Die deutschen Bälle tragen ziemlich denselben Character, wie in

Deutschland, während die amerikanischen sich mehr den französischen und

englischen annähern; doch werden auf ihnen auch deutsche Tänze getanzt.

Maskenbälle sind gänzlich unbekannt, da sie verboten sind, und man muß

deßhalb auf ein Vergnügen verzichten, welches sich in einigen Städten des

deutschen Vaterlandes wegen der besonderen Pracht, des guten Humors und

des trefflichen Geschmackes, wie z. B. in Mainz, Cöln und München, einen

beinahe classischen Namen errungen hat. Die Deutschen haben wohl in

Privatzirkeln kleine Maskenscherze aufgeführt, es kann aber ein solches

Vergnügen wenig Reiz gewähren, wenn sich sämmtliche Theilnehmer schon

vorher kennen, und sie im Falle des Bekanntwerdens noch gesetzliches

Einschreiten zu gewärtigen haben.

Eine Eigenthümlichkeit der New-Yorker Bälle ist auch noch die, daß die

Herren ihre Damen nach 12 Uhr zur ~Table d'hôte~ führen, welche ohngefähr

eine Stunde dauert und dazu beiträgt, das Tanzvergnügen noch etwas

kostspieliger zu machen, als man es in Deutschland gewohnt ist. Während

dieser Pause werden bei den Deutschen sehr oft Quartette gesungen, die

gewöhnlich diejenigen Gäste sehnlich herbeiwünschen, welche keine Freunde

einer so späten und theuern Tafel sind.

Achtzehntes Capitel.

Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiosität.

Temperenzmänner. Rechte der Frauen.

Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die Deutschen manche Sitten und

Gebräuche von den Amerikanern angenommen haben; dieses kann man sich aber

aus den vielen gegenseitigen Berührungen leicht erklären. Im Wesentlichen

ist jedoch das Leben und das Thun und Treiben der Eingebornen ein ganz

anderes. Während der Deutsche ein offenes und zutrauliches Gemüth zeigt,

bleibt der Amerikaner mehr in sich selbst zurückgezogen, und ist nur dann

redselig, wenn er in seinem Geschäfte steht und Geld verdienen will, oder

wenn ihn eine wichtige politische Streitfrage beschäftigt. Begegnen sich

befreundete Amerikaner am Tage auf der Straße, so gehen sie mit einem

flüchtigen Gruße an einander vorüber, denn die Zeit des Verdienstes ist da,

in welcher Keiner den Andern aufhält; die Deutschen dagegen müssen einen

kleinen Halt machen und ein Wort mit einander wechseln, und wenn sie nur

fragen: Wie geht es? Was macht die Frau? u. s. w. Nichts characterisirt den

Amerikaner mehr, als seine Vorliebe zum Geld, ja man kann sagen, daß er oft

den Menschen nur nach seinen Vermögensverhältnissen beurtheilt. Macht er

eine neue Bekanntschaft, so unterläßt er nicht zu fragen, »wie viel sie

werth sey«, und die Antwort erst gibt ihm den Maßstab zur höheren oder

niederen Achtung. Er scheut keine Gefahren, um reich zu werden; er geht in

die Lager der Indianer und wagt seine Kopfhaut, um ein gutes Geschäft

zu machen, und durchdringt die Urwälder, um sich neue Absatzquellen zu

eröffnen. Seine zähe Ausdauer ist wahrhaft bewunderswürdig; er arbeitet

rastlos fort, wenn er Millionen erworben hat, läßt seine Thätigkeit aber

nicht sinken, wenn ihn eine unglückliche Spekulation um Alles gebracht hat;

er fängt wieder von vorne an, und seine alten Geschäftsfreunde unterstützen

ihn nach Kräften, wenn er keinen betrügerischen Bankerott gemacht hat;

gerade Diejenigen, welche durch ihn Verluste erlitten haben, suchen

ihn wieder in die Höhe zu bringen, da sie nur in diesem Falle an einen

Wiederersatz denken dürfen. Beispiele hiervon finden sich in New-York,

wo mehrere Kaufleute in Bezug auf ihre Vermögensverhältnisse den

merkwürdigsten Glückswechsel erfahren haben; heute noch Millionaire, waren

sie am anderen Tage Bettler, um in wenigen Jahren wieder als vermögende

Männer dazustehen.

Schon an dem Anzuge erkennt man den Amerikaner und den Deutschen. Der

Letztere kleidet sich in die verschiedensten Farben, der Erstere liebt, der

großen Mehrzahl nach, und besonders, wenn er dem Handelsstande angehört,

den schwarzen Frack oder Rock, die schwarzen Beinkleider und den schwarzen

runden Hut. Nur während der heißen Jahreszeit vertauscht er diese dunkle

Tracht mit hellen und leichten, entweder blau und weiß oder roth und weiß

gestreiften Baumwollenkleidern. Die Klasse der Arbeiter, welche natürlich

keine Rücksichten auf feine Stoffe und eleganten Schnitt nehmen kann,

erkennt man aber fast ohne Ausnahme an der wachstuchenen Mütze, welche sich

auch die deutschen Handwerker gleich nach ihrer Ankunft zulegen, da sie

nicht allein die gewöhnlichste und leichteste, sondern auch die billigste

Kopfbedeckung ist. Der Amerikaner sieht in den Wochentagen wenig auf äußere

Eleganz -- den Geschäftsmann genirt ein Loch im Aermel sehr wenig --; dafür

nehmen sie streng Rücksicht auf Reinlichkeit in der Wäsche, und selbst der

schlechtbezahlteste Arbeiter wechselt wöchentlich drei bis vier Mal frische

Hemden, obschon dies in New-York eine bedeutende Ausgabe verursacht, da

für das Dutzend ohne allen Unterschied, ob es Sacktücher, Vatermörder oder

Hemden sind, ¾ Dollar gezahlt werden müssen.

Obschon die Amerikaner, insbesondere nach unseren Begriffen, sehr wenig

gesellig sind, so habe ich doch Mehrere kennen gelernt, welche das deutsche

Leben sehr anzog. Vor Allem will ich hier eines jungen Mannes aus Virginien

Erwähnung thun, welcher Medicin studirte und in dasselbe Haus zog, in

dem ich wohnte, um dort Deutsch zu lernen, da er nach Vollendung seines

akademischen Studiums in New-York zu seiner weiteren Ausbildung einige

Jahre in Berlin zubringen wollte. Schon in seiner Heimath Virginien hatte

er von einem Deutschen so viel Kenntniß von unserer Muttersprache erlangt,

daß er Schillers Gedichte ziemlich fertig lesen und verstehen konnte.

Namentlich interessirte er sich sehr für die deutschen Zustände und

fragte zuweilen nach dem Grunde und der Ursache mancher deutschen

Staatseinrichtungen mit einer Naivität, welche selbst einen vormärzlichen

Staatsmann in Verlegenheit gesetzt haben dürfte, da seine Polemik gegen

dieselben von vieler Klarheit und angeborner Freisinnigkeit zeugte und

außerdem sehr ruhig und natürlich war. Am wenigsten konnte er das Wesen der

Censur begreifen; ich mußte ihm erst eine Geschichte dieses Instituts und

eine Schilderung seiner eigentlichen Thätigkeit geben, bis er sich von

demselben eine richtige Vorstellung machen konnte. Oft sprach er seine

Verwunderung gegen mich darüber aus, daß das deutsche Volk bei dem Bestehen

der Censur sich in geistiger Beziehung so hoch emporschwingen konnte,

während das amerikanische bei aller seiner Freiheit die Wissenschaften

bis jetzt noch viel zu wenig cultivirt habe. Ferne von aller Engherzigkeit

verkannte er die Tugenden und Vorzüge der Deutschen nicht, liebte und

achtete aber, wie jeder Amerikaner, sein Vaterland wieder viel zu hoch,

um dessen Freiheit und Wohlfahrt nicht höher zu schätzen, als Deutschlands

literarische Größe.

Wie die meisten Amerikaner hielt auch er ungemein viel auf die strenge

Feier des Sonntags, welche den Deutschen einen reichhaltigen Stoff zu

Raisonnements liefert. Es gibt auch wohl kaum etwas Lästigeres, als die

Beobachtung von Gesetzen, die aus den Sonntagen einen jede Woche regelmäßig

wiederkehrenden Buß- und Bettag gemacht haben. Der Amerikaner geht Sonntags

wenigstens zweimal in die Kirche; vielfach besucht er aber auch den

Abendgottesdienst, welcher im Winter bei Licht gehalten wird. Man ist

sogar so weit gegangen, es als die Pflicht eines verlobten jungen Mannes

zu betrachten, daß er seine Braut Sonntags zweimal zur Kirche führt. In

den gebildeteren Familien ist man mit dieser Art Sonntagsfeier noch

nicht einmal zufrieden, sondern es wird auch noch der Abend religiösen

Betrachtungen gewidmet und mit dem Singen geistlicher Lieder oder dem

Spielen von Chorälen und Kirchenmusik auf einem Claviere hingebracht. Ich

habe immer diese übertriebene Religiosität für einen krankhaften

Auswuchs gehalten, wofür namentlich auch die Thatsache spricht, daß

der amerikanische Sonntagsbetbruder sich nicht im Geringsten genirt, am

folgenden Montage seinen Mitchristen auf die schändlichste Weise zu prellen

und zu übervortheilen. Trotz dem Zuschautragen religiöser Gefühle und

Empfindungen glaube ich doch, daß in Deutschland, obschon da vielfach

getanzt, musicirt und getrunken wird, eine tiefere Frömmigkeit zu finden

ist, als in New-York, wo man großentheils mit der Beobachtung der äußeren

Formen zufriedengestellt ist. Ich kenne nur eine Tugend, welche aus diesem

scheinheiligen Treiben der Amerikaner hervorgegangen ist, nämlich ihr

Abscheu gegen das rohe Fluchen, Schwören und Schimpfen, welches man bei den

Deutschen leider so häufig findet. Außerhalb des Geschäftslebens ist der

Amerikaner auch sehr wahrheitsliebend, und man kann ihn nicht empfindlicher

beleidigen, als wenn man ihn der Lüge zeiht. Diese Injurie wird auch vom

Gesetze besonders strenge geahndet! Besonders anerkennend muß ich hier

bemerken, daß sich der Amerikaner trotz der strengen Beobachtung äußerer

Religiosität und seiner Anhänglichkeit an seinen Gottesdienst doch ganz

von den Vorurtheilen gegen Andersdenkende losgemacht hat und die Intoleranz

kaum dem Namen nach kennt. Am schönsten hat er dies im Jahre 1847 bei

Gelegenheit der Revision der Verfassung des Staates New-York bewiesen,

gemäß welcher man vor den Gerichtshöfen dieses Staates den Eid in

beliebiger Form leisten kann, ohne daß dessen Rechtsgültigkeit im

Geringsten angefochten werden kann. Vorurtheile, wie man sie in Europa und

namentlich in Deutschland gegen die Israeliten hegt, sind dem Amerikaner

vollkommen fremd; er macht keinen Unterschied zwischen Juden und Christen,

sondern achtet den am meisten, welcher seine Würde als Mensch am besten zu

wahren versteht.

Hand in Hand mit ihrem äußeren Frömmigkeitswesen gehen die ebenso

einseitigen Bestrebungen der Mäßigkeitsprediger (Temperenzmänner), welche

ihren Fanatismus so weit treiben, daß sie den Genuß von Wein, Bier und

aller Art von Spirituosen gänzlich verbieten. Man sollte kaum glauben, daß

für eine solche Lehre viele Anhänger zu gewinnen wären; zu meinem größten

Erstaunen hat sie diese aber gerade in einem Stande gefunden, welcher

sonst die wenigste Neigung zur Mäßigkeit hat und stärkende Getränke auch

am wenigsten entbehren kann, nämlich im Stande der Arbeiter. Die Grundsätze

dieser Temperenzmänner haben eine unglaubliche Verbreitung gefunden, die

übrigens leicht erklärlich wird, wenn man die rastlose Thätigkeit und die

unermüdliche Agitation dieser Leute kennt. Sie sind gut organisirt und in

Logen eingetheilt, aus welchen zunächst ihre Propaganda hervorgeht, die

sich besonders Sonntag Nachmittags in der Nähe des Hafens sehr bemerkbar

macht. Irgend ein Mitglied, welches sich hinreichende Rednergabe zutraut,

die die Amerikaner überhaupt, an öffentliches Leben gewöhnt, mehr oder

weniger besitzen, besteigt mitten in der Straße einen Tisch oder Stuhl

und hält einen von dem heftigsten Geberdenspiele begleiteten Vortrag,

in welchem dem Zuhörer auf das bündigste bewiesen wird, daß nur die

vollkommene Enthaltung von allen geistigen Getränken den Menschen physisch

und moralisch gut erhalten könne, und selbst der mäßigste Genuß wegen des

verführerischen Reizes zur Ausschweifung gefährlich sey. Eine Unmasse von

Traktätleins in allen Sprachen zählt die grauenhaftesten Historien von

Gatten-, Kinder- und Vatermord und anderen haarsträubenden, im Zustande

der Trunkenheit verübten Verbrechen auf, um das Gemüth des Lesers zu

erschüttern und zur Aufnahme der Temperenzlehre geneigt zu machen.

Abscheulich gezeichnete Bilder, welche den Künstler mit Grauen erfüllen,

sollen solche Scenen noch mehr versinnlichen, und mögen bei zur Schwärmerei

geneigten Naturen ihres Eindruckes auch nicht verfehlen.

Mehr aber, als alle Traktätlein und schlechten Reden der Temperenzmänner

hat die schlaue Berechnung ihnen Anhänger gewonnen, daß sie nur solchen

Arbeitern einen Verdienst zuwenden, welche in ihren Mäßigkeitsbund

eingetreten sind. Sie haben sogar eigene Dienstbotenbureaux errichtet, in

welchen Temperenzdienstboten gesucht werden, die sich über ihre wirkliche

Mitgliedschaft förmlich ausweisen müssen. Ihre Lebensmittel kaufen sie nur

bei Temperenzmännern, da die anderen Spezereihändler sämmtlich Spirituosen

verkaufen und deren Waaren sonach nicht koscher sind.

Die unsinnige Lehre dieser Leute, welche dem Menschen selbst den

vernünftigsten und mäßigsten Genuß der edlen Gaben Gottes entzieht,

führt ebenfalls zur Heuchelei, zur Verstellung und zum Meineid; mancher

Temperenzmann, welcher beim Anblicke eines Glases Wein oder Bier

scheinheilig die Augen verdreht, hat zu Hause einen geheimen Schrank in

der Wand, in welchem Getränke aller Art verborgen sind. Ein Deutscher, der

längere Zeit in Boston gelebt hat, erzählte mir, daß er manchen vergnügten

Abend mit Temperenzmännern bei der Punschbowle zugebracht habe, von denen

Niemand erwartete, daß sie ihre Satzungen übertreten würden.

Dieser Unfug hat auch in New-York sehr um sich gegriffen; der

Mäßigkeitsmann genießt aber dort, da er sich nicht ganz auf Wasser setzen

will, ein Wurzelbier von bitterem Geschmack, das s. g. ~root-beer~, welches

nicht berauscht. Den wenigsten Anklang hat diese Art von Enthaltsamkeit

bei den Matrosen gefunden, denen man übrigens einige Sympathie für einen

solchen Verein wünschen möchte.

Wie ich schon mitgetheilt habe, lebt der Amerikaner vorzüglich seinem

häuslichen Kreise, weßhalb auch gemeiniglich seine Zimmer viel eleganter

und wohnlicher eingerichtet sind, als bei den Deutschen. Selten logiren in

einem Hause mehr als zwei Familien, da er Ruhe und Stille in seiner Wohnung

liebt, wenn er sich von dem Geräusche seines Geschäftes zurückgezogen hat.

Er geht aber auch zuweilen in dieser Beziehung zu weit, da er häufig kein

Quartier an Leute vermiethet, welche kleine Kinder oder Hunde und Katzen

haben, weil er von ihnen Lärmen und Unreinlichkeit befürchtet.

Die Privatwohnungen sind sämmtlich Tag und Nacht geschlossen, und muß man

erst durch das Ziehen einer Klingel seine Anwesenheit melden. Beim

Eintritt in die Hausflur fällt die durch bunte Fenster und bemalte Vorhänge

gedämpfte Beleuchtung auf, welche sonderbar gegen die außen herrschende

Tageshelle absticht. Eine ähnliche Dämmerung findet man während der

Sommerzeit in den nach der Morgenseite liegenden Zimmern, da grüne

Jalousieladen an allen Fenstern zum Schutze gegen die heißbrennende Sonne

angebracht sind. Auf den Treppen liegen hübsche Teppiche (~carpets~),

welche man noch schöner und geschmackvoller in den bewohnten Räumen findet,

die dadurch viel heimischer werden. Die Gemächer, wie das ganze Innere des

Hauses, sind entweder tapezirt, oder, was man noch häufiger trifft, mit

hellen Oelfarben gemalt, was einen sehr freundlichen Eindruck macht.

Auf letztere Einrichtung hat mehr die Nothwendigleit, als der Luxus

hingewiesen, da sich hinter den Tapeten im heißen Sommer gerne Wanzen

ansetzen, welche sich in vielen Häusern New-Yorks in fast unglaublicher

Anzahl eingenistet haben, um die Bewohner derselben bei Nacht auf das

Furchtbarste zu quälen. Auch die Muskitos[12] sind an den gemalten Wänden

eher zu entdecken.

[12]: Die Muskitos sind in New-York schon sehr häufig, obschon sie

dort noch nicht so lästig sind, wie weiter gegen Süden, namentlich in

New-Orleans, wo ihre Stiche sogar Narben zurücklassen. Mir war es nicht

möglich, ein Auge zu schließen, wenn nur eine von diesen summenden

Fliegen, welche nicht allein empfindlich stechen, sondern auch eine

Anschwellung der getroffenen Theile veranlassen, im Zimmer war.

Man kann sie leicht entfernt halten, wenn man beim Eintritt der

Abenddämmerung zeitig die Fenster schließt. So lange Licht brennt,

verhalten sie sich ruhig, weßhalb man diese Zeit benutzt, sie zu

vertilgen. In meiner ersten Wohnung mußte ich regelmäßig jede Nacht

eine Wanzen- und Muskitojagd abhalten.

Die Meubles sind geschmackvoll und elegant, und werden neuerdings in

New-York in großer Menge angefertigt, um als Handelsartikel in das Innere

des Landes zu gehen. Gegen die früheren Jahre führt man jetzt sehr wenige

mehr von Europa ein, was dem Lande ein bedeutendes Capital erhält. Ein

Hauptmeubel der Amerikaner ist der beliebte Schaukelstuhl, welcher in

keinem Zimmer fehlen darf, und bei den ärmeren Classen die Stelle des

Sophas vertritt. Sitz und Rücklehne dieser Art Großvatersessel sind stark

nach hinten geneigt, um den Stuhl leichter in Bewegung setzen zu

können, dessen Beine, wie bei einer Wiege, in starken gekrümmten Leisten

festgemacht sind. In diesem hält die Frau ihre Siesta und bringt in ihm

auch wohl ihre meiste Zeit zu, wenn der Herr des Hauses ein reicher Mann

ist und über eine schöne runde Summe Dollars zu gebieten hat. Die reiche

Amerikanerin arbeitet durchschnittlich wenig oder gar nichts, sie kocht

nicht, sie näht nicht, sie strickt nicht, sondern sie putzt sich, geht

oder fährt spazieren und besucht die reichen Modewaarenlager, um dem Herrn

Gemahl eine hübsche Rechnung auf's Comptoir schicken zu können, die er

bezahlen muß, wenn ihm auch zuweilen eine solche Post nicht sehr angenehm

ist. Sie geht nur im höchsten Staate, in seidenen Kleidern, theuren Shawls

und anderem kostspieligen Putze aus, versteht es aber nicht, sich so

geschmackvoll und elegant, wie die Französin, zu tragen, obschon ihr

Anzug manchmal zehnmal mehr kosten mag. Im eigentlichen Bürger- und

Arbeiterstande sind die Verhältnisse freilich anders, denn dort ist auch

die Frau thätig, obschon sich auch diese in keiner Beziehung mit der

deutschen Hausfrau messen darf.

Die Frauen genießen in Amerika manche Rechte, von denen sie fleißig

Gebrauch machen. Vor Allem haben sich junge Leute, namentlich wenn sie ein

eigenes Geschäft oder sonst Vermögen haben, sehr in Acht zu nehmen, mit

Mädchen viel zu verkehren, welche sie nicht heirathen wollen, da diese

oft aus einer auch nur oberflächlichen Bekanntschaft Heirathsansprüche

herleiten. Namentlich möge sich jeder Mann vor einem Eheversprechen etc.

hüten, da er ohne Gnade die klagende Frauensperson heirathen muß. Nur durch

die Flucht in einen anderen Staat kann er den Ehefesseln entgehen und seine

Freiheit erhalten. Namentlich stehen die Irländerinnen bei den Deutschen

in Beziehung auf diesem Punkt in einem schlechten Renommée, und Viele gehen

ihnen schon von Weitem aus dem Wege. Eine bessere Einrichtung ist die, daß

der Mann seine Frau nicht züchtigen und mißhandeln darf, sollte er auch zur

Strafe die gegründetste Veranlassung haben. Trotz des gesetzlichen Verbotes

kommt doch in den weniger gebildeten Ständen zuweilen ein solcher Fall vor,

welcher dann die Inhaftirung des Herrn Gemahls zur Folge hat. Jedoch wird

dieser nach kurzem Arrest gewöhnlich von der zärtlichen Ehefrau selbst

wieder zurückgeholt, da es diese ohne ihn in der Einsamkeit des Hauses

nicht mehr aushalten kann, und bei längerem Sitzen die Familie ohne

Ernährer seyn würde.

Dem einwandernden Deutschen fällt aber besonders auf, daß der Ehemann

mit dem Korbe am Arm auf den Markt geht, um Fleisch, Eier, Kartoffeln und

andere in einem Haushalten nothwendige Dinge einzukaufen; die Deutschen

haben zum Theil diesen Gebrauch ebenfalls angenommen, da wegen allzu

hohen Lohnes die kleineren Familien keine Dienstboten annehmen können;

andererseits wollen freilich wieder Viele behaupten, daß zu einem solchen

Geschäfte sich nur ein Mann hergäben könne, welchen seine Frau unter ihren

Scepter, d. h. unter den Pantoffel gebeugt habe. Am wenigsten will aber

unseren Landsleuten gefallen, daß sich die amerikanischen Frauen das

Rauchen verbitten; ja viele gehen so weit, daß sich der Mann nicht einmal

in seiner eigenen Behausung eine Cigarre anstecken darf. Häufig wurde

ein Deutscher, welcher eine Amerikanerin geheirathet hatte, in deutscher

Gesellschaft geneckt, daß er sich einem solchen Befehle seiner Frau gefügt

habe, welche sich am ersten Tage der Flitterwochen das Rauchen in _ihrem_

Hause energisch verbat. Für diese Entbehrung sucht sich der Amerikaner auf

eine andere, weniger angenehme Weise zu entschädigen, er -- kaut Tabak.

Diese ekelhafte Sitte ist in New-York sehr allgemein; aber je näher man

den eigentlichen Tabakländern kommt, je häufiger wird diese unappetitliche

Gewohnheit.

Neunzehntes Capitel.

Die Küche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre

Gastfreundschaft.

Wir haben die Mäßigkeit bereits als eine Tugend der Amerikaner kennen

gelernt, welche sie bei dem Genusse der Speisen ebenso, wie bei dem der

Getränke beobachten. Ihr Tisch ist immer mit verschiedenen Gerichten

besetzt, doch erscheinen sie trotz ihrer Anzahl dem Deutschen manchmal

gar zu sehr ~en miniature~ aufgetragen. Das Frühstück besteht aus Kaffee,

Butter, Brod, Fleisch und Eierspeisen, das Mittagsmahl aus verschiedenen

Sorten Fleisch mit Salat, Mehlspeisen, Kartoffeln und Gemüse. Letzteres

wird von ihnen in einer Weise bereitet, welche dem deutschen Magen nicht

genehm ist, da dasselbe, einfach mit kochendem Wasser angebrüht, auf die

Tafel gebracht wird. Jeder richtet es sich nach seinem Geschmacke zu, indem

er es mit Salz, scharfen Gewürzen, unter denen der spanische Pfeffer eine

Hauptrolle spielt, Essig und Oel in eine Art Salat umwandelt, der mir im

Innersten zuwider war. Abends gibt es außer dem nie fehlenden Fleische

stets Thee und Butterbrod, welches sie ebenso künstlich und niedlich zu

schneiden verstehen, wie die Norddeutschen ihre Butterbemmen. Eigenthümlich

ist es, daß der Amerikaner eine Lieblingsspeise der Deutschen -- das so

hoch gepriesene Sauerkraut -- förmlich verabscheut, wie er überhaupt die

Gemüse nicht liebt, wenn sie nach unserer Weise zubereitet sind. Er genießt

auch weniger die Sorte Kartoffeln, welche wir in Deutschland haben, sondern

eine andere, meines Wissens in Europa gänzlich unbekannte, welche in der

Form unseren sogenannten Mäusen gleicht, an den Enden jedoch ganz spitz

ausläuft, sehr mehlreich ist und einen ganz süßen Geschmack hat. Ich

kenne jedoch nur wenige Deutsche, welchen sie zusagte. Die von uns so sehr

geliebte Suppe wird von ihnen äußerst selten genossen.

Die Lieblingsspeisen der Amerikaner sind ~beefsteak~, ~roast-beef~,

Schinken mit Eier und Geflügel; letzteres wird besonders in ungeheurer

Menge consumirt. Der Truthahn und die Gans haben von dem Federvieh den

Vorzug, obschon der deutsche Gaumen manchmal sehr empfindlich berührt wird,

wenn er eine Gans zu schmecken bekommt, welche während ihrer Zeitlichkeit

mit kleinen von der See ausgespülten Fischen gefüttert wurde, wodurch sie

einen thranigen Geschmack bekommt. Außerdem sind noch Seefische und Austern

sehr von ihnen geliebt.

Der Deutsche hat sich nicht von seiner vaterländischen Küche losgesagt,

jedoch von der amerikanischen das angenommen, was ihm zusagte, weßhalb sein

Tisch ohnstreitig besser ist.

So enthaltsam und mäßig die Amerikaner sind, so haben sie doch auch einen

Tag im Jahr, wo sie sich ausnahmsweise den Freuden der Tafel hingeben. Es

ist dies der erste Januar, den sie auf eine eigenthümliche Weise feiern.

Während in Deutschland das Neujahrgratuliren als etwas Lästiges immer mehr

in Abnahme kommt, ist es dort so allgemein im Brauch, daß nicht allein alle

Freunde und Bekannte sich Glück zum neuen Jahre wünschen, sondern selbst

der Maire an diesem Tage eine Gratulations-Audienz von 11 bis 2 Uhr im

Stadthause ertheilt, zu der sich Tausende von Menschen drängen. Diese

empfängt er stehend in seinem Bureau, in welches der Reihe nach die Bürger

eintreten, ihm ohne Ausnahme die Hand reichen und ihm einfach mit den

Worten: »~I wish You a happy new year Sir!~«[13] ihre Glückwünsche

darbringen, worauf er dankend erwidert: »~I thank You Sir!~«[14] Von

einem längeren Gespräche mit ihm kann keine Rede seyn, da eine große

Menschenmenge bereits darauf wartet, ihn ebenfalls zu begrüßen. Nach

stattgefundener Gratulation, die nicht länger als zwei Sekunden währt,

tritt man in ein Nebenzimmer ab, in welchem Limonade und Gebackenes

gereicht wird, was jedoch nur die Wenigsten annehmen.

Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens · 第 6 / 8 段