XII.

Kein anderes Werk führt so tief in die unregelmäßige, oft unterbrochene

und zersplitterte Arbeitsweise unseres Meisters ein, als das Hauptwerk

seiner zweiten Epoche, die Gruppe des Christus und Thomas an der

Ostfassade der Kirche Or San Michele (Abb. 46). Aufgestellt an der

belebtesten Verkehrsstraße der Stadt, genau in der Mitte der mit den

weitbogigen Fenstern geschmückten Front, läßt das Werk niemanden

vorüber ohne den Tribut der Bewunderung und der Dankbarkeit für seinen

Schöpfer.

Der Auftrag zu dieser Arbeit leitet zurück zu den Anfängen der

künstlerischen Thätigkeit Verrocchios. Als die Seidenzunft (Arte di

Por Santa Maria) in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts

den Neubau der Kirche auf sich nahm, verpflichtete sie (1339) durch

Vermittelung der Signorie die zwölf mächtigsten Zünfte und die Parte

guelfa an den dreizehn äußeren Pilastern je ein Tabernakel mit dem

Bilde ihres Schutzheiligen aufzustellen. Während die Zünfte nach

und nach der eingegangenen Verpflichtung genügten, wenn auch nicht

ohne Mahnung der Signorie (1406), traf die Parte guelfa erst um

1418 Maßregeln, indem sie ihren Pfeiler an Donatello vergab mit dem

Auftrag, in dem Tabernakel den hl. Ludwig von Toulouse, den besonderen

Schutzpatron der Guelfen, aufzustellen. Die letzte Zahlung an Donatello

(1423) mag auch den Termin der Vollendung des Ganzen angeben.

Allein der Volkspartei, die mit den Medici an der Spitze immer

siegreicher das öffentliche Leben zu beherrschen begann, gelang es

bald, die Parte guelfa um ihr Ehrendenkmal zu bringen. Ende 1459

zwang man sie, ihr Tabernakel an das Kollegium des Handelsgerichts

abzutreten, und 1463 ward die lahmgelegte Partei mit 150 Goldgulden

entschädigt. Inzwischen war die Statue des hl. Ludwig schon entfernt

worden, vermutlich nach S. Croce, wo sie heute noch über dem inneren

Hauptportal steht; die verhaßten Wappen ließ man abmeißeln, und

Luca della Robbias Medaillon mit dem Emblem des Handelsgerichtes

prangte über dem Tabernakel. Dies Gehäuse, das in seinen reinen

Renaissanceformen dem Geschmack der Zeit völlig Genüge leistete, blieb

bestehen; für die neue figürliche Füllung der Nische verpflichtete man,

um 1465, Verrocchio.

Man darf wohl annehmen, daß die Gunst der Medici, die mit ihrem

Ansehen und ihrem Gelde die Volkspartei stützte, Verrocchio auch

diese Aufgabe eingetragen habe. Mit Hilfe der Dokumente können wir

die langsamen Fortschritte der großen Arbeit genau kontrollieren. Die

weitaus häufigsten Zahlungen fallen zwischen die Jahre 1476 und 1480.

1482 kaufen die Vorsteher der Mercanzia das Thonmodell Verrocchios an

und lassen es in ihrem Amtslokal aufstellen mit der ausdrücklichen

Begründung, daß der Entwurf eines so vollendeten Kunstwerkes erhalten

bleiben müsse. Im April 1483, knapp vor dem Termin der Aufstellung,

wird dem Meister für seine Arbeit in Ansehung ihrer Vorzüglichkeit

und Überlegenheit über die anderen dort aufgestellten Statuen eine

Totalsumme von 800 Goldgulden zuerkannt. Endlich am 21. Juni erfolgt

die Einstellung der Figuren in das Tabernakel, worüber das schon

erwähnte Tagebuch des Luca Landucci berichtet.

Verrocchios Übersiedelung nach Venedig hat sowohl die Regelmäßigkeit

der Auszahlungen als auch die Vollendung der noch fehlenden

Kleinigkeiten beeinträchtigt. 1487 wird über Ersuchen des Meisters

festgestellt, wieviel ihm als Restbetrag noch an Geld gebühre; die

ausstehende Summe, die 200 Goldgulden nicht übersteigen dürfe,

solle ihm nur unter der Bedingung ausgezahlt werden, daß er sie als

Heiratsgut für die Töchter seines bedürftigen Bruders Tommaso bei der

Staatsschuldenverwaltung hinterlege, eine Verpflichtung, der Verrocchio

testamentarisch nachgekommen ist. Dem Ansuchen der Mercanzia, die

Kapitelle, die Konsolen der stützenden Unterlage und das Wappen (im

Kranze, den die Engel tragen) vollenden zu lassen, ist augenscheinlich

nicht durchweg entsprochen worden; wenigstens ist noch heute das Rund

des Kranzes leer. --

Thomas, der die Seitenwunde des Herrn tastet im Zweifel an der Wahrheit

von der Wiederkunft seines Meisters, ist ein in der italienischen

Plastik seltener Vorwurf. Eine der frühesten Darstellungen des

Mysteriums sieht man an der Bronzethür von San Paolo fuori in Rom:

dort tritt Thomas aus dem Kreise der Jünger auf den Herrn zu. Kurz vor

Verrocchio hatte Paolo Uccello den Vorgang über der Thür der jetzt

mitsamt dem Mercato vecchio verschwundenen Kirche San Tommaso gemalt,

sich aber nur Donatellos verletzenden Spott dabei zugezogen. Verrocchio

stand vor einer Aufgabe, deren Lösung im Sinne der Renaissance niemand

vor ihm angestrebt, geschweige denn gefunden hatte (Abb. 47).

Das Zusammentreten zweier Figuren zu einer geschlossenen Gruppe ist

eines der schwierigsten Kompositionsprobleme. In dem vorliegenden Fall

ward die Aufgabe noch dadurch erschwert, daß die vorhandene Nische

ursprünglich nur zur Aufnahme einer Figur bestimmt war. Durch räumliche

Beschränkung war schon Nanni di Banco bei der Aufstellung seiner vier

Heiligen im Tabernakel der Schmiede in die ärgste Verlegenheit geraten,

aus der ihn nur Donatellos energisch zurechtstutzende Hand zu befreien

gewußt hatte. Verrocchio hat die Mißlichkeit mit jener spielenden und

genialen Leichtigkeit überwunden, die auch die schlimmste Not zu einem

willkommenen Zufall umzuwandeln scheint.

Die Lebendigkeit und die Schönheit der Gruppe beruht auf dem

verschieden erhöhten Stand der Figuren und auf ihrer Stellung zu

einander. Dadurch daß Christus, in die Tiefe des Nischenrundes gerückt,

erhöht auf einem Sockel steht und mit einer kaum merklichen Wendung

nach rechts die reine Faceansicht hervorkehrt, gewinnt die Gestalt

an Bedeutung auch der Masse nach vor dem ins Profil gestellten, auf

tieferem Plane herantretenden Jünger. Wird durch diesen Gegensatz

der Front- und Profilstellung die Raumempfindung auf das kräftigste

angeregt, so gleicht die wunderbar sprechende, erhobene Rechte Christi

mit ihrem leichten Vorragen sowohl die Höhenunterschiede der Stellung

aus, als sie auch die Verbindung zwischen den Ebenen, innerhalb deren

die Figuren gedacht sind, vermittelt. Wie ausdrucksvoll und überzeugend

ist diese Gebärde, die von beredter Beweisführung zum Segnen übergehen

will! Wie dramatisch wirkt das Herzutreten des Thomas, dessen Umriß

mit bewegter Linie über den strengen architektonischen Rahmen

herausdrängt! Fast zitternd tastet sich diese edel geformte, aber wenig

durchgeistigte Hand zu der heiligen Stelle, wo die Lanze des Longin die

tiefe Seitenwunde gestochen. In Demut senken sich die Lider über die

beschämten Augen, und der Kopf neigt sich derart, daß das große stille

Leuchten von der Stirn des Auferstandenen auf dem Lockenhaupt des

geliebten, nun endlich gewonnenen Zweiflers widerstrahlt.

[Illustration: Abb. 55. Guidizani. +Medaille mit dem Bildnis des

Bartolommeo Colleoni.+ Bronze. Berlin. Kgl. Münzkabinett.]

Bei der Gestaltung dieses neuen, ganz selbständig erfundenen

Christustypus hat der Naturalist in Verrocchio den semitischen

Stammcharakter nicht übersehen können und wollen. Mehr durch die

Reinheit als durch die Schönheit der Einzelformen ist hier gewirkt. Und

wie sehr damit Verrocchio den Anforderungen seiner Zeit genügt hat,

beweist wohl das Urteil jenes gewissenhaft buchenden Luca Landucci:

dies sei der schönste Christuskopf, den bisher die Kunst gebildet. In

großen mächtigen Falten umbauscht das Gewand den Körper, der kräftig

ohne Fülle, sehnig ohne Magerkeit erscheint, als ein verklärter Leib.

Mit einfachen Knebelriemen sind die Sandalen an den Füßen befestigt.

Im Thomas lebt etwas von der Eleganz des reichen Jünglings aus dem

Evangelium. Die Schrift weiß zwar nichts zu berichten, daß er etwa

durch Stand und Herkommen die einfachen Fischer und Zöllner überragt

hätte. Aber der Meister, der die Madonna aus ihrer schlichten

Bürgerlichkeit in den Bereich höfischer Vornehmheit erhob, adelte auch

den einfachen Jünger Christi zu einem Jüngling von edlem Anstand und

Betragen. In diesem Thomas kündet sich die Auffassung des kommenden

Jahrhunderts an, das, namentlich unter Raffaels Beispiel, die bisher

beschränkt und mühselig dreinschauenden Apostelgestalten dem Ideal des

Cortegiano, jener „Idee des aristokratischen allseitigen Menschen“

angenähert hat. Hier hat Verrocchio eine Seite des Ideals vorgreifend

geformt: die Anmut der äußeren Erscheinung. Zugleich diente ihm das

als Charakterisierungsmittel für den oberflächlichen Materialisten,

der, wie er am äußeren Schein der Dinge hängt, auch auf sein Äußeres

Sorgfalt verwendet. Mit absichtsvollem Geschmack sind diese Locken

geordnet und scheinen von wohlriechender Salbe zu duften. In vielfach

gebrochenem, künstlichem Faltenspiel fällt der Mantel über die linke

Schulter zu den Füßen, deren Schönheit noch durch den Schmuck des

Schuhwerkes gehoben wird. Die Gestalt ist schlank und edel, aber die

Schönheit der äußeren Erscheinung, auf die das volle Tageslicht fällt,

nicht der Ausdruck tiefer Innerlichkeit: ein köstlich Gefäß ohne

Inhalt. Nun ist der Augenblick gekommen, da diese in Zweifeln erstarrte

Seele schamvoll zu der Seligkeit erwacht, von der der Meister ihr

redet: selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Unter den restlos gelösten Schwierigkeiten, die allenthalben diese

Gruppe bei der Ausführung geboten hat, gebührt der mühelosen Aufzeigung

und Anordnung der charakteristischen Gliedmaßen, der Hände und der

Füße das höchste Lob. Alles steht klar und offen ohne Verdunkelung

und ohne Gezwungenheit zu Tage. In den beiden verschiedenen Händen,

die den Brustschlitz weiten, ist noch einmal, wie in Brennpunkten,

das Charakteristische der beiden Träger der Handlung gesammelt und

räumlich so nah als möglich gegenübergestellt. Andererseits erscheinen

die erhobene Hand Christi und der seitlich vorgestreckte Fuß des Thomas

wie die weit auseinander liegenden Pole, zwischen denen die äußere und

innere Bewegung zuckt und schwingt.

Ungeachtet dieser Vorzüge ist das Kunstwerk nicht von Tadel verschont

geblieben. +Burckhardt+ entdeckte zwar in der Gruppe Motive von

schönstem Gefühl, fand auch die Bewegung des Christus mächtig

überzeugend, die beiden Köpfe fast großartig frei und schön. Gleichwohl

stießen sich er und in noch bedenklicherem Maße +Rumohr+ an dem

umständlichen, knitterigen Faltenwurf, an dem „sehr geschmacklos

behandelten Gewande“. Und neuerdings ist Rumohrs weiterer Tadel,

der Charakter entschwinde bei dieser Gruppe dem Künstler unter dem

Bestreben ihn ganz zu erschöpfen, noch dahin verschärft worden, das

Motiv sei überhaupt zu niedrig gegriffen.

Diesen allzu einseitig gewisse Schwächen des Werkes betonenden

Ausstellungen gegenüber muß mit um so gewichtigerem Nachdruck die

Einheit des Aufbaus und die Tiefe der Empfindung hervorgehoben werden.

Im ganzen Quattrocento wird man vergebens eine so eindrucksvolle,

so sicher und rund geschlossene Gruppe suchen. Wenn irgendwo, so

scheint hier die formale Befangenheit der Zeit überwunden. Freilich

im Mantel des Thomas darf wohl die spielerische Unruhe der kleinen,

selbstgefälligen Faltenmotive bekrittelt werden, aber doch nur als

ein Tribut, den Verrocchio seiner Zeit zollte. Man scheute zu sehr

die großen freien Flächen und zerstückelte sie lieber, als daß man

sich des Vorwurfs der Leere aussetzte. Im einzelnen ergeben sich alle

diese Motive logisch aus der Bewegung der Figur; daß sie uns gehäuft

erscheinen, liegt an der Schulung unseres Formempfindens durch die

großen Meister der klassischen Zeit. Um so höher steigt die Kunst

Verrocchios, als ihn die Freude am Einzelnen nie zum Nachteil des

Ganzen fortgerissen hat. Eine kluge Bedächtigkeit hat Sorge getragen,

daß die Klarheit des Motivs und der Körperstellung nirgends durch

den Faltenreichtum Einbuße erleide. Man mag über das Bestreben des

Meisters in der Gewandbehandlung abweichender Ansicht sein, zugestanden

muß werden, daß gegenüber der Thonmadonna aus S. Maria Nuova die

Thomasgruppe einen Fortschritt in der Rundung und dem leichten Quellen

der Falten bedeutet. Das hat auch Vasaris in Dingen des Metiers stets

unvoreingenommenes und ungetrübtes Künstlerauge erkannt. „Dadurch

daß Andrea, schreibt der Aretiner, die beiden Figuren in schöne und

wohlgeordnete Gewänder kleidete, bewies er, daß er sich nicht minder,

wie Donatello, Ghiberti und die anderen vor ihm auf die Kunst des

Arrangements verstand; das Werk verdient es darum auch durchaus in

einem Tabernakel von Donatellos Hand aufgestellt zu sein.“

[Illustration: Abb. 56. +Einzelteil vom Reiterdenkmal des Colleoni.+]

Die Frage nach dem Pathetischen bei Verrocchio erheischt angesichts

dieser Gruppe Berücksichtigung und Beantwortung. Leicht haftet

dem Pathos die Nebenbedeutung des Geschraubten, Phrasenhaften,

des künstlich Überhitzten, des unwahr Effektvollen an, womit ein

hohes Empfinden um seinen Wert gebracht wird. Mit einer solchen

Unterstellung thäte man dem alten Meister bitter Unrecht. Verrocchios

Pathos ist würdevolle Gehaltenheit; es drängt nach dem Erhabenen,

dem Großartigen, dem Heroischen. Verrocchio sucht den Effekt, aber er

beherrscht ihn wie er sich selbst künstlerisch beherrscht. Er führt die

Empfindung zu einer Höhe, die den Rückblick auf alles Vorhergehende

gestattet, zugleich aber in dem Beschauer atemlose Spannung erzeugt.

Das Dramatische bleibt dabei latenter als z. B. bei Donatello, aber das

Seelische entfaltet sich um so reiner, als es durch keine äußere Unruhe

und Leidenschaftlichkeit zurückgedrängt ist.

Alle Nachbildungen, die dieses Meisterwerk ganz oder auch nur in

einzelnen Teilen gefunden hat, sprechen eher für die hohe Wertschätzung

der Arbeit als für das einsichtige Verständnis ihrer Vorzüge. In

der farbigen Terracottabüste des Agnolo di Polo (Abb. 48) im Liceo

Forteguerri zu Pistoia ist der Christuskopf des Meisters leer und

geistlos nachgeahmt. Im Conservatorio della Quiete hat Giovanni della

Robbia die ganze Gruppe nachgebildet, sie aber, indem er Christus und

Thomas auf denselben Plan stellte, um ihre wirkungsvollste Schönheit

gebracht.

Auch die Maler haben sich das Vorbild nicht entgehen lassen. Signorelli

wiederholte die Gruppe auf einem Fresko der Sagristia della Cura des

Domes zu Loreto; Perugino entlehnte die Thomasgestalt seines Meisters

für einen der Apostel auf dem Fresko mit der Schlüsselübergabe in der

Sixtinischen Kapelle zu Rom.

Schließlich finden wir die Gruppe ganz und teilweise auch bei den

florentiner Holzschneidern, die um das Jahr 1490 ihre Thätigkeit als

Bücherillustratoren beginnen.

Eigenheiten wie das seitlich herausgestellte im Knie gebogene Bein und

die Draperie des Mantels vom hl. Thomas werden überhaupt künstlerisches

Allgemeingut und bereichern den Schatz an Formen und Motiven, mit

dem Florenz die einheimischen sowohl wie die aus den benachbarten

Lokalschulen zugewanderten Künstler versorgt. --

Nicht nur im Weltenrichter (auf dem Forteguerrigrabmal) und im

Verklärten dieser Gruppe hat Verrocchio sein Christusideal verkörpert,

auch für den am Kreuz leidenden und sterbenden Heiland wird er einen

neuen eigenartigen Ausdruck gefunden haben. Doch haben wir nur die

dürftige Notiz bei Vasari, die von der Existenz solcher in Holz

geschnitzter Kruzifixe berichtet.

Verrocchio · 第 58 / 68 题