Neues und Anziehendes kennen lernte, so traurig und langsam schlich mir
der Tag bei meinem einförmigen und schmutzigen Geschäfte dahin, welches mir
trotz meiner studirten Collegen in der Mitte der ersten Woche bereits so
verleidet war, als hätte ich es Jahre lang getrieben. Ich machte auch aus
meiner Abneigung gegen die unangenehm riechenden Rauchwaaren kein Hehl, und
da wollte es ein glücklicher Zufall, daß mich ein Deutscher für einen Maler
engagirte, der die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway
übernommen hatte. Der Wechsel war groß und bedeutend, statt Bären-, Reh-
und Hirschfelle nahm ich den Pinsel zur Hand, betrat die hehre Künstlerbahn
und malte durch Schablonen. Der Unterschied fiel mir schon deßhalb sehr
auf, da ich nicht mehr so schwer zu arbeiten hatte, statt um 7 Uhr erst
um 8½ Uhr Morgens mit meinem Tagewerke begann, welches schon um 5½ Uhr
beendigt war, bessere Bezahlung erhielt und zu Alledem in ein Atelier
eintrat, in welchem alle möglichen Landeskinder ihre Geschicklichkeit
und ihren Fleiß entwickelten. Der Prinzipal war ein Italiener; außer ihm
arbeiteten noch zwei Landsleute von ihm mit; die übrigen Maler bestanden
aus vier Deutschen, einem Schottländer, einem Irländer, zwei Franzosen
und mehreren Amerikanern, so daß man wie beim babylonischen Thurmbau im
buntesten Durcheinander deutsch, französisch, englisch und italienisch
sprechen hörte. Unser Aller Herr und Meister verstand, Deutsch ausgenommen,
die drei anderen Sprachen ziemlich fertig. Wir mußten oft herzlich lachen,
wenn er zu dem ersten Besten seiner Leute hinrannte und ihm blitzschnell
in einer Sprache eine Menge von Aufträgen ertheilte, von der der Angeredete
kein Wort verstand; dies amusirte ihn jedoch immer selbst am meisten, und
sich an die Stirne schlagend entfuhr ihm in solchem Falle manches ~Goddam!~
Das ganze großartige Gebäude, welches meine Kunst mit verschönern sollte
und wegen seiner außerordentlichen Eleganz eine nähere Beschreibung
verdient, ließ ein Amerikaner Namens Stewart aufführen. Die Hauptstadt des
feinen Geschmacks, Paris, hat keinen solchen Laden, wie diesen von Grund
und Boden neuerbauten aufzuweisen, welcher vom New-Yorker Publikum den
stolzen, aber wohlverdienten Namen des Marmorpalastes erhalten hat, weil
ähnlich der City-Hall die Hauptfronte mit Marmor überkleidet ist. Ueber
mehrere Stufen von weißem Marmor gelangt man in einen breiten und tiefen
Saal, dessen reich bemalte Decke von Säulen mit Capitälen von Gyps
getragen wird. Rechts und links befinden sich zwei Reihen von polirten
Fachgestellen, welche alle Modeartikel von den ordinairsten bis zu den
kostbarsten enthalten. Diese Repositorien, welche den großen Saal in drei
kleinere abtheilen, erheben sich jedoch nicht bis zu der Höhe der Decke,
um die Weitläufigkeit des Ganzen überschauen zu lassen. Das Licht fällt bei
Tage durch hohe Fenster mit ungeheuren Scheiben vom feinsten geschliffenen
Glase in die inneren Räume, welche bei Nacht durch glänzende Gaslampen
erleuchtet werden. Selbst dem gewandtesten Diebe dürfte es schwer fallen,
in dieses herrliche und reiche Verkaufslokal einzubrechen, da in allen
Fensterstöcken ein eiserner Falz angebracht ist, in welchen zu gleicher
Zeit in Folge der Thätigkeit einer Maschine eiserne Läden von Oben nach
Unten vor den Scheiben einfallen.
Geht man von dem Haupteingange in gerader Linie nach dem Hintergrunde, so
gelangt man in eine große Rotunde, welche sich drei Stockwerke hoch erhebt
und ihr Licht von einer großen Glaskuppel empfängt. Die hinterste Wand
ist mit Spiegelglas getäfelt, was die Schönheit des Ganzen in's Vielfache
vermehrt. Hier führet eine große, nach einer Reihe von Stufen sich nach
der rechten und linken Seite hin theilende Treppe zu einer Gallerie empor,
welche zu dem Verkaufslokale des ersten Stockes führt, welches die Größe
des unteren Saales hat. Von da aus gelangt man auf einer einfachen Stiege
in den zweiten Stock, in welchem die Vorräthe aufgespeichert liegen.
Wie man von der Rotunde nach Oben gelangen kann, so steigt man auch von ihr
auf einer ähnlichen Treppe in die unteren Räume, in welcher die ankommenden
Ballen und Kisten ausgepackt und die Waaren ausgezeichnet werden.
Neben dem reichsten Geschmacke zeigt sich allenthalben auch die
Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit des Käufers, da vor jedem Ladentische
kleine runde Stühlchen angebracht sind, damit namentlich das zartere, in
die Herrlichkeiten der Mode versunkene Geschlecht die vorgelegten Artikel
mit Muße betrachten und bewundern kann.
In diesem Geschäfte sind über 60 Commis thätig, welche die Sprachen aller
civilisirten Völker sprechen. Diese wohnen sämmtlich in einem Hinterhause,
in welchem einem Jeden von ihnen sein eigenes Zimmer angewiesen ist. Der
Leser wird sich aus dieser Schilderung eine Idee von der Größe dieses
Gebäudes machen können, in welchem noch die schöne und nützliche
Einrichtung getroffen ist, daß ein Druckwerk laufendes Wasser in alle
Stockwerke treibt. Jeder Besucher dieses herrlichen Etablissements wird
gerne zugestehen, daß es in der That den Namen »Marmorpalast« verdient.
Sechszehntes Capitel.
Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei.
Ausflüge. Kirchweihen.
Mehrere Monate blieb ich bei meinem Italiener, welcher nach Beendigung der
Arbeiten im Stewart'schen Laden mein Talent in einer Kirche verwandte,
wo ich mich der höheren Kunst, nämlich des Ausmalens der Kirchen_decke_
befließ. Die Beziehungen zu meinen Collegen blieben angenehm, und bald
hatte ich mich auch an das amerikanische Leben gewöhnt, welches freilich
von der deutschen gemüthlichen Geselligkeit gar Manches entbehrt. Im Ganzen
lebte ich jedoch nach deutscher Art, da unsere Landsleute in New-York
erfolgreiche Anstrengungen gemacht haben, wenigstens Etwas von den
heimischen Sitten und Gewohnheiten zu erhalten und nicht in die frostigen
Manieren des Amerikaners zu verfallen, welche bei Vielen nur zu sehr an den
Engländer erinnern. Bei ihrer großen Anzahl konnte ihnen das nicht schwer
fallen, zumal die dazu erforderlichen Elemente zur Genüge vorhanden sind.
In New-York fehlt es dem Deutschen nicht, wie so Manche annehmen, an
gemüthlichen Sammelplätzen und Gesellschaftslokalen, in welchen sich Abends
Bekannte und Freunde treffen. Die verheiratheten Männer gehen jedoch nach
dem Gebrauche der Amerikaner die Wochentage wenig aus, sondern verbringen
die Abende im Kreise ihrer Familien, mit welcher Einrichtung ihre Frauen
vollkommen zufrieden sind. Auch die ledigen jungen Leute kommen im
Durchschnitte die Woche nur einige Male an öffentliche Orte, selbst wenn
sie den besten Verdienst haben, weil mit äußerst geringen Ausnahmen nicht
daran zu denken ist, täglich dieselbe regelmäßige Gesellschaft genießen
zu können. Ueberhaupt hat sich der Deutsche im Allgemeinen in Amerika
von seiner Hauptleidenschaft, der Liebe zum Trunke, losgemacht, da der
Amerikaner eine große Antipathie dagegen äußert und nur nüchterne Menschen
von ihm ein freundliches Entgegenkommen zu erwarten haben. Deßhalb ist auch
im Durchschnitt der Deutsche bei dem Eingebornen viel mehr geachtet, als
der Irländer, welcher noch Nachts die Schnappsflasche mit in's Bett nimmt.
Die einzigen Tage in der Woche, in denen man unter den Deutschen allgemeine
Geselligkeit trifft, sind der Sonnabend und der Sonntag. Am Samstag ist
schon um 5 Uhr Feierabend und außerdem Zahltag, an welchem mancher leere
Beutel eine fröhliche Heimsuchung erfährt. Gegen 7 Uhr füllen sich die
Bierhäuser, die jedoch ohne Ausnahme nach amerikanischer Art eingerichtet
sind, weßhalb man in ihnen außer dem Gerstensafte jeden Augenblick die
verschiedensten Sorten Liqueure, Wein, Punsch und Glühwein bekommen kann.
Gewöhnlich steht in der Nähe der Thüre der niemals fehlende Ladentisch
(~counter~), hinter welchem sich ein Fachgestell mit verschiedenen Flaschen
und Gläsern erhebt, das außerdem mit Blumen, bunten Muscheln, Springbrunnen
u. s. w. geziert ist.
Die Deutschen halten sich im Ganzen, wie in der Heimath, an ihr
Lieblingsgetränke, das Bier, weßhalb die Brauereien in Amerika in der
letzten Zeit einen sehr bedeutenden Aufschwung erhalten haben. In New-York
brauen mehrere bairische und badische Brauer ein Lagerbier, welches sich
dem bairischen wohl unbedenklich an die Seite stellen darf. Gute Gerste und
guter Hopfen erleichtern die Herstellung desselben. Bis jetzt fehlten
nur die Felsenkeller, welche dort zwar leicht zu graben sind, aber einen
bedeutenden Capitalaufwand erfordern. Mehrere Bierbrauer haben aber
demohngeachtet den Anfang damit gemacht, was um so nothwendiger ist, als
bis jetzt das Lagerbier in New-York schon Ende Juli ausgieng, da es an
großen Lagerkellern gebrach, und man gerade in der größten Hitze genöthigt
war, ein in den heißen Sommermonaten gebrautes obergähriges Bier zu
trinken, welches unter dem Namen ~small-beer~[9] bekannt ist, sich aber
keines besonderen Rufes erfreut. Man kann jedoch fast das ganze Jahr
Biere aus Philadelphia bekommen, welche wegen ihrer vorzüglichen Güte
sehr beliebt wurden und besonders dann starken Absatz finden, wenn die
New-Yorker Biere ausgegangen sind. Hie und da trinken die Deutschen auch
Ale und Porter, obschon sie ihrem Gerstenbiere den Vorzug geben.
[9]: Geringes, dünnes Bier, von den Amerikanern im Gegensatz zu ihrem
~strong-beer~ (starkem Bier) so genannt, welches die Deutschen jedoch
nicht sonderlich lieben, da es einen herben bitteren Geschmack hat.
Die deutschen Lagerbiere werden jedoch auch von den Amerikanern gerne
getrunken.
Man kann nicht in Abrede stellen, daß es in den amerikanischen deutschen
Schenklokalen weit anständiger zugeht, als in vielen in Deutschland;
Zank und Streit ist selten zu hören, und wird ja Mancher einmal laut, so
geschieht es im Eifer politischer Discussion, da auch hier der Deutsche
seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nicht verläugnen kann. Während
meines ganzen Aufenthaltes aber war ich nie Zeuge einer Schlägerei oder
anderer Rohheit. Es mag dies zum Theil darin seinen Grund finden, daß sich
in einer so großen Stadt die Gäste zu wenig kennen, und durch Spiele um
Geld, welche streng verboten sind, keine Veranlassung zu Uneinigkeiten
gegeben wird.
In den besseren Wirthschaften ist fast durchgängig ein Pianoforte zu
finden, und es fehlt nicht an Personen, welche dieses Instrument sehr
gut zu spielen verstehen. Ich habe mehrere Wirthe kennen gelernt, welche
fertige Clavierlehrer anständig dafür honorirten, daß sie Sonnabend und
Sonntag Abends ihre Gäste mit Gesang und gutem Spiel erfreuten. Sonntags
ist auch an mehreren Orten gute deutsche Harmoniemusik zu finden, welche
ebenfalls ein großes Publikum anzieht; namentlich erscheint hier die
New-Yorker deutsche Frauenzimmerwelt, welche Nachmittags nicht über Land
gehen konnte. Diese Häuser waren weitaus am meisten besucht, da außer den
musikalischen Genüssen die besten deutschen Zeitungen aus der ganzen Union
und die gelesensten New-Yorker Blätter, nebst Billard und Kegelbahn den
Besuchern zu Gebote stehen.
Den Sonntags-Nachmittag benutzen die Deutschen hauptsächlich zu Ausflügen
auf das Land. Die besuchtesten Orte sind das Blumenthal (~Bloomingdale~)
und Hoboken. Erstere Partie macht man entweder zu Fuß oder mittelst einer
Eisenbahn, welche sich unmittelbar von City-Hall aus, also fast von Anfang
der Stadt bis an ihr Ende hinauszieht, und gewöhnlich bei unsern deutschen
bäuerlichen Einwanderern das größte Erstaunen erregt, denn wenn sie auch
in Europa diese neuen Eisenwege kennen gelernt haben, so erscheint es
ihnen doch wunderbar, daß man sie auch durch die Straßen einer Stadt
hindurchführt. Aber eine ebenso große Aufmerksamkeit, als sie der Eisenbahn
widmen, wird ihnen von den hin und herpromenirenden amerikanischen Lady's
und Gentlemens erwiesen, besonders wenn unsere Landsleute im langen Rock
mit blanken Knöpfen, rothen Westen, kurzen Leder-Hosen und einem großen
Dreimaster, und die Weiber und Mädchen mit kurzen Röcken, Schnallenschuhen
und Hauben mit breiten Bändern erscheinen. Diese Tracht entlockt selbst den
Deutschen ein Lächeln, welche länger in New-York wohnen und diesen weiland
gewohnten Anblick jetzt selten genießen.
Um auf das Blumenthal selbst wieder zurückzukommen, so diene hier zur
Nachricht, daß dieses ein nicht kleiner Stadtbezirk ist, in welchem fast
ausschließlich Deutsche, jedoch nur die kleineren Handwerker und Arbeiter
wohnen. Hier fehlt es nicht an zahlreichen deutschen Kneipen, die jedoch
ihrer großen Mehrzahl nach nicht sehr einladend sind; überhaupt möge sich
der geneigte Leser keinen zu hohen Begriff von diesem Blumenthal machen,
da es nichts weniger als diesen Namen verdient. Nur der Theil, welcher noch
wenig angebaut ist und einige Gärten mit schöner Aussicht auf den Hudson
und Blackwellisland, eine Art Correctionsanstalt (der Plassenburg im Zwecke
wie in der romantischen Lage gleich), in sich schließt, verdient diesen
Namen.
Hoboken ist ohnstreitig ein viel angenehmerer Vergnügungsort. Um dahin
zu gelangen, muß man, da es auf dem Festlande liegt, über den Northriver
fahren, was das Publikum sehr anzieht, da man statt des erstickenden
Staubes auf dem Blumenthaler Ausfluge hier die erquickende und erfrischende
Seeluft einathmet. Auf der New-Yorker Seite sind drei Fähren, von welchen
aus man alle fünf Minuten auf Dampfschiffen über den Hudson gelangen kann.
Der Preis ist so billig gestellt, daß es selbst dem Aermsten möglich
ist, ihn zu zahlen, denn er beträgt nur 6 Cts.[10], wofür man noch die
außerordentliche Begünstigung hat, so oft man will, ohne alle weitere
Nachzahlung, den Weg hin und her machen zu können, wenn man nicht vom Boote
herabgeht. Sorgsame Mütter schicken während der heißen Jahreszeit ihre
Kinder täglich auf diese Dampfboote, damit sie eine gesunde Bewegung haben,
ohne der Gefahr des Sonnenstiches ausgesetzt zu seyn, welcher viele
Opfer fordert. In Hoboken selbst fehlt es nicht an angenehmen Anlagen
und comfortablen Plätzen, wo Erfrischungen gereicht werden, und besonders
deutsche Wirthe haben sich hier in ziemlicher Anzahl niedergelassen, um
ihre deutschen Gäste nach deutscher Weise mit Kaffee und Milchbrod, wie
Butter, Schweizerkäse und gutem Bier bewirthen zu können.
[10]: 9 Kreuzer oder 2½ Ngr.
Auch andere deutsche Vergnügungen, welche bis jetzt in Amerika noch nicht
recht heimisch werden wollten, haben unsere Landsleute dort einzubürgern
gesucht, namentlich die in Deutschland jährlich wiederkehrenden
Kirchweihen. Die Rheinländer feiern großentheils die Kirchweihtage ihrer
Heimath, obschon das eigenthümliche Gepräge eines solchen Festes verloren
geht, wenn es ausschließlich von Städtern gefeiert wird. Ich hatte
Gelegenheit, in New-York die Dürkheimer Kirchweih mitzumachen, welche von
Einwanderern aus dieser Stadt und deren Umgegend in einem Garten festlich
begangen wurde. Bis auf die Kaufbuden, welche mangelten, hatte das Ganze
ziemlich den Character einer deutschen Kirchweih, denn es wurden uns nicht
allein in Fülle deutsche Brat-, Blut- und Leberwürste nebst Sauerkraut,
sondern auch edler Pfälzerwein, ächter 46er geboten; auch fehlte dem
munteren Kreise nicht das höchste Gut, welches uns Speis und Trank erst
würzet, der Frohsinn und die Heiterkeit. Schöne Gesänge wechselten mit
guter Musik ab, und die Feier schloß mit einem gemüthlichen Tänzchen und
einem Toaste auf das geliebte deutsche Vaterland.
Ein anderes, jedes Jahr mehrmals wiederkehrendes Vergnügen sind die
gemeinschaftlichen Ausflüge der Deutschen. Ein zu diesem Zwecke gewählter
Comité miethet ein Dampfschiff für einen Tag, und Morgens 5 Uhr geht es mit
Weib und Kind in's Freie. Diese Gesellschaften zählen oft 6-700 Personen,
welche für einen Tag ihre Alltagsbeschäftigungen vergessen, um die freie
Natur und das schöne Hudsonthal zu genießen. Gewöhnlich sucht man schon
mehrere Tage vorher 25 bis 30 englische Meilen von New-York einen schönen
Platz aus, um an demselben auszusteigen und sich zu vergnügen. Die Fahrt
schon verbreitet allgemeine Lust; es fehlt nicht an kühlenden Getränken
und guten Speisen, welche die sorgsamen Hausfrauen schon Tags vorher
zubereiten, um die Freunde der Familie auch außerhalb New-York auf ein
deutsches Gericht einladen zu können. In dem elegant ausgestatteten
Schiffssalon spielt eine gute deutsche Musik, welche zum Tanze auffordert,
und in bunter Reihe folgen Gesänge, Reden, Deklamationen u. s. w. Die
Amerikaner machen sehr häufig diese Partieen mit, und erinnern sich ihrer
immer mit großem Vergnügen, da sie unter sich selten so viel Herzlichkeit
und Gemüthlichkeit finden.
Siebenzehntes Capitel.
Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Bälle.
Der geneigte Leser wird aus dem vorigen Capitel ersehen haben, daß es dem
Deutschen in Amerika keineswegs an geselligen Vergnügungen gebricht; einem
Feste aber, welches alljährlich begangen wird, möchte ich vor allen anderen
den Vorzug geben, nämlich dem Maifeste. Die vielen schönen Erinnerungen,
welche sich an den ersten Mai, an den Verkündiger des Frühlings, und an
die Heimath knüpfen, haben die Deutschen veranlaßt, diesen Tag auch in
der Ferne nicht ungefeiert vorübergehen zu lassen, und so finden sich an
demselben alljährlich viele Tausende zusammen, um im Freien die Schönheit
des Lenzes zu genießen.
Die Deutschen kommen in Amerika und vorzüglich in New-York niemals bei
einer außerordentlichen Gelegenheit zusammen, ohne einem Feste durch
passende Reden eine höhere Weihe zu geben; am wenigsten dürfen diese
an einem Freudentage, wie der erste Mai fehlen. Die Redefreiheit ist
unbeschränkt; um jedoch der Gesellschaft wenigstens einige gediegene
Vorträge zu sichern, ersucht der Festcomité immer schon acht Tage vorher
einige beliebte Volksredner, an diesem Tage die Tribune zu betreten. Erst
wenn diese geendigt haben, kann Jeder ohne Ausnahme um's Wort bitten, wobei
dem Zuhörer natürlich unbenommen bleibt, zuzuhören oder sich zu entfernen.
Eines der schönsten Maifeste wurde im Jahre 1847 auf einer Anhöhe hinter
Hoboken gefeiert, von wo aus man ganz New-York mit seinen Inseln übersehen
und die Blicke weit hinaus auf die hohe See schweifen lassen konnte. In
einem freundlichen Wäldchen wurde der Festplatz aufgeschlagen, die deutsche
schwarz-roth-goldene Flagge zwischen zwei amerikanischen auf dem höchsten
Baume aufgezogen und eine mit Laub- und Streuguirlanden geschmückte Tribune
errichtet. Vormittags schon hatten sich Hunderte auf dem grünen Rasen
gelagert, obschon die eigentliche Feier erst Nachmittags zwei Uhr beginnen
sollte.
Die Eröffnung machte ein Männerchor, welchem mehrere vorzüglich
ausgearbeitete Festreden folgten. Eingeborene Amerikaner, vorzüglich
solche, welche der deutschen Sprache mächtig waren, hatten sich zahlreich
eingefunden, und zu Aller Freude erschien kurz vor dem Beginne der
verschiedenen Vorträge einer freundlichen Einladung zufolge der
amerikanische Dichter Bryant[11], ein großer Verehrer deutscher Literatur
und Musik. Er ergriff auf allgemeines Bitten auch das Wort und wies mit
warmem Gefühl auf die Verdienste hin, welche sich die deutschen Einwanderer
in Amerika erworben hätten, characterisirte den Forschungsgeist und den
tiefen wissenschaftlichen Sinn unserer Nation, dem auch das amerikanische
Volk so viel zu verdanken habe, und schloß mit einem Hoch auf den deutschen
Genius und auf die Bande der Liebe, welche Deutschland und die Vereinigten
Staaten für immer umschlingen sollen. Der Präsident des Festcomités
erwiderte seine mit dem größten Beifall aufgenommene Rede, indem er den
Wunsch aussprach, daß die schönen Beziehungen zwischen Amerikanern und
Deutschen immer mehr an Innigkeit gewinnen möchten. Nach dem Schlusse der
im Programme vorgeschriebenen Feierlichkeiten bildeten sich die
muntersten und lebendigsten Gruppen in dem frischen Grün, Gesang mit
Guitarrebegleitung und Musik schallten durch den Wald, und erst spät Abends
kehrten die Theilnehmer in die Stadt zurück.
[11]: Bryant ist durch Ferd. Freiligrath, welcher einige seiner
lyrischen Gedichte übersetzt hat, auch in Deutschland bekannt geworden.
Das ganze deutsche Leben in New-York hat durch den Gesang einen neuen
Reiz erhalten. Diese schöne Blume, welche unserem Daseyn so manche reine
Wohlgerüche spendet, ist von den eingewanderten Deutschen sorgfältig
gepflegt und gewartet worden; jedoch bildete sich erst im Jahre 1847 in
New-York ein größerer Gesangverein, welcher in wenigen Wochen gegen 120
active und passive Mitglieder zählte. Derselbe trennte sich zwar im ersten
Jahre wieder, aber es waren so viele gute Sängerkräfte vorhanden, daß
zwei Liedertafeln daraus entstanden, welche ziemlich strenge Kunstrichter
befriedigen. Beide Vereine halten ihre regelmäßigen Proben, und geben
öfters zahlreich besuchte Productionen. Bei den Amerikanern haben die
Leistungen der deutschen Sänger eine solche außerordentliche Anerkennung
gefunden, daß man sie zu verschiedenen Malen zur Mitwirkung in den größten
Concerten einlud. Dadurch ermuntert, beschlossen sie im Winter 1848, in
dem Alhambra-Salon, einer eleganten, im maurischen Style aufgeführten
Restauration eine großartige Production zu geben, welche sich den
entschiedensten Beifall von Seite aller Musikfreunde errang. Besonders
erregte der »Speisezettel von Zöllner« viel Vergnügen, obschon die meisten
Amerikaner von dem Texte nichts, als das Wort »~beefsteak~« verstanden.
Aus den Gesangvereinen haben sich verschiedene Quartette gebildet, welche
schon manchen Freundeskreis mit ihrem Gesang erheitert haben; selbst die
Ständchen sind durch sie in Amerika eingebürgert worden, und oft kann
man um Mitternacht die schönen Liederklänge Deutschlands in den einsamen
Straßen erschallen hören.
Eine weitere Abwechslung und Erholung geben die zahlreichen Bälle, welche
jedoch das Unangenehme haben, daß sie wegen der strengen Sonntagsfeier
niemals Sonnabends oder Sonntags gehalten werden können. Die gewöhnlichen
Tage für Tanzvergnügungen sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag
geworden. Versuche, das Tanzen auf dem Lande am Sonntag trotz Gesetz und
Polizei durchzusetzen, sind einige Male durch hinzugekommene Constabler zum
nicht besonderen Ergötzen der dabei betheiligten Damen vereitelt worden.
Die Zahl der Bälle in New-York ist außerordentlich groß, was in der
Existenz der vielen Freimaurerlogen, Krankengesellschaften, politischen
und anderen Vereinen seinen Grund hat, welche sie insgesammt als eine
willkommene Gelegenheit benützen, ihren Kassen den so nothwendigen Zuschuß
zuzuführen. Zu dem Ende sendet immer der Ballcomité eines Vereins an seine
Bekannten und Freunde Einladungskarten, welche mindestens einen Dollar
kosten; es kommt jedoch sehr häufig vor, daß für sie 2-5 Dollars bezahlt
werden müssen, was natürlich Manchen hindert, ein so theures Vergnügen
mitzumachen. Männer, welche wegen ihrer Geschäftsverbindungen oder wegen
ihrer politischen Stellung eine ausgedehnte Bekanntschaft besitzen, können
sich buchstäblich vor solchen Ballkarten gar nicht retten, die eine um
so größere Last für sie sind, da sie die Sache mit dem Bezahlen derselben
allein nicht abmachen können, indem man auch noch ihr persönliches
Erscheinen auf dem Balle erwartet.