XIII.

Fast will es scheinen, als sei Verrocchio ausersehen gewesen, die

großen Aufgaben, die dem Plastiker gestellt werden können, eine nach

der anderen vorzunehmen und zu lösen. Dem Problem, aus zwei Figuren

eine geschlossene Gruppe zu bilden, folgt, als letzte und höchste

Forderung, die Vereinigung von Roß und Reiter; der Thomasgruppe, das

Colleonimonument; dem Pathetischen das Heroische...

Unsere Blicke ruhen für die Zeit des Quattrocento länger und

liebevoller auf den Förderern des geistigen Lebens als auf den

politisch thätigen Gestalten, bei denen sich in die Bewunderung ein

leichter Schauer vor Gewaltthat, Blut und Mord zu mischen pflegt.

Unter ihnen treffen wir die Repräsentanten des Condottieretumes,

Söldnerführer, die mit ihrer Heerschar heute befehden, wen sie

gestern unterstützten. Von eigener Politik halten sie sich fern, und

wenn sie Verrat üben, so thun sie es im Auftrage der Macht, die sie

für den Augenblick in ihre Dienste genommen hat. Sie fühlen sich

nicht gebunden, sie gehen ihrem Vorteil und dem ihrer in teurem Sold

stehenden Mietlinge nach. Auf allen Schlachtfeldern sind sie zu Hause.

Sie durchziehen die Halbinsel von einem Ende zum andern mit dem

Hochgefühl frei zu leben und frei zu sterben und stolz blicken sie von

ihren schwerhufigen Streitrossen herab auf das Gehudel unter ihnen.

Bartolommeo Colleoni war unter diesen Abenteurern einer der letzten,

zugleich eine der am großartigsten veranlagten Naturen. Nicht seine

Thaten allein, deren die Geschichte mit Ehren gedenkt, seine Gesinnung

weckt in gleichem Maße unsere Bewunderung. Haß, Rache und Neid lagen

ihm fern. Denen, die seine Jugend verdüsterten, indem sie den Vater

mordeten und die Mutter mit ihm ins Gefängnis schleppten, verzieh er.

Er war milde gegen Besiegte und Gefangene. Die Bildnisse der Würdigsten

seiner Mitbewerber im Kriegshandwerke, eines Niccolo Piccinini, eines

Gattamelata, eines Sforza umgaben ihn in seinem Schlosse Malpaga und

mit neidloser Anerkennung rühmte er ihre Verdienste. Empfindlich blieb

er gegen Hochmut; ein verletzendes Wort des Dogen ließ ihn zeitweilig

mit Venedig, in dessen Dienst er fast sein Lebelang stand, brechen,

obwohl die Stadt Lieblingsaufenthalt seiner Gemahlin Tisbe Martinengo

war.

[Illustration: Abb. 57. +Die Taufe Christi.+ Florenz. Akademie.]

Auf der Suche nach einem festen Wohnsitz wählte er seine Heimatstadt

Bergamo als Residenz und das nahe liegende Schloß Malpaga als

Lustaufenthalt (Abb. 49). Achtzehn Jahre wohnte er dort, nachdem er

das befestigte Kastell mit allerhand Bequemlichkeiten, Räumen für die

Dienerschaft u. s. w. hatte ausbauen lassen. Immer zahlreicher ward

der Hofstaat, den der Alternde um sich versammelte. Nicht weniger

als sechshundert Reiter befanden sich bei ihm als sein persönliches

Gefolge. Malpaga wurde der Schauplatz prunkvoller Fürstenbesuche,

Turniere und Jagden, aber auch eine Stätte, in der die Wissenschaften

und Künste verständnisvolle Pflege fanden.

Hier und in Bergamo trat der Gewaltige als Bauherr und Liebhaber

der schönen Künste auf, wobei er, wie Reumont sagt, „von seinem

kolossalischen Vermögen einen Gebrauch machte, der ihn mehr ehrte, als

viele der Mittel, durch welche es zusammengebracht worden war.“ Ein

treuergebener Diener der Kirche stiftete er bei Bergamo zum Andenken

an seine verstorbene Lieblingstochter Medea das Kloster della Basella

für Clarissinen und bedachte auch sonst die Kirche reichlich. Bald

nachdem er, als echtes Kind des Quattrocento früh um seinen Nachruhm

besorgt, seine Grabkapelle in S. Maria Maggiore in der oberen Stadt

begonnen hatte (Abb. 50), starb er am 1. Februar 1475 auf seinem Schloß

Malpaga, gerade 75 Jahre alt. „Empfehlt der Republik,“ sagte er den

venezianischen Gesandten, die sein Sterbebett umstanden, „sie möge nie

wieder einem Feldherrn eine so unbeschränkte Machtgewalt einräumen wie

mir.“

Von höchster Freigebigkeit, wie er war, hinterließ er einen

ansehnlichen Teil seines Vermögens der venezianischen Republik.

Zugleich aber erklärte er mit wahrhaft herrscherlichem Selbstgefühl

in seinem Testament: „er schätze sich würdig, ganz ergebenst von der

Signorie zu erbitten, daß sie ihm ein erzenes Reiterdenkmal zu ewigem

Gedächtnis auf dem Markusplatze errichte.“ Am 30. Juli 1479 trat man

hierüber in Beratung und faßte den einstimmigen Beschluß, dem Verlangen

des Erblassers nachzukommen; nur über den Platz behielt man sich das

letzte Wort noch vor.

Eines aber stand von vornherein fest: das Denkmal sollte so prächtig

als möglich werden. Von allen Seiten berief man Künstler, von denen man

das Modell eines Pferdes verlangte; denn in der Bildung des Rosses lag

eben die Schwierigkeit. Bei den seit Jahrhunderten ununterbrochenen

künstlerischen Beziehungen zwischen Venedig und Florenz kann es nicht

Wunder nehmen, wenn auch Verrocchio einen diesbezüglichen Auftrag

erhielt. Zunächst formte er ein Pferd in Lebensgröße aus weißem

Wachs, „ein Stück von großer Schönheit“. Um es zollfrei durch das

Herzogtum Ferrara zu bringen, rief Verrocchio die Vermittelung des

ferraresischen Gesandten in Florenz an und erhielt vom Herzog Ercole

die kostenlose Durchfuhr zugesichert. Im Herbst 1481 traf das Modell

in Venedig ein und wurde mit zwei anderen von Vellano und Alessandro

Leopardi ausgestellt. Die Wahl fiel auf Verrocchios Pferd. Zugleich

aber begannen die Intriganten ihr Spiel und schoben den alten Paduaner

Meister Vellano vor, damit er den Reiter anfertige. Verrocchio, der

als Fremder um so weniger solchen Eingriffen widerstandsfähig zu sein

fühlte, zerstörte sein Modell, indem er Beine und Kopf abschnitt,

und drehte voller Wut der Stadt den Rücken. Das ließ sich die

Signorie nicht bieten; ihm solle ja nicht einfallen, nach Venedig

zurückzukehren, gab sie ihm zu verstehen, man würde ihm ebenfalls

den Kopf abschneiden. Verrocchio blieb die Antwort nicht schuldig,

wobei der Zorn ihm die Waffe in die Hand drückte, die die Florentiner

vor jeder anderen zu meistern verstanden. Boshaft, scharf und witzig

schrieb er zurück: er dächte nicht ans Zurückkehren, im übrigen

ganz nach Belieben, nur sollte es ihnen schwer fallen, ihm für den

abgeschnittenen einen neuen Kopf aufzusetzen, noch auch jemals seinem

Pferde einen zu verschaffen, der so schön wäre wie der, den er anstatt

des zertrümmerten ihm hätte wiedergeben können. Diese Worte trafen,

und mit dem wohlwollenden Gelächter über den Witz des Künstlers schlug

die Stimmung zu seinen Gunsten um. Mit doppeltem Gehalt rief der

Senat Verrocchio zurück. Der so glänzend ausgestochene Vellano zog

grollend nach Padua heim. Der andere Zurückstehende, Leopardi, verließ

freiwillig den Schauplatz, da er wegen Unregelmäßigkeiten in seinem

Münzamt nach Ferrara flüchten mußte. Erst nach Verrocchios Tode greift

auch dieser Mitbewerber in das Werk ein.

Die Jahre, die Verrocchio bis zu seinem Tode noch vergönnt waren, hat

er zwar größtenteils, aber nicht ausschließlich dem Reiterdenkmal

geweiht. Es lag so wenig in seiner Art, nur ein Eisen im Feuer zu

haben, wie seine Vermögenslage ihn zur Annahme immer neuer Aufträge

nötigte. Der Entwurf zum Grabmal eines Dogen beschäftigte den

Meister vorübergehend. Dann wieder goß er die Artilleriegeschütze für

den großen Rat. Ja, er übernimmt noch wenige Tage vor seinem Tode

eine Verpflichtung gegenüber dem König Matthias Corvinus von Ungarn

betreffend die Lieferung eines Marmor-Brunnens (27. Sept. 1488). So kam

es, daß der Tod ihn über dem unvollendeten Werke ereilte.

Die Frage, wieweit Verrocchio das Monument vorbereitet und gefördert

habe, stößt auf allerhand Unklarheiten. Vasari berichtet irrtümlich,

der Meister sei infolge einer Erkältung beim Gusse gestorben.

Verrocchio schlägt selbst in seinem Testament seinen Lieblingsschüler

Lorenzo di Credi dem Senat vor, damit jener „das von mir begonnene

Werk“ vollende. Credi gab indessen den Auftrag weiter an einen sonst

unbekannten florentiner Bildhauer Giovanni d’Andrea di Domenico (geb.

1455) und erwähnt dabei ausdrücklich, Verrocchio habe die Figur und

das Pferd im Thonmodell hinterlassen. Wäre mithin das Wesentliche

nicht vollendet gewesen, so hätte der treue Lorenzo den Ruhm seines

Meisters wohl kaum in so leichtfertiger Weise aufs Spiel gesetzt. Es

handelte sich also vorwiegend um den Guß. An tüchtigen Bronzegießern

aber glaubte die Republik den geeigneten Mann selbst stellen zu können,

eben jenen Alessandro Leopardi, der als Münzschneider die feine

Ciselierarbeit gewiß meisterhaft verstand. Über seine Unredlichkeit

drückte sie großmütig ein Auge zu und rief ihn unter Zusicherung freien

Geleites 1489 nach Venedig zurück.

[Illustration: Abb. 58. +Kopf des Johannes aus der Taufe Christi.+

Florenz. Akademie.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

Leopardi fügte in äußerster Zurückhaltung die bescheidenen Ornamente an

der Rüstung, dem Zaumzeug und der Satteldecke zu, goß und vergoldete

die Figur und stellte sie auf das prachtvolle, mit sechs Säulen schlank

aufstrebende Postament (Abb. 51). Ihren Markusplatz, diese ungeheure

Empfangs- und Ruhmeshalle, gaben die Venezianer für das Denkmal des

fremden Heerführers schließlich doch nicht her. Wenn sie statt dessen

den Platz vor der Scuola di San Marco bestimmten, machten sie sich kein

Gewissen aus dieser Klauberei an dem klaren Wortlaut des Testaments.

Und wie der Herr, so der Knecht. Durch die Inschrift am Sattelgurt

~ALEXANDER LEOPARDVS V. F. OPVS~ hat Leopardi mit wohlberechneter

Vieldeutigkeit der Abbreviaturen den Ruhm des Werkes auf seine Person

zu lenken versucht, indem er die Auflösung des ~F.~ in ~fecit~ oder in

~fudit~ anheimstellte. Zwar ist in allen Dokumenten stets nur von der

Vollendung durch Leopardi die Rede und auch Leopardis selbstverfaßte

Grabschrift preist ihn nur als den Architekten des Postamentes. Um aber

alle Stimmen zum Schweigen zu bringen, die den florentiner Meister

immer noch um das stolzeste Werk seines jäh abgebrochenen Lebens

bringen wollen, muß nicht an den toten Buchstaben einer unklaren

Inschrift gedeutelt und gedreht werden. Das Werk selbst legt deutlich

genug Zeugnis ab für seinen wahren Meister.

Zwei florentiner Künstler, Paolo Uccello und Andrea del Castagno haben

die ersten maßgebenden Versuche unternommen, Reiterdenkmäler im Sinne

der Renaissance aufzubauen. Ihre Condottierestatuen an der Eingangswand

des florentiner Domes sind zwar Werke der Malerei, doch aber mit der

Absicht, plastische Werke vorzutäuschen. Uccello, der zwanzig Jahr

früher sich ans Werk machte, hat die Aufgabe mit der schwunglosen

Gewissenhaftigkeit des Naturalisten gelöst, Castagno mit dem Drang nach

heroischer Gestaltung, der allerdings des Meisters derbe Bauernart hie

und da zum Klotzigen verführt hat. Aber gerade diese Grundstimmung

des pathetisch Erregten stieß auf Verwandtes bei Verrocchio, und

Castagnos Niccolo da Tolentino gehört sicher unter die Werke, die sich

dem Sinn des jugendlichen Meisters fürs Leben einprägten. An Uccello

ging er achtungslos vorüber. Als Verrocchio dann sein Modell durch das

ferraresische Gebiet nach Venedig brachte, stand das künstlerische

Gebilde seines künftigen Colleoni schon zu fest in ihm, um durch

den Anblick von Baroncellis Reiter (Borso d’Este) auf dem Platz der

Hauptstadt oder durch Donatellos vor dem Santo in Padua aufgestellten

Gattamelata noch modifiziert zu werden. Donatellos Reiter führt

Uccellos naturalistisches Bemühen unter Berücksichtigung der Antike zu

neuen Zielen. Verrocchios Colleoni erreicht das Ideal, das Castagno

infolge einer gewissen Dumpfheit und Schwere seiner künstlerischen

Phantasie nur geahnt hat.

Wenn Uccello seinen Hawkwood noch in strenger Profilstellung als

Relief auffaßte, so schritt Castagno zu einem freieren Raumbilde vor.

Das Herauswenden des Pferdekopfes gibt bei ihm die Vorstellung einer

Raumtiefe, die bei Uccello vermißt wird. Sehr ähnlich das Verhältnis

zwischen Donatello und unserem Meister. Auch das Colleoniroß wendet

den Kopf von der Mittelachse seitwärts, nach links. Von Castagno hat

Verrocchio ferner die Gangart seines Pferdes übernommen. Nicht nur, daß

er, die modische Gangart berücksichtigend, einen Paßgänger gebildet

hat, vielmehr liegt die Verwandtschaft in der Art der Beinstellung

mit dem hoch erhobenen Vorderfuß und dem weit zurückgesetzten

Hinterbein. Daher denn auch beide der Vorwurf trifft, nicht ein frei

ausschreitendes, sondern ein, eine unsichtbare Last ziehendes Pferd

dargestellt zu haben. Auch an untergeordneten Eigenheiten läßt sich

die Verwandtschaft darthun: an den kräftigen Falten des Halses, an dem

büschelartig zwischen den Ohren hochgebundenen Haarschopf.

Im übrigen ist Verrocchio dem älteren Meister unendlich überlegen

(Abb. 52). Die kräftige Struktur des Pferdeleibes hat ihn auf keinem

Ende zur Plumpheit geführt; viel Eleganz steckt in der wuchtig

einherschreitenden Masse. Mit fast graziöser Biegung, ein wenig unruhig

im Umriß durch die hohe Kruppe trabt das Schlachtroß daher; man glaubt

den Schall der schweren Hufe zu hören. Der Kopf mit dem etwas breit

vorspringenden Untergesicht und den über der Stirn gescheitelten Locken

der Mähne überstrahlt an Schönheit das breitmaulige, im Verhältnis

zum Leibe ungefüge Haupt des Castagnorosses. Wie es hier auf einem

gedrungenen Stiernacken aufsetzt, neigt es sich dort in schönem Bogen

über einem bei aller Fleischigkeit noch schlanken Halse. In edlem

Ungestüm blähen sich die Nüstern auf und das Feuer des mutigen Hengstes

sprüht aus den Augen.

Die Anatomie des Tierleibes zeugt von erstaunlicher Sachkenntnis. Den

Zeitgenossen schien sie mit allen Muskeln, Adern und Hautfalten allzu

selbstgefällig zur Schau gestellt, und sie urteilten daher, das Roß

habe das Aussehen eines abgehäuteten Pferdes. Wir werden darin genau

wie in der sorgfältig in Ringellocken aufliegenden Mähne eine längst

beobachtete Eigenschaft des überall gewissenhaft detaillierenden

Meisters aufs neue feststellen.

Der Reiter sitzt auf diesem mehr strammen als gedrungenen Tier fast

aufrecht strack zwischen den hohen Böcken des Sattels (Abb. 53 u. 54).

„Der reitende Colleoni,“ klagt Wölfflin, „hat wohl Energie genug, eine

eiserne Kraft, allein das ist nicht die schöne Bewegung.“ Das sollte

sie auch gar nicht sein. Die Venezianer saßen steif im Sattel, und

ihre Art zu reiten, wird im Cortigiano verspottet. Hier aber kam sie

in ihrer Gerecktheit dem Ausdruck an Energie und Größe zu statten. Es

ist die Verlegenheit fast aller Bildhauer, die Figur des Reiters der

mächtig ausladenden Masse des Rosses gegenüber zur Geltung zu bringen.

Verrocchio ist es gelungen.

Mit der wie in einer Aufwallung kühnen Trotzes herausgedrehten linken

Schulter, der der Kopf folgt, macht der Reiter die Bewegung des Rosses

mit. Klar und frei überschneidet der Reiterkopf die Scheitelhöhe des

Pferdes und dominiert ungezwungen über dem Ganzen. Eine Sturmhaube

deckt das gewaltige Haupt mit den drohenden Augen. Die Entschiedenheit

der Bewegung und die Macht des Blickes stehen schon auf der Höhe des

neuen Stiles, der Kunst des Cinquecento. Im David, der übrigens auch

das Motiv der herausgekehrten Schulter zeigt, in der Büste des Giuliano

finden wir die Vorstufen zu dieser rücksichtslosen Größe der Bewegung.

Aber neu und überraschend ist der Typus. Haben wir es mit einem Porträt

des Colleoni zu thun?

[Illustration: Abb. 59. +Kopf Christi aus der Taufe Christi.+ Florenz.

Akademie.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

Verrocchio hat den venezianischen Feldhauptmann nie von Angesicht

gesehen. Wohl aber konnte er der Medaille des Guidizani das getreue

Bildnis seines Helden entnehmen (Abb. 55). Doch stand augenscheinlich

in seiner Phantasie ein Heldentyp von schreckhafterer Größe, ein

gewaltigeres Löwenhaupt (~caput leonis~) als der zahnlose, mit leicht

überhängender Nase und buschigen Brauen zwar kraftvoll, aber nicht

bedeutend blickende Kopf auf der Medaille. So nahm der Meister denn

in sein Idealbildnis nur einige charakteristische Details auf: die

Bartlosigkeit, den machtvollen Nacken, die finstren Brauen und den

lodernden Blick. Im übrigen löste er sich von allem Porträthaften

los in dem Gefühl, hier müsse der Repräsentant seines Standes vor

allem dargestellt werden. Auch dies wieder ein Zug, der Verrocchio

zu einem unmittelbaren Vorläufer der klassischen Kunst macht; die

gewichtige Erscheinung galt der Hochrenaissance unbedenklich mehr

als die individuelle Treue. Wie Michelangelo in den Feldherren der

Medicigräber, hat auch Verrocchio den Charakter, nicht die flüchtige

Erscheinung der Persönlichkeit festgehalten.

Köpfe, in denen das bis zur Wildheit gesteigerte Herrische sich

aussprach, hatte Verrocchio schon im Silberrelief der Enthauptung

des Täufers geschaffen. Er brauchte nur auf Typen, wie die beiden

streitenden Feldhauptleute dort zurückzugreifen, um die Grundform des

neuen Charakterkopfes zu erfassen. Aber +einen+ Zug mußte er jetzt

zur Dominante erheben, der den rohen Hauptleuten des Herodes nicht

eignete: die Überlegenheit einer hohen Intelligenz. Sie bändigt die

rücksichtslose Entschlossenheit in diesem Feldherrnantlitz, sie glänzt

aus den drohenden Augen, sie hat den befehlenden Mund mit einem Zug von

Weltverachtung umschürzt (Abb. 56). Verrocchio hat das Alter gewählt,

in dem die Thatkraft noch ungebrochen Stand hält gegenüber den ersten

Anzeichen abnehmender körperlicher Frische, jenen Übergang, der das

Heldenhafte als die Ausstrahlung eines unbeugsamen Willens erscheinen

läßt. Das Fleisch verliert schon seine Festigkeit, hängt herab, die

Falten vertiefen sich, aber das innere Feuer lodert in alter Glut.

Gegenüber der sorgfältig auf die Einzelheiten Bedacht nehmenden

Modellierung des Pferdekörpers erkennt man in diesem nur in den großen

entscheidenden Formen angelegten Kopf kaum die gleiche Meisterhand.

Es sind denn auch Stimmen laut geworden, die den ganzen Reiter für

Leopardi beansprucht haben, andere, die an eine Mitarbeiterschaft

des seit 1481 nirgends recht nachweisbaren Leonardo dachten. Wer

Leopardis zierliche, ausschließlich dekorative Art kennt, wird die

erste der beiden Zumutungen ebenso entschieden abweisen, wie die zweite

hinfällig wird durch den neuerdings festgelegten Thatbestand, daß

Leonardo seit 1481 am Reiterdenkmal des Sforza in Mailand thätig ist.

Und schließlich, für das Roß galt es Aufzeigung genauer Kenntnisse und

Belebung großer Flächen; der Reiterkopf mußte schon wegen der Wirkung

aus der Höhe in großen allgemeinen Formen gehalten werden.

Acht Jahre erst nach des Meisters Tode, am 21. März 1496 konnte das

Denkmal enthüllt werden. Seit jener Zeit haben die Parteien fast

ununterbrochen gewühlt, das Werk des Ausländers dem Verdienst eines

Einheimischen zuzuschreiben. Das Werk selbst hat alles verleumderische

Gerede zu schanden gemacht. Dem Florentiner, niemand wagt es mehr

zu bezweifeln, verdankt die Welt ihr großartigstes Reiterdenkmal.

Derselbe Verrocchio, der in dem Werke seiner Jugend, im David, den

Morgenglanz jungen, kaum sich selbst bewußten Heldentumes darstellte,

hat in seinem letzten den Helden in seiner Vollendung verkörpert.

Seine Leistung hat niemand übertroffen, aber auch kaum einer hat seine

noch unerfahrene Kunst an ihr geschult. Leonardos Francesco Sforza

ging im Modell zu Grunde, und so bleibt Albrecht Dürer der Einzige,

der mit seinem „Ritter Tod und Teufel“ Zeugnis bringt, mit welch

staunender Bewunderung einer der Größten emporgeblickt hat zur „~statua

gentilissima del gran commendatore~“.

Verrocchio · 第 59 / 68 题