Dieses ausgebildete künstlerische Selbstgefühl hinderte Verrocchio
indessen keineswegs seine Kunstfertigkeit auch an Aufgaben von nur
dekorativer Bedeutung zu setzen. Noch schloß der selbstbewußte Künstler
nicht den pflichtgetreuen Zünftler aus. So fertigte er zwanzig Masken
nach dem Leben als Schmuck über die Thüren des Palastes in der Via
larga. Auch hierbei wird ihm seine schon gerühmte Kunst über der Natur
zu formen zu statten gekommen sein. Vermutlich haben wir unter diesen
Masken an Porträts Verstorbener, der Familie Nahestehender zu denken;
erfahren wir doch aus dem Inventar der Medici, daß derartige Bildnisse
mehrfach über den Thüren angebracht waren. Auch besserte Verrocchio die
über den Loggien des Hofes und den Arkaden des Gartens angebrachten
antiken Köpfe aus.
Schließlich zählt Verrocchio auch unter die großen Festdekorateure.
Für die beiden von Pulci und Polizian besungenen Turniere, die seine
Herren Lorenzo und Giuliano zu Ehren der Lucrezia de’ Donati und der
Simonetta Vespucci 1469 und 1475 ritten, entwarf Verrocchio den ganzen
prunkhaften Aufzug. Beim Einritt in die Schranken, die auf der Piazza
S. Croce errichtet waren, trugen Pagen die violett und weiß gemalte
Standarte vorauf. Auf diesem „Spiritello“ war Lucrezia de’ Donati
gemalt in azurnem, mit Gold und Silber besticktem Brokatkleid; unter
einem Regenbogen strahlte die Sonne hervor und warf einen lichten
Schein auf die Gestalt, die einen Lorbeerzweig von einem dürren Stamme
pflückt und ihn zum Kranze windet. Auf dem Regenbogen prangte in
Goldbuchstaben Lorenzos Devise: ~le tems revient~.
[Illustration: Abb. 47. +Christus und der ungläubige Thomas.+ Bronze.
Florenz. Or San Michele.]
Glanzvoller und weit umfassender noch waren die von Verrocchio
geleiteten Vorbereitungen zum Empfang des Herzogs Galeazzo Sforza,
der im März 1471 mit seiner Gemahlin Bona von Savoyen und einem
Gefolge von zweitausend Personen seinen Einzug in Florenz hielt.
Die fürstlichen Herrschaften stiegen im Palast der Medici ab. Alle
Reichtümer der Familie prangten in den Gemächern: über kostbarem
Mobiliar hingen flandrische Teppiche; antike Skulpturen und moderne
Gemälde, für die der kunstliebende Herzog besonderes Verständnis
zeigte, zierten Ecken und Wände. Venezianische Leuchter sprühten
Kerzenglanz, und im großen Festsaal, wo die Tafeln herrlich
hergerichtet standen, funkelte das Silbergeschirr auf der kostbaren
Kredenz. Guirlanden rankten sich an Wand und Decke hin, Schalen
mit orientalischem Räucherwerk ergötzten Gesicht und Geruch.
Wenn in dem oft citierten Memorandum des Tommaso auch noch von
einem „~aparato~“ die Rede ist, so ist der Gedanke an eine
Festaufführung wohl gestattet, wie solche ja auch die Signorie in drei
Kirchen der Stadt zu Ehren der fremden Gäste veranstaltete.