XIV.

Die Gestalt des Malers Verrocchio läßt sich nicht mit der gleichen

Schärfe herausarbeiten wie die des Bildhauers. Das Material ist ein

unvergleichlich beschränkteres, und was mühsam aus der Zerstreutheit

wieder zusammengebracht worden ist, gibt noch Veranlassung zu manchem

Zweifel. Zwar ist man sich im großen und ganzen einig über das, was

unter den künstlerischen Begriff Verrocchio fällt, was aber als des

Meisters Eigenstes anzusehen sei, blieb noch unentschieden. Man

schwankt auch hinsichtlich der Wertschätzung dieser Malereien. Dem

kindlich-anmaßenden Urteil eines französischen Gelehrten: Verrocchio

hätte klüger gethan, überhaupt die Finger von Pinsel und Palette zu

lassen, steht die Überschätzung alles, das Verrocchios Namen trägt,

schroff gegenüber.

Die schriftliche Tradition bietet keine sichere Grundlage; sie ist

lückenhaft und versteckt ihre Unwissenheit hinter amüsanten Histörchen.

Künstlerischer Ehrgeiz allein soll, nach Vasari, Verrocchio zur Malerei

geführt haben, „als einen, dem hervorragende Leistungen auf +einem+

Gebiete nicht genügten“. Wie ihn die Laune auf die Malkunst brachte,

soll ihn dann der Mißmut über die besseren Leistungen seines Schülers

Leonardo getrieben haben, nie wieder Pinsel und Palette anzurühren.

Das eine liegt so wenig im Charakter unseres Meisters wie das andere.

Seine Lust am technischen Experiment, die Wertschätzung, die seine Zeit

der Kunst der Malerei entgegenbrachte, und der Wettstreit mit seinen

künstlerischen Genossen haben ihn frühzeitig der Malerei in die Arme

getrieben.

Von einer Reihe verloren gegangener Arbeiten wird auch hier berichtet.

Drei große Leinwandbilder mit Herkulesthaten, die Albertini 1510

im Saale des alten Rates im Palazzo vecchio sah, sind vielleicht

identisch mit den im Mediceerinventar erwähnten, die 1495 von der

Signorie konfisziert wurden. Sie deuten ebenso auf das von Antonio del

Pollajuolo bevorzugte Stoffgebiet wie die Schlacht nackter Männer,

die Verrocchio als Entwurf für eine Fassade bestimmt hatte und die

ebenfalls untergegangen ist.

[Illustration: Abb. 60. +Die Engel aus der Taufe Christi.+ Florenz.

Akademie.

(Der knieende Engel links von Leonardo da Vinci.)

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Unter den erhaltenen Arbeiten ist nur eine beglaubigt und nachweisbar:

die Taufe Christi, für die Vallombrosaner Mönche zu San Salvi gemalt

und gegenwärtig in der Akademie zu Florenz aufgestellt (Abb. 57).

Die Holztafel ist fast quadratisch, die Figuren sind etwa zwei

Drittel lebensgroß. Das Gemälde steht in dem Ruf, unvollendet zu

sein; mit Unrecht, denn die Mönche hätten kaum eine unfertige Arbeit

abgenommen und bezahlt. Wenn es trotzdem immer wieder den Eindruck

des Unvollendeten macht, so liegt das an dem Unbestande seiner

Technik. Das Krapprot im Mantel des Täufers und in den Fleischpartien

ist verblichen, also überall dort, wo es als Lasur auftrat; bis zu

welchem Grade das Bild „vollendet“ war, zeigen zur Genüge die feinen

Goldborden. Mit diesem Rot im Mantel, dem lichten zarten Blau im

Futter und dem kräftigen Fleischton muß das Gemälde eine ähnliche

Farbenstimmung gezeigt haben wie Antonios del Pollajuolo Arbeiten. An

ihn erinnert auch das Spiel des Lichtes und der metallische Glanz der

Farben.

[Illustration: Abb. 61. +Köpfe der knieenden Engel aus der Taufe

Christi.+ Florenz. Akademie.

(Der Kopf links von Leonardo da Vinci.)

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

Die Figuren, ganz besonders der Täufer, sind sehnig und hager, der

Kontur ist hart und eckig. Die Modellierung geht auf alle anatomischen

Einzelheiten gewissenhaft ein. Die Eigenheiten des verrocchiesken Typus

lassen sich am Kopf des Täufers am besten erkennen: die Flachheit

des Auges und der umgebenden Teile, die hohe, gewölbte Stirn, die

eingearbeiteten Mundwinkel (Abb. 58). Die Falten sind flach und

gedrückt, blechartig, immer plastisch.

Weniger rein offenbart sich der Meister in der Figur des Heilands.

Christus erscheint aus dem ursprünglichen Umriß gerückt, wodurch die

Gestalt den unsicheren Stand bekommen hat. Auch die Technik weicht in

diesem Teil des Gemäldes von der rechten Seite ab. Hier hat eine mit

den Wirkungen der Ölmalerei inniger vertraute Hand gewaltet, deren

Spuren auch im Kopf Christi sich bemerkbar machen. Ihr verdanken wir

die weicheren Übergänge, das zarte Halblicht, die luftig-lockere Fülle

der Haare (Abb. 59).

Noch deutlicher macht sich der Unterschied der beiden Hände in

dem links knieenden Engelpaar wahrnehmbar (Abb. 60). Die dicht

zusammengerückten Köpfe (Abb. 61) legen von zwei durchaus verschieden

gearteten Individualitäten Zeugnis ab. Die eine, die den nur bis zu den

Händen sichtbaren Engel malte, geht mit mühsamer Gewissenhaftigkeit

der Natur nach. Die andere, die den im Profil knieenden Engel schuf,

wählt die schöne Linie aus dem reichen Nebeneinander des Naturvorbildes

aus, legt Anmut in die Haltung, Seele in den Ausdruck und breitet Duft

und Glanz über das Gebilde ihrer künstlerischen Phantasie. Daß wir

in dieser Persönlichkeit Leonardo zu erkennen haben, darf man Vasari

aufs Wort glauben. Hat doch der junge Meister, der in allen Teilen der

Figur, nicht zum mindesten in dem Reichtum des Gewandes und der von

Verrocchio dort abweichenden Faltengebung unverkennbar ist, sich auch

noch in dem dunkel vor dem weißen Gewandstück abzeichnenden Grasbüschel

gleichsam mit seinem Monogramm auf der Tafel angemerkt.

Ebenfalls Leonardo gehört, wenn auch mit einiger Einschränkung, die

traumhaft weit in den Hintergrund führende Landschaft an. Wir verfolgen

den Lauf des Jordans die felsigen Flußufer entlang und befinden uns in

einer ganz ähnlichen toskanischen Landschaft, wie sie Leonardo auf dem

bekannten Blatt in den Uffizien mit dem Datum 1473 gezeichnet hat. Die

felsige Kulisse, die sich rechts hereinschiebt und die wie aus Eisen

geschnittene Palme links zeigen, in reiner Tempera ausgeführt, wiederum

die Hand des älteren und strengeren Meisters.

[Illustration: Abb. 62. Lorenzo di Credi. +Die Taufe Christi.+

Verrocchio · 第 60 / 68 题