man sie von drei
Cent bis zu mehreren Dollars haben kann. Reiche Amerikaner haben schon
Valentines anfertigen lassen, welche 50 Dollars kosteten. Hübsche Mädchen
werden besonders damit bedacht, und manche Schönheit hat eine Sammlung
solcher anonymer Zusendungen angelegt, welche ein niedliches und
geschmackvolles Album voll guter Zeichnungen und Gedichte bildet. So
angenehm die Ueberraschung durch einen originellen Valentine ist, so haben
doch leider auch Haß, Neid, Mißgunst und andere niedrige Leidenschaften
diesen Tag und diese Sitte benützt, um unter der Maske des Witzes
verwundende Pfeile abzuschießen. Ich kann mich des traurigen Falles
erinnern, daß sich ein braves Mädchen in New-York wegen eines gemeinen
Valentines das Leben nahm.
Eine Haupttugend der Amerikaner verdient beim Schlusse der Schilderung
ihres Lebens und ihrer Sitten noch ehrenvolle Erwähnung, nämlich ihre
Gastfreundschaft. Es ist nicht leicht, in einer gebildeten amerikanischen
Familie Zutritt zu erhalten und als Hausfreund angenommen zu werden; hat
aber einmal Jemand ihr Zutrauen gewonnen, so schenken sie es ihm auch ganz
und machen nicht den strengen Unterschied zwischen dem jüngeren und dem
reiferen Alter, wie man in Deutschland zu thun pflegt. Dieses mag zunächst
dem Umstand zuzuschreiben seyn, daß bei ihnen mit dem 21sten Jahre bereits
die vollständige politische Mündigkeit eintritt, welche dem Jünglinge schon
die wichtigsten bürgerlichen Rechte verleiht. Dem Hausfreund gegenüber
fällt die Ettiquette, und Niemand findet es anstößig, wenn ein junger Mann
die Tochter des Hauses Abends ohne weitere Begleitung in's Theater, auf
Bälle oder Promenaden führt.
Zwanzigstes Capitel.
Die New-Yorker Presse.
Zur Befestigung der amerikanischen Institutionen hat in besonders hohem
Grade die Presse beigetragen, weßhalb ich ihrer auch einige Erwähnung thun
muß. Sie übt einen um so größeren Einfluß auf das Volk, als ihr von jeher
die berühmtesten und patriotischsten Staatsmänner ihre Kräfte gewidmet
haben, damit den Lesern außer der vielen mittelmäßigen Kost auch eine
gediegene gereicht werde.
In keiner Stadt der Union hat sie sich zu einer so hohen Bedeutung und zu
einem solchen Einflusse emporgeschwungen, wie in New-York, weßhalb auch
eine jede nur einigermaßen Lebenskräftigkeit besitzende Partei dort
ein Organ hat. Die Journale New-Yorks entsprechen aber auch allen den
Anforderungen, welche man an sie vermöge der Größe, Bedeutung und Bildung
der Stadt stellen kann, es erscheinen nicht allein politische, sondern auch
wissenschaftliche, belletristische, musikalische und gewerbliche Blätter;
nicht verkennen läßt sich jedoch, daß zu dieser Entwickelung der Presse der
Handel und der große Verkehr in New-York unendlich viel beigetragen hat;
um Beide zu heben, baute man die weiten Eisenbahnstrecken, Canäle und
Telegraphenlinien, durch deren Herstellung die kaum glaubliche Thatsache
möglich geworden ist, an jedem Tage in New-York Nachrichten aus allen
Theilen der Union in der Art zu erhalten, daß alle Ereignisse und die
Marktpreise von New-Orleans, St. Louis und Buffalo wenige Stunden nach
ihrem Bekanntwerden in den genannten Städten auch schon dem New-Yorker
Publikum durch die Presse mitgetheilt werden können. Durch diese ungeheure
Schnelligkeit der Communication ist auch das allgemeine Interesse viel
lebendiger und der Absatz beliebter Blätter ungleich größer, als in
Deutschland, während die Redactionen auf der anderen Seite wieder in den
Stand gesetzt sind, einen billigen Preis zu stellen. Die Sonne[15] zieht
eine tägliche Auflage von 60,000 und der Herald eine von 40,000 Exempl. ab.
[15]: ~The Sun.~
Die Morgenzeitungen bringen noch alle die Nachrichten, welche bis 3 Uhr in
der Frühe einlaufen; erst in dieser Stunde wird der Satz geschlossen und
der Druck begonnen. Um 7½ Uhr haben die meisten Abonnenten in der Stadt
ihre Blätter schon unter der Hausthüre liegen, da zu dieser Zeit noch
sämmtliche Wohnungen und alle Verkaufslokale geschlossen sind. In den
Geschäftsstraßen, die sich erst um 7 Uhr beleben, da in ihnen Niemand
wohnt, liegen bei trockenem Wetter vor manchem Hause 20-30 Blätter, ohne
daß der Subscribent eine Entwendung zu befürchten hätte.
Jedes Journal druckt täglich mehrere Tausend Exemplare über die
Abonnentenzahl, welche größtentheils von Zeitungsjungen in den Straßen, an
der Börse, an den Landungsplätzen der Dampfschiffe und an den Eisenbahnen
verkauft werden. Zu dem großen Absatz der New-Yorker Blätter trägt
besonders der Umstand bei, daß der Leser mit dem Beginne des Abonnements
an keine bestimmte Zeit gebunden ist, indem die Zeitungsträger jeden Montag
ihr Geld für das in der vergangenen Woche gebrachte Journal abholen. Für
minderbemittelte Leser, welche eine größere Ausgabe scheuen müssen, ist
dies eine sehr große Erleichterung.
Außer den in englischer Sprache gedruckten Blättern erscheinen in deutscher
die New-Yorker Staatszeitung, die New-Yorker Schnellpost und der New-Yorker
Demokrat mit einem Sonntagsblatte, und in französischer der ~Courier des
Etats unis~, welcher von der Regierung Louis Philipps Unterstützung erhielt
und dafür oft in nicht sehr würdiger Weise die Interessen der Dynastie
Orleans vertrat. Mit der Februarrevolution änderte er Redaction und Farbe.
Kurze Zeit erschien auch ein Blatt für die Scandinavier; es mußte aber
wegen Mangel an Theilnahme zu erscheinen aufhören.
Die Stimme des Staates New-York fällt bei der Entscheidung politischer
Kämpfe schwer in die Wagschaale. Es haben daher die Demokraten und die
Whigs von jeher alle ihre Kräfte aufgeboten, die Stadt und den Staat für
ihre Ansichten zu gewinnen. Beide erkannten nur zu gut, daß sie sich keines
besseren Agitationsmittel bedienen konnten, als der Presse, und sie sorgten
daher für die Gründung von Parteijournalen, welche sich fast durchgängig
mit der Erörterung politischer Parteigrundsätze und der Kritik der
Regierungsmaßregeln beschäftigen. Im Sinne der Demokraten schreiben »~the
true Sun~«, »~the Globe~« und die unter der Redaction des Dichters Bryant
erscheinende »~Evening-Post~«[16]. Die schon oben erwähnte ~Sun~ neigt
sich ebenfalls der Demokratie zu, obschon sie fast in jeder ihrer Spalten
versichert, daß sie ein unpartheiisches und unabhängiges Blatt sey. Die
Interessen der Whigs werden mehr oder wenig von der ~New-York Tribune~, dem
~Courier and Inquirer~ und dem ~Express~ vertreten.
[16]: Die wahre Sonne, die Erdkugel und die Abendpost.
Als wahrhaft unabhängiges[17] und deßhalb von allen Parteien sehr
geschätztes Blatt ist der ~New-York Herald~ auch im Auslande rühmlichst
bekannt, und die meisten deutschen Artikel über Amerika sind wohl aus
ihm übersetzt. Er liefert auch die politischen Neuigkeiten am raschesten,
ausführlichsten und zuverlässigsten und wurde dem gebildeten Leser schon
deßhalb unentbehrlich, weil er das einzige politische Sonntagsblatt ist.
Von den Einwanderern wird er besonders geschätzt, da er Correspondenten in
allen bedeutenden Städten Europas hat. Der Eigenthümer dieses Journals,
Mr. Gordon Bennet, läßt seit der Gründung der französischen
Dampfschifffahrtslinie von Cherbourg nach New-York auch eine französische
Ausgabe seines Blattes für Frankreich besorgen, welche von Freunden dieser
Sprache auch zahlreich in New-York gekauft wird.
[17]: Nur bei der letzten Präsidentenwahl kämpfte er für die Candidatur
des General Taylor.
~The Sun~ und ~the Herald~ liefern bei der Ankunft eines jeden
Dampfschiffes von Europa Extrablätter. Diese werden immer zahlreich
gekauft und werfen daher guten Gewinn ab; denn treffen auch keine wichtigen
politischen Neuigkeiten ein, so kommen doch Handelsnachrichten an, welche
über Gewinn und Verlust entscheiden und von dem Amerikaner mit
größter Spannung erwartet werden. Die Zeitungsjungen machen mit diesen
Extrablättern gute Geschäfte, zumal sie so klug sind, im Moment der ersten
Spannung um 100 Prozent mit ihrem Artikel aufzuschlagen; auch wissen sie
sehr gut auf die Neugierde ihrer Leser zu speculiren, indem sie Schlachten
ausrufen, die nie geschlagen wurden, und überhaupt auf Ereignisse
aufmerksam machen, von denen außer diesen Jungen keine sterbliche Seele
Etwas weiß.
Längere Zeit erschien in New-York der ~Yankee-Doodle~, ein politisches
Witzblatt mit Holzschnitten nach Art des Londoner Punch. Demselben war aber
bald der Witz und mit ihm die Abonnenten ausgegangen. Ueberhaupt ist der
Amerikaner sehr schwach in der Kunst, seinen Gegner durch feinen Spott zu
schlagen; auch fehlt ihm die Gewandtheit in der Zeichnung und die Manier
der künstlerischen Behandlung, welche bei politischen Thematen oft mehr
anzieht, als ein piquanter und sarkastischer Text.
Ein eigenthümliches Blatt ist der Bruder Jonathan[18]. Er erscheint nur
zweimal des Jahres, nämlich zu Weihnachten und am 4ten Juli, und ist
auf einen Bogen von solcher Größe gedruckt, daß man ganz bequem einen
sechsjährigen Jungen in denselben einwickeln kann, ohne daß Kopf und Fuß
mehr sichtbar ist. Eine ziemliche Anzahl Holzschnitte zieren ihn, welche
zum Theil von einer ungewöhnlichen Größe sind. Das Blatt ist typographisch
schön ausgestattet, und wird zahlreich gekauft, um Geschenke damit zu
machen. Eine Nummer kostet 1 Schilling[19].
[18]: Bruder Jonathan ist der Nationalname des Amerikaners, wie John
Bull der des Engländers und Michel der des Deutschen.
[19]: 18 kr. 3 pf. oder 5 Ngr. 4 pf.
Im Jahre 1848 wurde die erste musikalische Zeitung in New-York unter dem
Titel: »~The musical Times~« herausgegeben. Die bedeutendsten Mitarbeiter
sind durchgängig Deutsche, ohne deren Unterstützung die Unternehmung gar
nicht in's Leben hätte treten können. Der belletristische Theil des
Blattes besteht fast einzig und allein aus Uebersetzungen deutscher und
französischer Novellen.
Als Literaturblatt ist der ~Harbinger~[20], welcher von den Gebildeten
häufig gelesen wird, nicht ohne Werth. Er enthält philosophische,
ästhetische und andere wissenschaftliche Aufsätze, theilt Gedichte
besserer Gattung und Auszüge aus guten prosaischen Werken mit und gibt
eine kritische Uebersicht über die Producte der amerikanischen Literatur.
Gediegene Redaction und schöne Ausstattung empfehlen dieses Blatt, welches
in seiner Art noch ziemlich das einzige im Staate New-York seyn dürfte.
[20]: Der Vorläufer.
Einundzwanzigstes Capitel.
Kunst. Theater. Musik.
Durch die Presse ist auch in dem Volke das Verlangen nach geistigen
Genüssen erweckt worden. In die erste Classe ist in dieser Beziehung
Theater und Musik zu stellen, die sich seit den letzten zehn Jahren in
New-York einer besonderen Pflege erfreuen und ein lebendiges Zeugniß
abgeben, daß die Bildung im Fortschreiten begriffen ist. Auf ihre
Leistungen in der Malerei und der Bildhauerei läßt sich dieses Lob freilich
nicht anwenden, da sie mit wenigen Ausnahmen in ersterem Fache noch viel zu
sehr an die Entstehungsperiode der Kunst erinnern, und die Sculptur nur von
eingewanderten Deutschen, Franzosen und Italienern betrieben wird. Es hat
sich in New-York zwar ein Kunstverein mit einer Kunstausstellung gebildet;
die eingebornen Amerikaner haben aber bis jetzt noch wenig Werthvolles
eingeliefert. In der Architectur dagegen haben sie erstaunliche
Fortschritte gemacht; die Börse, die ~Tombs~[21], das ~Customhouse~[22],
das Wasserreservoir, die herrliche Wasserleitung und andere colossale
Bauten werden gewiß den Beifall und die Bewunderung sachverständiger Männer
erhalten.
[21]: Der im egyptischen Style gebaute Gerichtshof, mit welchem eine
bedeutende Anzahl Zellengefängnisse in Verbindung steht.
[22]: Zollhaus.
Die New-Yorker haben eine große Vorliebe für den Theaterbesuch. Es fehlt
daher nicht an besseren und geringeren Vorstellungen von Schau-
und Lustspielen und Opern. Wirklich gute Productionen findet man im
Park-Theater, da in demselben häufig berühmte englische Mimen auftreten;
im Jahre 1847 gab dort der Engländer Kean die schönsten Characterbilder
Shakespeares; überhaupt hat sich dieses Theater den Ruf einer dramatischen
Gediegenheit erworben. Für bessere Lustspiele ist das Broadway-Theater
da, welches erst vor zwei Jahren erbaut wurde; das eigene Volkstheater,
in welchem Spektakelstücke und populaire und nationale Ereignisse auf die
Bühne gebracht werden, ist das Bowerytheater. Es erfreut sich eines sehr
zahlreichen Besuches, da der Unternehmer beständig gute und beliebte
Schauspieler engagirt hat und keine Kosten scheut. Viel Vergnügen bereitete
mir in demselben die Aufführung von Schillers »Räubern«, welche ziemlich
gelungen in's Englische übertragen und recht brav in Scene gesetzt waren.
Für die niedere Komik und den Volkswitz gibt es ebenfalls einige Bühnen.
Freunde der Opernmusik sind auf die italienische Oper angewiesen. Um sie
würdig zu placiren, baute die New-Yorker Noblesse ein eigenes Opernhaus
am Ende des Broadway. In diesem Musensitz wollten sie auch einen
besonders feinen Ton und die Pracht der Mode nach Londoner und Pariser
Art einheimisch machen, und es mußte, um diesen Endzweck zu erreichen,
der Theatercomité die Einrichtung treffen, daß nur Gentlemans in schwarzem
Fracke und Ladys in Herrenbegleitung der Zutritt gestattet wurde, was den
bösen Uebelstand zur Folge hatte, daß ganz anständig gekleidete Leute am
Eingange abgewiesen wurden. Dies hieß aber in ein gewaltiges Wespennest
stieren! Die ganze New-Yorker Presse und vor allen Blättern der Herald zog
ganz unbarmherzig gegen die Geldaristokratie zu Felde, welche es gewagt
hatte, dem Volke eine besondere Kleidung bei dem Genusse von Vergnügungen,
die ihm sein gutes Geld kosteten, vorzuschreiben und die republikanische
Einfachheit, wie die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen in einer
solchen Weise anzugreifen. Man warnte vor dem Besuche eines solchen
Theaters, nannte die Sänger die traurigsten Stümper und brachte das ganze
Unternehmen in einen solchen Mißkredit, daß es ohnfehlbar gescheitert wäre,
wenn der Theatercomité nicht die unglückliche Frackidee aufgegeben hätte.
Ein betheiligter reicher Kaufmann machte aus lauter Verdruß über das
Geschrei der Presse den Versuch, den Eigenthümer des Herald mit 200
Dollars zum Schweigen zu bringen; am anderen Tage aber fand er seinen Brief
wörtlich auf der ersten Spalte des Herald in einer schwarzen Einfassung
abgedruckt; außerdem war noch die malitiöse Bemerkung beigefügt, daß sich
der Maire der Stadt in einem Handbillete bei dem Herrn Bennet im Namen des
städtischen Armenhauses für die Schenkung von 200 Dollars bedankt habe,
welche zur Bestechung der Presse hätten dienen sollen.
In New-York fehlt es auch nicht an zwei deutschen Theatern; leider aber
haben es unsere Landsleute noch nicht zu dem Besitze eines würdigen
Kunsttempels bringen können. Die Schuld liegt freilich größtentheils an den
deutschen Schauspielern selbst, welche bis auf einige Wenige so viel wie
nichts leisten. Sie sind deßhalb gezwungen gewesen, ihre Bretter, die aber
nichts weniger, als die Welt bedeuten, in großen Sälen aufzuschlagen. Die
Dekorationen, wie die ganze Ausstattung machen einen ziemlich kläglichen
Eindruck; von Maschinerie ist gar keine Rede, und die Anziehungskraft
auf das Publikum würde sich wohl auf Null reduciren, wenn nicht nach
dem Schlusse der Vorstellungen noch Ball wäre, an dem jeder Zuschauer
unentgeldlich Theil nehmen kann.
Beide Unternehmungen sind von Gastwirthen ausgegangen, denen es natürlich
mehr um den Absatz von Speisen und Getränken, als um Hebung der Kunst zu
thun ist.
Für musikalische Genüsse sorgt der philharmonische Verein. Er hat viele
Mitglieder und die nöthigen Mittel, um größere Musikwerke zur Ausführung
bringen zu können; der hohe jährliche Beitrag macht aber den Eintritt in
diese Gesellschaft Vielen unmöglich.
Die besten Musiker in New-York sind ohnstreitig die deutschen und werden
auch als solche von den Amerikanern anerkannt. Ihre Vorträge sind freilich
auch werthvoller, als die der Eingebornen, welche die Harmonie der
Töne theilweise noch mit der Trommel, der Sackpfeife und dem Dudelsack
hervorbringen wollen. Dessen ohngeachtet sind sie große Freunde der Musik
und in jeder nur einigermaßen bemittelten Familie wird man ein Fortepiano
finden, wodurch die Fabrikation dieser Instrumente in New-York selbst einen
erstaunlichen Aufschwung erhalten hat.
Deutsche Musiker können in Amerika guten Verdienst finden, wenn sie etwas
Tüchtiges zu leisten im Stande sind. An Stümpern jedoch ist kein Mangel.
Im verflossenen Jahre kam eine Gesellschaft Steiermärker nach Amerika, um
sich in den bedeutendsten Städten der Union hören zu lassen. Ihr erstes
Auftreten in Boston wurde von einem außerordentlichen Erfolge begleitet, da
in der That jedes Mitglied Virtuos auf seinem Instrumente war. In
New-York machten ihre Leistungen ein solches Aufsehen, daß sie dort schon
Einladungen nach Baltimore, Washington und New-Orleans erhielten. Von
letzterer Stadt giengen sie nach der Havanna. Ihre Geschäfte müssen
sehr einträglich gewesen seyn, wie überhaupt noch kein Künstler Amerika
unbefriedigt verlassen haben wird, da ihr Säckel sich dort gewiß eher
füllte, als in den meisten europäischen Städten. Fanny Elsler, Ole Bull,
Sivori, Leopold Meyer und Andere werden davon gewiß vollgültige Beweise
abgeben können. Die von ihnen gegebenen Vorstellungen und Concerte waren
sämmtlich zahlreich besucht, und ist auch nicht zu verkennen, daß sie
bedeutende Auslagen zu bestreiten hatten, so standen sie gewiß jedesmal mit
ihrer Einnahme im Verhältniß, da man in New-York zu keinem Concert unter
einem Dollar ein Billet erhalten kann.
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Lasterhöhlen. ~Washington-Street~. Die ~Five-Points~. Die Hinrichtungen.
Große Verdienste um die Hebung der Moralität und Sittlichkeit hat sich
ohnstreitig die Presse erworben, obschon in dieser Beziehung noch viel zu
wünschen übrig bleibt. Bei dem ungeheuren Verkehre und dem ewigen Gehen und
Kommen von Schiffen und von Reisenden aus allen Welttheilen müssen sich
um so mehr auch unlautere Elemente einfinden, als der Eintritt in das Land
keiner polizeilichen Controle unterworfen werden kann, da das Paßwesen eine
total unbekannte Größe in den Vereinigten Staaten ist. Diese Einrichtung
hat sich besonders des Beifalls der deutschen Handwerksburschen zu
erfreuen, welche froh sind, daß sie von dem Visirenlassen der Wanderbücher
befreit sind.
Es ist eine immer wiederkehrende und leicht erklärliche Erscheinung, daß
Verbrechen und Laster aller Art ihren Hauptsitz in den großen Städten
aufgeschlagen haben; hat man dies schon im Binnenlande zu beklagen, so
ist dies wo möglich in noch vergrößertem Maßstabe in den Hafenstädten zu
finden, in welchen täglich Tausende von Fremden zusammenströmen. Man darf
daher auch nicht erwarten, daß New-York eine Ausnahme von der Regel macht
und ich es als ein Muster der Sittenreinheit hinstellen kann; man findet
auch in dieser Stadt neben der Tugend, Frömmigkeit und Redlichkeit die
tiefste Immoralität und neben dem guten Tone und der Bildung die gröbste
Unwissenheit und die furchtbarste Rohheit. New-York hat ebensogut, als
London, Paris, Wien und Berlin seine Lasterhöhlen und seine verrufenen
Gassen, in welchen das Verbrechen und die Schande haust. Man thut wohl
daran, bei Nacht solche Orte zu meiden, da dort trotz aller Aufsicht
verworfenes Gesindel sich niedergelassen hat, welches selbst den Mord nicht
scheut, wenn es ihm Beute verschafft. New-York hat so gut seinen Stoff zu
»Mysterien« geliefert, wie jede andere Stadt.
Es macht einen im höchsten Grade widrigen Eindruck, daß gerade eine der
schönsten Straßen in der Nähe des Hafens, in welcher Nachts betrunkene
Matrosen und andere gefährliche Individuen umherstreifen, den Namen
Washingtons trägt. Man thut immer wohl, wenn man ihnen im Falle des
Begegnens weit aus dem Wege geht.
In den Kellern der ~Washington-Street~ hört man jeden Abend kreischende
Musik, nach welcher sich Matrosen und schlechte Dirnen drehen, die durch
zudringliche und ekelhafte Geberden die Vorübergehenden zum Eintritt zu
bewegen suchen. Kaum vergeht eine Nacht, in welcher dort nicht durch die
Seeleute die schrecklichsten Schlägereien entstehen. Diese endigen nur zu
oft mit Mord und Todtschlag, da diese rohe und schonungslose Classe von
Menschen nach langer Entbehrung[23] sich ohne Rücksicht auf Gesundheit
und Anstand allen Ausschweifungen hingibt und von dem Genusse starken
Brandweins gemeiniglich so trunken werden, daß sie sich mit dem Messer in
der Faust anfallen.
[23]: Den Matrosen auf amerikanischen Schiffen werden zur See
keine spirituosen Getränke verabreicht. Sie erhalten Morgens eine
hinreichende Quantität guten schwarzen Kaffee mit Fleisch und
Kartoffeln, Mittags eine gute kräftige Kost und Abends Thee nebst einer
guten Beispeise, aber weder Bier, Wein noch Schnapps. Den Passagieren
ist bei Strafe der Confiscation ihrer Getränke strenge verboten, an die
Matrosen Etwas abzugeben. Diese Bestimmung ist auch sehr nothwendig,
da die meisten Matrosen weder Ziel noch Maß im Genuß der stärksten
geistigen Getränke kennen. Ihr Dienst erfordert eine beständige
Nüchternheit, da sie während eines Sturmes oft sämmtlich Dienst thun
müssen und ihnen in einem solchen Falle oft Hunderte von Menschenleben
anvertraut sind. Für diese Entsagung entschädigen sie sich nach
der Landung in so reichem Maße, daß sie in wenigen Tagen einen
sechswöchentlichen sauer ersparten Lohn durchbringen.