San Domenico bei Fiesole.]

Mit dem Schatz an Formkenntnissen, den wir aus der eingehenden

Betrachtung der Skulpturen Verrocchios gewonnen haben, läßt sich

ein Rückschluß auf die Entstehungszeit dieser Tafel wagen. Die

namentlich im Nackten noch etwas unfreie Nachbildung der Natur und

die Faltengebung, die vom Reichtum und Schwung der Thomasgruppe noch

entfernt ist, erlauben auf eine frühe Entstehung zu schließen. Vieles

gemahnt noch an den Bronze-David. Wenn ich die Jahre um 1470 zur

Diskussion stelle, so befinde ich mich in Einklang mit Vasaris Angaben

über Leonardos Mitarbeiterschaft. Sehr früh, bald nach 1465, ist

Leonardo in die Werkstatt des Verrocchio gekommen; schon 1472 steht er

als selbständiger Meister in der Zunftliste. Als solcher wird er kaum

mehr Werke seines Lehrherrn vollendet haben.

Ernste und gehaltene Feierlichkeit kennzeichnen die Grundstimmung des

Werkes. Die Landschaft mit ihrem verschleierten Glanz trägt allerdings

wesentlich zur Erhöhung dieser Stimmung bei. Sie aber darf nicht zu

Rückschlüssen auf den Landschafter Verrocchio mißbraucht werden,

der sich auf diesem Bilde nur sehr bescheiden ausgesprochen hat.

Den Vorgängern gegenüber, die den gleichen Stoff dargestellt haben,

einem Baldovinetti, Fra Angelico, selbst dem Piero della Francesca,

behauptet sich Verrocchio als Neuerer, nicht in der traditionellen

Stellung der Figuren zu einander, sondern vielmehr in der Freiheit der

Bewegung und der Raumillusion durch Aufgeben der steifen Profil- und

Facestellungen. In dieser Hinsicht auf kein Vorbild zurückführbar,

hat Verrocchios Taufe andererseits eifrig Schule gemacht wie das

Altarbild des Lorenzo di Credi in San Domenico bei Fiesole (Abb. 62)

und Ghirlandaios Fresko in S. Andrea zu Brozzi bei Florenz beweisen.

Eine zweite Tafel, die Vasari als besonders gelungen im Besitz der

Nonnen von San Domenico in Florenz erwähnt, wird in einer nach

mannigfachen Wanderungen jetzt zu Budapest in der Nationalgalerie

aufbewahrten thronenden Madonna mit Heiligen und Engeln erkannt.

Das Gemälde zeigt bei mangelhafter Erhaltung durchaus verrocchieske

Formengebung, aber keineswegs die Sorgfalt und die Empfindung, die von

eigenhändigen Werken des Meisters der Taufe Christi untrennbar sind.

Mit einigen, kompositionell aufs engste verwandten Bildern gehört

es seiner ziemlich groben Ausführung nach nur der Werkstatt unseres

Meisters an.

Besonders fruchtbar gestaltet sich, der jüngsten Forschung zufolge,

die Thätigkeit des Meisters als Madonnenmaler. Doch bleibt von den

vielen, ihm zugeschobenen Madonnenbildern nur eines übrig, das sich

eigenhändiger Ausführung rühmen darf. Noch immer nicht wird die Madonna

in Berlin (Abb. 63), ein Bild, das einst im Mittelpunkte des lauten

Streites über den Künstler Verrocchio stand, gebührend wertgeschätzt

weder seiner eminenten kunstgeschichtlichen Bedeutung, noch seinen

künstlerischen Vorzügen entsprechend. Und doch lehrt keine andere

Tafel, nicht einmal die Taufe Christi, so bis in die Nerven den Maler

Verrocchio kennen als dieses mit beißendem Hohn und mitleidigem Spott

überschüttete Bild.

Maria, bis zu den Knieen sichtbar, sitzt in felsiger Landschaft mit dem

Kinde auf dem Schoß, das die Ärmchen der Mutter entgegenstreckt. Dies

Motiv ist schon von den plastischen Madonnen des Meisters her bekannt;

nur ist das Kind hier auf dem Schoße der Mutter sitzend und unruhiger

bewegt dargestellt. Im Kopf der Madonna finden wir alle Merkmale

verrocchiesker Formengebung, auch das anmutig sich von den feinen

Mundwinkeln her verbreitende Lächeln wird nicht vermißt. Das Christkind

in seiner drallen Fülle ist dem Fischmännchen stammverwandt. Mit dem

Reichtum seiner Überschneidungen und der Kühnheit seiner Verkürzungen

legt dieser Kinderkörper von einer ebenso kundigen wie sorgfältigen

Meisterhand Zeugnis ab.

Wenn trotzdem der erste Eindruck der Malerei kein unbedingt

bestechender ist, so liegt es, ähnlich wie bei der Taufe Christi, an

dem Zustand der Erhaltung. Das gelbliche Incarnat mit den schweren

braunen Schatten stört. Wiederum heißt es, das Gemälde sei unvollendet.

Indessen meine ich, daß ebenfalls hier die Lasuren abgerieben seien und

nun die braune Untermalung in den Fleischpartien zu Tage trete. Denn

die Einzelheiten sind höchst fein, zierlich sauber: das feinmaschige

Gewebe des bis unter die Füße des Kindes herabhängenden Schleiers,

die Säume am kirschroten Gewand, das Muster auf den Brokatärmeln mit

den verschnürten Senkeln, das Ornament auf der schweren Holzscheibe,

die den Heiligenschein der Maria bildet. In alle dem verrät sich der

Kunsthandwerker.

Die hellen, metallisch glänzenden Farben weisen auf die Taufe Christi.

Alles ist hell und kühl wie auf den Bildern der Pollajuoli gehalten.

Das gleiche kalte Lichtblau des Mantelfutters hier wie dort, dasselbe

orientalisch-bunte Tuch, das hier dem Kinde um den Leib gewunden ist,

dient dort dem Täufling als Lendentuch.

Ein schwerer ästhetischer Vorwurf haftet an den Händen der Berliner

Madonna „mit den häßlichen Nägeln“. Doch sind es genau dieselben kurz

geschnittenen, schwarz umränderten Nägel, die man auch bei Botticelli

und den Pollajuoli anstandslos hinzunehmen gewohnt ist. Die Nagelpflege

ist eine im Quattrocento noch unbekannte Toilettenkunst. Im übrigen

zeigt die in ihrer ganzen Ausdehnung allein sichtbare linke Hand der

Madonna alle Merkmale des Meisters: das sichere Zugreifen, den mit

plastischer Schärfe erfaßten Umriß, das fein modellierte Handgelenk,

die Hautfalten am hochgebogenen Daumenglied und das Grübchen zwischen

dem vierten und fünften Finger. Diese Hand hat die Schule nicht oft

genug wiederholen können, sie findet man auch noch auf der Anbetung der

Könige von Leonardo in den Uffizien.

[Illustration: Abb. 63. +Maria mit dem Kinde.+ Berlin, Königl. Museen.

Gemäldegalerie.]

Die Landschaft verwendet Elemente, die auf der Taufe Christi sich

wiederholen. Der Felsblock dort ist von der rechten auf die linke

Seite gerückt, und das Stückchen bergigen Landes mit dem buschartigen

Baumwuchs, das unter dem erhobenen Arm des Täufers erscheint, wird

selbst mit der Einzelheit des hornförmig ausgezackten Berges auch

auf der Madonna wiedererkannt. Doch muß man sich frei machen von dem

Vorurteil, in Verrocchio den Stimmungsdichter der Landschaft zu sehen,

der erst mit Leonardo aufgetreten ist. Die Landschaft hat nur sekundäre

Bedeutung in der Kunst unseres Meisters. Es fällt ihm nicht ein, etwa

durch Staffage das Interesse an dem Landschaftlichen zu steigern.

Sie soll nur den Hintergrund beleben. Bei näherem Zusehen merkt man

allerdings, wie wahr Verrocchio auch im Nebensächlichen bleibt.

Weich und luftig hält er die Ferne, den Umriß läßt er in der Luft

verflimmern, in jener strahlenden italienischen Luft, die unbestimmte

Formen nicht duldet; plastisch und bestimmt wird er nach dem

Vordergrunde zu, und doch tritt da noch alles diskret zurück gegen das

starke Relief des Figürlichen, das sich ungeschmälert behauptet. Nur

für das zarte Ineinandergleiten der Gründe fehlt ihm die Nüancierung

der Farbe und mithin auch wohl die Reife der Beobachtung. Mit dem

Herzen ist er bei der neuen Landschafter-Richtung, die mit dem unwahr

übereinander gebauten Kulissensystem aus dem Trecento gebrochen hat.

Seine Eigenart bewahrt ihn indessen davor, die stereotyp wiederkehrende

Arnoebene auch seinerseits für sich zu entdecken und sie mit der Treue

des Porträtisten zu konterfeien.

[Illustration: Abb. 64. +Maria mit dem Kinde.+ Frankfurt a. M.,

Sammlung des Herrn H. von Mumm.]

Im Motiv geht das Gemälde auf Fra Filippos sogenanntes Vierfigurenbild

in den Uffizien zurück. Gleichwohl hielt sich Verrocchio von jeder

unfreien Nachahmung fern. Seinen Madonnentypus hat er ebenfalls aus

dem des Frate entwickelt. Die Längen- und Breitenverhältnisse der

Köpfe zeigen auffällige Verwandtschaft bei den beiden Malern. Auch

Nebensächlichkeiten sind aus der sehr weltlich angehauchten Kunst des

Dominikaners von Verrocchio übernommen worden: die fast gekünstelte

Anordnung des Schleiertuches mit der hornartigen Verzierung, die

Vorliebe für Schmuck und Edelsteine. Ihn deswegen zu einem Schüler

des Fra Filippo zu machen, geht nicht an, weil seine malerische

Ausdrucksweise, seine Technik völlig von der des alten Lippi

verschieden ist. Soll ein Lehrmeister in der Malerei für Verrocchio

namhaft gemacht werden, so wüßte ich keinen besseren als Alesso

Baldovinetti vorzuschlagen, den gewiegten Experimentator, bei dem auch

die Pollajuoli in die Schule gegangen sind. Damit würde sich denn der

Starrsinn erklären, mit dem eine gewisse Gruppe von Kunsthistorikern

vor allen Gemälden unseres Meisters und seiner Schule sich noch

immer auf den Namen Pollajuolo steift. Damit wäre auch das gerade in

der Werkstatt Verrocchios beliebte Motiv der thronenden Madonna mit

Heiligen vor baumüberragten Schranken (vgl. die Abb. 2, 75) auf seinen

wahren Ursprung zurückgeführt.

Eine ganze Gruppe von Madonnenbildern rückt in die unmittelbare Nähe

dieses Originalwerkes. Am genauesten nimmt das Motiv eine Madonna auf,

die Herr von Mumm in Frankfurt a. M. besitzt (Abb. 64). Drei andere

Tafelbilder in Berlin (Abb. 65), in London bei Mr. Butler und im

Städelschen Institut zu Frankfurt a. M. lehnen sich in der Komposition

eher an die Marmormadonna des Bargello an. Die abgesonderte Stellung,

die wir (S. 54) dem Madonnenrelief des Mr. Shaw zuwiesen, nimmt unter

den malerischen Arbeiten die Madonna mit den Engeln in London ein

(National Gallery Nr. 296, Abb. 66). Alle diese Gemälde zeichnen sich

durch gewissenhafte, fast pedantische Sauberkeit der Technik aus; ihre

Schwäche besteht im Seelischen. Sie haben etwas Starres im Ausdruck,

wie auch ihre Falten und ihr Kontur an metallische Härte streifen.

Man pflegt diese Madonnenbilder neuerdings dem Francesco Botticini

zuzuteilen, einem sorgfältig ausführenden, aber wenig eigenartigen

Meister, der, ohne unmittelbar Gehilfe des Verrocchio zu sein, ganz

unter dem Eindruck der Arbeiten Verrocchios steht.

Botticini gehört nun auch das schöne Altarbild in der Akademie zu

Florenz an, auf dem die Erzengel den kleinen Tobias mit dem sonderbaren

Augenbalsam zum kranken Vater heimgeleiten (Abb. 67). Das Bild für die

Kapelle des Gino Capponi in St. Spirito zu Florenz gemalt, trägt schon

seit dem sechzehnten Jahrhundert den geläufigeren Namen Botticelli;

man begreift, wie leicht die Verwechslung stattfinden konnte. Weniger

begreiflich ist, wie sich diese freie, großartig feierliche Komposition

bei einem Meister vorfindet, der nirgends sonst über die Tradition und

über eine ängstliche Symmetrie hinausgekommen ist. Wir werden dies

nur dahin erklären können, indem wir an Verrocchios geistigem Anteil

festhalten und nur die malerische Ausführung Botticini zukommen lassen.

„Die Wanderung des jungen Tobias mit einem Engel oder auch mit dreien

ist vorherrschend, wenn auch nicht ausschließlich für das Haus gemalt

worden als Empfehlung eines bestimmten Jünglings in den himmlischen

Schutz“ (Burckhardt). Vielleicht darf man auf unserem Bilde an den

kleinen Alessandro Capponi denken, den letztgeborenen der zehn Kinder

des Gino und der Maddalena, der schon in jungen Jahren nach Lyon ging,

um dort die kaufmännischen Interessen der Familie zu vertreten. Da

stellten sie denn daheim in der Familienkapelle sein Bild auf, wie er

unter dem Geleit der Erzengel auf den rauhen Pfaden der Fremde des

Weges schreitet.

[Illustration: Abb. 65. +Maria mit dem Kinde.+ Berlin, Königl. Museen.

Gemäldegalerie.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Der Vorwurf bot alles, was das Herz eines Malers aus der zweiten

Hälfte des Quattrocento erfreuen konnte. Lauter junge, anmutige

Gestalten. Die Bewegung leicht und lebhaft, die seelische Verknüpfung

zart und innig, die Gewänder mannigfaltig und reich, die Landschaft

lockend. Nicht ganz ist dieser Reichtum von der Kunst des Malers

erschöpft worden. Geschickt wechselt die paarweise Ähnlichkeit der

männlichen Typen im Michael und im Tobias und der weiblichen bei

Raphael und Gabriel ab; aber die Anmut ihrer Gesichter hat etwas

Befangenes, Unfreies. Die Hände, in denen so viel eingehendes Studium

verrocchioscher Formengebung sich offenbart, wiederholen sich mehrfach

in ihren Stellungen; ein Pentiment an den Händen der Mittelgruppe

zeigt, wie sich der Maler abgemüht hat, das leichte Ineinandergreifen

des Engels und des noch scheuen Knaben auszudrücken. So frisch und

lebhaft die beiden himmlischen Flügelmänner vorwärts drängen, in der

Mittelgruppe stockt die Bewegung; es ist, als hinderten die sich

zwischen seinen Beinen stauchenden Falten den Erzengel am Ausschreiten.

Das Stoffliche ist mit höchster Sorgfalt behandelt und mit jener hellen

Freude am Bunten, Glänzenden und Prunkenden, das den Kostümbildern

des ausgehenden Quattrocento in besonderem Maße zu eigen ist. Die

Faltengebung darf ein Muster des von L. B. Alberti ausdrücklich

anempfohlenen „bewegten Beiwerkes“ genannt werden. Für das unruhig

zurückflatternde Gewand des Gabriel scheint die einst in den Gärten der

Medici befindliche, jetzt im ersten Korridor der Uffizien aufgestellte

antike Pomona (Nr. 75) die Motive hergegeben zu haben. Mit hingebender

Liebe sind die Glanzlichter und Spiegelungen auf den blanken Wänden

der Rüstung studiert; die Faust mit dem gewaltigen, aus purpursamtener

Scheide gezogenen Schwert spiegelt sich in dem Brustpanzer wie auch

die Finger auf der blanken Kugel widerglänzen, die sie so zierlich

halten. Alle Säume, Halskrausen, Bänder, Verschnürungen, Schnallen und

Schlösser bekunden die Hand, die Gefallen am Zierlichen findet; auch

die ornamentiert gepunkteten Heiligenscheine weisen darauf hin. Das ist

nicht Verrocchio selbst, steht aber in allerengster Beziehung zu ihm,

genau so wie der scharfe Umriß mit dem feinen Lichtrande, die in ihrer

Starrheit an die Allongeperücke erinnernde Lockenpracht, die Spreizung

des kleinen Fingers und viele andere Einzelheiten unaufhörlich an

ihn erinnern. Vollends aber verrät sich Francesco Botticini in der

Landschaft mit ihrem stimmungsvollen Tiefblick auf die Flußebene. Sie

gleicht genau der Thallandschaft auf der großen Krönung der Maria

in London (Nr. 1126), dem sogenannten Matteo Palmieri-Bilde, das,

infolge einer ähnlichen Namensverwechslung wie unser Tobiasbild, Sandro

Botticelli zugeschrieben wurde. In dieser Landschaft lebt Baldovinettis

Vorbild fort, dem Verrocchio in den zweifellos ihm zugehörigen Werken

weit selbständiger gegenüber steht. Die Blumen und Stauden, die auf dem

felsigen Pfad wachsen, sind mit leonardesker Naturtreue beobachtet.

Die Eidechse links auf dem Gestein darf sich dieses Vorzuges weniger

rühmen. Völlig mißglückt ist der zottige Köter, ein schnöder Nachkomme

des „Hündleins“, das der biblische Dichter dem Reisenden zur Seite gibt.

[Illustration: Abb. 66. +Maria mit dem Kinde und Engeln.+

Verrocchio · 第 61 / 68 题