X.

Kurz vor dem Weihnachtsfeste 1473 verschied in seinem Palaste zu

Viterbo Niccolo Forteguerri, der Kardinal von Teano.

Die Kirche verlor in dem Kardinal nicht nur einen ihrer treuesten

geistlichen Diener, sondern vor allem einen ihrer tapfersten und

umsichtigsten Heerführer. Abgesehen von seinen hervorragenden

Fähigkeiten hatten früh angeknüpfte freundschaftliche Beziehungen

zu Enea Sylvia Piccolomini (später Papst Pius II.) dem talentvollen

Juristen die glänzende Laufbahn eröffnet. Seit er von Eugen IV. zum

Verwalter des päpstlichen Patrimoniums mit dem Sitz in Viterbo ernannt

worden war, hatte er eine immer steigende Vorliebe für den Aufenthalt

in der „Stadt der schönen Brunnen“ bekundet, wo er in seinem Palaste

von den kriegerischen Mühen sich erholte und seinen Garten anbaute.

Die Vaterstadt Pistoja sah ihn selten. Doch empfing sie den berühmten

Sohn stets mit großem Gepränge, besonders 1460, als er den roten

Hut erhielt, und wenige Jahre darauf, ehe er sich als päpstlicher

Legat nach Pisa begab, um die Truppen zum Kreuzzug gegen die Türken

zu versammeln. Auch nach dem nur sechsjährigen Pontifikat Pius’ II.

blieb er in nächster Beziehung zum heiligen Stuhl. Er vollzog die

Inthronisation des neuen Papstes Paul II., und als 1471 abermals das

Conclave zusammentrat, erschien Forteguerris Name auf der Liste der

Papabili. Indessen ging nicht er, sondern der Kardinal Rovere, der den

Namen Sixtus IV. annahm, aus der Wahl hervor.

Dem Zuge der Zeit in der reichlichen Ausübung öffentlicher

Mildthätigkeit ebenso sehr wie dem Zuge seines wohlthätigen Herzens

folgend, stiftete der Kardinal in seinem Todesjahre das Liceo

Forteguerri zu Pistoja, mit der Aufgabe, armen Studenten weiter zu

helfen. Er mochte sich dabei dankbar erinnern, daß in seiner bedrückten

Jugend das Stipendium der Operai von S. Jacopo allein ihm den Besuch

der Universitäten Bologna und Siena und damit seine ehrenvolle Laufbahn

ermöglicht hatte.

Als er nun, von den Strapazen der Feldzüge aufgerieben, am 21. Dezember

1473, kaum vierundfünfzig Jahre alt, in seinem geliebten Viterbo die

Augen schloß, säumte man nicht, sein Gedächtnis dauernd zu ehren. Als

Titularkardinal von San Clemente in Rom wurde er dort beigesetzt und

ihm von Mino da Fiesole das Grabmal errichtet, das wir erst seit 1891

wieder in seiner ursprünglichen Gestalt sehen (Abb. 30). Zugleich

beschloß der Gemeinderat seiner Vaterstadt Pistoja in einer Sitzung vom

2. Januar 1474, zur Errichtung eines Ehrengrabes an geeigneter Stelle

die Summe von 300 Goldgulden auszuwerfen.

Unter den fünf Modellen, die zwei Jahre später vorlagen, erhielt

dasjenige des Andrea del Verrocchio aus Florenz die meiste Anzahl von

Stimmen und wurde zur Ausführung angenommen (5. Mai 1476). Allein

dem Vorhaben stellten sich bald Schwierigkeiten entgegen. Zunächst

erhöhte Verrocchio seine Forderung auf 350 Dukaten, und während

darüber noch die Verhandlung hin und her ging, benutzte ein Teil der

Kommission, die Operai von S. Jacopo, die Anwesenheit Pieros del

Pollajuolo, um ein neues Modell zu erlangen. Nun standen sich die

Parteien gegenüber: Andrea konnte sich an den Kontrakt halten, für

Pieros Modell traten außer der Behörde von S. Jacopo noch die Familie

des Verstorbenen und die öffentliche Meinung ein. In einem Brief vom

11. März 1477/78 wandten sich die Operai an ihren Protektor Lorenzo

de’ Medici, dem sie zugleich die Modelle unterbreiteten. Mit der

nicht nachweisbaren Antwort ist uns ein wichtiges Dokument sowohl für

Lorenzos künstlerischen Geschmack, wie für seine taktvolle Vermittelung

zwischen zwei ihm gleich nahestehenden Künstlern verloren gegangen. Die

Thatsachen weisen darauf hin, daß Lorenzo sich für Verrocchios Modell

entschieden hat.

Eine für Verrocchio ungewöhnlich flüchtig gearbeitete Thonskizze im

South Kensington-Museum zu London wird wertvoll, indem sie uns die

großartig angelegte Komposition vorführt (Abb. 31). Verrocchio stand

diesmal einer ganz anderen Aufgabe als beim Medicimonument gegenüber.

Mußte er dort das Würdevolle im Unauffälligen zur Geltung bringen, so

war hier das Imposante ohne alle Einschränkung sein einziges Ziel.

Mit der Phantasie eines Barockmeisters, die mit großen Massen ein

malerisches Spiel beginnt und den Widerstand des Materiales lächelnd

überwindet, hat Verrocchio die ungeheuere, von einem Nischenbogen

überspannte Mauerfläche belebt. Als Motiv wählte er den Anbruch der

ewigen Seligkeit, in die der Verstorbene einzugehen bestimmt ist. Als

habe er den schweren Todesschlaf von sich geschüttelt, so kniet der

Kardinal auf dem Deckel des Sarkophages, und während in der unteren

Region die drei theologischen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und

der Liebe ihn umschweben, tragen Engel in einer mandelförmigen Glorie

Christus selbst als gnädigen Richter dem fromm mit gefalteten Händen

aufschauenden Kirchenfürsten entgegen. Wo die neben ihm schaffenden

Meister nur die Aufbahrung des Toten in der Kirche während der

Parentation zu verewigen wußten, hat Verrocchio Handlung und Bewegung

gegeben, indem er dem Visionären sinnlich wahrnehmbare Formen verlieh.

Das Neue und Originelle der Komposition erfährt keine Einschränkung,

wenn man für den oberen Teil mit der Mandorla auf das Relief der

Gürtelspende des Nanni di Banco über der Nordthür des Florentiner

Domes hinweist, das nicht nur in der Anlage, sondern auch in einzelnen

Motiven der die Mandorla tragenden Engel vorbildlich für Verrocchio

gewesen ist.

[Illustration: Abb. 50. Giovanni Antonio Amadeo. +Grabmal des

Bartolommeo Colleoni.+

Marmor. Bergamo. Cappella Colleoni.

(Die Statue aus vergoldetem Holz ist die Arbeit zweier deutscher

Künstler, 1501.)]

Die Ausführung des Werkes enttäuscht aufs empfindlichste die

Erwartungen, die der Entwurf hervorrief (Abb. 32). Im Tadel dieses

Kunstwerkes mit den „geschmacklos behandelten Gewändern“ sind sich alle

Kritiker einig. Sie übersehen dabei aber allzusehr, daß, abgesehen

von den späteren Verunstaltungen, auch an den ursprünglichen Teilen

die sorgfältige Hand Verrocchios nicht thätig gewesen ist. Zwar nehmen

Vasari und seine Ausschreiber die Gestalten Christi mit den Engeln,

des Glaubens und der Hoffnung für den Meister selbst in Anspruch, wie

auch in den Rechnungsbüchern von 1483 ausschließlich Verrocchios Name

genannt wird, aber hier muß sich die Stilkritik über die Dokumente

und über die litterarische Tradition hinwegsetzen. Weder die Typen

mit ihrer erstarrten Freundlichkeit noch die gebauschten und wüst

zerknitterten Falten lassen den Gedanken an Verrocchio aufkommen. Hier

sind sich Schüler ziemlich selbständig überlassen gewesen, die den

Meister zu übertrumpfen suchten und damit keinem Fehler der äußerlichen

Nachahmung entgingen.

Die Schule Verrocchios mit Lorenzo di Credi an der Spitze ist seit

1477/78 in Pistoja dokumentarisch nachweisbar; später ist auch Agnolo

di Polo dort thätig. Andererseits häufen sich seit derselben Zeit für

Verrocchio die Arbeiten in Florenz, so daß er für eine so große Arbeit,

wie seiner in Pistoja wartete, nicht selbst abkömmlich war. Seine

Gruppe mit Thomas und Christus ging der Vollendung entgegen, zugleich

mußte er für das Silberrelief am Johannisaltar Sorge tragen und

bereits seit 1479 beschäftigten ihn die Vorarbeiten zu seinem Reiter

für Venedig. Zudem hatte ihm der Auftrag für das Forteguerrigrabmal

von vornherein allerhand Differenzen eingetragen: die ausgeworfene

Summe schien ihm nicht hinreichend und das Vorschieben des Piero del

Pollajuolo wird ihn ebenfalls nicht unempfindlich gelassen haben.

Endlich lag ihm auch das Material nicht. Alles Grund genug hier

nur die Oberaufsicht, die bei der Nähe von Pistoja und Florenz ja

leicht zu führen war, für sich zu beanspruchen und die Ausführung an

Gehilfen weiterzugeben. Dabei kommt Lorenzo di Credi vor allen anderen

Mitarbeitern des Meisters in Frage.

Das Werk scheint denn auch unter diesen bis 1483 hinreichend gefördert

worden zu sein. Verrocchios dauernde Abwesenheit von Florenz und sein

schneller Tod schufen dann ebenso verhängnisvolle Verzögerung, wie die

allmählich mangelnden Gelder. Nach Jahren völligen Stillstandes schloß

man mit Lorenzetti, dem Schwager Giulio Romanos, dessen sich auch

Raphael gelegentlich für die Ausführung seiner plastischen Entwürfe

bediente, ein neues Abkommen (1514) und Lorenzetti meißelte, ohne

sich an das Modell zu halten, die Caritas mit den Kindern und die

knieende Statue des Kardinals. Bei dieser Porträtstatue aber wich der

Künstler so sehr von der vorgesehenen Stellung als Teil des Ganzen

ab, daß man keinen ausreichenden Platz fand, sie einzuordnen; und so

befindet sie sich noch heute im Liceo (Abb. 33). Die Vollendung der

Rückwand gab Veranlassung, das Grab zu einem Altar umzuwandeln, an dem

jedes Jahr das Fest des heiligen Bartholomäus gefeiert wurde. Erst

1753 stellte Gaetano Masoni den Sarkophag mit der schwachen Büste und

den abscheulichen weinenden Putten auf und führte um die Nische den

geschmacklosen Barockrahmen, der das barbarische Aussehen des Ganzen

bis zur Unerträglichkeit steigert.

Ein auffälliger Mangel an Entwürfen und Skizzen beweist, daß Verrocchio

das Werk nebensächlich behandelte und mit dem allerdings kühn und

eigenartig erdachten Entwurfe seine persönliche künstlerische Aufgabe

als erledigt betrachtete. Dennoch muß man einige der erhaltenen

Thonskizzen eher mit diesem Werke als mit irgend einem anderen in

Beziehung setzen. Dahin gehören zunächst die fliegenden Engel der

Collection Thiers im Louvre, Gestalten voll echt Verrocchiesken

Liebreizes, in üppiger Lockenfülle und stürmisch flatternder, unruhig

reicher Faltengebung. Sie haben das Vorbild für viele andere, die

später namentlich im Werke der Robbia auftreten, hergegeben. Auf den

Spuren des Nanni di Banco hat hier auch Verrocchio mit der Tradition

der aus der Antike übernommenen, lang hingestreckt fliegenden Engel

gebrochen. Eine Zeichnung der Malcolmschen Sammlung im Britischen

Museum zu London, die gleichfalls Studie zu einem mandorla-tragenden

Engel ist, trägt außer den Merkmalen der Äußerlichkeiten (Silberstift,

weiß gehöht auf rot grundiertem Papier) auch stilistisch die

Kennzeichen der Hand des Lorenzo di Credi und darf mithin als

Vorbereitung dieses für die Marmorausführung, die allerdings

beträchtlich geringer ausgefallen ist, gelten (Abb. 34).

[Illustration: Abb. 51. +Reiterstatue des Bartolommeo Colleoni.+ Bronze.

Verrocchio · 第 55 / 68 题