IX.

Die ansehnliche Gruppe von Madonnendarstellungen in Marmor, Thon

und Stuckmasse, die mit Verrocchios Namen belegt wird, läßt sich

auf ein Originalwerk des Meisters zurückführen. Bis vor seiner eben

erfolgten Überführung in die Uffizien stand es versteckt in einem

Vorraum, der zur Galerie des Spitals von S. Maria nuova führt. In

starkem Hochrelief, das in gewissen Teilen hart an die Grenze des

Freiplastischen rührt, zeigt es die Madonna bis zu den Hüften,

liebevoll herniederlächelnd auf das nackte Christkind, das mit

segnender Gebärde auf einem prachtvollen Kissen vor ihr auf einer

Brüstung steht (Abb. 23). Die Gruppe ist in gebranntem Thon ausgeführt,

so daß, wie immer vor Terracotten, der Gedanke an ein Modell für den

Bronzeguß oder die Marmorausführung lebendig wird. Nicht genug kann

beklagt werden, daß wir keine Nachricht über den Ursprung der Arbeit

besitzen; die von Vasari erwähnte, aus der Casa Medici stammende

Madonna dürfen wir in der unsrigen nicht erkennen, weil weder das

Material -- dort war es ein Marmorrelief -- noch die Beschreibung --

„das Christkind am Halse der Mutter“ -- paßt. Die in allen Teilen

gleich vollendete und schöne Arbeit gibt hinreichenden Aufschluß über

das Madonnenideal des Verrocchio.

Das Quattrocento hatte mit der noch an die hieratische Tradition

anknüpfenden Darstellung der thronenden Madonna gebrochen zu Gunsten

einer weltlicheren, menschlich-intimeren Auffassung. Die Unberührbare

erschien den Künstlern, ihrer himmlischen Würde entkleidet, in allen

Wochen- und Kinderstuben im Bilde der Wöchnerin und Mutter selbst

gegenwärtig zu sein. Und was da an Muttersorge und Mutterglück

ihnen vor Augen trat, formten ihre geschickten Hände in naiver

Unbekümmertheit um den hohen Gedanken, dem sie dienen sollten. Nicht in

dem, was sie sahen, unterschieden sich die Künstler, sondern in dem,

wie sie es sahen.

Donatello greift, leidenschaftlich und stürmisch, wie er empfindet,

die tragische Seite des Motivs auf. Seine Madonnen sind den antiken

Heroinen, den Seherinnen, den Sibyllen verwandt; wie jene haben sie

tief in die Arglist der Herzen und in das Leid der Welt geblickt; der

Schmerz der Niobe lebt, wenn auch durch Resignation gedämpft, in ihren

großen, fast starren Augen. Als wüßten sie, wie bald sie es dahingeben

müssen, umklammern sie mit dumpfer Leidenschaftlichkeit das Kind,

hüllen es in die weiten Falten ihres Schleiertuches und ängstigen

es mehr durch ihre wilde Zärtlichkeit, als daß sie es zutraulich

machten. Luca della Robbia betont in seinen Madonnen die Jungfrau,

die mit dem Kinde wie mit einem jüngeren Geschwister spielt. Ihre

reinen Blicke trübt kaum ein leiser Schatten der drohenden Zukunft.

Alles Anmutige, Tändelnde, Mädchenhafte ist diesen jungen Müttern

zu eigen. Ihre Gewänder fallen schlicht und schmucklos, während die

Donatellos reichere Fältelung und bescheidenen Zierat zeigen. Das

Kind, nie so häßlich wie das allerdings naturgetreuer gebildete des

Donatello, schmiegt sich an die Mutter, in deren Armen sein lachendes

und leuchtendes Kinderparadies beschlossen liegt. Bei Donatello die

drückende Stimmung vor Anbruch der Tragödie, bei Luca die heitere

Zuständlichkeit des Idylls.

Verrocchios Madonna dagegen ist eine vornehme Frau im Glück ihrer

jungen Mutterschaft. Über dem leicht gewellten, mit Bändern

durchflochtenen Haar trägt sie ein zierlich gefaltetes Schleiertuch;

der Mantel über dem schöngesäumten Untergewand wird durch eine große,

perlengefaßte Agraffe zusammengehalten. Mit niedergeschlagenen Augen

und einem feinen, zurückhaltenden Lächeln betrachtet sie ihr schönes

Kind. Das ist ein Bube mit einem allerliebsten Lockenkopf, Pausbacken

und vergnügten Kinderaugen. Noch nicht recht sicher auf seinen strammen

Beinchen, greift er wie zum Halt mit der Linken an das Manteltuch

der Mutter, die Rechte, leicht von der Mutter unterstützt, macht die

Gebärde des Segnens. In dieser Madonna ist die tiefe menschliche

Empfindung mit vornehmstem Anstande gepaart. Die aufrecht stolze

Haltung der Mutter spricht das Bewußtsein der Repräsentation aus;

zugleich tritt die Mutter damit vor dem Kinde zurück. In dem Kinde

wiederum ist viel angeborenes Standesbewußtsein lebendig; sein Lächeln

streift schon ans Huldvolle. Und dennoch erstarrt das Menschliche

nirgends in höfischer Etikette. Aber die bürgerliche Sphäre ist in

dieser Madonna bereits überwunden. In ihre Wochenstube ist sicher so

vornehmer Besuch gekommen, wie ihn Ghirlandajo im Chor von S. Maria

Novella bei der heiligen Anna einführt.

[Illustration: Abb. 48. Agnolo di Polo. +Christusbüste.+ Bemalter Thon.

Pistoia. Liceo Forteguerri.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

Verrocchios Formentwickelung kann an dieser Arbeit vorzüglich studiert

werden. Den bisher betrachteten Werken gegenüber ist ein stärkeres

Relief und ein Zuwachs an Motiven festzustellen, die man bisher nicht

nachweisen konnte. Für den späteren Stil des Meisters ist namentlich

die sehr reiche Faltengebung des Mantels der Maria bemerkenswert. Die

Motive häufen sich schon und würden vielleicht beunruhigen, fänden sie

nicht in dem nackten Kinderkörper mit seinen großen ruhigen Flächen auf

der anderen Seite einen wirksamen Ausgleich. Dieses Christkind ist in

allen Teilen der Bruder des Fischmännchens, nur daß hier in dem weichen

Thon das Schwammige und Gedunsene des Kinderkörpers noch besser zum

Ausdruck kommt, als dort in der durch spätere Patinierung mißhandelten

Bronze. Das bestrickend anmutige Lächeln der Madonna konnten wir schon

am David wahrnehmen, hier tritt es zum frauenhaft Lieblichen gehöht

und zugleich gemildert auf. Die Hände, fleischig aber edel geformt,

liefern wohl den stärksten Beweis dafür, daß die weibliche Marmorbüste

des Bargello nicht Verrocchio angehört, selbst wenn man die Hände

dort mit den fein zugespitzten Fingern als eine eigene Schönheit des

Modells ansehen wollte. Von dem malerischen Gefühl Verrocchios spricht

auch der Umstand, daß er die Plinthe des Reliefs in die Komposition

mit hineinbezogen hat und sie als Balustrade denkt, auf der das Kissen

ruht und über die hinweg der Mantel der Maria mit ein paar schönen

Faltenmotiven fällt. So verschmilzt erst die Spätrenaissance wieder den

idealen Raum mit der realen Abgrenzung. Die im Spitzbogen geschlossene,

blau bemalte Hinterwand mit der strahlensprühenden Taube als Symbol des

heiligen Geistes und dem Sockel mit der schlecht gemalten Inschrift

(die in der Abbildung weggelassen wurde) sind spätere, entstellende

Zuthaten.

Es ist nun sehr lehrreich, zu sehen, wie sich die Werkstatt und

die Schule des Meisters mit diesem Madonnentypus abfindet: sie

verallgemeinert die Form und verweichlicht den Ausdruck. Die angeblich

aus der Casa Medici stammende Madonna des Bargello (Abb. 24) kann

weder das Werk sein, das Vasari im Kabinett der Großherzogin über

einer Thür sah, noch möchte man darin die eigenhändige Ausführung des

Meisters erkennen. Die Madonna ist glatt und süßlich im Ausdruck,

das Christkind steif in der Haltung und ohne das herzliche Lächeln.

In technischer Hinsicht fällt das flach behandelte Relief mit den

gequetschten Falten auf. Bei solchen entscheidenden Abweichungen von

der Eigenart des Meisters darf schließlich auch auf das Material

hingewiesen werden. Unter den gesicherten Arbeiten Verrocchios findet

man keine in Marmor ausgeführten; selbst bei großen Aufträgen pflegte

er die Ausführung in diesem Material Gehilfen anheim zu stellen. Damit

soll aber keineswegs die sehr enge Beziehung gerade dieser Madonna zu

seiner Werkstatt geleugnet werden. Sicher ist sie dort, und zwar unter

seinen Augen, entstanden, worauf manche Feinheiten hindeuten. Nur sind

auch die Schönheiten, wie z. B. Kopf und Hand, leer geblieben, ohne

die liebevolle Vollendung, die Verrocchio diesen Teilen vornehmlich

angedeihen läßt.

Eine Reihe Verrocchiesker Madonnenreliefs in Thon, Robbiaarbeit und

farbigem Stuck lehnt sich mit größeren oder geringeren Freiheiten an

diese Marmorarbeit an und beweist mithin, daß das Marmorrelief sich

großer Beliebtheit erfreut hat. Eine der schönsten Repliken erkennt

man in der glasierten Terracotta der Sakristei von S. Croce zu Florenz

(Abb. 25), von der eine farbige Stucknachbildung das Berliner Museum

besitzt (Abb. 26). Unter den Thonnachbildungen befand sich eine

besonders durch die zarte Milde des Madonnenkopfes bestechende zuletzt

im englischen Kunsthandel (bei Mr. Dibblee in Manchester), während

eine zweite im South Kensington-Museum zu London (Nr. 7576) das Motiv

erweitert, in der Ausführung vergröbert vorführt (Abb. 27).

Alle diese Madonnen weichen mehr in der Darstellung des Kindes als

in der der Mutter von dem Thonoriginal des Verrocchio ab. Zunächst

steht bei ihnen das Christkind auf der linken Seite, während es

bei Verrocchio rechts steht. Ferner nähern sich diese Nachahmer

merkwürdigerweise in der Formengebung des Kinderkörpers viel mehr dem

segnenden Christkind des Desiderio auf dem berühmten Tabernakel von

S. Lorenzo als dem Kindertypus ihres Meisters. Vor einigen darf man

bestimmte Künstlernamen aussprechen, z. B. vor jener ziemlich blöden

Marmormadonna des Bargello mit dem Wolkenhintergrund, die ein Werk des

Francesco di Simone ist (Abb. 28).

Nur eine dieser, dem Verrocchio nahe verwandten Madonnen -- bei Mr.

Quincy Shaw in Boston (Abb. 29) -- tritt aus dem bisher betrachteten

Kreise heraus. In seiner Komposition -- die Madonna betet sitzend

das auf ihrem Schoße liegende Kind an, das ein herzugetretener Engel

stützt -- geht die Arbeit auf das berühmte Vierfigurenbild des Fra

Filippo in den Uffizien zurück. Was Verrocchio diesem Meister zu danken

hat, soll bei der Betrachtung seiner malerischen Produkte gewürdigt

werden; hier genüge der Hinweis auf das frei benutzte Vorbild. Die

sehr sorgfältige, ungemein glatte und saubere Durchführung, die etwas

untersetzten Verhältnisse des Christusknaben, die holde Schwärmerei im

Kopfe des Engels, dem der Davidtypus zu Grunde liegt, die sentimentale

Stimmung lassen an Lorenzo di Credi denken, von dem wir aus Verrocchios

eigenem Munde wissen, daß er bildhauerisch thätig war, wenn auch keine

gesicherten plastischen Arbeiten von ihm nachweisbar sind. Das Relief

wurde auf einer ehemals den Medici gehörigen Villa ausgegraben und

ruhte auf einem Bronzesockel, der zwei Porphyrsäulen mit trefflich

ciselierten Bronzekapitälen trug. So zeigte auch die Umrahmung mit

ihrem koloristischen Effekt den Geschmack Verrocchios, wie das Relief

seinen Stil.

Nicht so sehr die Plastiker indessen wie die Maler haben das

Madonnenideal des Verrocchio volkstümlich gemacht. Und wenn dabei Namen

wie Botticelli, Ghirlandajo, Perugino, Credi, von dem unvergleichlichen

Leonardo immer abgesehen, in Betracht kommen, so darf ihnen vor

ihren bildhauernden Kameraden das Lob gespendet werden, daß sie sich

ihrem Vorbilde gegenüber von Trockenheit und Manieriertheit freier

gehalten haben. Freilich auch die besten unter ihnen erreichen so

wenig den Meister wie jene. Lag doch gerade in der Nacheiferung eines

so selbständig vorgehenden Meisters die Gefahr doppelt nahe, das

Zarte zum Schwächlichen, den Überfluß zum Kleinlichen herabzumindern.

Bis zu einem gewissen Grade unterlagen sie alle dieser Gefahr. Keine

ihrer Madonnen glänzt so von Huld und Hoheit, wie die ehemals in S.

Maria nuova versteckte Terracotta Verrocchios. Vor ihr allein haben

wir das Gefühl, am Wendepunkt einer Entwickelung zu stehen, die das

Problem der Madonna einer neuen Lösung zuführt. In keiner anderen

Madonna des Quattrocento meldet sich so deutlich die neue Gesinnung der

Hochrenaissance, die das Bürgerliche zum Höfischen, das Ungezwungene

zum Feierlichen, die Zurückhaltung der Scheu in die Zurückhaltung der

Vornehmheit umwandelt.

[Illustration: Abb. 49. +Malpaga, das Schloß des Colleoni.+]

Verrocchio · 第 54 / 68 题