Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner

innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die

Geschichte hat, entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle

Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen

war damit, dass ich Sokrates als décadent erkannte, ein völlig

unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines

psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-Idiosynkrasie

Gefahr laufen werde: - die Moral selbst als décadence-Symptom ist

eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der

Erkenntniss. Wie hoch war ich mit Beidem über das erbärmliche

Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus

hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichen Gegensatz: - den

entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer

Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, in

gewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als

typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel

der höchsten Bejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst,

zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins

selbst... Dieses letzte, freudigste, überschwänglich-übermüthigste Ja

zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste,

die von Wahrheit und Wissenschaft am strengsten bestätigte und

aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts

entbehrlich - die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten

Seiten des Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der

Rangordnung der Werthe als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen,

gutheissen durfte. Dies zu begreifen, dazu gehört Muth und, als dessen

Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Muth

sich vorwärts wagen darf, genau nach dem Maass von Kraft nähert man

sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für

den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für den Schwachen,

unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der

Realität - das "Ideal"... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen:

die décadents haben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer

Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur

begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch" begreift, hat keine

Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig -

er riecht die Verwesung...

3.

In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche

Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden

hatte, habe ich zuletzt noch in der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum

Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen

fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer

seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das

nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zur Psychologie des

tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,

nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehemente

Entladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über

Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst

Zusein, jene Lust, die auch noch die Lust am Vernichten in sich

schliesst..." In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den

ersten tragischen Philosophen zu verstehn - das heisst den äussersten

Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir

giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in ein philosophisches

Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, - ich habe vergebens

nach Anzeichen davon selbst bei den grossen Griechen der Philosophie,

denen der zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb

mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir

wohler zu Muthe wird als irgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens

und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie,

das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, das Wer den, mit radikaler

Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter

allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bisher gedacht

worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom

unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese

Lehre Zarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt

worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre

grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.

4.

Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir

jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik

zurückzunehmen. Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen

wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und

Menschenschändung gelingt. Jene neue Partei des Lebens, welche die

grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände

nimmt, eingerechnet die schonungslose Vernichtung alles Entartenden

und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder

möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wieder erwachsen

muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im

Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn die

Menschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege

hinter sich hat, ohne daran zu leiden... Ein Psychologe dürfte noch

hinzufügen, dass was ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik

gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich

die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört

hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und

transfiguriren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark

als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift "Wagner in Bayreuth":

an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die

Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen oder das Wort "Zarathustra"

hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des

dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des

Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen

Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst

hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht

wieder. - Insgleichen hatte sich "der Gedanke von Bayreuth" in Etwas

verwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Räthsel-Begriff

sein wird: in jenen grossen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur

grössten aller Aufgaben weihen - wer weiss? die Vision eines Festes,

das ich noch erleben werde... Das Pathos der ersten Seiten ist

welthistorisch; der Blick, von dem auf der siebenten Seite die

Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth,

die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der

eine unendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst

psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur

in die Wagners eingetragen das Nebeneinander der lichtesten und

verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein

Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit im Geistigen,

die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit

erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die

Nähe der Wiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von

Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur

wieder binden, nachdem er gelöst war... Man höre den welthistorischen

Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung"

eingeführt wird: es sind lauter welthistorische Accente in dieser

Schrift. Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann:

die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicirte sich auf

irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus

einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra

mit einschneidender Sicherheit beschrieben und vorweggenommen; und

niemals wird man einen grossartigeren Ausdruck für das Ereigniss

Zarathustra, den Akt einer ungeheuren Reinigung und Weihung der

Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist. -

Die Unzeitgemässen.

1.

Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass

ich kein "Hans der Träumer" war, dass es mir Vergnügen macht, den

Degen zu ziehn, - vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich

frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf

die ich damals schon mit schonungsloser Verachtung hinabblickte. Ohne

Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "öffentliche Meinung".

Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der grosse

Waffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser

Bildung - oder gar ihren Sieg über Frankreich... Die zweite

Unzeitgemässe (1874) bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und

-Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -:

das Leben krank an diesem entmenschten Räderwerk und Mechanismus, an

der "Unpersönlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der

"Theilung der Arbeit". Der Zweck geht verloren, die Cultur: - das

Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisirt... In dieser

Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundert

stolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen

des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als

Fingerzeige zu einem höheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung

des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der härtesten Selbstsucht,

Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässe Typen par excellence,

voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum "Reich",

"Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hiess, - Schopenhauer

und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche...

2.

Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen

Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll.

Ich hatte einer siegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, -

dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht,

vielleicht etwas ganz Anderes... Die Antwort kam von allen Seiten und

durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich

als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurz als

Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben"

lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner

Schrift her in der Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde,

denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt

hatte, als ich ihr Wunderthier, ihren Strauss komisch fand,

antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wünschen konnte;

- die preussischen Entgegnungen waren klüger, - sie hatten mehr

"Berliner Blau" in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger

Blatt, die berüchtigten "Grenzboten"; ich hatte mühe, die entrüsteten

Basler von Schritten abzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich

nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen

Gründen. Darunter Ewald in Göttingen, der zu verstehn gab, mein

Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der

alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meiner

aufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten

Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem

preussischen Historiographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich

Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur" holen könne.

Das Nachdenklichste, auch das Längste über die Schrift und ihren Autor

wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem

Professor Hoffmann in Würzburg. Er sah aus der Schrift eine grosse

Bestimmung für mich voraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung

im Problem des Atheismus herbeizuführen, als dessen instinktivsten

und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das,

was mich zu Schopenhauer führte. - Bei weitem am besten gehört, am

bittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere

Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen

Deutschen, der die Feder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz

in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute, in einer etwas

vorsichtigeren Form, in seinen gesammelten Schriften lesen. Hier

war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung,

allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr des

deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen.

Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift,

für ihren reifen Geschmack, für ihren vollkommnen Takt in der

Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste

polemische Schrift aus, die deutsch geschrieben sei, - in der gerade

für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik.

Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, was ich über

die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute

spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in

gleicher Verachtung gegen die "ersten Schriftsteller" dieser Nation,

endete er damit, seine Bewunderung für meinen Muth auszudrücken -

jenen "höchsten Muth, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die

Anklagebank bringt"... Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu

unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel

gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer

düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten

Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten

im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem

Schatten meines Schwertes"... Im Grunde hatte ich eine Maxime

Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt in die Gesellschaft

mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegner gewählt

hatte! den ersten deutschen Freigeist!... In der That, eine ganz

neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist

mir Nichts fremder und unverwandter als die ganze europäische und

amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit

unverbesserlichen Flachköpfen und Hanswürsten der "modernen Ideen"

befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem

von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, die Menschheit

"verbessern", nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin,

was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie es

verstünden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal"... Ich bin der

erste Immoralist.

3.

Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten

Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur

psychologischen Fragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte

ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird

zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheit bereits hier das

Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung

bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungen

zieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als

Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein

neuer Begriff der Selbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte,

ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach

seinem ersten Ausdruck. Ins Grosse gerechnet nahm ich zwei berühmte

und ganz und [gar] noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man

eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwas auszusprechen, um ein

Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies

ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 der

dritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des

Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. - Jetzt, wo ich aus

einiger Ferne auf jene Zustände zurückblicke, deren Zeugniss diese

Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss

von mir reden. Die Schrift "Wagner in Bayreuth" ist eine Vision meiner

Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste

Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem mein Gelöbniss!...

Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Höhe, wo ich nicht mehr

Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich

damals noch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen

Augenblick über Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die grosse Ruhe im

Versprechen, dies glückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche

nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt,

tief, innerlich; es fehlt nicht am Schmerzlichsten, es sind Worte

darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der grossen

Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht als

Einwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren

Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff

"Philosoph" meilenweit abtrenne von einem Begriff, der sogar noch

einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen

"Wiederkäuern" und andren Professoren der Philosophie: darüber giebt

diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier

im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern sein Gegensatz,

"Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht, dass damals

mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich

mein Handwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten

nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein

kommt: es drückt das Distanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber,

was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein

kann. Es ist meine Klugheit, Vieles und vielerorts gewesen zu sein, um

Eins werden zu können, - um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine

Zeit lang auch Gelehrter sein. -

Menschliches, Allzumenschliches.

Mit zwei Fortsetzungen.

1.

"Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es

heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt

einen Sieg aus - ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in

meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der

Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich - Menschliches, ach nur

Allzumenschliches!"... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem

andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein

frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat.

Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch

klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse

Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine

leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In

diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige

Todesfeier Voltaire's ist, womit sich die Herausgabe des Buchs schon

für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im

Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem ein grandseigneur

des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name Voltaire auf

einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt - zu mir...

Sieht man genauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der

alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo es seine

Burgverliesse und gleichsam seine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel

in den Händen, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt, mit

einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt des Ideals

hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver

und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte

Gliedmaassen - dies Alles selbst wäre noch "Idealismus". Ein Irrthum

nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht

widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispiel erfriert "das Genie";

eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen

erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte

"Überzeugung", auch das "Mitleiden" kühlt sich bedeutend ab - fast

überall erfriert "das Ding an sich"...

2.

Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten

Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was

mich dort umgab, ist eine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff

davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen

waren, kann errathen, wie mir zu Muthe war, als ich eines Tags in

Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte... Wo war ich doch? Ich

erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder. Umsonst

blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne Insel der

Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen

Tage der Grundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die

sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen

hatte: kein Schatten von Ähnlichkeit. Was war geschehn? - Man hatte

Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner

geworden! - Die deutsche Kunst! der deutsche Meister! das deutsche

Bier!... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinirten

Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des Geschmacks Wagners Kunst

allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen "Tugenden"

behängt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich

habe drei Generationen "erlebt", vom seligen Brendel an, der Wagner

mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten" der Bayreuther

Blätter, die Wagner mit sich selbst verwechseln, - ich habe alle Art

Bekenntnisse "schöner Seelen" über Wagner gehört. Ein Königreich für

Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, eine haarsträubende Gesellschaft!

Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt

darunter, nicht einmal der Antisemit. - Der arme Wagner! Wohin war

er gerathen! - Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber

unter Deutsche!... Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt,

einen echten Bayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen,

denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der "Geist"

aus, auf den hin man das "Reich" gründete... Genug, ich reiste mitten

drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine

charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigte mich

bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in

Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meine

Melancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum

und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar",

einen Satz in mein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich

vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden

lassen.

3.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 4 / 8 段