Freude, die Einwanderer aus allen Ländern Europas erkennen vielleicht
mehr, als der freigeborne Amerikaner, welch' unschätzbares Gut sie an der
Freiheit dieses Landes sich erworben haben; denn Derjenige, welcher die
Geißel des Despotismus auf seinem Rücken gefühlt und unter den Verfolgungen
der europäischen Politik gelitten hat, fühlt sich in solchen Stunden von
einem neuen Leben durchdrungen und bei der Erinnerung an einen Washington,
Franklin, Jefferson, Jackson mit den heiligsten Banden der Liebe an ein
Land gebunden, das ihn wie seinen eigenen Sohn an seinen freien Heerd
aufnimmt. Der vierte Juli macht die Einwanderer zu Amerikanern; ihre
Kraft und ihr Blut gehört von nun an den Vereinigten Staaten, wovon die
Leichenhügel von Monterey, Buena Vista, Cerro Cordo und Mexico ein großes
und erhebendes Zeugniß geben.
Um 8 Uhr Morgens machte ich mich mit Freund W....... auf den Weg, um
die Herrlichkeiten des Tages mit anzusehen. Wir gingen zunächst nach der
Battery. Aber welcher Anblick ward uns hier zu Theil! die Tausend und aber
Tausend Schiffe, welche hier vor Anker liegen und sich im Strome und der
Bay bewegten, waren mit Flaggen und Wimpeln geziert. Hier flatterten die
stolzen Farben Englands, dort die Trikolore Frankreichs und aus der Ferne
schimmerten die bekannten Flaggen der deutschen Hansestädte zu uns herüber.
Wir machten unsere alte Route nach dem Broadway, der sich in ein
stattliches Festgewand geworfen hatte. Von allen Dächern wehte das
Sternenbanner und gab der Straße ein freundliches, festliches Aussehen.
Die Lastwagen vom vorigen Tage blieben für heute verschwunden und nur die
Omnibusse thaten ihren Dienst, um die entfernt Wohnenden nach dem Parke zu
bringen. Ueberall drängte sich eine freudig erregte Menschenmenge, die sich
schon Monate lang, wie die Kinder auf Weihnachten, auf diesen Tag gefreut
hatten.
Die Geschäfte ruhen gänzlich an diesem Tage, und viele vermögende
Fabrikanten und Kaufleute lassen ihren Arbeitern noch Geldgeschenke
zukommen (was sich diese beiläufig bemerkt sehr gerne gefallen lassen),
damit sie auf das Wohl der Republik ein Glas mehr trinken können.
Das größte Leben war im Parke, da in ihm und den zunächst gelegenen Straßen
die Parade der New-Yorker Militz abgehalten wird. Der kommandirende General
hatte sich bei unserer Ankunft mit seinem Stabe bereits da eingefunden und
erwartete das Heranrücken der verschiedenen Corps, die vor ihm defiliren
sollten.
Gegen 10 Uhr kam der zum größeren Theile aus Militz, zum kleineren aus
Bürgern in Civilkleidern bestehende Festzug, welcher zwei volle Stunden
in vollkommener Ordnung an uns vorbeimarschirte. Nur Derjenige, welcher an
diesem Tage selbst in New-York war, kann sich einen Begriff von dem bunten
und überraschenden Anblicke machen, der uns hier zu Theil wurde. Die
Uniformen aller civilisirten Völker waren hier zu schauen, die Franzosen
mit rothen Hosen und blauen Waffenröcken, die Schotten mit ihren Plaids,
Bärenmützen und nackten Beinen, die Engländer mit rothen Fräcken und
blauen Aufschlägen, deutsche Jäger, Dragoner und rothe Husaren und
andere verschieden uniformirte deutsche Compagnien, die amerikanische
Independenzgarde[7], welche noch die dreieckigen Hüte, die langen
Schoßfräcke, kurzen Hosen und Stulpstiefeln aus der Zeit des
Unabhängigkeitskrieges trägt, das Corps der New-Yorker Feuerlöschmannschaft
mit prachtvollen Spritzen und in langem Zuge die Artillerie, welche nur
solche Kanonen führte, die im Befreiungskriege den Engländern abgenommen
worden waren.
[7]: Unabhängigkeitsgarde.
Am meisten fiel mir auf, daß, während die eine Compagnie die reichsten und
geschmackvollsten Uniformen trug, die andere wieder das Bild der größten
Einfachheit bot, da sie nur einen gewöhnlichen schwarzen Frack, schwarze
Beinkleider, runden schwarzen Hut und weißes über der Brust gekreuztes
Lederzeug trug, an welchem Säbel und Patrontasche hieng. Mancher deutsche
Offizier würde hohnlächelnd auf diese Männer herabgeblickt haben, von
denen sich so manche später den Siegeslorbeer aus Mexico holten. Diese
eigenthümliche Uniformirung erklärt sich leicht aus der Freiheit, die den
Bürgern bei der Organisation von Militzcompagnien gestattet ist. Sind 50-60
Mann zusammengetreten, wählen sie sich nach eigenem Geschmack und ihrer
Ueberzeugung sowohl die Uniform, als die Offiziere.
Nachdem die Truppen abmarschirt waren, kamen die großen Züge der
zahlreichen Freimaurerlogen und Gesellschaften, die sich zu den
verschiedensten Zwecken, namentlich in großer Anzahl zur Unterstützung
in Krankheitsfällen gebildet haben. Mit zahlreichen Bannern und Insignien
zogen die Söhne des grünen Erin, die Schweizer, die deutsche Göthe- und
Schiller-Loge, zusammen viele Tausende an uns vorbei.
Endlich zerstreute sich die Menge, um sich aus dem Gedränge und der fast
unerträglichen Hitze in kühlere Gemächer zur Erholung zu begeben. Der
Nachmittag führte den größten Theil der Bevölkerung in's Freie, wo auch
W....... und ich in einem Kreise von Deutschen mit Gesang, Unterhaltung und
Becherklang den denkwürdigen Tag in herzlicher Weise feierten.
Den Beschluß des Festes machte Abends die Illumination des Stadthauses, von
dessen Giebel unaufhörlich Raketen in die Luft flogen, und die Abbrennung
eines großen Feuerwerkes im Park, wobei wir fast in Gefahr geriethen,
erdrückt zu werden. Ein ungeheures Jubelgeschrei, das sich bis in die
fernsten Straßen fortpflanzte, erscholl, als zum Schlusse des Ganzen die
Worte:
»~the day of the 4th July 1776.~«
über dem Portale des Stadthauses in Brillantfeuer sichtbar wurden. Wann
wird unser Deutschland einen solchen Tag feiern?! --
Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Größe des Nationalhasses
zwischen den Vereinigten Staaten und England. Ein betrunkener englischer
Matrose hatte die unglaubliche Dreistigkeit, auf einen Mastbaum zu steigen,
der in Mitte einer frequenten Straße errichtet und mit der amerikanischen
Flagge geziert war, und diese abzureißen. Diese Frechheit wurde aber
sofort von dem Volke gezüchtigt, und der unverschämte Sohn des »fröhlichen
Altenglands« gezwungen, das Sternenbanner wieder aufzuziehen, worauf ihn
Constabler in das Quartier brachten, das solchen Helden gebührt.
Eilftes Capitel.
Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des
Bürgerrechts.
Mehrere Tage waren seit dem schönen Feste vergangen, als mich Freund
W....... verließ, um in das Geschäft zurückzukehren, in welchem er vor
seiner Abreise nach Europa thätig gewesen war. Ich stand nun allein und
ohne Kenntniß der Sprache in der großen Stadt, mit Planen beschäftigt,
die meine Zukunft sichern sollten. Allein jetzt erst bemerkte ich, daß die
Auswanderung nach Amerika leichter auszuführen ist, als die Erwerbung einer
Stellung, die uns auch die Mittel zum Leben bietet.
Nach reiflicher Ueberlegung erkannte ich recht gut, daß mir in New-York
nichts Anderes übrig bliebe, als die erste beste Arbeit anzunehmen, die
sich mir darbieten würde; denn es war mir bald klar geworden, daß ich mit
der edlen Jurisprudenz, der ich mich in meinen Universitätsjahren gewidmet
hatte, schwerlich erfreuliche und meinen Wünschen entsprechende Resultate
erzielen würde. Hier kann ich nicht unterlassen, solchen Männern, welche
nur Theoretisches erlernt haben, was sich in Amerika nicht sogleich auf das
Praktische übertragen läßt, die größte Vorsicht im Auswandern zu empfehlen,
namentlich wenn sie nicht im Besitze größerer Geldmittel sind, da sie
sich gewiß in der ersten Zeit ihrer Ankunft auf dem westlichen Boden sehr
enttäuscht finden werden. So sehr der Amerikaner die Wissenschaften liebt
und so bedeutende Fortschritte er seit der Erringung der Unabhängigkeit in
den meisten Zweigen des Wissens gemacht hat, so liegt es doch in der Natur
der Sache, daß ein Volk, das so viel aus dem Rohen herauszuarbeiten hatte
und vor Allem mit der Entwickelung seiner politischen Institutionen sich
beschäftigen mußte, um seine staatliche Existenz zu sichern, vorerst seine
Hauptaufgabe in der Kräftigung seiner materiellen Interessen sieht; darum
ist auch Alles, was Handel, Gewerbe, Industrie und die Production nach
allen Richtungen hin betrifft, in der raschesten Entwickelung begriffen,
und erregt selbst bei den Engländern, die in diesen Fächern so
Erstaunliches geleistet haben, Neid, Eifersucht und Bewunderung. Eben
so trefflich haben sie für die Vervollkommnung ihres inneren politischen
Lebens gesorgt, welches nicht nur allgemeine Zufriedenheit im Lande
verbreitet, sondern auch die Achtung anderer Völker genießt.
Die geistigen Kräfte haben sich hauptsächlich auf die Verbesserung des
Maschinenwesens, des Bauwesens in allen seinen Theilen und das ganze Gebiet
der Mechanik geworfen, da die günstigen Resultate des Nachdenkens in diesen
Branchen nicht allein großen Nutzen für Handel und Wandel, sondern auch
dem glücklichen Erfinder glänzenden Gewinn gewähren. In neuerer Zeit
zeigte sich aber im Volke auch ein tiefer Drang nach allgemeiner
Wissenschaftlichkeit, was es namentlich in New-York auf's Herrlichste
beurkundete, als es sich im Jahre 1847 in allgemeiner Stimmenabgabe für
die Gründung einer Freiakademie entschied. Allgemeine Bildung im deutschen
Sinne würde in größerem Maße vorhanden seyn, hätte nicht der Mangel an
besseren Erziehungsanstalten in früheren Jahren nur einem kleinen Theile
der Amerikaner die Möglichkeit an die Hand gegeben, sich den höheren
Wissenschaften zu widmen. Man merkt jedoch an ihnen weniger, als irgend
anderswo, den Mangel an Bildung, da in dem amerikanischen Volke ein
gesunder Sinn und ein klarer heller Verstand herrscht, welchen es
namentlich der freien politischen Bewegung und seiner Presse verdankt.
In der ersten Zeit gieng ich mit dem Gedanken um, als Hauslehrer ein
Unterkommen zu finden; aber alle meine Bemühungen waren fruchtlos, und
schon begann ich unmuthig zu werden, als ich zufällig ein Paar alte
Universitätsfreunde traf, die mir zwar keine Stelle verschaffen konnten,
mich aber mit vielen Deutschen bekannt machten, was für mich ein großer
Gewinn war, da ich dadurch einen deutschen Lehrer kennen lernte, der mir
bald die Verwesung seiner Schule übertrug, als ihn eine Krankheit an's
Bett fesselte. War damit auch nicht alle Sorge für die Zukunft entfernt, so
gestalteten sich doch meine persönlichen Beziehungen immer angenehmer,
was mir um so mehr Vergnügen bereitete, da sie mir eine reiche Quelle der
Belehrung in Beziehung auf die Verhältnisse des Landes, seiner Regierung
und seiner Parteien wurden.
Ich suchte mich vor Allem durch das Lesen von Zeitungen über Amerika zu
unterrichten, und nahm, weil ich der englischen Sprache nicht mächtig genug
war, um amerikanische Blätter verstehen zu können, meine Zuflucht zu den
deutschen. Aber ich fand bald, daß diese allein zu gründlicher Belehrung
nicht hinreichen; ich erhielt wohl Kunde von den Ereignissen in Europa
und Amerika, auch las ich die Verhandlungen der gesetzgebenden Körper
der Einzelstaaten und des Congresses in Washington, aber mir blieben die
Parteistellungen vollkommen fremd, da die Blätter sämmtlich bei ihren
Lesern die Kenntniß der Grundsätze der Demokraten, Whigs, Nationalreformer,
Abolitionisten und Antirenter voraussetzen. Handbücher, welche diesen
Gegenstand behandelten, standen mir nicht zu Gebote, weßhalb ich mich
entschloß, mich an solche Männer mit der Bitte um guten Rath zu wenden,
welche während eines langen Aufenthaltes in Amerika die Verhältnisse des
Landes aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten. Von ihnen erhielt ich
die Weisung, die politischen Versammlungen der Deutschen und der Amerikaner
zu besuchen, und zwar hauptsächlich diejenigen, welche von den beiden
Hauptparteien unmittelbar vor wichtigen Wahlen abgehalten werden würden, da
in ihnen die Cardinalgrundsätze der Partei auseinandergesetzt und für und
wider erörtert würden.
Nur auf diese Weise kann man sich eine rasche und zugleich gründliche
Belehrung über die amerikanischen Parteizustände verschaffen, und ich
empfehle diese Methode daher jedem neuen Einwanderer, und vorzüglich dem,
welcher Pflichtgefühl im Herzen trägt und es für Sache der Ehre hält, sich
am öffentlichen Leben mitzubetheiligen und für das Wohl und Wehe seines
neuen Vaterlandes mitzuwirken, und sich nicht als sein höchstes Ziel das
Sammeln von Reichthümern gesetzt hat.
Die Einwanderer können freilich erst nach einem fünfjährigen Aufenthalte
das Bürgerrecht erlangen, was zu manchen ungerechten Urtheilen Veranlassung
gibt, aber der Unbefangene wird die Weisheit dieses Gesetzes anerkennen,
wenn er bedenkt, daß der amerikanische Bürger alle gesetzgebenden und
vollziehenden Gewalten selbst erwählt und sich nothwendigerweise zu einer
Partei halten muß, um seine politische Ueberzeugung in's Leben gerufen
zu sehen. Dieses kann aber von einem Manne nicht erwartet werden, der aus
einem Lande hergewandert kommt, welches ganz andere Staatseinrichtungen
besitzt, der die Sprache, in der die wichtigsten Interessen des
Landes verhandelt werden, nicht versteht, kaum einen Begriff von den
amerikanischen Verfassungen hat und im Grunde genommen nicht mehr von den
Vereinigten Staaten weiß, als »daß es drüben besser ist!« Dieses Gesetz
könnte nur dann ein Tadel treffen, wenn es einen Unterschied zwischen dem
Einwanderer und dem Eingebornen in Betreff von Leistungen an den Staat
machen würde, was jedoch nicht der Fall ist. Leider habe ich die traurige
Erfahrung machen müssen, daß trotz der vielen Klagen über die späte
Erlangung des Bürgerrechts doch genug Einwanderer in den verschiedenen
Staaten leben, welche sich nicht einmal die leichte und billige Mühe,
dasselbe jemals zu erwerben, geben mögen.
Um das Bürgerrecht für die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat
man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die
Willenserklärung (~intention~) abzugeben, daß man amerikanischer Bürger
werden wolle, und zugleich allen fremden Fürsten und Potentaten, speciell
aber seinem Landesfürsten die Treue und Unterthänigkeit abzuschwören. Die
gewöhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Küssen der Bibel oder des
neuen Testamentes; jedoch genügt auch die einfache Bekräftigung mit einem
»Ja!« Ueber diesen Akt erhält man eine gerichtliche Bescheinigung, welche
man jedenfalls zwei Jahre in Händen gehabt haben muß; selbst ein Aufenthalt
von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach
Verlauf der vollen fünf Jahre gibt man seine Willenserklärung bei der
nächsten Behörde ab, und erhält, nachdem man zuvor eidlich bekräftigt,
daß man fünf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Bürgerbrief, mit dessen
Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen
eintritt.
Ein früheres Gesetz enthielt die Bestimmung, daß der, welcher das
amerikanische Bürgerrecht erlangen wollte, innerhalb fünf Jahren die
Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mußte sogar beschwören, daß
man nicht außer Landes war. Dieses für einen Handelsstaat im höchsten Grad
lästige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt.
Zu welchen lächerlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der
einzigen Thatsache erhellen, daß einem Einwanderer nach fünf Jahren
der Bürgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen
Abstecher nach den nahen Niagarafällen machte, welche im _brittischen_
Amerika liegen.
Zwölftes Capitel.
Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in
Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs.
Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige
Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptsächlich
haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien
Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr
beschäftigt, so daß die Einen sie als das Product der höchsten
staatsmännischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, während die Andern
sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen
verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch
die Auseinandersetzung der Vorzüge der demokratischen Staatsform die
Stimmung des deutschen Volkes für diese gewinnen, während die Letzteren nur
die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten
Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht läugnen, daß die
amerikanischen Zustände noch einer bedeutenden Verbesserung fähig sind, wie
alles Irdische einer größeren Vollkommenheit zugeführt werden kann; ihre
Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, dürfte eine ebenso undankbare,
als vergebliche Aufgabe seyn.
Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein
kurzes Bild zu entwerfen, muß aber vorher bemerken, daß der Leser den
Begriff »amerikanische Demokratie« in einem ganz andern Sinne auffassen
muß, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die »Demokraten«
diejenige »Volksherrschaft« erst erkämpfen wollen, welche seit dem Ende des
Unabhängigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland
ist die Bezeichnung »Demokraten« der _Name_ einer _Partei_, welche von
einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekämpft
wird. Unter der »Demokratie in Amerika« hat man aber das _ganze_ Volk der
Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen.
Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so
haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschließlich
zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls
das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn
gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und
Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen.
In Zeiten ernster politischer Parteikämpfe und tiefeingreifender Bewegungen
ist es natürlich, daß die Urtheile befangen sind. Es kann daher
nicht Wunder nehmen, daß die große Partei, welcher durch Annahme der
demokratischen Staatsform in Deutschland eine tödtliche Wunde geschlagen
würde, zu unbegründeten Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt
ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten
Ansprüche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht
allein für ihr eigenes Vaterland, sondern für die ganze Menschheit so
segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa größtentheils erst
im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen
Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie
eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die
herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Städte,
Lehranstalten, öffentliche Institute, Canäle, Dampfschiffe, Fabriken
gründete, die Wildniß urbar machte, Civilisation und Thätigkeit in Gegenden
trug, die vorher nur der Fuß des Indianers betreten hatte, und sich aus der
abhängigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des
mächtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl für
alle unglücklichen Verfolgten und Bedrängten, sie gründete die wahre
Stätte der Freiheit und der Glückseligkeit für Millionen durch rastlose
Aufopferung, Kühnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in
trauriger Verblendung gerade solche Parteimänner gegen sie am meisten zu
Felde, welche durch ihre politischen Sünden und Fehler am meisten zur
Größe dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische
Silbenstechereien die Glückseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu
können, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mächtig und stark
geworden ist. Man muß vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen,
daß die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Stürmen der Neuzeit
verschont geblieben sind; während der Aufruhr und der Bürgerkrieg an den
nördlichen und südlichen Grenzen der Union wüthete, gieng das wichtigste
politische Ereigniß, welches von jeher die Gemüther in besondere Spannung
versetzte, die Präsidentenwahl ruhig vorüber, und lieferte den vollkommenen
Beweis, daß die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglückenden
Reform gehen.
Viele Politiker Europas sehen zum großen Theil in den amerikanischen
Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken,
daß sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche
dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenführen müßte. Um an den
amerikanischen Zuständen nur etwas tadeln zu können, vergessen sie,
daß gerade in den amerikanischen Parteien die Stärke und die sicherste
Bürgschaft für das Bestehen der Republik liegt, da sich diese beständig im
Auge behalten, mit Mißtrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze
und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen
Partei schon deßhalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort
zur Publicität gebracht werden würde, wodurch die öffentliche Meinung, die
größte Stütze jeder Partei, für immer und damit zugleich alle Aussicht, je
wieder die Zügel der Regierung ergreifen zu können, verloren gienge. Die
Parteien können ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrückung
und zur Schmälerung der Freiheiten des Volkes benützen, da die von ihnen
zur Regierung berufenen Staatsmänner jeden Augenblick zur Verantwortung
gezogen werden können.
Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische
und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes
abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundsätze noch nicht so weit
zur Geltung bringen können, daß ihnen von dem Vertrauen der Majorität des
Volkes die Regierung übertragen worden wäre.
Es darf nicht Wunder nehmen, daß in einem Lande, welches sich nur
demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen
Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwägen, daß sich die
Partei die »demokratische« nennt, welche seit Washington am längsten an der
Spitze der Geschäfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei
weitem öfter für sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im
Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausübte. Die Whigpartei
legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prädikat »demokratisch« bei und
nennt sich durchgängig nicht anders, als »~the democratic republican whig
party~«, während sie ihre Gegner mit dem Spottnamen »~Locofoco's~« beehrt,
welche als »~the democratic republican party~« auftreten.
Jedermann wird es natürlich finden, daß, wie in allen Staaten, so auch in
Nordamerika die heterogensten Ansichten über die Grundsätze herrschen,
nach denen regiert werden soll. Sowohl die äußere Politik, wie die inneren
Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten
Beurtheilungen, aus welchen sich allmählig die Glaubensbekenntnisse der
beiden großen Parteien herausgebildet haben.