An dieser Stelle thut eine grosse Besinnung Noth. Man wird mich

fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem

Urtheil gleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst

damit, um so mehr, wenn ich grosse Aufgaben zu vertreten bestimmt sei.

Antwort: diese kleinen Dinge Ernährung, Ort, Clima, Erholung, die

ganze Casuistik der Selbstsucht - sind über alle Begriffe hinaus

wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hier gerade muss man

anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen

hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strenger

geredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten

Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele",

"Tugend", "Sünde", "Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"... Aber man

hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen

gesucht... Alle Fragen der Politik, der Gesellschafts-Ordnung, der

Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man

die schädlichsten Menschen für grosse Menschen nahm, - dass man die

"kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens

selber verachten lehrte... Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade

zweideutig... Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktirend, als ob

nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben

wäre!... Das, was heute gebaut wird, steht in drei Jahren nicht mehr.

- Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was

hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbau ohne Gleichen, so habe

ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse.

Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher als erste

Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese

angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen überhaupt, - sie sind

für mich Ausschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und

rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde

unheilbare Unmenschen, die am Leben Rache nehmen... Ich will dazu

der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle

Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jeder krankhafte Zug

an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft

geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismus

sucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine

anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos

der Attitüde gehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig

hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! - Das

Leben ist mir leicht geworden, am leichtesten, wenn es das Schwerste

von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes

gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachen ersten Ranges

gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht, mit einer

Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug

von Spannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende

Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich

schlief nie besser. - Ich kenne keine andre Art, mit grossen Aufgaben

zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine

wesentliche Voraussetzung. Der geringste Zwang, die düstre Miene,

irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen

Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk!... Man darf keine Nerven

haben... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, - ich habe

immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten... In einer absurd frühen

Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein

menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt

gesehn? - Ich habe heute noch die gleiche Leutseligkeit gegen

Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in

dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmuth, von geheimer Verachtung.

Wen ich verachte, der erräth, dass er von mir verachtet wird: ich

empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe

hat... Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man

Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle

Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger

verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -,

sondern es lieben...

Warum ich so gute Bücher schreibe.

1.

Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde,

bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oder

Nicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so

nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist

durchaus noch nicht an der Zeit. Ich selber bin noch nicht an

der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man

Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ich leben

und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene

Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre

ein vollkommner Widerspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und

Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass

man heute nicht von mir zu nehmen weiss, ist nicht nur begreiflich,

es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden,

- dazu gehört, dass ich mich selber nicht verwechsele. - Nochmals

gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von "bösem Willen";

auch von litterarischem "bösen Willen" wüsste ich kaum einen Fall zu

erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit... Es scheint mir eine

der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er

ein Buch von mir in die Hand nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht

dazu die Schuhe aus, - nicht von Stiefeln zu reden... Als sich einmal

der Doktor Heinrich von Stein ehrlich darüber beklagte, kein Wort aus

meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung:

sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebt haben, hebe auf eine

höhere Stufe der Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen

könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nur

wünschen, von den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! -

Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war,

- ich sage "non legor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnügen

unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu

meinen Schriften gemacht hat. Noch in diesem Sommer, zu einer Zeit,

wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden

Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus dem Gleichgewicht zu

bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität

wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form

bedienen: so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland,

sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein

Aufsatz des Dr. V. Widmann im "Bund", über "Jenseits von Gut und

Böse", unter dem Titel "Nietzsche's gefährliches Buch", und ein

Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens des Herrn Karl

Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich

hüte mich zu sagen wovon... Letzterer behandelte zum Beispiel meinen

Zarathustra als "höhere Stilübung", mit dem Wunsche, ich möchte später

doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung

vor dem Muth aus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen

Gefühle bemühe. - Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder

Satz, mit einer Folgerichtigkeit, die ich bewundert habe, eine auf

den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als

alle "Werthe umzuwerthen", um, auf eine sogar bemerkenswerthe Weise,

über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen - statt meinen Kopf mit

einem Nagel zu treffen... Um so mehr versuche ich eine Erklärung. -

Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr

heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her

keinen Zugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen

äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die

gänzlich ausserhalb der Möglichkeit einer häufigen oder auch nur

seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue

Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wird einfach Nichts gehört,

mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts

da ist -. Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und,

wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir

verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht,

nach seinem Bilde, - nicht selten einen Gegensatz von mir, zum

Beispiel einen "Idealisten"; wer Nichts von mir verstanden hatte,

leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. - Das Wort "Übermensch"

zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz

zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christen und andren

Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters

der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit

voller Unschuld im Sinn derjenigen Werthe verstanden worden, deren

Gegensatz in der Figur Zarathustra's zur Erscheinung gebracht worden

ist, will sagen als "idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch,

halb "Heiliger", halb "Genie"... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich

seinethalben des Darwinismus verdächtigt; selbst der von mir so

boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes grossen Falschmünzers wider

Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden. Wem ich

ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia

als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass

ich gegen Besprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen,

ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine

Freunde, meine Verleger wissen das und sprechen mir nicht von

dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu

Gesicht, was über ein einzelnes Buch - es war "Jenseits von Gut und

Böse" - gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber

abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine

preussische Zeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst

lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats - allen Ernstes das Buch

als ein "Zeichen der Zeit" zu verstehn wusste, als die echte rechte

Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Muth gebreche?

2.

Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser -

lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen

und Pflichten erzogene Charaktere; ich habe sogar wirkliche Genies

unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in

Kopenhagen, in Paris und New-York - überall bin ich entdeckt: ich

bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland... Und, dass ich es

bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, die

weder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber

wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt

sich bei meinem Anblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten

geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben,

bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihren Trauben zusammengesucht

haben. Soweit muss man Philosoph sein. - Man nennt nicht umsonst die

Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmante Russin wird

sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre.

Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens

bis zur Verlegenheit... Deutsch denken, deutsch fühlen - ich kann

Alles, aber das geht über meine Kräfte... Mein alter Lehrer Ritschl

behauptete sogar, ich concipirte selbst noch meine philologischen

Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris

selbst ist man erstaunt über "toutes mes audaces et finesses" - der

Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten

Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt,

das niemals dumm - "deutsch" - wird, esprit... Ich kann nicht anders.

Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus

Erfahrung, was ein Langohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass

ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessirt gar nicht wenig

die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sich besser von mir

verstanden?... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein

welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf

griechisch, der Antichrist...

3.

Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in

einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an

meine Schriften den Geschmack "verdirbt". Man hält einfach andre

Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine

Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehme und delikate Welt

einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist

zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir

aber durch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen

des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich

kenne Abgründe, in die noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir

gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen,

- ich störte selbst die Nachtruhe... Es giebt durchaus keine stolzere

und zugleich raffinirtere Art von Büchern: sie erreichen hier und da

das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus; man

muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten

Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon,

ein für alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben,

man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die

Winkel-Luft einer Seele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige,

das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein

Wort von mir treibt alle schlechten Instinkte ins Gesicht. Ich habe

an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die

verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion auf meine Schriften

zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will,

meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei "unpersönlich": man

wünscht mir Glück, wieder "so weit" zu sein, - auch ergäbe sich ein

Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons... Die vollkommen

lasterhaften "Geister", die "schönen Seelen", die in Grund und Boden

Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern

anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselben unter sich, die schöne

Folgerichtigkeit aller "schönen Seelen". Das Hornvieh unter meinen

Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man sei

nicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel... Ich

habe dies selbst über den Zarathustra gehört... Insgleichen ist jeder

"Femininismus" im Menschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich:

man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten.

Man muss sich selbst nie geschont haben, man muss die Härte in seinen

Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemuth

und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild eines vollkommnen Lesers

ausdenke, so wird immer ein Unthier von Muth und Neugierde daraus,

ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, ein geborner

Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu

sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt

hat: wem allein will er sein Räthsel erzählen?

Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen

Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -

euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit

Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:

- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und wo

ihr errathen könnt, da hasst ihr es, zu erschliessen...

4.

Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des

Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen,

eingerechnet das tempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn

jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei

mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des

Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein

Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustand

wirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der

Zeichen, über die Gebärden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der

Gebärde - nicht vergreift. Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter

Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa,

wie das "Schöne an sich", wie das "Gute an sich", wie das "Ding an

sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es

Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass

die nicht fehlen, denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra

zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch

lange zu suchen haben! - Man muss dessen werth sein, ihn zu hören...

Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier

verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehr von neuen,

von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu

verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache

möglich war, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am

härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der

deutschen Sprache kann, - was man überhaupt mit der Sprache kann.

- Die Kunst des grossen Rhythmus, der grosse Stil der Periodik

zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer, von

übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem

Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben

Siegel", überschrieben, flog ich tausend Meilen über das hinaus, was

bisher Poesie hiess.

5.

- Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines

Gleichen hat, das ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter

Leser gelangt - ein Leser, wie ich ihn verdiene, der mich liest,

wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über

die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von den

Allerwelts-Philosophen, den Moralisten und andren Hohltöpfen,

Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des Fehlgriffs: zum

Beispiel jener Glaube, dass "unegoistisch" und "egoistisch" Gegensätze

sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein

"Ideal" ist... Es giebt weder egoistische, noch unegoistische

Handlungen: beide Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der

Satz "der Mensch strebt nach Glück"... Oder der Satz "das Glück

ist der Lohn der Tugend"... Oder der Satz "Lust und Unlust sind

Gegensätze"... Die Circe der Menschheit, die Moral, hat alle

psychologica in Grund und Boden gefälscht - vermoralisirt - bis zu

jenem schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches"

sein soll... Man muss fest auf sich sitzen, man muss tapfer auf seinen

beiden Beinen stehn, sonst kann man gar nicht lieben. Das wissen

zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel was aus

selbstlosen, aus bloss objektiven Männern... Darf ich anbei die

Vermuthung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner

dionysischen Mitgift. Wer weiss? vielleicht bin ich der erste

Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine

alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die

"Emancipirten", denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glück bin

ich nicht Willens mich zerreissen zu lassen: das vollkommne Weib

zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen Mänaden...

Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines

Raubthier! Und so angenehm dabei!... Ein kleines Weib, das seiner

Rache nachrennt, würde das Schicksal selbst über den Haufen rennen.

- Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte

am Weibe ist schon eine Form der Entartung... Bei allen sogenannten

"schönen Seelen" giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem

Grunde, - ich sage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden.

Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder

Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit

Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand, der ewige

Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm ja bei weitem den ersten

Rang. - Hat man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist

die einzige, die eines Philosophen würdig ist. Liebe - in ihren

Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. -

Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt -

"erlöst"? Man macht ihm ein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann

ist immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. - "Emancipation des

Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst

gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene, - der Kampf gegen

den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand, Taktik. Sie wollen, indem

sie sich hinaufheben, als "Weib an sich", als "höheres Weib",

als "Idealistin" von Weib, das allgemeine Rang-Niveau des Weibes

herunterbringen; kein sichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung,

Hosen und politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die

Emancipirten die Anarchisten in der Welt des "Ewig-Weiblichen", die

Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache ist... Eine

ganze Gattung des bösartigsten "Idealismus" - der übrigens auch bei

Männern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen

alten Jungfrau - hat als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der

Geschlechtsliebe zu vergiften... Und damit ich über meine in diesem

Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel lasse,

will ich noch einen Satz aus meinem Moral-Codex gegen das Laster

mittheilen: mit dem Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder

wenn man schöne Worte liebt, Idealismus. Der Satz heisst: "die Predigt

der Keuschheit ist eine öffentliche Aufreizung zur Widernatur. Jede

Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede Verunreinigung desselben

durch den Begriff `unrein` ist das Verbrechen selbst am Leben, - ist

die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens." -

6.

Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein

curioses Stück Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Böse"

vorkommt, - ich verbiete übrigens jede Muthmassung darüber, wen ich

an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener

grosse Verborgene hat, der Versucher-Gott und geborne Rattenfänger

der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele

hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick

blickt, in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu

dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht - und

nicht das, was er ist, sondern was denen, die ihm folgen, ein Zwang

mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer

innerlicher und gründlicher zu folgen... Das Genie des Herzens, das

alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt,

das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten

giebt, - still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel

auf ihnen spiegele... Das Genie des Herzens, das die tölpische

und überrasche Hand zögern und zierlicher greifen lehrt; das den

verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser

Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine Wünschelruthe für

jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und

Sandes begraben lag... Das Genie des Herzens, von dessen Berührung

jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von

fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber,

sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht

und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher

zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben,

voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und

Zurückströmens..."

Die Geburt der Tragödie.

1.

Um gegen die "Geburt der Tragödie" (1872) gerecht zu sein, wird

man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst

fascinirt, was an ihr verfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die

Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war

eben damit im Leben Wagner's ein Ereigniss: von da an gab es erst

grosse Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich

daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifal heraus: wie ich es

eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den

Cultur-Werth dieser Bewegung obenauf gekommen sei. - Ich fand die

Schrift mehrmals citirt als "die Wiedergeburt der Tragödie aus dem

Geiste der Musik": man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst,

der Absicht, der Aufgabe Wagner's gehabt, - darüber wurde überhört,

was die Schrift im Grunde Werthvolles barg. "Griechenthum und

Pessimismus": das wäre ein unzweideutigerer Titel gewesen: nämlich

als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem

Pessimismus, - womit sie ihn überwanden... Die Tragödie gerade ist der

Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer

vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. - Mit einiger

Neutralität in die Hand genommen, sieht die "Geburt der Tragödie" sehr

unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter

den Donnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese

Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten

im Dienste der Krankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon

glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch

indifferent, - "undeutsch", wird man heute sagen - sie riecht

anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem

Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine "Idee" - der

Gegensatz dionysisch und apollinisch - ins Metaphysische übersetzt;

die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee"; in der

Tragödie der Gegensatz zur Einheit aufgehoben; unter dieser Optik

Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich

gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... Die Oper

zum Beispiel und die Revolution. - Die zwei entscheidenden Neuerungen

des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens

bei den Griechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm

die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das

Verständniss des Sokratismus: Sokrates als Werkzeug der griechischen

Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt.

"Vernünftigkeit", gegen Instinkt. Die "Vernünftigkeit" um jeden Preis

als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges

Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder

apollinisch, noch dionysisch; es negirt alle ästhetischen Werthe -

die einzigen Werthe, die die "Geburt der Tragödie" anerkennt: es ist

im tiefsten Sinne nihilistisch, während im dionysischen Symbol die

äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die

christlichen Priester wie auf eine "tückische Art von Zwergen", von

"Unterirdischen" angespielt...

2.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 3 / 8 段