Kreidezeichnung. Florenz, Uffizien.]

Die Formenschrift dieses Blattes muß fest im Auge behalten werden,

um den Hauptstock angeblicher Zeichnungen Verrocchios als Arbeit

eines bestimmten Schülers aus dem Werke des Meisters ein für alle Mal

auszuschalten. Die fünfundzwanzig Blatt Federzeichnungen, die jetzt

in Paris (12), Chantilly (8), Dijon (1), London (2), Berlin (1) und

Hamburg (1) zerstreut sind, bildeten einst, wie Maße, Art des Papiers

und Wasserzeichen andeuten, ein Konvolut, das sog. Skizzenbuch des

Verrocchio. Die überwiegende Anzahl der vormals in Paris angesammelten

Blätter legt die Vermutung nahe, daß sich das Ganze, leider an den

Rändern beschnitten, einst in französischem Privatbesitz befand und

erst im neunzehnten Jahrhundert auseinander genommen und versprengt

wurde.

Die Blätter sind beiderseits mit Federzeichnungen bedeckt und

enthalten außerdem zahlreiche Briefentwürfe und ~ricordi~. Die

dargestellten Gegenstände wechseln in größter Mannigfaltigkeit

ab. Durchgehende Kompositionsideen tauchen auf: eine Grabkapelle,

ein immer neugewandeltes Madonnenmotiv, sitzend mit dem Kinde auf

dem Schoß, anbetend vor dem Jesusknaben, thronend von einem Engel

verehrt, eine Auferstehung Christi, Heiligenfiguren, einzeln und

zu Gruppen vereinigt; dann wieder Reiter- und Pferdestudien, junge

Stutzer im modischen Kostüm mit Hunden an der Koppel, zwei Faßbinder,

ein Wappenschild und nackte Putten. Manches erinnert an bestimmte

Vorbilder: ein Aktstudium nach Verrocchios David, eines der Pferde nach

dem antiken Viergespann auf dem Dach von San Marco zu Venedig, ein

Herkules mit dem Löwenfell nach Antonio del Pollajuolo, ein Seekentaur

mit einem Weibe nach Riccio. Sollte Verrocchio sich selbst und andere

kopiert haben? Sieht man näher zu, so erstaunt man über die grobe

und unsichere Hand, die hier die Feder geführt hat. Und abermals:

das sollte Verrocchio gezeichnet haben, noch dazu kurz vor seinem

Tode, wie das gelegentlich notierte Datum 1487 und die Reminiscenzen

an venezianische Kunstwerke beweisen? Kein Zweifel, daß wir einen

zeichnenden Bildhauer vor uns sehen, aber dieser in den grundlegenden

Körperverhältnissen unsicher Tastende ist nimmermehr der formgewandte

Meister des Louvreblattes.

[Illustration: Abb. 72. +Aufwärts blickender Engelskopf.+

Kreidezeichnung.

Verrocchio · 第 64 / 68 题