Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner

- ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der

einzelne Fehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss

ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein,

dass es die höchste Zeit war, mich auf mich zurückzubesinnen. Mit

Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit

bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkürlich sich meine

ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte

mich dieser falschen Bescheidenheit... Zehn Jahre hinter mir, wo ganz

eigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo

ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über

einem Krimskrams verstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike

Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war

es mit mir gekommen! - Ich sah mit Erbarmen mich ganz mager, ganz

abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines

Wissens und die "Idealitäten" taugten den Teufel was! - Ein geradezu

brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts

mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften,

- selbst zu eigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder

zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang.

Damals errieth ich auch zuerst den Zusammenhang zwischen einer,

instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten "Beruf", zu dem

man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nach einer Betäubung

des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, - zum

Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblick

habe ich entdeckt, dass für eine grosse Anzahl junger Männer der

gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine

zweite. In Deutschland, im "Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur

zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter

einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen... Diese verlangen nach

Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich

einen Augenblick los... Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!

4.

Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch

längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben,

die ungünstigsten Bedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir

jener unwürdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswerth, in die ich zuerst

aus Unwissenheit, aus Jugend gerathen war, in der ich später aus

Trägheit, aus sogenanntem "Pflichtgefühl" hängen geblieben war. -

Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann, und

gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines

Vaters her zu Hülfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen

Tode. Die Krankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden

Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein

Wohlwollen damals eingebüsst und viel noch hinzugewonnen. Die

Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr

aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mir Vergessen; sie

beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum

Warten und Geduldigsein... Aber das heisst ja denken!... Meine Augen

allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch:

Philologie: ich war vom "Buch" erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr -

die grösste Wohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes unterste

Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem

beständigen Hören-Müssen auf andre Selbste (- und das heisst ja

lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, - aber endlich

redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt, als in

den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur

die "Morgenröthe" oder etwa den "Wanderer und seinen Schatten" sich

anzusehn, um zu begreifen, was diese "Rückkehr zu mir" war: eine

höchste Art von Genesung selbst!... Die andre folgte bloss daraus.

5.

Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen

Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "höheren

Schwindel", "Idealismus", "schönen Gefühl", und andren Weiblichkeiten

ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent

niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seine endgültige Form

in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen

als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der

Basler Universität studirend und mir sehr zugethan, das Buch auf

dem Gewissen. Ich diktirte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er

schrieb ab, er corrigirte auch, - er war im Grunde der eigentliche

Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich

fertig mir zu Händen kam - zur tiefen Verwunderung eines Schwerkranken

-, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch

ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir ein schönes

Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich "seinem

theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath". -

Diese Kreuzung der zwei Bücher - mir war's, als ob ich einen ominösen

Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten?...

Jedenfalls empfanden wir es beide so: denn wir schwiegen beide. - Um

diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff,

wozu es höchste Zeit gewesen war. - Unglaublich! Wagner war fromm

geworden...

6.

Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren

Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der

Hand hielt, davon legt das ganze Buch, vor Allem aber eine sehr

ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir

instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen "ich" umgieng und

dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde,

den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischen Glorie

überstrahlte - zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass... Andre

waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern,

zum Beispiel den typischen deutschen Professor, immer daran erkannt,

dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus

verstehn zu müssen glaubten... In Wahrheit enthielt es den Widerspruch

gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede

zur Genealogie der Moral nachlesen. - Die Stelle lautet: welches

ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten

Denker, der Verfasser des Buchs "über den Ursprung der moralischen

Empfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner

ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt

ist? "Der moralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht

näher als der physische - denn es giebt keine intelligible Welt..."

Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag

der historischen Erkenntniss (lisez: Umwerthung aller Werthe) kann

vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890! - als die Axt

dienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss" der Menschheit an

die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum Fluche der

Menschheit, wer wüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der

erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem

Doppelblick in die Welt sehend, welchen alle grossen Erkenntnisse

haben...

Morgenröthe.

Gedanken über die Moral als Vorurtheil.

1.

Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es

den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und

viel lieblichere Gerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige

Feinheit in den Nüstern hat. Weder grosses, noch auch kleines

Geschütz: ist die Wirkung des Buchs negativ, so sind es seine Mittel

um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss,

nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von dem Buche Abschied

nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen

Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nicht im

Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt,

kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt,

rund, glücklich, einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich

sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz

des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenem Felsen-Wirrwarr nahe bei

Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte.

Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung dieses Buchs,

fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches

wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten

Schaudern der Erinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine

kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen,

Augenblicke, die ich göttliche Eidechsen nenne, ein wenig fest zu

machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes,

der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhin doch mit

etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenröthen, die

noch nicht geleuchtet haben" - diese indische Inschrift steht auf der

Thür zu diesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes

bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine

ganze Reihe, eine ganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwerthung

aller Werthe, in einem Loskommen von allen Moralwerthen, in einem

Jasagen und Vertrauen-haben zu Alledem, was bisher verboten,

verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein

Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dinge aus,

es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und

Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen,

sie kommt nur nicht mehr in Betracht... Dies Buch schliesst mit einem

"Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst...

2.

Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der

Menschheit vorzubereiten, einen grossen Mittag, wo sie zurückschaut

und hinausschaut, wo sie aus der Herrschaft des Zufalls und der

Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten

Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgt mit Nothwendigkeit aus

der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten

Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehr

gerade unter ihren heiligsten Werthbegriffen der Instinkt der

Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch

gewaltet hat. Die Frage nach der Herkunft der moralischen Werthe ist

deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der

Menschheit bedingt. Die Forderung, man solle glauben, dass Alles

im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine

endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit im

Geschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität,

der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon

nicht aufkommen zu lassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den

schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen,

den Arglistig-Rachsüchtigen, den sogenannten "Heiligen", diesen

Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das

entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass der Priester (-

eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur

innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt

Herr geworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als

Moral an sich gilt, ist der unbedingte Werth, der dem Unegoistischen

und die Feindschaft, die dem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer

über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficirt...

Aber alle Welt ist mit mir uneins... Für einen Physiologen lässt

ein solcher Werth-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des

Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt,

seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, "Egoismus" mit

vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der

Physiologe verlangt Ausschneidung des entartenden Theils, er verneint

jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden

mit ihm. Aber der Priester will gerade die Entartung des Ganzen, der

Menschheit: darum conservirt er das Entartende - um diesen Preis

beherrscht er sie... Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe, die

Hülfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott",

wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruiniren?... Wenn man

den Ernst von der Selbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das

heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus

der Verachtung des Leibes "das Heil der Seele" construirt, was ist das

Anderes, als ein Recept zur décadence? - Der Verlust an Schwergewicht,

der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die "Selbstlosigkeit"

mit Einem Worte - das hiess bisher Moral... Mit der "Morgenröthe" nahm

ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf. -

Die fröhliche Wissenschaft.

("la gaya scienza")

Die "Morgenröthe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig.

Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza:

fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Muthwillen

zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den

wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den ich erlebt habe - das ganze

Buch ist sein Geschenk - verräth zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus

hier die "Wissenschaft" fröhlich geworden ist:

Der du mit dem Flammenspeere

Meiner Seele Eis zertheilt,

Dass sie brausend nun zum Meere

Ihrer höchsten Hoffnung eilt:

Heller stets und stets gesunder,

Frei im liebevollsten Muss

Also preist sie deine Wunder,

Schönster Januarius!

Was hier "höchste Hoffnung" heisst, wer kann darüber im Zweifel sein,

der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten

Worte des Zarathustra aufglänzen sieht? - Oder der die granitnen Sätze

am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle

Zeiten zum ersten Male in Formeln fasst? - Die Lieder des Prinzen

Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz

ausdrücklich an den provencialischen Begriff der "gaya scienza", an

jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene

wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen

Culturen abhebt; das allerletzte Gedicht zumal, "anden Mistral",

ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral

hinweggetanzt wird, ist ein vollkommner Provençalismus. -

Also sprach Zarathustra.

Ein Buch für Alle und Keinen.

1.

Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die

Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese

höchste Formel der Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann

-, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt

hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseits von Mensch und

Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder;

bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte

ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von diesem Tage ein

paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und

im Tiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in

der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik

rechnen; - sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören,

eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit

Vicenza, Recoaro, wo ich den Frühling des Jahrs 1881 verbrachte,

entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast,

einem gleichfalls "Wiedergebornen", dass der Phönix Musik mit

leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns

vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis

zur plötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen

eintretenden Niederkunft im Februar 1883 - die Schlusspartie,

dieselbe, aus der ich im Vorwort ein paar Sätze citirt habe,

wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard

Wagner in Venedig starb - so ergeben sich achtzehn Monate für die

Schwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den

Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde

ein Elephanten-Weibchen bin. - In die Zwischenzeit gehört die "gaya

scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem

hat; zuletzt giebt sie den Anfang des Zarathustra selbst noch, sie

giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des

Zarathustra. - Insgleichen gehört in diese Zwischenzeit jener Hymnus

auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur

vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist: ein

vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres,

wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos

genannt, im höchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal

zu meinem Gedächtniss singen. - Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil

ein Missverständniss darüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist

die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals

befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé. Wer den letzten Worten

des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen,

warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. Der Schmerz gilt

nicht als Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glück mehr übrig mir

zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein..." Vielleicht hat auch

meine Musik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht

c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener

anmuthig stillen Bucht von Rapallo unweit Genua, die sich zwischen

Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit

war nicht die beste; der Winter kalt und über die Maassen regnerisch;

ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe

See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allem das

Gegentheil vom Wünschenswerthen. Trotzdem und beinahe zum Beweis

meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es

dieser Winter und diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein

Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung

auf der herrlichen Strasse nach Zoagli hin in die Höhe, an Pinien

vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es

nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganze Bucht von Santa

Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft

ist durch die grosse Liebe, welche der unvergessliche deutsche Kaiser

Friedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt;

ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum

letzten Mal diese kleine vergessne Welt von Glück besuchte. - Auf

diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor

Allem Zarathustra selber, als Typus: richtiger, er überfiel mich...

2.

Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische

Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die grosse Gesundheit

nenne. Ich weiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher

zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der

Schlussabschnitte des fünften Buchs der "gaya scienza". "Wir Neuen,

Namenlosen, Schlechtverständlichen - heisst es daselbst - wir

Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem

neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit,

einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle

Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen

Umfang der bisherigen Werthe und Wünschbarkeiten erlebt und alle

Küsten dieses idealischen `Mittelmeers` umschifft zu haben, wer aus

den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem

Eroberer und Entdecker des Ideals zu Muthe ist, insgleichen einem

Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem

Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils:

der hat dazu zu allererst Eins nöthig, die grosse Gesundheit - eine

solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt

und erwerben muss, weil man sie immer wieder preisgiebt, preisgeben

muss... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir

Argonauten des Ideals, muthiger vielleicht als klug ist und Oft genug

schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als

man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wieder gesund,

- will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch

unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn

hat, ein jenseits aller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine

Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und

Göttlichem, dass unsre Neugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser

sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu

ersättigen sind!... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken

und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am

gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber es ist

unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun

mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht

nicht einmal mehr zusehn... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein

wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir

Niemanden überreden möchten, weil wir Niemandem so leicht das Recht

darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst

ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem

spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den

das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits

so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie

Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das

Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens,

welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn

es sich neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige

Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie

deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt - und mit dem,

trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche

Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet,

der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt."

3.

- Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen

Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten?

Im andren Falle will ich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von

Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss

Incarnation, bloss Mundstück, bloss medium übermächtiger Gewalten zu

sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn,

dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwas

sichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und

umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht

nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz

leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern,

- ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzükkung, deren ungeheure

Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der

Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein vollkommnes

Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner

Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe,

in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt,

sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige

Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt

rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die

Länge, das Bedürfniss nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe

das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen

deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade

unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von

Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des

Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff

mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste,

der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an

ein Wort Zarathustra's zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen

und sich zum Gleichnisse anböten (- "hier kommen alle Dinge liebkosend

zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken

reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier

springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will

hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen -"). Dies

ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man

Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen

darf "es ist auch die meine".

4.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 5 / 8 段