London, National Gallery.]

Die getragene Feierlichkeit der Auffassung, die von keinem Schema

eingeengte Komposition, auch der Reiz der drunten liegenden Landschaft

machen immer wieder ihren Zauber geltend, wenn es sich um die

künstlerische Bewertung der Tafel handelt. Unsere stilkritischen

Erörterungen werden zur Genüge dargethan haben, inwieweit diese Wirkung

mit Verrocchios Ruhm verknüpft werden darf. Botticini ist nie mehr ein

solches Werk gelungen. Von ihm selbst haben wir eine ziemlich schwache,

einst für die Badia zu Florenz bestimmte Replik der Mittelgruppe

(Florenz, Akademie); eine zweite, ungenauere und flüchtigere, auch in

kleinerem Maßstab gehaltene besitzt die Sammlung Morelli zu Bergamo.

Der Tobias in London (National Gallery Nr. 781, Abb. 68) rührt

ersichtlich von derselben Hand her, wie die dort befindliche Madonna

mit Engeln (Abb. 66). Auch für diese und alle davon abhängigen Bilder

kommt Botticini in Betracht; diese Schärfe und Härte einerseits, diese

Süßlichkeit andererseits darf man bei Verrocchio nicht suchen. Von der

Berühmtheit der Tafel bringt schließlich der Stich in Paris (Abb. 69)

Kunde, von dem nur der rechte Teil mit dem hl. Gabriel sich erhalten

hat, der aber sicher die ganze Komposition reproduzierte, wie das von

Tobias hineinschneidende Mantelendchen beweist. Sein Autor, der Gruppe

der Baldinistecher zugehörig, führt den Namen des Meisters der feinen

Manier.

Der Kreis der Malereien, die mit Verrocchio im Zusammenhang stehen,

ist damit noch nicht geschlossen, doch steht das, dessen Betrachtung

etwa noch übrig bliebe, in zu losem Zusammenhang mit der eigenen

meisterlichen Hand, um hier weiteren Raum in Anspruch zu nehmen. Dem

Gegenstande nach fallen darunter am meisten ein paar Frauenköpfe in

Berlin und in Wien auf. Aus dem Memorandum des Tommaso erfahren wir,

daß Andrea für Lorenzo de’ Medici das Bildnis der Lucrezia de’ Donati

gemalt habe, der zu Ehren Lorenzo 1469 das von Pulci besungene Turnier

veranstaltete. Das Berliner Bildnis (Abb. 70) mit der ebenso drohenden

wie verlockenden Inschrift: „Rühr mich nicht an“ auf der Vorderseite

und der hoffnungslosen Liebesklage auf der Rückseite: „Kaum ich’s

besessen, mußt’ ich’s auch beweinen“ bietet sich allerdings zu der

Vermutung an, hier sei Lorenzos Geliebte von Verrocchios Hand gemalt

erhalten. Ein zarter Liebesroman scheint sich von einem Spruch zum

anderen herüberzuweben. Aber das Gemälde selbst trägt, wie ich meine,

so deutlich alle Spuren der jugendlichen Hand des Lorenzo di Credi,

die mit der glatten Technik eines Emailmalers wetteifert, daß sich

die Phantasie von dem schmachtenden und gequälten Pärchen darüber

verflüchtigen muß. Nicht minder halte ich das Wiener Frauenbildnis beim

Fürsten Liechtenstein (Abb. 20) für das Werk eines Verrocchio-Schülers

und zwar keines geringeren als des Leonardo da Vinci (vgl. auch S. 46).

[Illustration: Abb. 67. +Die Reise des Tobias.+ Florenz, Akademie.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

* * * * *

Die ansehnliche Masse angeblicher Zeichnungen des Meisters steht leider

in umgekehrtem Verhältnis zu der Anzahl der eigenhändig ausgeführten

Blätter. Man darf diese zu den größten Seltenheiten rechnen, wie

sie auch künstlerisch den ersten Platz nach den unerreichbaren

Handzeichnungen des Leonardo einnehmen. Wer etwa in ihnen sogenannte

Bildhauerzeichnungen, flüchtig nur die großen Linien einer Komposition

festlegende Umrisse vermutet, wird erstaunt sein über die ungemessene

Sorgfalt, die eingehende Durcharbeitung, den bei allem Schwung der

Empfindung sauberen Strich. Zwar fehlt es auch nicht an schnellen

Notizen eines Bewegungsmotives, aber dann zieht die Feder die selben

zarten und bestimmten Linien, die in den ausgeführten Studienblättern

der Kohlestift hinmalt. Leider sind gerade einige der schönsten

Zeichnungen von unerfahrener späterer Hand übergangen worden, so daß

viele Feinheiten für immer verloren sind, und nur für den einsichtsvoll

Prüfenden noch der Schimmer einstiger Schönheit aufglänzt.

[Illustration: Abb. 68. +Die Reise des Tobias.+ London, National

Gallery.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Derartige Verunstaltungen trüben den Eindruck jener Kreidezeichnung

in den Uffizien mit dem abwärts blickenden Engelskopf, von dem die

Forschung auszugehen hat (Abb. 71). Ein Riß durch die linke Seite, ein

zugeflicktes Loch auf der Wange, grobe Schraffierungen, unverstandene

Hinzufügung der Augenwimpern, schwerfälliges Nachziehen der leicht

und frei vom Scheitel herab sich kräuselnden Locken, die Durchlochung

der Umrisse zum Zweck der Pause -- alle diese Unbilden von späterer

Hand schädigen wohl das Blatt aufs empfindlichste, haben aber doch

nicht an den Zauber rühren können, der geheimnisvoll und schwer in

Worten zu deuten über den Formen dieses Knabenkopfes liegt. Alles

hier ist Liebreiz und Unschuld: der halb über dem biegsamen Nacken

geneigte Lockenkopf, die niedergeschlagenen Augen, die hohe reine

Stirn, der schön bewegte Mund. Eigentümlich rührend wirkt dies noch

nicht entfaltete Leben, diese noch geschlossene Seelenknospe. Ein

warmer Sonnenstrahl, ein erster Triumph, ein Bewußtwerden verborgener

Lebenskraft -- und das Lächeln des jungen David blitzt auch über

diese noch traumumfangenen Kinderzüge. Der anschmiegenden Weichheit

des Haares auf dem Scheitel, seinem zierlichen Gekräusel um Kopf

und Nacken, dem schön geschwungenen Rund der Augenknochen, den

zarten Formen des Stumpfnäschens, dem falterhaft über das breit

angelegte Gesicht hin- und herschwankenden Lichterspiel mit seinen

durchleuchteten Schatten folgt das Auge mit Entzücken.

Es liegt verlockend nah, in diesem Kopf eine Studie zu dem einen der

beiden knieenden Engel auf dem Bilde mit der Taufe Christi erkennen zu

wollen, um so mehr als die Zeichnung die Löcher der Pause trägt. Aber

abgesehen davon, daß diese Durchlochung roh und ungeschickt ist und

daher keinesfalls von Verrocchio vorgenommen wurde, bleibt auch die

Ähnlichkeit zwischen Zeichnung und Bild beschränkt.

Verwandt, aber weniger bestimmt in der Formengebung und schon ans

Süßliche streifend ist ein aufwärts blickender ähnlicher Kopf im Besitz

von Herrn A. von Beckerath in Berlin (Abb. 72). In der Auffassung und

Formengebung zeigt er nahe Beziehung zu dem Engel auf der Madonna

in London (Abb. 66), die noch verstärkt wird dadurch, daß auf der

Rückseite des Blattes, leider dicht unter dem Mund abgeschnitten, die

Studie zum Kopf des Engels auf der Gegenseite des gleichen Bildes

erhalten ist.

Ein großer weiblicher Kopf, der mit der Malcolm Collection in das

Britische Museum zu London gekommen ist, erinnert in allen Eigenheiten

so auffällig an den Engelskopf der Uffizien, daß zweifelsohne auch in

ihm eine Zeichnung Verrocchios vor uns liegt (Abb. 73). Und zwar seine

schönste, wie man wohl hinzusetzen darf. Dieselbe Technik -- schwarze

Kreide auf weißem, leicht geripptem Papier -- das gleiche breite Oval

mit der hohen Stirn, die gleiche Neigung des Kopfes mit den gesenkten

Lidern, der gleiche, noch traumhaft verschlossene Liebreiz im Ausdruck.

Leider auch die gleiche Erhaltung mit rohen Überarbeitungen. Die

Haare sind übergangen, die Umrisse verstärkt, die Schatten teilweise

geschwärzt.

[Illustration: Abb. 69. Meister der sogenannten feinen Manier.

+Gabriel.+

Verrocchio · 第 62 / 68 题