Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte,

worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl

seiner Art Erholung. Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein

Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst

Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehört alles Lesen zu meinen

Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in

fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, - was ich

nicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In

tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich

hüten, jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und

das hiesse ja lesen... Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener

tiefen Spannung, zu der die Schwangerschaft den Geist und im Grunde

den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von

aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlägt"? Man muss dem

Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn;

eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheiten

der geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder

Gedanke heimlich über die Mauer steigt? - Und das hiesse ja lesen...

Auf die Zeiten der Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der

Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr

gescheuten Bücher! - Werden es deutsche Bücher sein?... Ich muss ein

Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand

ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete Studie von Victor

Brochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut

benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerthe Typus unter dem

so zwei- bis fünfdeutigen Volk der Philosophen!... Sonst nehme ich

meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im

Grunde, den gerade für mich bewiesenen Büchern. Es liegt vielleicht

nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht

mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oder Vielerlei zu

lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher

schon zu meinem Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und

andre "Nächstenliebe"... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer

Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur

an französische Bildung und halte Alles, was sich sonst in Europa

"Bildung" nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der

deutschen Bildung... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ich in

Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau

Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks,

die ich gehört habe... Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als

das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst

leiblich, dann psychologisch, die ganze Logik dieser schauderhaftesten

Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne's

Muthwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch im Leibe habe; dass

mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht

ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutz nimmt:

das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten

Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht

ab, in welchem Jahrhundert der Geschichte man so neugierige und

zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im

jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise - denn ihre Zahl ist gar nicht

klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole

France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rasse

hervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin,

Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar

ihren grossen Lehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie

verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das

Missverständniss grosser Menschen und Zeiten verdankt. So weit

Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den

Geist in Frankreich "erlöst"... Stendhal, einer der schönsten Zufälle

meines Lebens - denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall,

niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz unschätzbar mit

seinem vorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff,

der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue

Napoleonem -); endlich nicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine

in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, - Prosper

Mérimée in Ehren... Vielleicht bin ich selbst auf Stendhal neidisch?

Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte

machen können: "die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht

existirt"... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste

Einwand gegen das Dasein bisher? Gott...

4.

Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich

suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich

süssen und leidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit,

ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich schätze

den Werth von Menschen, von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den

Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie er

das Deutsche handhabt! Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei

weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in

einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosse Deutsche mit

ihr gemacht haben. - Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein:

ich fand alle diese Abgründe in mir, - mit dreizehn Jahren war ich für

dies Werk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche

in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die

Deutschen sind unfähig jedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann.

Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine

Gegenouvertüre zum Manfred componirt, von der Hans von Bülow sagte,

dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an

der Euterpe. - Wenn ich meine höchste Formel für Shakespeare suche,

so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipirt hat.

Dergleichen erräth man nicht, - man ist es oder man ist es nicht. Der

grosse Dichter schöpft nur aus seiner Realität - bis zu dem Grade,

dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält... Wenn, ich einen

Blick in meinen Zarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde

im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von

Schluchzen Herr zu werden. - Ich kenne keine herzzerreissendere

Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um

dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! - Versteht man den

Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig

macht... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu

fühlen... Wir fürchten uns Alle vor der Wahrheit... Und, dass ich

es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord

Bacon der Urheber, der Selbstthierquäler dieser unheimlichsten

Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz

amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zur mächtigsten

Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten

Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie

selbst voraus... Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem

ersten Realisten in jedem grossen Sinn des Wortes, um zu wissen, was

er Alles gethan, was er gewollt, was er mit sich erlebt hat... Und zum

Teufel, mein[e] Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra

auf einen fremden Namen getauft, zum Beispiel auf den von Richard

Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht,

zu errathen, dass der Verfasser von "Menschliches, Allzumenschliches"

der Visionär des Zarathustra ist...

5.

Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort

nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei

weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen

Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse

den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen

Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des

Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle - der tiefen

Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben:

über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermit

komme ich nochmals auf Frankreich zurück, - ich habe keine Gründe,

ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc

genus omne übrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn

sich ähnlich finden... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten

Allem, was deutsch ist, fremd, so dass schon die Nähe eines Deutschen

meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das

erste Aufathmen in meinem Leben: ich empfand, ich verehrte ihn als

Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen

Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger Jahre Kinder

gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff

"deutsch"; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, - wir

werden keinen Zustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es

ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt,

ob er sich in Scharlach kleidet und Husaren-Uniformen anzieht...

Wohlan! Wagner war ein Revolutionär - er lief vor den Deutschen

davon... Als Artist hat man keine Heimat in Europa ausser in Paris;

die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst

voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität,

findet sich nur in Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft

in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène - es ist der

Pariser Ernst par excellence. Man hat in Deutschland gar keinen

Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser

Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig - Wagner war durchaus

nicht gutmüthig... Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in

"Jenseits von Gut und Böse" S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem

er seine Nächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik,

jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern

wie Delacroix, wie Berlioz, mit einem fond von Krankheit, von

Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen

durch und durch... Wer war der erste intelligente Anhänger Wagner's

überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix

verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht

von Artisten wiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte...

Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen

condescendirte, - dass er reichsdeutsch wurde... Soweit Deutschland

reicht, verdirbt es die Cultur. -

6.

Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne

Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man

von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch

nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift

gegen alles Deutsche par excellence, - Gift, ich bestreite es nicht...

Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab -

mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ich Wagnerianer. Die älteren

Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch"...

Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher

Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit,

wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle

Fremdheiten Lionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone

des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er

erholte sich von ihm mit den Meistersingern und dem Ring. Gesünder

werden - das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner... Ich

nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeit gelebt und gerade

unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so

weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm für

den, der niemals krank genug für diese "Wollust der Hölle" gewesen

ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel

anzuwenden. - Ich denke, ich kenne besser als irgend jemand das

Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen,

zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte; und so wie ich bin, stark

genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum

Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ich Wagner den

grossen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass

wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen dieses

Jahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder

zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein

Missverständniss ist, so gewiss bin ich's und werde es immer sein. -

Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst,

meine Herrn Germanen!... Aber das holt man nicht nach.

7.

Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich

eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein

Nachmittag im Oktober. Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein

kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmuth ist... ich werde nie

zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, was Musik ist. Was man

deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven,

Croaten, Italiäner, Niederländer - oder Juden; im andren Falle

Deutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich

Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um

gegen Chopin den Rest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei

Gründen, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die

vornehmen Orchester-Accente vor allen Musikern voraus hat; zuletzt

noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich

würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinen Süden in der

Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich

jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein

andres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.

Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich

weiss das Glück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu

denken.

An der Brücke stand

jüngst ich in brauner Nacht.

Fernher kam Gesang:

goldener Tropfen quoll's

über die zitternde Fläche weg.

Gondeln, Lichter, Musik

trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus...

Meine Seele, ein Saitenspiel,

sang sich, unsichtbar berührt,

heimlich ein Gondellied dazu,

zitternd vor bunter Seligkeit.

- Hörte Jemand ihr zu?...

8.

In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung

- gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt der

Selbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn,

nicht hören, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit, erster

Beweis dafür, dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das

gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack.

Sein Imperativ befiehlt nicht nur Nein zu sagen, wo das Ja eine

"Selbstlosigkeit" sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein

zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immer und immer

wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass

Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit

werdend, eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung

bedingen. Unsre grossen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das

Abwehren, das Nicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche

sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft.

Man kann, bloss in der beständigen Noth der Abwehr, schwach genug

werden, um sich nicht mehr wehren zu können. - Gesetzt, ich trete aus

meinem Haus heraus und fände, statt des stillen und aristokratischen

Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren

haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieser plattgedrückten

und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche

Grossstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding,

Gutes und Schlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber

zum Igel werden? - Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein

doppelter Luxus sogar, wenn es freisteht, keine Stacheln zu haben,

sondern offne Hände...

Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man

so selten als möglich reagirt und dass man sich Lagen und Bedingungen

entzieht, wo man verurtheilt wäre, seine "Freiheit", seine Initiative

gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als

Gleichniss den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur

noch Bücher "wälzt" - der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags

ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich

aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf

einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagirt

zuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und

Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber denkt

nicht mehr... Der Instinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe

geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der

Gelehrte - ein décadent. - Das habe ich mit Augen gesehn: begabte,

reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu

Schanden gelesen", bloss noch Streichhölzer, die man reiben muss,

damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Frühmorgens beim Anbruch des

Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch

lesen - das nenne ich lasterhaft! - -

9.

An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf

die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich

das Meisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung - der Selbstsucht...

Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal

der Aufgabe über ein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt,

so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe

zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird, was man ist, setzt voraus,

dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem

Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren

eignen Sinn und Werth, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die

Verzögerungen, die "Bescheidenheiten", der Ernst, auf Aufgaben

verschwendet, die jenseits der Aufgabe liegen. Darin kann eine grosse

Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck [kommen]: wo

nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre, wird Sich-Vergessen,

Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen

zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Leben

für Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der

härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem

ich, gegen meine Regel und Überzeugung, die Partei der "selbstlosen"

Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht,

Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberfläche des Bewusstseins -

Bewusstsein ist eine Oberfläche - rein erhalten von irgend einem der

grossen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem grossen Worte, jeder

grossen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh "sich

versteht" - - Inzwischen wächst und wächst die organisirende, die zur

Herrschaft berufne "Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen,

sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet

einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, die einmal als Mittel zum

Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe

nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von der

dominirenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten lässt. -

Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll.

Zur Aufgabe einer Umwerthung der Werthe waren vielleicht mehr Vermögen

nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor

Allem auch Gegensätze von Vermögen, ohne dass diese sich stören,

zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu

trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen, Nichts "versöhnen";

eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist -

dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit und Künstlerschaft

meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark,

dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst,

- dass alle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten

Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner

Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, - es ist kein Zug von

Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer

heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck",

einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung.

Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft - eine weite

Zukunft! wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich

auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als

es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer

gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem

vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie um Ehren, um

Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten... So

war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, - ich hatte nie

im Entferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr

alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne,

dass meine erste philologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von

meinem Lehrer Ritschl für sein "Rheinisches Museum" zum Druck verlangt

wurde ( Ritschl - ich sage es mit Verehrung - der einzige geniale

Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene

angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringer auszeichnet und mit der

sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst, um zur

Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mit

diesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke,

durchaus nicht unterschätzt haben...)

10.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 2 / 8 段