Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Resse

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Friedrich Nietzsche

Ecce homo

Wie man wird, was man ist

Vorwort

1.

In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung

an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde,

scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte

man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das

Missverhältniss aber zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der

Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass

man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat. Ich lebe auf meinen

eignen Credit hin, es ist vielleicht bloss ein Vorurtheil, dass ich

lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im

Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht

lebe... Unter diesen Umständen giebt es eine Pflicht, gegen die

im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte

revoltirt, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der.

Verwechselt mich vor Allem nicht!

2.

Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich

bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als

tugendhaft verehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu

meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich

zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese

nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese

Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren

und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte,

was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von

mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen,

was es mit thönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für

"Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man

hat die Realität in dem Grade um ihren Werth, ihren Sinn, ihre

Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre

Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und

die Realität... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der

Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten

Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der

umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die

Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.

3.

Wer die Luft meiner Schriften zu athmen weiss, weiss, dass es eine

Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein,

sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis

ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im

Lichte liegen! wie frei man athmet! wie Viel man unter sich fühlt! -

Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das

freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden

und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher

in Bann gethan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche

Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher

moralisirt und idealisirt wurde, sehr anders ansehn als es erwünscht

sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie

ihrer grossen Namen kam für mich an's Licht. - Wie viel Wahrheit

erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer

mehr der eigentliche Werthmesser. Irrthum (- der Glaube an's Ideal

-) ist nicht Blindheit, Irrthum ist Feigheit... Jede Errungenschaft,

jeder Schritt vorwärts in der Erkenntniss folgt aus dem Muth, aus der

Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich... Ich widerlege die

Ideale nicht, ich ziehe bloss Handschuhe vor ihnen an... Nitimur in

vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man

verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. -

4.

Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe

mit ihm der Menschheit das grösste Geschenk gemacht, das ihr bisher

gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende

hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es giebt, das eigentliche

Höhenluft-Buch - die ganze Thatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne

unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichthum

der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den

kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen.

Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von

Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt.

Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen

halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht

erbarmungswürdig Unrecht zu thun. "Die stillsten Worte sind es, welche

den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüssen kommen, lenken die

Welt."

Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss: und indem

sie fallen, reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen

Feigen.

Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun

trinkt ihren Saft und ihr süsses Fleisch! Herbst ist es umher und

reiner Himmel und Nachmittag -

Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird

nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und

Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche

Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu

den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu

sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben... Ist

Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer?... Aber was sagt er doch

selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt?

Genau das Gegentheil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger",

"Welt-Erlöser" und andrer décadent in einem solchen Falle sagen

würde... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders...

Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein!

So will ich es.

Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra! Und besser noch:

schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.

Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, er muss

auch seine Freunde hassen können.

Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler

bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?

Ihr verehrt mich: aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt?

Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!

Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra!

Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen!

Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle

Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.

Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn

ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren...

Friedrich Nietzsche.

Inhalt

Warum ich so weise bin.

Warum ich so klug bin.

Warum ich so gute Bücher schreibe.

Geburt der Tragödie.

Die Unzeitgemässen.

Menschliches, Allzumenschliches.

Morgenröthe.

La gaya scienza.

Also sprach Zarathustra.

Jenseits von Gut und Böse.

Genealogie der Moral.

Götzen-Dämmerung.

Der Fall Wagner.

Warum ich ein Schicksal bin.

Kriegserklärung.

Der Hammer redet

An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube

braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah

rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf

einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr,

ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist

unsterblich. Die Umwerthung aller Werthe, die Dionysos-Dithyramben

und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses

Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem

ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.

Warum ich so weise bin.

1.

Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem

Verhängniss: ich bin, um es in Räthselform auszudrücken, als mein

Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt.

Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten

Sprosse an der Leiter des Lebens, décadent zugleich und Anfang - dies,

wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei

im Verhältniss zum Gesammtprobleme des Lebens, die mich vielleicht

auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine

feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par

excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater

starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und

morbid, wie ein nur zum Vorübergehn bestimmtes Wesen, - eher eine

gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen

Jahre, wo sein Leben abwärts gieng, gieng auch das meine abwärts: im

sechsunddreissigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt

meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor

mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur

nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den

nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in

Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten"

entstand währenddem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf

Schatten... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte

jene Versüssung und Vergeistigung, die mit einer extremen Armuth an

Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröthe" hervor. Die

vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche

das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur

mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem

Excess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner

dreitägiger Gehirn-Schmerz sammt mühseligem Schleimerbrechen mit sich

bringt, - besass ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und

dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen

Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffinirt, nicht kalt genug

bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als

Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall:

im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts,

selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis

heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit

ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut

läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatiren können.

Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte

schliesslich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur

nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung;

kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge

der Gesammterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems.

Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich

annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: so dass mit jeder Zunahme an

Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange,

allzulange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet

leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence.

Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence

erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabirt. Selbst

jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger

für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst

mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk

jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung

selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach

gesünderen Begriffen und Werthen, und wiederum umgekehrt aus der Fülle

und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche

Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung, meine

eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister.

Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven

umzustellen: erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine

"Umwerthung der Werthe" überhaupt möglich ist.

2.

Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen

Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv

gegen die schlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während

der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als

summa summarum war ich gesund, als Winkel, als Specialität war ich

décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung

aus gewohnten Verhältnissen, der Zwang gegen mich, mich nicht mehr

besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verräth die unbedingte

Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that. Ich nahm

mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die

Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man

im Grunde gesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund

werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch

Gesunden kann umgekehrt Kranksein sogar ein energisches Stimulans zum

Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene

lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte das Leben gleichsam neu, mich

selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen

Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machte

aus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie...

Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität

waren es, wo ich aufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der

Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armuth und

Entmuthigung... Und woran erkennt man im Grunde die Wohlgerathenheit!

Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus

einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechend zugleich

ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine

Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er

erräth Heilmittel gegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu

seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er

sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe:

er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist

immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oder

Landschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt,

indem er vertraut. Er reagirt auf alle Art Reize langsam, mit jener

Langsamkeit, die eine lange Vorsicht und ein gewollter Stolz ihm

angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist

fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an "Unglück", noch

an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu

vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen

muss. - Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich

beschrieb eben mich.

3.

Ich betrachte es als ein grosses Vorrecht, einen solchen Vater gehabt

zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem

er einige Jahre am Altenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre

Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit

berühre ich die Frage der Rasse. ich bin ein polnischer Edelmann pur

sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am

wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die

unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine

Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben

wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die

ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen

Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet

eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den

Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann - in meinen höchsten

Augenblicken,... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm

zu wehren... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solche

disharmonia praestabilita... Aber ich bekenne, dass der tiefste

Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher

Gedanke, immer Mutter und Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich

ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben,

um diese vornehmste Rasse, die es auf Erden gab, in dem Masse

instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles,

was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl von Distinktion, -

ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein

Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichen

anerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner

ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig

sage, sage ich, dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste

Mann war... Der Rest ist Schweigen... Alle herrschenden Begriffe über

Verwandtschafts-Grade sind ein physiologischer Widersinn, der nicht

überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem

Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinen Eltern verwandt: es wäre

das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein.

Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiter zurück, auf

sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen.

Die grossen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber

Julius Cäsar könnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte

Dionysos... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die

Post mir einen Dionysos-Kopf...

4.

Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das

verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn

es mir von grossem Werthe schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das

unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man

mag mein Leben hin- und herwenden, man wird darin, jenen Einen Fall

abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen

gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aber etwas zu viel Spuren

von gutem Willen... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen

Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahme zu deren

Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam.

In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler

Pädagogiums Griechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine

Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall

bin ich immer gewachsen; ich muss unvorbereitet sein, um meiner

Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so

verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werden kann

- ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm

etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den

"Instrumenten" selber gehört, dass sie sich noch nie so gehört

hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung

gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsam eingeholter

Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend,

dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch,

der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in

den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in

den Dühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen

Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe

gehoben wird und Flügel bekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die

gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss

über Bayreuth, - aber er wollte mir's nicht glauben... Wenn trotzdem

an mir manche kleine und grosse Missethat verübt worden ist, so war

nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grund davon: eher schon

hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu

beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat.

Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt

hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu

Rath und That bereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als

Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, -

das Mitleiden heisst nur bei décadents eine Tugend. Ich werfe den

Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl

vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden im Handumdrehn

nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich

sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch

in ein grosses Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein

Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung

des Mitleids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als

"Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein grosser

Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte Sünde ihn

überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben,

hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren

und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen

Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe

vielleicht, die ein Zarathustra abzulegen hat - sein eigentlicher

Beweis von Kraft...

5.

Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal

und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich

jedem, der nie unter seines Gleichen lebte und dem der Begriff

"Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche

Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo eine kleine oder sehr

grosse Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede

Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede

"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit

so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie

vielleicht noch ein. Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit

Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden... Man hat nur Etwas

an mir schlimm zu machen, ich "vergelte" es, dessen sei man sicher:

ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank

auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) - oder ihn um Etwas zu

bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es

mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, noch

honnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast

immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein

Einwand, Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten

Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind

dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte die Grobheit nicht unterschätzt

wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und,

inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer ersten Tugenden. -

Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu

haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun

als Unrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen

wäre erst göttlich.

6.

Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment -

wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu

Dank verpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss

es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn

irgend Etwas überhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend

gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche

Heilinstinkt, das ist der Wehr- und Waffen-Instinkt im Menschen mürbe

wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig

zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, - Alles verletzt. Mensch

und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief,

die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine Art

Ressentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein grosses

Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus

ohne Revolte, mit dem sich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu

hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen,

an sich nehmen, in sich hineinnehmen, - überhaupt nicht mehr

reagiren... Die grosse Vernunft dieses Fatalismus, der nicht

immer nur der Muth zum Tode ist, als lebenerhaltend unter

den lebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des

Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf.

Ein paar Schritte weiter in dieser Logik, und man hat den Fakir,

der wochenlang in einem Grabe schläft... Weil man zu schnell sich

verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagirte, reagirt man gar nicht

mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab,

als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafte

Verletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach

der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte

sicherlich die nachtheiligste Art zu reagiren: ein rapider Verbrauch

von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen,

zum Beispiel der Galle in den Magen, ist damit bedingt. Das

Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses:

leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jener tiefe

Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene

bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie

das Christenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von

dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster

Schritt zur Genesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu

Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am

Anfang der Lehre Buddha's - so redet nicht die Moral, so redet die

Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem

schädlicher als dem Schwachen selbst, - im andern Falle, wo eine

reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein

Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums

ist. Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den

Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein

aufgenommen hat - der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein

Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches

Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxis hier gerade an's

Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als

schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war,

verbot ich sie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus",

von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe

unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen, Gesellschaften, nachdem sie

einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es

war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - als

sich gegen sie aufzulehnen... Mich in diesem Fatalismus stören, mich

gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war

es auch jedes Mal tödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum

nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die

grosse Vernunft selbst.

7.

Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch.

Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein

- das setzt vielleicht eine starke Natur voraus, jedenfalls ist es

bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich

sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehört ebenso nothwendig

zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum

Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gut

wie seine Reizbarkeit für fremde Noth. - Die Stärke des Angreifenden

hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes

Wachsthum verräth sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners -

oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch

Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über

Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine

ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen

hat, - über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste

Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann

man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich

sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier

Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich

sind, - ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens:

ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossen finden würde,

wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittire... Ich habe

nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittirte: das

ist mein Kriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie

Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken

Vergrösserungsglases, mit dem man einen allgemeinen, aber

schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen

kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg eines

altersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte

diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer

die Falschheit, die Instinkt-Halbschlächtigkeit unsrer "Cultur",

welche die Raffinirten mit den Reichen, die Späten mit den Grossen

verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an, wo jedwede

Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer

Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis des

Wohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne

aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person

verbinde: für oder wider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem

Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von

dieser Seite aus keine Fatalitäten und Hemmungen erlebt habe, - die

ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein

Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, es dem Einzelnen

nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.

8.

Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen,

der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit

macht? Mir eignet eine vollkommen unheimliche Reizbarkeit des

Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder - was sage ich? -

das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seele physiologisch wahrnehme

- rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner,

mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Hand bekomme: der

viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in

schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir

fast bei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet

habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen

die Vorsicht meines Ekels auch ihrerseits: sie werden damit nicht

wohlriechender... So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme

Lauterkeit gegen mich ist meine Daseins-Voraussetzung, ich komme

um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere

ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einem vollkommen

durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr

mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität besteht

nicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten,

dass ich ihn mitfühle... Meine Humanität ist eine beständige

Selbstüberwindung. - Aber ich habe Einsamkeit nöthig, will sagen,

Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden

Luft... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambus auf die

Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit...

Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. - Wer Augen für Farben hat,

wird ihn diamanten nennen. - Der Ekel am Menschen, am "Gesindel" war

immer meine grösste Gefahr... Will man die Worte hören, in denen

Zarathustra von der Erlösung vom Ekel redet?

Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte

mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen

sitzt?

Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte?

Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust

wiederfände!-

Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born

der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt!

Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den

Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst.

Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig

strömt dir noch mein Herz entgegen:

- mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse,

schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner

Kühle!

Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die

Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und

Sommer-Mittag,

- ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh

kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde!

Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen

wir hier allen Unreinen und ihrem Durste.

Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie

sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner

Reinheit.

Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen

Speise bringen in ihren Schnäbeln!

Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer

würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen.

Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere!

Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern!

Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern,

Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.

Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit

meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.

Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und

solchen Rath räth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit:

hütet euch, gegen den Wind zu speien!...

Warum ich so klug bin.

1.

- Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich

habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich

nicht verschwendet. - Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum

Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen,

in wiefern ich "sündhaft" sein sollte. Insgleichen fehlt mir ein

zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach

dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichts

Achtbares... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich

lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen

grundsätzlich aus der Werthfrage wegzulassen. Man verliert beim

schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man

that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art "böser Blick". Etwas, das

fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug

- das gehört eher schon zu meiner Moral. - "Gott", "Unsterblichkeit

der Seele", "Erlösung", "Jenseits" lauter Begriffe, denen ich keine

Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind

nicht, - ich war vielleicht nie kindlich genug dazu? - Ich kenne den

Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss:

er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu

fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu

lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns

Denker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr

sollt nicht denken!... Ganz anders interessirt mich eine Frage,

an der mehr das "Heil der Menschheit" hängt, als an irgend einer

Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum

Handgebrauch, so formuliren: "wie hast gerade du dich zu ernähren,

um zu deinem Maximum von Kraft, von Virtù im Renaissance-Stile, von

moralinfreier Tugend zu kommen?" - Meine Erfahrungen sind hier so

schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört,

aus diesen Erfahrungen so spät "Vernunft" gelernt zu haben. Nur

die vollkommne Nichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung - ihr

"Idealismus" - erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier

rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese "Bildung", welche von

vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus

problematischen, sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zum

Beispiel der "klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein

verurtheilt wäre, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu

einigen! Mehr noch, es wirkt erheiternd, - man denke sich einmal einen

"klassisch gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu

meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, - moralisch

ausgedrückt "unpersönlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil

der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch

Leipziger Küche, gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's

(1865), sehr ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck

unzureichender Ernährung auch noch den Magen verderben - dies Problem

schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen.

(Man sagt, 1866 habe darin eine Wendung hervorgebracht -.) Aber die

deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen!

Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in Venetianischen Kochbüchern des 16.

Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die

fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise

zum Briefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen

Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen

dazu, so versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes - aus

betrübten Eingeweiden... Der deutsche Geist ist eine Indigestion,

er wird mit Nichts fertig. - Aber auch die englische Diät, die, im

Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art

"Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignen

Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere

Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse... Die beste Küche ist die

Piemont's. - Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier

des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu

machen, - in München leben meine Antipoden. Gesetzt, dass ich dies

ein wenig spät begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen

an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchen anfangs

nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung.

Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein

mit schuld ist. Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich

Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität

ist. Seltsam genug, bei dieser extremen Verstimmbarkeit durch kleine,

stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es

sich um starke Dosen handelt. Schon als Knabe hatte ich hierin meine

Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache

niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit dem Ehrgeiz in

der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit

nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zu

giessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta

war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch

vielleicht auch zu der des Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen

Schulpforta... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich

mich freilich immer strenger gegen jedwedes "geistige" Getränk: ich,

ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner,

der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genug die unbedingte

Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen.

Wasser thut's... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat,

aus fliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines

Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass

ich auch hier wieder über den Begriff "Wahrheit" mit aller Welt

uneins bin: - bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar

Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeit ist leichter

zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in

Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man

muss die Grösse seines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind

jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne

Opferfeste nenne, die an der table d'hôte. - Keine Zwischenmahlzeiten,

keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber

energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tag ankränkelnd, wenn

er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft

zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehr agaçanten

Klima ist Thee als Anfang unräthlich: man soll eine Stunde vorher eine

Tasse dicken entölten Cacao's den Anfang machen lassen. - So wenig als

möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien

geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln

ein Fest feiern. Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das

Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider

den heiligen Geist.

2.

Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort

und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer grosse

Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat

hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den

Stoffwechsel, seine Hemmung, seine Beschleunigung, geht so weit, dass

ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe

entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthalten kann: er

bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie gross genug

bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit

erreicht wird, wo jemand erkennt: das kann ich allein... Eine zur

schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit

genügt vollständig, um aus einem Genie etwas Mittelmässiges, etwas

"Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend,

um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zu entmuthigen.

Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur

Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist"

selbst ist ja nur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die

Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz,

Raffinement, Bosheit zum Glück gehörten, wo das Genie fast nothwendig

sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft.

Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen - diese Namen beweisen

Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel,

- das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit,

grosse, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen.

Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter

Geist bloss durch Mangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng,

verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte

zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt, dass mich nicht die

Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der

Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen und

meteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr

feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise

schon, etwa von Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der

Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit

Schrecken an die unheimliche Tatsache, dass mein Leben bis auf die

letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in

falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielt hat. Naumburg,

Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel - ebenso viele

Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner

ganzen Kindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre

es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen geltend

zu machen, - etwa den unbestreitbaren Mangel an zureichender

Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand,

ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zu sein. Sondern die

Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist das

eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dumme

darin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine

Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses

"Idealismus" erkläre ich mir alle Fehlgriffe, alle grossen

Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines

Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warum zum Mindesten

nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner

Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilung

eingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher

Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften,

ohne ein Nachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede

feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es

war ein Sich-gleichsetzen mit Irgendwem, eine "Selbstlosigkeit", ein

Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als

ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Ende war, wurde

ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens - den

"Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft. -

3.

Ecce homo, Wie man wird, was man ist · 第 1 / 8 段