XI.

Die Gründe, die unseren Meister von einer persönlichen Anteilnahme an

den Arbeiten des Forteguerrigrabes fern hielten, bestimmten ihn auch,

einen ähnlichen Auftrag in Florenz den Händen des Franceso di Simone

anzuvertrauen, nachdem die Komposition festgelegt worden war. Und doch

handelte es sich um das Grabmal einer den Medici sehr nahestehenden

Familie.

Die eheliche Verbindung der Tochter Francesca des durch Umtriebe gegen

die mediceische Politik stark kompromittierten Luca Pitti mit Giovanni

Tornabuoni, dem Oheim des Magnifico und Vorsteher der mediceischen

Filialbank in Rom, war 1466 auf besonderes Betreiben Pieros des

Gichtbrüchigen erfolgt. Nach elfjähriger Ehe starb am 23. September

1477 Francesca an den Folgen einer Geburt. Die Leiche wurde nach

Florenz überführt und dort in S. Maria Novella, wo die Tornabuoni ihr

Erbbegräbnis besaßen, beigesetzt. Verrocchio erhielt den Auftrag,

das Grabmal zu errichten, wohl infolge seiner nahen Beziehungen zu

den Verwandten der Familie, den Medici. Von diesem Grabe haben sich

nur Reste erhalten, die eine Rekonstruktion nicht mehr gestatten.

Vermutlich befand es sich an einer der Seitenwände des hohen Lettners,

der 1565 bei der Erneuerung des Kircheninnern durch den Großherzog

Cosimo I. abgetragen wurde. Daher denn auch das Hauptstück, das

Relief mit der sterbenden Wöchnerin, aus dem mediceischen Besitz in den

Bargello gelangt ist.

[Illustration: Abb. 52. +Bartolommeo Colleoni.+ Bronze. Venedig. Vor

der Kirche San Giovanni e Paolo.]

Wenn wir auf die nicht ganz klare Beschreibung des Inventars der

Medici von 1666 zurückgreifen, so dürfen wir an einen Sarkophag, auf

dessen Ecken die allegorischen Figuren der Tugenden saßen, denken; auf

der Stirnseite oder darüber war dann das Relief angebracht und ihren

Abschluß fand die Komposition mit dem Porträt der Verstorbenen in

einem Medaillon. Damit hätte Verrocchio eine neue Form auch für das

Privatgrabmal gefunden, die in Benedettos Strozzigräbern fortgewirkt

haben dürfte.

Doch bietet schon das allein erhaltene Relief genug des Neuen und

Eigenartigen. Es zerfällt in zwei Teile, die ohne irgend welche

architektonische Trennung deutlich den Eindruck zweier getrennter

Räumlichkeiten geben: die Wochenstube mit der eintretenden Katastrophe

und das Vorzimmer, in dem der bestürzte Vater und die Freunde des

Hauses versammelt sind (Abb. 38 u. 39). Die beklemmende Luft des

bürgerlichen Trauerspieles schlägt uns entgegen. Während rechts, wo die

Frauen um die Erschöpfte bemüht sind, das laute Wehgeschrei widerhallt,

ist drüben, links, der Schmerz in Gegenwart der Männer wortloser,

verhaltener, doch darum nicht minder erschütternd.

Die Darstellung laut ausbrechender Klage und stumm verzweifelnden

Schmerzes war bisher auf den Stoffkreis der heiligen Schrift beschränkt

geblieben. Auf Verrocchios Thonrelief der Grablegung gewahrt man,

in wie edlen Grenzen der Meister die Affekte zu halten wußte, ohne,

wie Donatello, durch ein Übermaß die innere Hoheit des Vorwurfes

zu schädigen oder, wie etwa Antonio del Pollajuolo auf dem Blatte

mit dem sogenannten „Tod des Gattamelata“ das Vulgäre zu streifen.

Auch auf dem Tornabuonirelief zeigt der Meister weise Mäßigung. Die

das dünnsträhnige Haar raufende Greisin am Fußende des Bettlagers

und die ekstatisch die Zöpfe zerrende Junge am Kopfende mit ihren

schreiend weit geöffneten Mündern bringen die schrillsten Töne in

die erschütternde Melodie der Trauer; aber um sie herum klingt alles

zu dumpfen, leisen Lauten ab bis zu dem schwachen Gewimmer, das von

den Lippen der Sterbenden zittert. Am ergreifendsten spricht sich

der Jammer in dem vorn vor dem Bette niedergekauerten Weibe aus, das

fassungslos ergeben die Hände vor die Ohren hält, um nicht das Geschrei

der Klagenden und die Seufzer der Herrin zu hören. Im Vorzimmer lauscht

der Vater mit der Sippe auf jeden Ton, der herausdringt. Zweifelsohne

sind das alles Bildnisse, nicht nur der Vater Giovanni mit dem

charakteristischen Krämergesicht der florentiner Kaufherrn, auch die

etwas stutzerhaften Jünglinge links, die im Aufzug nur die verlegene

Scheu conventionell Teilnehmender markieren. Und nun tritt unter die

Gruppe die Wehmutter mit dem Neugeborenen und bringt dem Vater die

Nachricht, daß es drüben zu Ende geht.

Mit dem sicheren Blick des Dramatikers hat der Künstler aus dem Verlauf

der schmerzlichen Begebenheiten die beiden Momente herausgegriffen, in

denen die Hauptpersonen dieses bürgerlichen Trauerspiels, der Vater

und die Mutter die höchste Teilnahme des Zuschauers anrufen. Was ihn

dabei unterstützte, darf zum Teil auf die Tradition seiner Vaterstadt

zurückgeführt werden, in der die Kunst des spannenden Erzählens wie

nirgends sonst in Italien geübt und gemeistert wurde; zum anderen, kaum

geringeren Teil bleibt doch das Verdienst des Meisters unangetastet,

weil er gerade die fruchtbarsten Momente erkannt hat.

Die Komposition büßt bei allem Figurenreichtum nirgends die Klarheit

und Übersichtlichkeit ein. In freier, malerischer Weise ist der

Reliefstil gehandhabt; doch hat der Bildhauer sich nicht, wie Ghiberti,

irgend welche Übergriffe in das verführerisch benachbarte Gebiet der

Malerei gestattet. Er gibt keine Perspektive der Räumlichkeiten,

in denen wir uns befinden. Er wirkt ausschließlich mit der bis

in die feinsten Nüancen abgetönten Schilderung einer großen,

leidenschaftlichen Gemütsbewegung, die das Mitempfinden über alle

Zufälligkeiten hinweg an die reinen Quellen des Ewig-Menschlichen

führt. Wer fragt bei diesen Figuren nach Stand und Namen? Das

Geschehnis ist so allgemein deutlich, daß sich die Frage nach den von

diesem Unglück Betroffenen erst einstellt, wenn die erregte Teilnahme

zu ruhiger Überlegung erkaltet.

In technischer Hinsicht ist dem Relief nichts Gutes nachzurühmen.

Abgesehen davon, daß abgebrochene Gliedmaßen und bestoßene Köpfe den

Eindruck stören, ist die Marmorarbeit trocken und kleinlich. Namentlich

am Faltenwurf, den Verrocchio nicht reich genug gestalten konnte,

zeigt sich, wie geistlos der Schüler das Modell übertragen hat. Auch

in den Körperverhältnissen, die zum größten Teil unnatürlich gestaucht

sind, von einigen ebenso unnatürlich gestreckten Frauenkörpern

abgesehen, verrät sich eine unsichere Schülerhand. Die Verkürzung

der etwas schräg gestellten Bettstatt, die übrigens die Form des

antiken, auf verzierten Pfosten ruhenden ~lectus~ hat, ist mißraten.

Die teils leer-freundlichen, teils mürrischen Köpfe mit ihren schweren

Augenlidern und der steifen Haltung sind ebenso bezeichnend für

Francesco di Simone wie das Stückchen Arabeskenverzierung an den

Bettpfosten.

Die gleiche Hand gewahrt man in den Statuetten der Tugenden, die

Madame André in Paris bewahrt (Abb. 40-43). Zu den drei theologischen

Tugenden, Glaube, Liebe, Hoffnung, die jeden Christen zieren sollen,

tritt noch die Gerechtigkeit mit Schwert und (fehlender) Wage, die

der Verstorbenen vermutlich besonders nachzurühmen war. In ihrer

conventionellen Haltung möchte ich sie nicht einmal mehr auf die

Erfindung Verrocchios zurückführen. Zudem erscheinen drei dieser

kurzbeinigen, steif sitzenden Allegorien in wörtlicher Wiederholung an

dem Grabmal des Rechtsgelehrten Tartagni in San Domenico zu Bologna,

dem signierten Hauptwerke des Francesco di Simone (Abb. 44).

* * * * *

[Illustration: Abb. 53. +Einzelteil vom Reiterdenkmal des Colleoni.+

(Nach einer Originalphotographie von C. Naya in Venedig.)]

Das Relief mit der Enthauptung Johannis des Täufers, das Verrocchio

um die gleiche Zeit beschäftigte, bietet nicht nur Ersatz für die

Virtuosenleistungen in der perspektivischen Darstellung des Raumes,

die man vergeblich auf den Tornabuonirelief sucht, sondern muß, da es

in Silber getrieben ist, für alle verlorenen Goldschmiedearbeiten des

Meisters entschädigen. Der Dossale, wie man den prachtvoll zierlichen

Silberaltar nannte, den die Zunft der Kaufleute dem Schutzpatron ihrer

Vaterstadt gestiftet hatte, war bereits 1402 in dem gotisierenden

Stil des Trecento bis auf die Seitenteile vollendet. Die Herstellung

der beiden an Ghiberti vergebenen Bronzethüren, für die wie alles,

was zur künstlerischen Ausschmückung des Baptisteriums diente, die

Calimalazunft Sorge tragen mußte, hatte die flüssigen Gelder so in

Anspruch genommen, daß die Fortführung der Arbeiten am Dossale beiseite

geschoben werden mußte. Kurz vor Ausstellung der zweiten Thür fertigte

Michelozzo 1452 die silberne Statue des Täufers für die leer gelassene

Mittelnische der Vorderseite an. Endlich 1477 beschloß man das ganze,

schon über hundert Jahre in Auftrag gegebene Werk vollenden zu lassen.

Die Auswahl der Geschichten ergab sich von selbst; nachdem das Leben

des Täufers in acht Reliefs der Vorderseite von dem Aufbruch in die

Wüste bis zu dem drohenden Auftreten vor Herodes dargestellt war,

blieben für die linke Seitenwand nur die Begegnung der heiligen Frauen

und die Geburt, für die rechte das Gastmahl des Herodes mit dem Tanz

der Salome und die Enthauptung übrig. Der Auftrag fiel an Antonio

del Pollajuolo und an Verrocchio, vermutlich nicht ohne den Rat der

Medici, die in der Zunft tonangebend waren. Pollajuolo reichte drei,

Verrocchio zwei Wachsmodelle ein. Nun aber mischten sich ein paar

zünftige Goldschmiede ein und boten ihre Kunstfertigkeit mit Erfolg

an. Schließlich einigten sich die Parteien dahin, alle vier Künstler

mit der Anfertigung je eines Reliefs zu betrauen (13. Januar 1479). An

Verrocchio fiel die Enthauptung (Abb. 45).

Zwei mit höchster Sorgfalt durchgeführte Statuetten in Thon -- der vom

Rücken gesehene ältere Krieger, der nach dem Streitkolben greift, und

der mitleidige, gelockte Jüngling mit der Schale -- beide im Besitz

des Barons Adolphe Rothschild in Paris, lehren die Art kennen, wie

Verrocchio die Arbeit vorbereitete. So wird er jede einzelne Figur

in Thon modelliert und dann der Werkstatt zur Übertragung in das

Edelmetall überlassen haben. Denn eine Fülle von Unbeholfenheiten

im Stand der Figuren und von Formenfehlern, die auf die mangelnde

Einsicht des betreffenden Schülers schließen lassen, nötigen auch bei

diesem Relief die eigenhändige Ausführung des Meisters abzustreiten.

Oder hätte sich Verrocchio je einen so detaillierten und doch so

unverstandenen Akt zu schulden kommen lassen, wie die im Modell gewiß

prachtvoll durchgeführte Rückenfigur des nackten Henkers?

Verrocchio hat die meist in die Darstellung des Gastmahls

miteinbezogene Scene selbständig ausgestaltet und die der Hinrichtung

beiwohnenden Figuren über die sonst übliche Zahl vermehrt. Auch in

diesem Relief bewährt er die Treffsicherheit des Dramatikers: er

wählt den Augenblick, wo das Schwert des Henkers das leichtsinnige

Versprechen des Herodes einlöst, und die kurze Spanne zwischen dem

Aufblitzen der blanken Schneide und dem Todesseufzer des Enthaupteten

die Gefühle bei den Zeugen des traurigen Geschehnisses plötzlich laut

werden läßt. Mit der Empfindungslosigkeit einer guillotinierenden

Maschine holt der Henker zum unerbittlichen Streich aus; rechts

unter den gealterten Centurionen der Leibwache entbrennt ein mit

Thätlichkeiten drohender Meinungskampf über die Leichtfertigkeit dieses

Mordes; drüben unter den jüngeren Kriegern herrscht Mitleid, Grauen

und Abscheu. Und mitten in dem Streit der Worte und Empfindungen kniet

das Opfer, stumm, todesbereit, ganz in Demut und Gebet versunken. Nur

ein großer Meister konnte diese Gegensätze ersinnen und so wirksam

herausarbeiten.

Das Relief ist eine Fundgrube für die Kenntnis der Ornamentik bei

Verrocchio. Hierbei unterstützt auch die Sorgfalt, die der ausführende

Silberschmied gerade diesen Teilen der Arbeit, der Übung seiner

Hand entsprechend, hat angedeihen lassen. Da findet man die schon

am Lavabo beobachteten Löwen- und Wolfsmasken als Gelenkköpfe, die

Rosetten und Palmetten, die Schuppen auf den Arm- und Beinschienen,

die Drachenflügel am Helm -- alles Zierformen, die in diesem Überfluß

keinem anderen Künstler der Zeit geläufig sind. Die Koller schließen,

wie beim David, so eng an, daß sich die Muskulatur durch das Leder

zeichnet; auch die die Zehen freilassenden Gamaschen kommen aufs neue

vor. Hände und Füße sind höchst zierlich geformt, selbst bei dem

kleinen Maßstab der Figuren fehlt nicht die Angabe der Adern und der

Hautfalten. Der Stand der Figuren ist frei und sicher, und schwierig

verkürzte Stellungen sind eher gesucht als gemieden. Der vom Rücken

gesehene, breitbeinig aufgepflanzte Krieger, der in auffahrender

Wut mit der Rechten zum Streitkolben in der Linken übergreift, hat

einen Vergleich mit Castagnos berühmten Pippo Spano nicht zu scheuen.

Und wenn, wie bei dem Jüngling links mit der wundervoll getriebenen

Kupferschale, die Stellung unsicher und tänzelnd erscheint, ist eben

nur der Gehilfe der Absicht des Meisters nicht gerecht geworden.

In den dargestellten Charakteren leben die Gestalten der beiden

hervorragendsten Werke des Meisters, die ihn gleichzeitig mit

diesem Relief beschäftigen, wie Nachklänge und Vorahnungen. Der

Johanneskopf erscheint als eine leichte Modifikation des Christus, der

teilnahmsvolle Jüngling wie ein Verwandter des Thomas aus der Gruppe

an Or San Michele. In den zornigen Kriegern könnte man Studien zum

Colleoni mutmaßen; hier wie dort müht sich der Meister um den Ausdruck

wilder Größe.

Wenn Verrocchio den schauerlichen Vorgang aus dem Düster der

Gefängnismauern, in dem er sich sonst abzuspielen pflegt, in eine

prunkvolle Halle im Stile der Pazzikapelle des Brunelleschi verlegt,

so entspricht das dem Streben nach Glanz und Feierlichkeit, das

ein besonderes Kennzeichen seiner aristokratischen Kunst ist. Sein

Schönheitsgefühl bewahrte ihn vor dem ästhetischen Mißgriff anderer

Künstler, die uns die Scene wenige Augenblicke zeitlich weiter gerückt

vorführen mit dem blutigen Kopf auf der silbernen Schüssel und dem

noch immer knieenden Rumpf mit dem Blutstrom, der den durchschnittenen

Adern im Bogen spritzend entquillt. Nichts spricht so sehr für den

vollendeten Kunstverstand des Meisters, als daß er die höchste

dramatische Spannung mit den Geboten der Schönheit in eine reine

künstlerische Harmonie zu bringen gewußt hat. Dem Gräßlichen, an dem

Donatello seine Kraft mit einer gewissen Wollust erprobt hat, ging die

zartere Natur Verrocchios instinktiv aus dem Wege.

[Illustration: Abb. 54. +Einzelteil vom Reiterdenkmal des Colleoni.+

(Nach einer Originalphotographie von C. Naya in Venedig.)]

Drei Jahre nach der Vollendung (1480) ward der Dossale zum erstenmal

aufgestellt, aber nicht, wie man ursprünglich beabsichtigt hatte, als

festliche Bekleidungswand des Altartisches, sondern als Altaraufsatz.

Von dem verwirrenden Glanz des in tausend Lichtern spiegelnden und

funkelnden Edelmetalles mit den Steinen und den Emails kann man noch

heutzutage einen Eindruck bekommen, wenn der Altar, wie regelmäßig seit

1483, am Fest des heiligen Johannes, aus dem Museo dell’ Opera hinüber

ins Baptisterium geschafft wird und der glitzernde Schrein über der

andächtig bewegten Menge wie der heilige Gral erglüht.

Verrocchio · 第 57 / 68 题