schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war
nicht leicht. Im Grunde verdross mich dieser für den Dichter des
Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig
gewählt hatte, über die Maassen; ich versuchte loszukommen, - ich
wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft
gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die
Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen
meiner Nächstverwandten, den grossen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich den
Zweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder
zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden,
nachdem mich meine Mühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht
hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst
aus dem Wege zu gehn, im palazzo del Quirinale selbst nachgefragt, ob
man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. - Auf einer
loggia hoch über der genannten piazza, von der aus man Rom übersieht
und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied
gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese
Zeit gieng immer eine Melodie von unsäglicher Schwermuth um mich
herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand "todt vor
Unsterblichkeit..." Im Sommer, heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der
erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich
den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ich habe in keinem Falle,
weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im
Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza's, der damals
zum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten
Zarathustra - und war fertig. Kaum ein Jahr, für's Ganze gerechnet.
Viele verborgne Flecke und Höhen aus der Landschaft Nizza's sind mir
durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie,
welche den Titel "von alten und neuen Tafeln" trägt, wurde im
beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren
maurischen Felsenneste Eza gedichtet, - die Muskel-Behendheit war
bei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten
floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem
Spiele... Man hat mich oft tanzen sehn können; ich konnte damals, ohne
einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs
sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ich war von einer
vollkomm[n]en Rüstigkeit und Geduld.
5.
Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor
Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst
es theuer, unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei
Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Grossen nenne:
alles Grosse, ein Werk, eine That, wendet sich, einmal vollbracht,
unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist
er nunmehr schwach - er hält seine That nicht mehr aus, er sieht ihr
nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie
wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit
eingeknüpft ist - und es nunmehr auf sich haben!... Es zerdrückt
beinahe.. - Die rancune des Grossen! - Ein Andres ist die schauerliche
Stille, die man um sich hört. Die Einsamkeit hat sieben Häute; es geht
Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde:
neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im besten Falle eine Art Revolte.
Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast
von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tiefer
beleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, - die vornehmen
Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. -
Ein Drittes ist die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche,
eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der
ungeheuren Verschwendung aller Defensiv-Kräfte bedingt, die jede
schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten
heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinen Defensiv-Vermögen sind damit
gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. - Ich wage
noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungern sich bewegt,
den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, - dem
Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff
ist. In einem solchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer
Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken,
noch bevor ich sie sah: das hat Wärme in sich...
6.
Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite:
es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss
von Kraft heraus gethan worden. Mein Begriff "dionysisch" wurde
hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von
menschlichem Thun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein
Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft
und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustra
gehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit
erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die
Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die
Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und
giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in
der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich
schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen
mit mir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer
heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Güte aller grossen
Seelen in Eins: alle zusammen wären nicht im Stande, Eine Rede
Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er
auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter
gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser
jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einer
neuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der
menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste
strömt aus Einem Born mit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss
bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger,
was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick in dieser Offenbarung der
Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen
worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keine Seelen-Erforschung, keine
Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet
hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaft zitternd; die
Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher
unerrathenen Zukünften. Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die
bisher da war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache
zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und
zu Jedem das Gütigste sagt! Wie er selbst seine Widersacher, die
Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet!
- Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff
"Übermensch" ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne
liegt alles das, was bisher gross am Menschen hiess, unter ihm. Das
Halkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und
Übermuth und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra.
ist nie geträumt worden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt
sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum
Entgegengesetzten als die höchste Art alles Seienden; und wenn man
hört, wie er diese definirt, so wird man darauf verzichten, nach
seinem Gleichniss zu suchen.
- die Seele, welche die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter
kann,
die umfänglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren
und schweifen kann,
die nothwendigste, welche sich mit Lust in den Zufall stürzt,
die seiende Seele, welche ins Werden, die habende, welche ins Wollen
und Verlangen will -
die sich selber fliehende, welche sich selber in weitesten Kreisen
einholt,
die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten zuredet,
die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben - -
Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine
andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra
ist, wie der, welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut,
zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines
neinsagenden Geistes sein kann; wie der das Schwerste von Schicksal,
ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste
und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist ein Tänzer -; wie der,
welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat,
welcher den "abgründlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin
keinen Einwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige
Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja
zu allen Dingen selbst zu sein, "das ungeheure unbegrenzte Ja- und
Amen-sagen"... "In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes
Jasagen"... Aber das ist der Begriff des Dionysos noch einmal.
7.
- Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich
allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des
Dithyrambus. Man höre, wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18)
mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche
Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir. Auch die tiefste
Schwermuth eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme,
zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch die
Überfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurtheilt
zu sein, nicht zu lieben.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch
meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine
Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der
Liebe.
Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine
Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten
des Lichts saugen!
Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich
zurück, die aus mir brechen.
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
Nächte der Sehnsucht.
Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh
Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung!
Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist
zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu
überbrücken.
Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen,
welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, - also
hungere ich nach Bosheit.
Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt;
dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich
nach Bosheit.
Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner
Einsamkeit.
Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer
selber müde an ihrem Überflusse!
Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere;
wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter
Austheilen.
Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine
Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände.
Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh
Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie
mit ihrem Lichte - mir schweigen sie.
Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes:
erbarmungslos wandelt es seine Bahnen.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen -
also wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem
unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft
aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des
Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste.
Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach
Rede verlangt mich.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch
meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine
Seele ist das Lied eines Liebenden. -
8.
Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden:
so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen
Dithyrambus der Sonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne... Wer
weiss ausser mir, was Ariadne ist!... Von allen solchen Räthseln hatte
Niemand bisher die Lösung, ich zweifle, dass je jemand auch hier
nur Räthsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine
Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über den Sinn nicht
vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur
Erlösung auch alles Vergangenen.
Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener
Zukunft, die ich schaue.
Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentrage, was Bruchstück ist und Räthsel und grauser Zufall.
Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch
Dichter und Räthselrather und Erlöser des Zufalls wäre?
Die Vergangnen zu erlösen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So
wollte ich es!" das hiesse mir erst Erlösung.
An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn
allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder gar des
Mitleidens - auch über den grossen Ekel am Menschen ist Zarathustra
Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein
hässlicher Stein, der des Bildners bedarf.
Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh
dass diese grosse Müdigkeit mir stets ferne bleibe!
Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust;
und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil
Wille zur Zeugung in ihr ist.
Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu
schaffen, wenn Götter - da wären?
Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger
Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der
Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
stäuben Stücke: was schiert mich das!
Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge
Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir!
Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich
noch - die Götter an!...
Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers
giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte
des Hammers, die Lust selbstam Vernichten in entscheidender Weise
zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die unterste
Gewissheit darüber, dass alle Schaffenden hart sind, ist das
eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur. -
Jenseits von Gut und Böse.
Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.
1.
Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich
vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war,
kam die neinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die
Umwerthung der bisherigen Werthe selbst, der grosse Krieg, - die
Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung. Hier ist eingerechnet
der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke
heraus Zum Vernichten mir die Hand bieten würden. - Von da an sind
alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut
als jemand auf Angeln?... Wenn Nichts sich fieng, so liegt die Schuld
nicht an mir. Die Fische fehlten...
2.
Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität,
die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die
moderne Politik nicht ausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem
Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen,
einem jasagenden Typus. Im letzteren Sinne ist das Buch eine Schule
des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er
je genommen worden ist. Man muss Muth im Leibe haben, ihn auch nur
auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben... Alle die
Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu
diesem Typus empfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte
"Objektivität" zum Beispiel, das "Mitgefühl mit allem Leidenden",
der "historische Sinn" mit seiner Unterwürfigkeit vor fremdem
Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die
"Wissenschaftlichkeit". - Erwägt man, dass das Buch nach dem
Zarathustra folgt, so erräth man vielleicht auch das diätetische
régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine
ungeheure Nöthigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger noch
als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns
scharf zu fassen. Man wird in allen Stücken, vor Allem auch in der
Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden,
aus denen ein Zarathustra möglich wurde. Das Raffinement in Form,
in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde,
die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeit
gehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts... Alles
das erholt: wer erräth zuletzt, welche Art Erholung eine solche
Verschwendung von Güte, wie der Zarathustra ist, nöthig macht?...
Theologisch geredet - man höre zu, denn ich rede selten als Theologe
- war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks
unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott
zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht... Der Teufel ist bloss der
Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage...
Genealogie der Moral.
Eine Streitschrift.
Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind
vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der
Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.
Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal
ein Anfang, der irre führen soll, kühl, wissenschaftlich, ironisch
selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich
mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehme Wahrheiten
aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein
tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärts
treibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen
Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar.
- Die Wahrheit der ersten Abhandlung ist die Psychologie des
Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des
Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem "Geiste",
- eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der grosse Aufstand gegen
die Herrschaft vornehmer Werthe. Die zweite Abhandlung giebt die
Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt
wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der
Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach
aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten
und unwegdenkbarsten Cultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht
gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher
die ungeheure Macht des asketischen Ideals, des Priester-Ideals,
stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille
zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort: nicht, weil Gott hinter
den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute
de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinen
Concurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts
wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal - bis auf
Zarathustra. - Man hat mich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten
eines Psychologen für eine Umwerthung aller Werthe. - Dies Buch
enthält die erste Psychologie des Priesters.
Götzen-Dämmerung.
Wie man mit dem Hammer philosophirt.
1.
Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll
im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass
ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt
die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres,
Umwerfenderes, - Böseres. Will man sich kurz einen Begriff davon
geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang
mit dieser Schrift. Das, was Götze auf dem Titelblatt heisst, ist ganz
einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung -
auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit...
2.
Es giebt keine Realität, keine "Idealität", die in dieser
Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger
Euphemismus!...) Nicht bloss die ewigen Götzen, auch die
allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die "modernen Ideen" zum
Beispiel. Ein grosser Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall
fallen Früchte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines
allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt
selbst einige todt, - es sind ihrer zu viele...
Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr,
das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für "Wahrheiten"
in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites
Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir "der Wille" ein
Licht angezündet hätte über die schiefe Bahn, auf der er bisher
abwärts lief... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur
"Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", der gute
Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst...
Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg
aufwärts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben,
vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter...
Eben damit bin ich auch ein Schicksal. - -
3.
Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur
einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung
an, in einem souverainen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt,
jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen
mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das
Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach dieser
Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir,
den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, glühend in den
Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sich
schliessend. - Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria, durch
Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast
dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines
unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen,
sogar mit einer Lebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief
in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an,
meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an. Ich nahm die
gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via
Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzo Carignano, in
dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo
Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich
einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es
war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September
grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Müssiggang eines Gottes
am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur
"Götzen-Dämmerung", deren Druckbogen zu corrigiren meine Erholung im
September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt,
auch nie Etwas der Art auf Erden für möglich gehalten, - ein Claude
Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger
Vollkommenheit.
Der Fall Wagner.
Ein Musikanten-Problem.
1.