Vasari rühmt „einige Frauenköpfe mit schönem Ausdruck und reicher
Haartracht, die, ihrer Schönheit wegen, Leonardo da Vinci immer
nachahmte“. Wer möchte daran zweifeln, daß wir in der Londoner
Zeichnung einen dieser Köpfe besitzen? Denn gerade der Haarputz hat den
Künstler hier besonders beschäftigt.
Die Freude an allerhand modischem Zierat, die sich in Florenz seit
der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts beobachten läßt, erstreckte
sich auch auf die Haartracht. Das Haar, um den Reiz der damals
geschätzten hohen Frauenstirn zu steigern, wird scharf aus dem Gesicht
gekämmt, hinter die Ohren gestrichen und, mannigfach verflochten und
verschnürt, auf dem Hinterkopf in ein seidenes Mützchen gesteckt,
dessen Zipfel die Ohren bedecken. So schauen fast alle die schönen
Florentinerinnen aus, die Domenico Veneziano gemalt hat oder die in
den sog. Desideriobüsten erhalten sind. Das ganze Gesicht bleibt von
jedem Haarschmuck frei, sogar die Augenbrauen und die Wimpern werden
rasiert und mit Pincetten herausgerissen. Die ganze Masse des Haares
dient als Schmuck ausschließlich des Hinterkopfes. Um 1470 ändert sich
diese Mode. Das Mützchen gibt die Haare an den Schläfen frei, die nun
zierlich in Locken aufgesteckt oder in losen Strähnen herabhängend die
Ohren bedecken.
[Illustration: Abb. 70. Lorenzo di Credi. +Mädchenbildnis.+
Berlin, Königl. Museen. Gemäldegalerie.
(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]
So trägt die Frau auf der Zeichnung in London das Haar. Die Zöpfe,
ineinander verschlungen und verknotet, sind mit ihren feinen, dünnen
Enden auf der Höhe des Scheitels gesammelt und dort von einer Agraffe
zusammengehalten; über die Schläfen und die Ohren fallen sie locker und
wellig auf die Schultern herab. Kein Wunder, daß Leonardo derartiges
zum Vorbild nahm. Wir hören, wie er die Frisur wissenschaftlich zu
ergründen suchte. Aus den Strudeln, die ein Wasser mit starkem Gefälle
um eingerammte Pflöcke bildet, entnahm seine Phantasie Anregung
zu neuen Haartrachten. Durch Analogieschluß erkannte Leonardo die
Gesetze, nach denen sich die Haare ordnen ließen; sind doch auch die
sprachlichen Bezeichnungen alle von den Eigenschaften des Wassers
herübergenommen.
So weit ging Verrocchio nicht; aber man sieht ihn auch hier als
Vorläufer und Bahnbrecher, wenn auch nicht als Pfadfinder. Und noch
ein zweites bewunderte Leonardo an diesen Köpfen: die Schönheit des
Ausdrucks. Die Formen sind nicht schlank noch fein; das zart Nervöse
leonardesker Schönheiten wird man vergebens suchen. Sie besitzen eine
gesunde Frische. Aber wie auf jenem Engelskopf der Uffizien klingt die
Melodie dieser Seele leis und gedämpft. Etwas Verschleiertes liegt
über diesem Frauenwesen. Das Träumerische, das so rührend aus den
niedergeschlagenen Augen blickt, der Adel reiner Weiblichkeit, der
von dieser Stirn glänzt -- das nahm Leonardo gefangen. Er, der selbst
aus vornehmer Familie stammte, fühlte sich hier von verwandtem Geiste
angesprochen. Und nie mehr hat ihn die Erinnerung an solche Gestalten
seines Lehrers verlassen. In einigen seiner frühen Madonnen wirkt sie
mit besonderer Lebhaftigkeit nach.
Die eingehende Sorgfalt, die Verrocchio auf das Studium des
Kinderkörpers verwandte, bestätigt ein beiderseits benutztes Blatt
im Louvre, das von Morelli zu verdienten Ehren gebracht worden ist.
Es zeigt auf beiden Seiten rasche Federzeichnungen von nackten Knaben
jugendlichsten Alters in den verschiedensten Stellungen. Stehend,
sitzend, liegend, laufend, von vorn, von rückwärts mit heraufgezogenem
Bein, mit erhobenem Arm -- immer aufs neue müht sich der Meister seinem
rundlichen, lockigen Modell gegenüber, das wir schon im Fischmännchen
und im Jesusknaben der Terracottamadonna kennen lernten. Es sind
schnell erhaschte Motive, wie es die Unruhe der Kleinen notwendig
machte, nur Bewegungsnotizen, ~notations du geste enfantin~. Namentlich
die durch das angezogene Bein in der Vorderansicht entstehenden
Verkürzungen beschäftigen den sorgsamen Meister. Alles ist nur flüchtig
angedeutet; der Strich von ungleicher Stärke, bald kräftig und dick,
bald zart und leicht, bald voll spielender Anmut, bald zitterig wie in
nervöser Hast. Immer aber behauptet sich die Herrschaft über die Form.
Auf der Rückseite (Abb. 74) hat ein Zeitgenosse in etwas holperigen
Hexametern einen Lobspruch auf den Meister „Varochius“ gedichtet,
wodurch die Zeichnung überflüssigerweise auch noch dokumentarisch
gesichert erscheint.
[Illustration: Abb. 71. +Abwärts blickender Engelskopf.+