kleineren Gewerbsmänner, der Ackerbautreibenden und der großen Mittelklasse
des Volkes, während in den Reihen der Whigs vorzüglich die großen
Kaufleute, Bankhalter, Fabrikanten, Monopolisten und Alle die kämpfen,
welche von ihnen ihren Unterhalt beziehen. Dem Leser wird bei dieser
Zusammensetzung der Parteien leicht einleuchten, daß beide in Bezug auf
die Handelspolitik, welche für Amerika von so hoher Wichtigkeit ist,
sehr verschiedener Ansicht seyn müssen. Während die Whigs einen hohen
Eingangszoll für diejenigen Artikel verlangen, welche das Volk in Massen
consumirt und zum Leben unentbehrlich hat, wünschen sie einen niedrigen für
Gegenstände des Luxus, welche nur dem Reichen zugänglich sind. Trotz aller
Bemühungen fiel das Prinzip der Whigs im Jahre 1847, wenn auch nur mit der
Mehrheit _einer_ Stimme[8], durch, und die siegreiche demokratische Partei
gab ein neues gerechteres Zollsystem, welches in den wenigen Jahren
seines Bestehens die Behauptungen der Whigs glänzend widerlegte, daß durch
dasselbe der Handel und die Fabriken der Vereinigten Staaten in Verfall
kommen müßten. Trotzdem bieten sie noch heute alle ihre Kräfte auf, das
ihnen verhaßte neue Zollsystem zu stürzen, was sie hauptsächlich durch die
Erwählung eines Präsidenten aus ihrer Partei zu bewerkstelligen hofften.
Ob aber ihr siegreicher Candidat, der bekannte General Taylor, welcher die
Ablegung seines politischen Glaubensbekenntnisses vor der Wahl entschieden
verweigerte und diese überhaupt nur seinen großen Verdiensten in Mexico
zu verdanken hat, in dieser Frage eine andere Politik, als die 1847
angenommene, verfolgen wird, dürfte sehr zu bezweifeln seyn, da alle
Zeichen darauf hindeuten, daß derselbe eine von den Parteien ganz
unabhängige Stellung, wie der im Jahre 1840 ebenfalls von den Whigs
gewählte Tyler, behaupten wird.
[8]: Diese gab der Vicepräsident Dallas im Senate zu Washington zu
Gunsten der demokratischen Partei, wofür die Whigs in Philadelphia sein
Bildniß in den Straßen verbrannten.
Einen zweiten Streitpunkt zwischen den beiden Parteien gibt die Gründung
einer großen Nationalbank ab, welche die Whigs kräftig bevorworten und die
Demokraten entschieden verwerfen. Die traurigen Erfahrungen, welche das
amerikanische Volk mit der durch Präsident Jackson gestürzten Nationalbank
machte, deren Finanzoperationen unwillkührlich an die Law'schen
Schwindeleien in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich
erinnern, sind indessen noch in zu frischem Andenken, als daß die
Whigpartei auf einen Sieg in dieser Frage hoffen dürfte. Das Bankwesen hat
überhaupt an den Demokraten sehr heftige Gegner, obschon sie es bis jetzt
noch zu keinem entscheidenden Resultate bringen konnten, da dieses Uebel zu
tief in Handel und Wandel Wurzeln geschlagen hat.
Zu einem erbitterten Kampfe zwischen den beiden Parteien führte die
Einverleibung des Texanischen Gebietes, welches nach der Erringung seiner
Unabhängigkeit in die Union aufgenommen werden wollte. Die Whigs kämpften,
namentlich um den Eintritt eines neuen Sklavenstaates zu verhindern, mit
aller Macht gegen die Annexation, und griffen den Präsidenten Polk, der sie
durchführte, auf's Heftigste an. Ihre Polemik überstieg alle Grenzen der
politischen Klugheit und Mäßigung, als durch diesen Act der Krieg
mit Mexico herbeigeführt wurde, welchen sie trotz der Verletzung des
Völkerrechts von Seite der Mexicaner einen ungerechten und unehrenvollen
nannten und dadurch die Feinde ihres Vaterlands zu einem Widerstande
ermunterten, der schon im Beginne wahnsinnig, zuletzt mit dem Verluste
weiter Länderstrecken für Mexico endete. Die Whigs erwarben sich durch ihr
damaliges Benehmen den Spottnamen »Mexicanische Whigs«. Jedoch muß ich
hier zu Ehren dieser Partei erwähnen, daß nicht Alle von diesem
Friedensfanatismus befallen waren; die Generale Taylor und Winfield
Scott, welche ihrer Partei angehörten, kämpften ruhmvoll an der Spitze
der amerikanischen Armeen, und der Major Clay, ein Sohn eines ihrer
berühmtesten Führer, des großen Staatsmannes Henry Clay, fiel auf dem Felde
der Ehre.
In Betreff der Sclavenfrage sind die Ansichten beider Parteien ebenfalls
sehr verschieden. Viele Whigs nehmen Antheil an den Bestrebungen der
Abolitionisten, welche das sofortige und unbedingte Aufhören der Sclaverei
wollen. Dieser wohlfeilen Humanitätsschwärmerei treten die Demokraten
entschieden entgegen, da aus der plötzlichen Befreiung der Sclaven die
unheilvollsten Folgen für die Vereinigten Staaten erwachsen würden; denn es
stände in diesem Falle nicht allein die Lösung der Union, die nur durch die
große Weisheit und Mäßigung Washingtons gegründet wurde, sondern auch ein
Kampf zwischen der weißen und der farbigen Raçe zu befürchten, welchen
in neuester Zeit als Folge zu rascher Emancipation die Franzosen in ihren
Colonieen so sehr zu beklagen hatten.
Die Whigs machten vor mehreren Jahren in dem Staate New-York den Versuch,
den _freien_ Negern das volle Bürgerrecht und mit diesem das Stimm- und
Wahlrecht einzuräumen. Als aber dem Volke die Entscheidung vorgelegt wurde,
fiel die Frage mit großer Majorität, weil die öffentliche Meinung sich
hinlänglich davon überzeugt hatte, daß zu einem solchen hohen Grade der
Freiheit und bürgerlichen Berechtigung die Neger denn doch noch lange
nicht genug Civilisation und Bildung besäßen. Namentlich fürchtete man,
sie möchten von ehrgeizigen Parteimännern zu Parteizwecken gewonnen, und
dadurch die Wohlthat der allgemeinen freien Wahl zum Fluche für das Land
werden. Bei der Rohheit der Farbigen, bei ihrer übeln Ausdünstung und ihren
vielen, der weißen Raçe höchst widrigen Gewohnheiten ist an einen engeren
Verband, sey es im Staats- oder Familienleben, vorläufig noch gar nicht zu
denken.
Der Leser wird aus dieser Charakteristik der beiden großen Parteien
nun entnehmen können, welcher Art die Parteikämpfe in Amerika sind. Sie
bleiben, einzelne Fälle, für die man die Parteien nicht verantwortlich
machen darf, stets in den Schranken des Gesetzes, und jede fügt sich der
Majorität, und wenn sie auch nur durch eine einzige Stimme errungen wurde.
Der unterlegene Theil ist niedergeschlagen über die erlittene Schlappe,
tröstet sich aber mit der Aussicht auf den Sieg bei dem nächsten
Wahlkampfe.
Die kleineren Parteien, die Antirenter, Abolitionisten und Nationalreformer
haben bis jetzt momentan nur dann eine größere Bedeutung erlangen können,
wenn sie sich bei besonders wichtigen Wahlkämpfen mit der einen oder der
anderen Hauptpartei verbanden und dieser durch ihre Unterstützung den
Sieg verschafften. Von den letztgenannten Fraktionen haben wohl nur die
Nationalreformer eine Zukunft, da die Grundsätze der beiden ersteren viel
zu einseitig und theilweise auch zu ungerecht und fanatisch sind, um auf
einen Sieg hoffen zu dürfen.
Dreizehntes Capitel.
Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen.
Die Partei der Nationalreformer hat sich erst seit wenigen Jahren gebildet
und organisirt. Ihre Entstehung verdankt sie dem Socialismus, welcher
auch in Amerika Eingang gefunden und dort, und zwar nach den unglücklichen
Erfolgen der L. Blanc'schen Experimente, bis jetzt allein praktische Seiten
gewonnen hat. Zu ihren Anhängern zählt sie viele Demokraten und Whigs,
eine ziemliche Anzahl Arbeiter, den kleineren Handwerksstand und eine
Masse sonst indifferenter Personen, welche sich von der Realisirung
der Grundsätze dieser Partei einen greifbaren Gewinn, nämlich einen
kostenfreien Grundbesitz versprechen. Mancher meiner Leser wird hier
bedauern, daß sich auch in Amerika schon Communisten, rothe Republikaner
und Feinde des Eigenthums befinden, welche durch die Verfolgung
unausführbarer Ideen allen gesetzlichen Boden unterwühlen und die Existenz
der Republik gefährden. Dem ist aber zum Glücke nicht so; das amerikanische
Volk hat einerseits viel zu viel Achtung vor dem von ihm selbst gegebenen
Gesetz, andererseits betheiligt es sich nur bei solchen Parteibestrebungen,
bei denen der günstige Erfolg fast außer Zweifel ist, denn es ist nichts
weniger, als ein Freund unpraktischer und hohler Theorieen.
Die Nationalreformer gehen von dem Grundsatze aus, daß die Erde, der Grund
und Boden Eigenthum Aller sey, und stellten daher das Axiom auf: »_das
Land soll frei seyn_«, d. h. es soll nicht verkauft werden und nicht zum
Gegenstand des Wuchers und der Spekulation dienen, da es gleich dem Feuer,
dem Wasser und der Luft zum Leben unentbehrlich sey, indem der Mensch ohne
Boden verhungern, wie der Fisch ohne Wasser verschmachten müsse.
Diese Partei beabsichtigt jedoch keineswegs, die Grundbesitzer in ihren
wohlerworbenen Rechten zu kränken und bereits verkauftes Land unter sich zu
vertheilen, sondern ihr Wirken geht dahin, den Verkauf des bis jetzt noch
unverkauften und unbebauten Landes in Amerika zu verhindern, und von dem
Congresse ein Gesetz zu erlangen, welches die Erwerbung von Grundbesitz
nur dem wirklichen Bebauer gestattet. Dieses strenge im Auge behaltend,
verlangen sie, daß jeder wirkliche Ansiedler unentgeldlich 160 Acres
Land in Besitz nehmen könne; da aber »_das Land frei seyn soll_«, ist
dem jedesmaligen Besitzer eines solchen Gütercomplexes der Verkauf, die
Verpachtung und die Aufnahme von Hypotheken zu untersagen. In dem Falle des
Aussterbens einer Familie fällt der Grundbesitz wieder dem Staate anheim.
Die Tragweite dieser Maßregel wäre bei praktischer Durchführung gar nicht
zu ermessen, denn es würde durch sie nicht allein die mittlere Klasse
Amerikas, welche sich im Besitze einigen Baargeldes befindet, in den Stand
gesetzt, sich eine sichere Heimath zu gründen und unabhängig von Anderen
zu leben, sondern auch bei dem Wegzuge von Arbeitern in's Innere des Landes
der neuankommende Handwerker leichter und schneller untergebracht und dem
Sinken des Arbeitspreises am besten vorgebeugt. Für das übervölkerte und
vom Proletariate überschwemmte Europa würde die Durchführung dieses
großen Gedankens ebenfalls ein Segen seyn, da vielen kleineren Bauern und
Handwerkern, die sich in Europa nur höchst kümmerlich nähren, obschon
sie einen kleinen Capitalwerth besitzen, die Auswanderung gewiß sehr
erleichtert wäre, wenn sie die Summe für den Ankauf des Landes in Amerika
nicht mehr zu entrichten hätten.
Der Ausführung selbst steht wenig im Wege, wenn man das Geschrei der
Bankmänner und Capitalisten allenfalls nicht zu hoch anschlagen will,
welche sich durch Landschacher in kurzer Zeit ein ungeheures Vermögen
erworben haben, denn es liegen in dem weiten Gebiete der Vereinigten
Staaten mit Einschluß des in Folge des Mexicanischen Friedensschlusses
acquirirten Landes noch 1000 Millionen Acres Land unbebaut da. Mögen auch
hiervon Millionen steril, versumpft oder wegen klimatischer Verhältnisse
unbewohnbar seyn, so wäre doch vielen Hunderttausenden von Familien ein
freier Grundbesitz erworben. Der raschen Lösung der Aufgabe, welche sich
die Nationalreformer gestellt haben, steht nur ein Hinderniß entgegen,
nämlich die Deckung des dadurch in der Staatskasse entstehenden Ausfalls,
da der Landverkauf bis jetzt jährlich immer einige Millionen Dollars
eingetragen hat. Es liegt aber außer allem Zweifel, daß eine der
großen Parteien die Nationalreformer in der Durchführung der Bodenfrage
unterstützen muß, da diese durch ihre rastlosen Bemühungen und namentlich
durch die außerordentliche Thätigkeit eines eingewanderten Engländers,
des Mr. Evans, zahlreiche Anhänger im Volke gefunden haben. Das von ihm
redigirte Journal »~Young America~« hat sich im Jahre 1847 und 1848
einen weiten Leserkreis erworben und für die Grundsätze der Partei eine
weitausgedehnte Propaganda gemacht.
Die Bodenfrage wurde im Jahre 1847 von einem großen Theile der
demokratischen Partei in ihrem Hauptquartiere Tammany-Hall in einem
großen und begeisterten Meeting als ein neuer Grundsatz ihres
Glaubensbekenntnisses anerkannt, und seit jenem Tage sprechen sich auch
immer mehr einflußreiche Stimmen im Congresse für sie aus.
Eine andere, weniger wichtige, jedoch immer tief in's Leben greifende
Maßregel suchen die Nationalreformer noch in der Herabsetzung der
Arbeitszeit auf 10 Stunden durchzusetzen. Der Staat hat schon seit längerer
Zeit bei den Staatsbauten diesen Grundsatz adoptirt, und es wird selbst in
den Manufacturen und Fabriken New-Yorks, wenn von ihnen die Arbeit nicht
stückweise in Accord gegeben wird, die vor Morgens 7 Uhr und nach Abends
6 Uhr geleistete extra vergütet. Nur in den großen Baumwollenfabriken,
namentlich in Lowell, wird noch 12 Stunden und länger gearbeitet.
Die Nationalreformer unterstützen bei den Wahlen keinen Candidaten, der
nicht ihr ~Pledge~ unterzeichnet, d. h. welcher nicht die schriftliche
Zusicherung ertheilt hat, daß er nach Kräften für die Bodenfrage thätig
seyn will. Sie nehmen darauf bei allen, selbst bei den unbedeutendsten
Wahlen strenge Rücksicht, um ihre Partei immer mehr zu vergrößern, und es
ist ihnen bereits gelungen, diese schriftliche Zusicherung von mehreren
einflußreichen Demokraten und Whigs zu erlangen.
Auch bei den Deutschen hat die Agitation für die Bodenfrage mächtig um sich
gegriffen und durch eine tüchtige Organisation eine solche Verbreitung und
Bedeutung erhalten, daß ein deutsches Blatt, »Der Volkstribun«, ein ganzes
Jahr lang erschien, um durch dasselbe die Grundsätze der Nationalreformer
unter den Deutschen in derselben Art zu verbreiten, wie sie Mr. Evans in
seinem Blatte »~Young America~« bei den Englischsprechenden vertrat.
Einzelne deutsche Nationalreformer haben auch Versuche zur Gründung von
communistischen Colonieen gemacht, welche aber, soweit sie mir bekannt
wurden, sämmtlich scheiterten. Im Jahre 1847 machten sich Sechs von ihnen,
welche von der praktischen Durchführung des Communismus überzeugt waren,
auf, um hinter Wisconsin in den nördlichen Gegenden des Mississippi eine
Probe mit dem Zusammenleben in Gemeinschaft zu machen. Sie verkauften ihre
Mobilien in New-York, versorgten ihre Familien mit dem Nothwendigsten,
da sie diese einstweilen bis zur Errichtung von Blockhäusern zurücklassen
wollten, und machten sich gut ausgerüstet auf den Weg. Mehrere von
ihnen waren Mechaniker und hatten vor ihrer Abreise eine Schneidemühle
construirt, die sie in den westlichen Wäldern aufstellen wollten, um
Bretter und Balken auf dem Mississippi nach den südlichen Märkten zum
Verkauf bringen zu können. Als sie an den nördlichen Seen angekommen
waren, kauften sie Vieh, und wollten sich nun mit Wagen und einer Masse
von Geräthschaften aller Art weiter in's Innere begeben, als Ereignisse
eintraten, welche das ganze communistische Bündniß lösten. Um nämlich mit
Allem versehen zu seyn, was man in der Wildniß entbehren muß, hatten sie
auch nicht vergessen, eine große Tonne Brandwein mitzunehmen, wofür sich
namentlich Einer von ihnen, ein großer Liebhaber des Feuerwassers, so
lebhaft interessirte, daß er den ganzen Tag nicht mehr von dem Spundloche
wegzubringen war. Die Anderen, welche den gleichen Antheil hatten, wollten
natürlich nicht zu kurz kommen, und so endete die ganze Unternehmung in der
traurigsten Weise in abwechselnder Rauferei und Trunkenheit, nachdem sich
vorher die besseren Elemente von ihnen entfernt hatten, um wenigstens noch
Etwas aus dem gemeinschaftlichen Schiffbruche zu retten. Nach drei Monaten
kamen Diejenigen, deren Weiber und Kinder bis dahin in der frohen Erwartung
gelebt hatten, bald in das neue Eldorado eingeführt zu werden, leer zurück,
da sie das Wenige, was noch übrig geblieben war, verkaufen mußten, um nur
die Mittel zur Heimreise zu erlangen.
Ein anderes ähnliches Unternehmen scheiterte zwar nicht aus Mangel an
Eintracht, Nüchternheit und Thätigkeit, trug aber schon deßhalb den Keim
eines frühen Todes in sich, weil die Betheiligten bei der Anlage weit über
ihre Mittel hinausgegangen waren, und zuletzt der dringend nothwendige
Geldzuschuß ausblieb.
Die traurigen Folgen solcher Versuche sind meistens Verlust des Vermögens
und Haß und Feindschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern solcher Vereine.
Sie waren jedoch immer nur Privatsache einzelner deutschen Mitglieder der
Nationalreformpartei und diese hat in ihrer Gesammtheit nichts damit zu
thun.
Vierzehntes Capitel.
Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft.
Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei.
Die Vergleichung und Beobachtung der verschiedenen Parteien gewährte mir
mannichfaches Interesse und manche Stunde wurde ihr gewidmet. Obschon ich
in der Zeit, in welcher ich die Functionen eines Lehrers für meinen kranken
Freund besorgte, genug Gelegenheit hatte, mich mit den politischen und
socialen Verhältnissen bekannt zu machen, so sorgte doch das Schicksal in
ganz besonders liebevoller Weise für die Erweiterung meiner Erfahrungen
dadurch, daß es mich als Arbeiter in die verschiedensten und
entgegengesetztesten Geschäfte des Lebens einführte.
Die Genesung meines kranken Collegen führte mich aus der Schule in eine
Rauchwaarenhandlung, wo ich die angenehmen Verrichtungen eines Pelzklopfers
und Packers ausführte. Als ich zum erstenmale in mein neues Geschäft
eintrat, kam ein alter Jenenser Universitätsfreund in einer blauen Schürze
auf mich zu, um mich zu umarmen, und ein anderer staubiger, im Lager
beschäftigter Arbeiter theilte mir, als er hörte, daß ich studirt habe,
mit, daß er in Göttingen zum ~Doctor juris utriusque~ promovirt worden
sey. Ich freute mich, gebildete Mitarbeiter zu finden, und wir lachten Alle
herzlich über die eigenthümliche Schickung, welche drei frühere deutsche
Studenten bei einem amerikanischen Kürschner zusammenführte.
Hatte ich mich in meiner Eigenschaft als Lehrer größtentheils auf mich
selbst beschränkt, so bot sich mir jetzt hinreichende Gelegenheit, mehr
in's Leben und unter Menschen zu kommen. Ich benutzte hauptsächlich die
Sommerabende, um mit meinen neuen Freunden an der Battery und am Broadway
zu promeniren. Früher schon erwähnte ich, daß der Broadway der Sammelplatz
der fashionablen Welt ist; man hat hier aber auch Gelegenheit, Dinge
und Menschen zu beobachten, welche dem Deutschen eben nicht besonders
fashionable erscheinen, z. B. die eleganten Dandys in den Hotels, welche
den vorübergehenden Damen aus den Parterrefenstern nicht etwa ihre
mit Wohlgerüchen geschwängerten Lockenköpfe, sondern den Glanz ihrer
Fußbekleidung präsentiren. Beim Eintritt in den Salon einer Restauration
nimmt ein solcher Stutzer seinen Brandy oder Gin zu sich, wirft sich mit
brennender Cigarre auf einen Armstuhl am Fenster in malerische Situation
und streckt seine übereinandergeschlagenen Beine über das marmorne
Fenstergesims auf die Straße hinaus. Dann überläßt er sich einer
tiefsinnigen Betrachtung dessen, was auf der Straße vorgeht, und nur selten
wechselt er einige Worte mit einem Bekannten. Mit gleicher Behaglichkeit
legt er auch die Füße auf den Tisch, ohne daß er glaubt, dies könne Jemand
mißfallen.
Diese Classen von Menschen sind mehr oder weniger in allen Hotels zu
finden; obgleich sie, diese liebenswürdige Unverschämtheit ausgenommen, an
welche man sich übrigens in Kurzem gewöhnt hat, ein feines und anständiges
Benehmen zeigen, so hat der Fremde wie der Einheimische doch alle Ursache,
sich so weit als möglich von ihnen entfernt zu halten, da unter der Maske
eines solchen elegant gekleideten Dandys Individuen umherschleichen, bei
denen das Mein und Dein eine solche Begriffsverwirrung hervorgebracht hat,
daß sie gerne ihre Hand in die Taschen des Nachbars hinabgleiten lassen,
um diesem sein Pocketbook zu entführen. Im Punkte der Dreistigkeit und
Gewandtheit können sich diese Burschen getrost mit den routinirtesten
Beutelschneidern des europäischen Continents messen, obschon sie gut
genug wissen, daß, falls das Auge eines unberufenen Polizeimannes sie
zufälligerweise bei ihrem gewinnbringenden Treiben überraschen sollte,
sie auf längere Zeit von den Gerichten der Republik in die Unmöglichkeit
versetzt werden dürften, ihr Gewerbe, das ihnen Unterhalt und Unterhaltung
zugleich verschafft, zum Nachtheile des Publikums auszuüben.
Aber nicht allein die Industrieritter in modernen Kleidern sind dem
Publikum gefährlich, sondern auch die Colleginnen der bekannten Laïs,
welche in den feinsten Stoffen und dem geschmackvollsten Putze auf dem
Trottoir des Broadway dahinrauschen und ihre Netze auswerfen, um
die Fremden in den großen Hotels mitsammt der Baarschaft zu fangen.
Großentheils stehen sie mit den obenerwähnten Gaunern in Verbindung, welche
ihren Raub sofort in Sicherheit bringen.
Noch eine Erscheinung, welche ich ebenfalls nicht fashionable finden
konnte, fiel mir bei meinen Wanderungen durch die Stadt auf, nämlich das
freie Herumlaufen von Schweinen in den Straßen, welche sich dort Nahrung
und Futter suchen. Wenn sich diese auch nicht in den Broadway verirren,
da sie dort ohnfehlbar überfahren würden, so ist es immer unangenehm, bei
schlechtem Wetter in den anderen Straßen der Gefahr ausgesetzt zu seyn, von
diesen unreinlichen Thieren beschmutzt zu werden. Dieser Uebelstand wird
jedoch von selbst aufhören, wenn die durch die Stadt zu führenden Kanäle
sämmtlich ausgebaut seyn werden, da dann der Unrath, welcher jetzt in die
Gossen geworfen wird und eine so bedeutende Attractionskraft auf diese
Vierfüßler ausübt, direct in den Strom und in die See hinausgeht.
Trotz so mancher Uebelstände, die mir auffielen und nach meiner Ansicht
auch dem Auge der Polizei nicht hätte entgehen sollen, hatte ich bis jetzt
noch keinen Constabler gesehen, da ich mir dieselben ebenso geschmackvoll
uniformirt dachte, als in Deutschland. Meine Begleiter erklärten mir aber,
daß die Polizeimänner New-Yorks durchgängig Civilkleider tragen und nur an
einem einfachen Messingstern erkenntlich sind, welchen sie auf der linken
Seite der Brust am Rocke führen. Gehen sie auf Verfolgung aus, so nehmen
sie denselben herab und befestigen ihn unter dem Rocke an der Weste, oder
haben ihn in der Tasche bei sich, um sich im Nothfalle mit ihm als
Diener des Gesetzes legitimiren zu können. Bei feierlichen Gelegenheiten
erscheinen sie in schwarzem Frack und Hosen, und führen als Amtszeichen
einen ohngefähr sechs Fuß hohen Stock, an dessen Spitze ein vergoldeter
Knopf befestigt ist.
Obschon die Constabler in New-York eine sehr bedeutende Anzahl bilden,
so haben sie doch einen ziemlich anstrengenden Dienst, da ihnen wegen
gänzlichen Mangels an Militair, welches nur in sehr geringer Anzahl in
Governers-Island und Fort Hamilton zur Bewachung der Geschütze und Arsenale
liegt, ganz allein die Sicherheit der Stadt anvertraut ist. Trotzdem
entflieht ihnen nur selten ein Verbrecher, und namentlich bei Nachtzeit,
wenn es weniger lebendig in den Straßen zugeht, können sie gefährliche
Subjecte leicht einholen, da sie auf eine eigenthümliche Weise ihre
Collegen von deren Nähe in Kenntniß setzen. Sie sind nämlich bei Nacht mit
einem starken Stocke bewaffnet, welcher unten mit Blei ausgegossen ist;
sobald sie etwas Verdächtiges bemerken, lassen sie denselben auf das mit
Granitquadern belegte Trottoir fallen, was einen hellen schrillenden Ton
hervorbringt. Dieses Signal wiederholen alle Constabler in der Nähe der
Reihe nach, und geben sich auf diese Weise fast so rasch wie durch einen
Telegraphen die Kunde, daß Jeder auf seinem Posten steht und wachsam ist.
Es ist kaum möglich, daß die Aufmerksamkeit sämmtlicher Mannschaft eines
Distrikts in einem Augenblicke schneller rege gemacht werden kann, und
die Flucht ist, wenn der Verbrecher beobachtet wurde, selten mit Erfolg
ausgeführt worden.
Ich erinnere mich während meines Aufenthaltes mehrerer Fälle, wo Constabler
flüchtige Uebertreter der Gesetze 800-1000 engl. Meilen weit verfolgten
und sie glücklich zurückbrachten, trotzdem daß diesen fast jede Stunde
Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Richtungen hin zu Gebote standen.
Das Institut der New-Yorker Constabler ist deßhalb ein so vorzügliches,
weil auch sie aus der allgemeinen Wahl hervorgehen. Es kann daher nur
Derjenige zu einem solchen Amte gelangen, welcher das Vertrauen seiner
Mitbürger genießt. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, den
Polizeimann in der Ausübung seines Berufes zu unterstützen und ihm
namentlich im Falle der Widersetzlichkeit bei Arrestationen zur Seite zu
stehen, da diese nur bei Ergreifung auf frischer That oder gegen Vorzeigung
eines richterlichen Verhaftsbefehls vorgenommen werden dürfen. Aeußerst
selten hört man über Rohheit und Unmenschlichkeit bei Verhaftungen klagen,
und die Constabler genießen die allgemeine Achtung, welche der europäischen
Polizei nicht durchgängig gezollt wird.
Fünfzehntes Capitel.
Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast.