Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der

Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn

ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren

weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass sie

décadence-Musik und nicht mehr die Flöte des Dionysos ist... Gesetzt

aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache,

wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man diese Schrift

voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen

Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten - ridendo dicere

severum, wo das verum dicere jede Härte rechtfertigen würde - ist die

Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der

alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe, gegen Wagner mein

schweres Geschütz aufzufahren? - Ich hielt alles Entscheidende in

dieser Sache bei mir zurück, - ich habe Wagner geliebt. - Zuletzt

liegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten", den nicht leicht

ein Anderer erräth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe - oh ich habe noch

ganz andre "Unbekannte" aufzudecken als einen Cagliostro der Musik

- noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer

träger und instinktärmer, immer ehrlicher werdende deutsche Nation,

die mit einem beneidenswerthen Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen

zu nähren und den "Glauben" so gut wie die Wissenschaftlichkeit,

die "christliche Liebe" so gut wie den Antisemitismus, den Willen

zur Macht (zum "Reich") so gut wie das évangile des humbles

ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt... Dieser Mangel an

Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und

"Selbstlosigkeit"! Dieser gerechte Sinn des deutschen Gaumens, der

Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft findet... Ohne

allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich das letzte Mal

Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern

und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechte zuzugestehn; ich

selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der

echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch,

keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen

Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung

listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind

Idealisten...

2.

Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen

ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von

ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern

der grosse Blick für den Gang, für die Werthe der Cultur gänzlich

abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswürste der Politik (oder

der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen in Acht

gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse" sein, dann kann man

über alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden - man setzt

sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland, Deutschland über

Alles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche Weltordnung"

in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger

der Freiheit, im Verhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die

Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs",... Es

giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt, fürchte ich,

selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung

und Herr von Treitschke schämt sich nicht... Jüngst machte ein

Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen

ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen

als eine "Wahrheit", zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: "Die

Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes

- die aesthetische Wiedergeburt und die sittliche Wiedergeburt." - Bei

solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust,

ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zu sagen, was

sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen

von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen!... Und immer

aus dem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der

Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei

ihnen Instinkt gewordnen Unwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die

Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten grossen

Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einem Augenblicke, wo eine

höhere Ordnung der Werthe, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden,

die Zukunft-verbürgenden Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der

Niedergangs-Werthe zum Sieg gelangt waren - und bis in die Instinkte

der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch, hat

die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum

wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum,

diese Religion gewordne Verneinung des Willens zum Leben!... Luther,

ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner "Unmöglichkeit",

die Kirche angriff und sie - folglich! - wiederherstellte... Die

Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu

dichten... Luther - und die "sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mit

aller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die

Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und

Selbstüberwindung eine rechtschaffne, eine unzweideutige, eine

vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum

alten "Ideal", Versöhnungen zwischen Wahrheit und "Ideal", im Grunde

Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht

auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant - diese zwei grössten

Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europa's! -

Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zwei

décadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille

sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische

und wirtschaftliche Einheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen,

mit ihren "Freiheits-Kriegen" Europa um den Sinn, um das Wunder von

Sinn in der Existenz Napoleon's gebracht, - sie haben damit Alles,

was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste

Krankheit und Unvernunft, die es giebt, den Nationalismus, diese

névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der

Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst

um seinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben es in eine Sackgasse

gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse?...

Eine Aufgabe gross genug, die Völker wieder zu binden?...

3.

- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die

Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus

einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis

jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser

machen. - Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu

sein!... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen,

Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? -

Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter

zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste"

Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel,

Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind

Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass

der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der

Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt über die Falschmünzerei

von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet

wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ich athme schwer

in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis,

die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verräth. Sie haben nie ein

siebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die

Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in

Rechtschaffenheit den ersten Deutschen überlegen, - sie haben bis

heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der

Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn

man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt

beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er

hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal

flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese

Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will über

sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort "deutsch" nicht als

internationale Münze für diese psychologische Verkommenheit in

Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der

deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika

zu befreien: unter uns andren Europäern hiesse das dann einfach

"deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das

Tiefe hätte? Selbst der Begriff dafür, was tief an einem Buch ist,

geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief

hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält man Herrn von

Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen

Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren

begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen...

4.

- Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen

Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter

der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den

deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren

ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) - die Deutschen sind für mich

unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen

Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus. Das

Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein

Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung

zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist man

gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den

weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriff der canaille. Aber die

Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmüthig... Man erniedrigt

sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich...

Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard

Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt...

Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen

erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr

unschöne Seele käme zum Mindesten ebenso in Betracht... Ich halte

diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft

ist, die keine Finger für nuances hat - wehe mir! ich bin eine nuance

-, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann...

Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine...

Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber

das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht

einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten

sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich

entschieden... - Mein ganzes Leben ist der Beweis de rigueur für diese

Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von

délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen.

Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin

ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert

nicht, dass ich die Augen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am

wenigsten meine Freunde, - ich hoffe zuletzt, dass dies meiner

Humanität gegen sie keinen Abbruch gethan hat! Es giebt fünf, sechs

Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. -

Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahren

erreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im

Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass... Ich sage es jedem

meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie der Mühe für werth genug

hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den

kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmal wissen, was drin steht. Was

gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr

darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommen gleichgültige

Anmaassung?... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine

Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurde

Stillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein

Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des

Instinkts und Muth hatte, der sich über meine angeblichen Freunde

empörte... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen

über meine Philosophie möglich, wie sie letztes Frühjahr der damit

noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen

gehalten hat? - Ich selber habe nie an Alledem gelitten; das

Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur.

Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die

welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei Jahre ungefähr vor

dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung, der die Erde in

Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in die Welt geschickt:

die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen

und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das erreicht? - Zum

Entzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment...

Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen,

eine alte Freundin, sie lache jetzt über mich... Und dies in einem

Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, - wo

kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen' mich sein

kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -

Warum ich ein Schicksal bin.

1.

Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die

Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es

keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine

Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt,

gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.

- Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter -

Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nach

der Berührung mit religiösen Menschen zu waschen... Ich will keine

"Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu

glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche

Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird

errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhüten,

dass man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber

noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem

oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher

als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist

furchtbar: denn man hiess bisher die Lüge Wahrheit. - Umwerthung aller

Werthe: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung

der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist. Mein Loos

will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich

gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiss... Ich

erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge

als Lüge empfand - roch... Mein Genie ist in meinen Nüstern... Ich

widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der

Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter,

wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff

dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen.

Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des Verhängnisses.

Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt,

werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine

Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden

ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg

aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft

gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben,

wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf

Erden grosse Politik.

2.

Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? - Sie

steht in meinem Zarathustra.

- und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein

Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die

schöpferische.

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat;

dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich

kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum

Vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen

Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin

der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -

3.

Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was

gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name

Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes

Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil.

Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Bösen das

eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Übersetzung der

Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist

sein Werk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort.

Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral:

folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur,

dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker -

die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz

der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist,

Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und

sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den

Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die

Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als

alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen

schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?... Die

Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung

des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das bedeutet in meinem

Munde der Name Zarathustra.

4.

Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich

schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der

höchste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine

andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und

Herrschaft gekommen ist, die décadence-Moral, handgreiflicher geredet,

die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als

den entscheidenderen anzusehn, da die Überschätzung der Güte und des

Wohlwollens, ins Grosse gerechnet, mir bereits als Folge der décadence

gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich mit einem aufsteigenden

und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten

Bedingung. - Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des guten

Menschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch werth ist, muss

man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, - muss man

seine Existenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist

die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis,

wie im Grunde die Realität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um

jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der

Art, um sich ein Eingreifen von kurzsichtigen gutmüthigen Händen

jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt

als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die

niaiserie par excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in

seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es

der Wille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa

mit den armen Leuten... In der grossen Ökonomie des Ganzen sind die

Furchtbarkeiten der Realität (in den Affekten, in den Begierden,

im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger

als jene Form des kleinen Glücks, die sogenannte "Güte"; man

muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der

Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu

gönnen. Ich werde einen grossen Anlass haben, die über die Maassen

unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines

optimi, für die ganze Geschichte zu beweisen. Zarathustra, der Erste,

der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist

und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen reden nie die

Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten;

in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den

Grund hinein verlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum

Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges

Heerdengethier darin sein enges Glück fände; zu fordern, dass Alles

"guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele"

- oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht, altruistisch werden

solle, hiesse dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse

die Menschheit castriren und auf eine armselige Chineserei

herunterbringen. - Und dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man

Moral... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten

Menschen", bald den "Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als

die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit

als auf Kosten der Zukunft ihre Existenz durchsetzen.

Die Guten - die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom

Ende -

- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie

opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!

Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende...

Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden

der Guten ist der schädlichste Schaden.

5.

Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund

der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art

aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art

geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das

Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss

der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewerthet sein. Wenn die

Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optik

in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den

schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen

Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der "Besten" gerade sei

es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe;

aus diesem Widerwillen seien ihm die Flügel gewachsen, "fortzuschweben

in ferne Zukünfte", - er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch,

ein relativ übermenschlicher Typus, gerade im Verhältniss zu den Guten

übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen

Teufel nennen würden...

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel

an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen

Übermenschen - Teufel heissen!

So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der

Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte...

An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen,

um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er

concipirt, concipirt die Realität, wie sie ist: sie ist stark genug

dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst,

sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch noch in sich,

damit erst kann der Mensch Grösse haben...

6.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 7 / 8 段