Aber nicht allein der Eingeborne begeht den vierten Juli mit tiefer inniger

Freude, die Einwanderer aus allen Ländern Europas erkennen vielleicht

mehr, als der freigeborne Amerikaner, welch' unschätzbares Gut sie an der

Freiheit dieses Landes sich erworben haben; denn Derjenige, welcher die

Geißel des Despotismus auf seinem Rücken gefühlt und unter den Verfolgungen

der europäischen Politik gelitten hat, fühlt sich in solchen Stunden von

einem neuen Leben durchdrungen und bei der Erinnerung an einen Washington,

Franklin, Jefferson, Jackson mit den heiligsten Banden der Liebe an ein

Land gebunden, das ihn wie seinen eigenen Sohn an seinen freien Heerd

aufnimmt. Der vierte Juli macht die Einwanderer zu Amerikanern; ihre

Kraft und ihr Blut gehört von nun an den Vereinigten Staaten, wovon die

Leichenhügel von Monterey, Buena Vista, Cerro Cordo und Mexico ein großes

und erhebendes Zeugniß geben.

Um 8 Uhr Morgens machte ich mich mit Freund W....... auf den Weg, um

die Herrlichkeiten des Tages mit anzusehen. Wir gingen zunächst nach der

Battery. Aber welcher Anblick ward uns hier zu Theil! die Tausend und aber

Tausend Schiffe, welche hier vor Anker liegen und sich im Strome und der

Bay bewegten, waren mit Flaggen und Wimpeln geziert. Hier flatterten die

stolzen Farben Englands, dort die Trikolore Frankreichs und aus der Ferne

schimmerten die bekannten Flaggen der deutschen Hansestädte zu uns herüber.

Wir machten unsere alte Route nach dem Broadway, der sich in ein

stattliches Festgewand geworfen hatte. Von allen Dächern wehte das

Sternenbanner und gab der Straße ein freundliches, festliches Aussehen.

Die Lastwagen vom vorigen Tage blieben für heute verschwunden und nur die

Omnibusse thaten ihren Dienst, um die entfernt Wohnenden nach dem Parke zu

bringen. Ueberall drängte sich eine freudig erregte Menschenmenge, die sich

schon Monate lang, wie die Kinder auf Weihnachten, auf diesen Tag gefreut

hatten.

Die Geschäfte ruhen gänzlich an diesem Tage, und viele vermögende

Fabrikanten und Kaufleute lassen ihren Arbeitern noch Geldgeschenke

zukommen (was sich diese beiläufig bemerkt sehr gerne gefallen lassen),

damit sie auf das Wohl der Republik ein Glas mehr trinken können.

Das größte Leben war im Parke, da in ihm und den zunächst gelegenen Straßen

die Parade der New-Yorker Militz abgehalten wird. Der kommandirende General

hatte sich bei unserer Ankunft mit seinem Stabe bereits da eingefunden und

erwartete das Heranrücken der verschiedenen Corps, die vor ihm defiliren

sollten.

Gegen 10 Uhr kam der zum größeren Theile aus Militz, zum kleineren aus

Bürgern in Civilkleidern bestehende Festzug, welcher zwei volle Stunden

in vollkommener Ordnung an uns vorbeimarschirte. Nur Derjenige, welcher an

diesem Tage selbst in New-York war, kann sich einen Begriff von dem bunten

und überraschenden Anblicke machen, der uns hier zu Theil wurde. Die

Uniformen aller civilisirten Völker waren hier zu schauen, die Franzosen

mit rothen Hosen und blauen Waffenröcken, die Schotten mit ihren Plaids,

Bärenmützen und nackten Beinen, die Engländer mit rothen Fräcken und

blauen Aufschlägen, deutsche Jäger, Dragoner und rothe Husaren und

andere verschieden uniformirte deutsche Compagnien, die amerikanische

Independenzgarde[7], welche noch die dreieckigen Hüte, die langen

Schoßfräcke, kurzen Hosen und Stulpstiefeln aus der Zeit des

Unabhängigkeitskrieges trägt, das Corps der New-Yorker Feuerlöschmannschaft

mit prachtvollen Spritzen und in langem Zuge die Artillerie, welche nur

solche Kanonen führte, die im Befreiungskriege den Engländern abgenommen

worden waren.

[7]: Unabhängigkeitsgarde.

Am meisten fiel mir auf, daß, während die eine Compagnie die reichsten und

geschmackvollsten Uniformen trug, die andere wieder das Bild der größten

Einfachheit bot, da sie nur einen gewöhnlichen schwarzen Frack, schwarze

Beinkleider, runden schwarzen Hut und weißes über der Brust gekreuztes

Lederzeug trug, an welchem Säbel und Patrontasche hieng. Mancher deutsche

Offizier würde hohnlächelnd auf diese Männer herabgeblickt haben, von

denen sich so manche später den Siegeslorbeer aus Mexico holten. Diese

eigenthümliche Uniformirung erklärt sich leicht aus der Freiheit, die den

Bürgern bei der Organisation von Militzcompagnien gestattet ist. Sind 50-60

Mann zusammengetreten, wählen sie sich nach eigenem Geschmack und ihrer

Ueberzeugung sowohl die Uniform, als die Offiziere.

Nachdem die Truppen abmarschirt waren, kamen die großen Züge der

zahlreichen Freimaurerlogen und Gesellschaften, die sich zu den

verschiedensten Zwecken, namentlich in großer Anzahl zur Unterstützung

in Krankheitsfällen gebildet haben. Mit zahlreichen Bannern und Insignien

zogen die Söhne des grünen Erin, die Schweizer, die deutsche Göthe- und

Schiller-Loge, zusammen viele Tausende an uns vorbei.

Endlich zerstreute sich die Menge, um sich aus dem Gedränge und der fast

unerträglichen Hitze in kühlere Gemächer zur Erholung zu begeben. Der

Nachmittag führte den größten Theil der Bevölkerung in's Freie, wo auch

W....... und ich in einem Kreise von Deutschen mit Gesang, Unterhaltung und

Becherklang den denkwürdigen Tag in herzlicher Weise feierten.

Den Beschluß des Festes machte Abends die Illumination des Stadthauses, von

dessen Giebel unaufhörlich Raketen in die Luft flogen, und die Abbrennung

eines großen Feuerwerkes im Park, wobei wir fast in Gefahr geriethen,

erdrückt zu werden. Ein ungeheures Jubelgeschrei, das sich bis in die

fernsten Straßen fortpflanzte, erscholl, als zum Schlusse des Ganzen die

Worte:

»~the day of the 4th July 1776.~«

über dem Portale des Stadthauses in Brillantfeuer sichtbar wurden. Wann

wird unser Deutschland einen solchen Tag feiern?! --

Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Größe des Nationalhasses

zwischen den Vereinigten Staaten und England. Ein betrunkener englischer

Matrose hatte die unglaubliche Dreistigkeit, auf einen Mastbaum zu steigen,

der in Mitte einer frequenten Straße errichtet und mit der amerikanischen

Flagge geziert war, und diese abzureißen. Diese Frechheit wurde aber

sofort von dem Volke gezüchtigt, und der unverschämte Sohn des »fröhlichen

Altenglands« gezwungen, das Sternenbanner wieder aufzuziehen, worauf ihn

Constabler in das Quartier brachten, das solchen Helden gebührt.

Eilftes Capitel.

Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des

Bürgerrechts.

Mehrere Tage waren seit dem schönen Feste vergangen, als mich Freund

W....... verließ, um in das Geschäft zurückzukehren, in welchem er vor

seiner Abreise nach Europa thätig gewesen war. Ich stand nun allein und

ohne Kenntniß der Sprache in der großen Stadt, mit Planen beschäftigt,

die meine Zukunft sichern sollten. Allein jetzt erst bemerkte ich, daß die

Auswanderung nach Amerika leichter auszuführen ist, als die Erwerbung einer

Stellung, die uns auch die Mittel zum Leben bietet.

Nach reiflicher Ueberlegung erkannte ich recht gut, daß mir in New-York

nichts Anderes übrig bliebe, als die erste beste Arbeit anzunehmen, die

sich mir darbieten würde; denn es war mir bald klar geworden, daß ich mit

der edlen Jurisprudenz, der ich mich in meinen Universitätsjahren gewidmet

hatte, schwerlich erfreuliche und meinen Wünschen entsprechende Resultate

erzielen würde. Hier kann ich nicht unterlassen, solchen Männern, welche

nur Theoretisches erlernt haben, was sich in Amerika nicht sogleich auf das

Praktische übertragen läßt, die größte Vorsicht im Auswandern zu empfehlen,

namentlich wenn sie nicht im Besitze größerer Geldmittel sind, da sie

sich gewiß in der ersten Zeit ihrer Ankunft auf dem westlichen Boden sehr

enttäuscht finden werden. So sehr der Amerikaner die Wissenschaften liebt

und so bedeutende Fortschritte er seit der Erringung der Unabhängigkeit in

den meisten Zweigen des Wissens gemacht hat, so liegt es doch in der Natur

der Sache, daß ein Volk, das so viel aus dem Rohen herauszuarbeiten hatte

und vor Allem mit der Entwickelung seiner politischen Institutionen sich

beschäftigen mußte, um seine staatliche Existenz zu sichern, vorerst seine

Hauptaufgabe in der Kräftigung seiner materiellen Interessen sieht; darum

ist auch Alles, was Handel, Gewerbe, Industrie und die Production nach

allen Richtungen hin betrifft, in der raschesten Entwickelung begriffen,

und erregt selbst bei den Engländern, die in diesen Fächern so

Erstaunliches geleistet haben, Neid, Eifersucht und Bewunderung. Eben

so trefflich haben sie für die Vervollkommnung ihres inneren politischen

Lebens gesorgt, welches nicht nur allgemeine Zufriedenheit im Lande

verbreitet, sondern auch die Achtung anderer Völker genießt.

Die geistigen Kräfte haben sich hauptsächlich auf die Verbesserung des

Maschinenwesens, des Bauwesens in allen seinen Theilen und das ganze Gebiet

der Mechanik geworfen, da die günstigen Resultate des Nachdenkens in diesen

Branchen nicht allein großen Nutzen für Handel und Wandel, sondern auch

dem glücklichen Erfinder glänzenden Gewinn gewähren. In neuerer Zeit

zeigte sich aber im Volke auch ein tiefer Drang nach allgemeiner

Wissenschaftlichkeit, was es namentlich in New-York auf's Herrlichste

beurkundete, als es sich im Jahre 1847 in allgemeiner Stimmenabgabe für

die Gründung einer Freiakademie entschied. Allgemeine Bildung im deutschen

Sinne würde in größerem Maße vorhanden seyn, hätte nicht der Mangel an

besseren Erziehungsanstalten in früheren Jahren nur einem kleinen Theile

der Amerikaner die Möglichkeit an die Hand gegeben, sich den höheren

Wissenschaften zu widmen. Man merkt jedoch an ihnen weniger, als irgend

anderswo, den Mangel an Bildung, da in dem amerikanischen Volke ein

gesunder Sinn und ein klarer heller Verstand herrscht, welchen es

namentlich der freien politischen Bewegung und seiner Presse verdankt.

In der ersten Zeit gieng ich mit dem Gedanken um, als Hauslehrer ein

Unterkommen zu finden; aber alle meine Bemühungen waren fruchtlos, und

schon begann ich unmuthig zu werden, als ich zufällig ein Paar alte

Universitätsfreunde traf, die mir zwar keine Stelle verschaffen konnten,

mich aber mit vielen Deutschen bekannt machten, was für mich ein großer

Gewinn war, da ich dadurch einen deutschen Lehrer kennen lernte, der mir

bald die Verwesung seiner Schule übertrug, als ihn eine Krankheit an's

Bett fesselte. War damit auch nicht alle Sorge für die Zukunft entfernt, so

gestalteten sich doch meine persönlichen Beziehungen immer angenehmer,

was mir um so mehr Vergnügen bereitete, da sie mir eine reiche Quelle der

Belehrung in Beziehung auf die Verhältnisse des Landes, seiner Regierung

und seiner Parteien wurden.

Ich suchte mich vor Allem durch das Lesen von Zeitungen über Amerika zu

unterrichten, und nahm, weil ich der englischen Sprache nicht mächtig genug

war, um amerikanische Blätter verstehen zu können, meine Zuflucht zu den

deutschen. Aber ich fand bald, daß diese allein zu gründlicher Belehrung

nicht hinreichen; ich erhielt wohl Kunde von den Ereignissen in Europa

und Amerika, auch las ich die Verhandlungen der gesetzgebenden Körper

der Einzelstaaten und des Congresses in Washington, aber mir blieben die

Parteistellungen vollkommen fremd, da die Blätter sämmtlich bei ihren

Lesern die Kenntniß der Grundsätze der Demokraten, Whigs, Nationalreformer,

Abolitionisten und Antirenter voraussetzen. Handbücher, welche diesen

Gegenstand behandelten, standen mir nicht zu Gebote, weßhalb ich mich

entschloß, mich an solche Männer mit der Bitte um guten Rath zu wenden,

welche während eines langen Aufenthaltes in Amerika die Verhältnisse des

Landes aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten. Von ihnen erhielt ich

die Weisung, die politischen Versammlungen der Deutschen und der Amerikaner

zu besuchen, und zwar hauptsächlich diejenigen, welche von den beiden

Hauptparteien unmittelbar vor wichtigen Wahlen abgehalten werden würden, da

in ihnen die Cardinalgrundsätze der Partei auseinandergesetzt und für und

wider erörtert würden.

Nur auf diese Weise kann man sich eine rasche und zugleich gründliche

Belehrung über die amerikanischen Parteizustände verschaffen, und ich

empfehle diese Methode daher jedem neuen Einwanderer, und vorzüglich dem,

welcher Pflichtgefühl im Herzen trägt und es für Sache der Ehre hält, sich

am öffentlichen Leben mitzubetheiligen und für das Wohl und Wehe seines

neuen Vaterlandes mitzuwirken, und sich nicht als sein höchstes Ziel das

Sammeln von Reichthümern gesetzt hat.

Die Einwanderer können freilich erst nach einem fünfjährigen Aufenthalte

das Bürgerrecht erlangen, was zu manchen ungerechten Urtheilen Veranlassung

gibt, aber der Unbefangene wird die Weisheit dieses Gesetzes anerkennen,

wenn er bedenkt, daß der amerikanische Bürger alle gesetzgebenden und

vollziehenden Gewalten selbst erwählt und sich nothwendigerweise zu einer

Partei halten muß, um seine politische Ueberzeugung in's Leben gerufen

zu sehen. Dieses kann aber von einem Manne nicht erwartet werden, der aus

einem Lande hergewandert kommt, welches ganz andere Staatseinrichtungen

besitzt, der die Sprache, in der die wichtigsten Interessen des

Landes verhandelt werden, nicht versteht, kaum einen Begriff von den

amerikanischen Verfassungen hat und im Grunde genommen nicht mehr von den

Vereinigten Staaten weiß, als »daß es drüben besser ist!« Dieses Gesetz

könnte nur dann ein Tadel treffen, wenn es einen Unterschied zwischen dem

Einwanderer und dem Eingebornen in Betreff von Leistungen an den Staat

machen würde, was jedoch nicht der Fall ist. Leider habe ich die traurige

Erfahrung machen müssen, daß trotz der vielen Klagen über die späte

Erlangung des Bürgerrechts doch genug Einwanderer in den verschiedenen

Staaten leben, welche sich nicht einmal die leichte und billige Mühe,

dasselbe jemals zu erwerben, geben mögen.

Um das Bürgerrecht für die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat

man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die

Willenserklärung (~intention~) abzugeben, daß man amerikanischer Bürger

werden wolle, und zugleich allen fremden Fürsten und Potentaten, speciell

aber seinem Landesfürsten die Treue und Unterthänigkeit abzuschwören. Die

gewöhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Küssen der Bibel oder des

neuen Testamentes; jedoch genügt auch die einfache Bekräftigung mit einem

»Ja!« Ueber diesen Akt erhält man eine gerichtliche Bescheinigung, welche

man jedenfalls zwei Jahre in Händen gehabt haben muß; selbst ein Aufenthalt

von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach

Verlauf der vollen fünf Jahre gibt man seine Willenserklärung bei der

nächsten Behörde ab, und erhält, nachdem man zuvor eidlich bekräftigt,

daß man fünf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Bürgerbrief, mit dessen

Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen

eintritt.

Ein früheres Gesetz enthielt die Bestimmung, daß der, welcher das

amerikanische Bürgerrecht erlangen wollte, innerhalb fünf Jahren die

Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mußte sogar beschwören, daß

man nicht außer Landes war. Dieses für einen Handelsstaat im höchsten Grad

lästige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt.

Zu welchen lächerlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der

einzigen Thatsache erhellen, daß einem Einwanderer nach fünf Jahren

der Bürgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen

Abstecher nach den nahen Niagarafällen machte, welche im _brittischen_

Amerika liegen.

Zwölftes Capitel.

Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in

Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs.

Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige

Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptsächlich

haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien

Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr

beschäftigt, so daß die Einen sie als das Product der höchsten

staatsmännischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, während die Andern

sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen

verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch

die Auseinandersetzung der Vorzüge der demokratischen Staatsform die

Stimmung des deutschen Volkes für diese gewinnen, während die Letzteren nur

die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten

Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht läugnen, daß die

amerikanischen Zustände noch einer bedeutenden Verbesserung fähig sind, wie

alles Irdische einer größeren Vollkommenheit zugeführt werden kann; ihre

Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, dürfte eine ebenso undankbare,

als vergebliche Aufgabe seyn.

Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein

kurzes Bild zu entwerfen, muß aber vorher bemerken, daß der Leser den

Begriff »amerikanische Demokratie« in einem ganz andern Sinne auffassen

muß, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die »Demokraten«

diejenige »Volksherrschaft« erst erkämpfen wollen, welche seit dem Ende des

Unabhängigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland

ist die Bezeichnung »Demokraten« der _Name_ einer _Partei_, welche von

einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekämpft

wird. Unter der »Demokratie in Amerika« hat man aber das _ganze_ Volk der

Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen.

Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so

haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschließlich

zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls

das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn

gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und

Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen.

In Zeiten ernster politischer Parteikämpfe und tiefeingreifender Bewegungen

ist es natürlich, daß die Urtheile befangen sind. Es kann daher

nicht Wunder nehmen, daß die große Partei, welcher durch Annahme der

demokratischen Staatsform in Deutschland eine tödtliche Wunde geschlagen

würde, zu unbegründeten Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt

ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten

Ansprüche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht

allein für ihr eigenes Vaterland, sondern für die ganze Menschheit so

segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa größtentheils erst

im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen

Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie

eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die

herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Städte,

Lehranstalten, öffentliche Institute, Canäle, Dampfschiffe, Fabriken

gründete, die Wildniß urbar machte, Civilisation und Thätigkeit in Gegenden

trug, die vorher nur der Fuß des Indianers betreten hatte, und sich aus der

abhängigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des

mächtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl für

alle unglücklichen Verfolgten und Bedrängten, sie gründete die wahre

Stätte der Freiheit und der Glückseligkeit für Millionen durch rastlose

Aufopferung, Kühnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in

trauriger Verblendung gerade solche Parteimänner gegen sie am meisten zu

Felde, welche durch ihre politischen Sünden und Fehler am meisten zur

Größe dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische

Silbenstechereien die Glückseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu

können, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mächtig und stark

geworden ist. Man muß vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen,

daß die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Stürmen der Neuzeit

verschont geblieben sind; während der Aufruhr und der Bürgerkrieg an den

nördlichen und südlichen Grenzen der Union wüthete, gieng das wichtigste

politische Ereigniß, welches von jeher die Gemüther in besondere Spannung

versetzte, die Präsidentenwahl ruhig vorüber, und lieferte den vollkommenen

Beweis, daß die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglückenden

Reform gehen.

Viele Politiker Europas sehen zum großen Theil in den amerikanischen

Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken,

daß sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche

dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenführen müßte. Um an den

amerikanischen Zuständen nur etwas tadeln zu können, vergessen sie,

daß gerade in den amerikanischen Parteien die Stärke und die sicherste

Bürgschaft für das Bestehen der Republik liegt, da sich diese beständig im

Auge behalten, mit Mißtrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze

und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen

Partei schon deßhalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort

zur Publicität gebracht werden würde, wodurch die öffentliche Meinung, die

größte Stütze jeder Partei, für immer und damit zugleich alle Aussicht, je

wieder die Zügel der Regierung ergreifen zu können, verloren gienge. Die

Parteien können ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrückung

und zur Schmälerung der Freiheiten des Volkes benützen, da die von ihnen

zur Regierung berufenen Staatsmänner jeden Augenblick zur Verantwortung

gezogen werden können.

Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische

und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes

abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundsätze noch nicht so weit

zur Geltung bringen können, daß ihnen von dem Vertrauen der Majorität des

Volkes die Regierung übertragen worden wäre.

Es darf nicht Wunder nehmen, daß in einem Lande, welches sich nur

demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen

Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwägen, daß sich die

Partei die »demokratische« nennt, welche seit Washington am längsten an der

Spitze der Geschäfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei

weitem öfter für sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im

Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausübte. Die Whigpartei

legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prädikat »demokratisch« bei und

nennt sich durchgängig nicht anders, als »~the democratic republican whig

party~«, während sie ihre Gegner mit dem Spottnamen »~Locofoco's~« beehrt,

welche als »~the democratic republican party~« auftreten.

Jedermann wird es natürlich finden, daß, wie in allen Staaten, so auch in

Nordamerika die heterogensten Ansichten über die Grundsätze herrschen,

nach denen regiert werden soll. Sowohl die äußere Politik, wie die inneren

Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten

Beurtheilungen, aus welchen sich allmählig die Glaubensbekenntnisse der

beiden großen Parteien herausgebildet haben.

Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens · 第 3 / 8 段