Florenz. Museo dell’ Opera.]

Diese Restauration bietet die schickliche Gelegenheit, das Verhältnis

Verrocchios zur Antike festzulegen. Er steht darin ganz auf dem Boden

der meisten und der hervorragendsten seiner Zeitgenossen. Mit ihnen

teilte er das Gefühl, die künstlerischen Leistungen der Gegenwart

könnten sich wohl mit Ehren neben denen der alten Welt sehen lassen.

Begeisterung ohne Kritik kennt er als Florentiner nicht. Der Rat

des L. B. Alberti ist ihm stets gegenwärtig: der Anschluß an die

Formenbildung der Antike sei durch selbständiges Naturstudium zu

ersetzen. Er kopiert wohl gelegentlich z. B. jenen Kandelaber für den

Audienzsaal der Signoren, von dem ausdrücklich versichert wird, er

sei „einem gewissen antiken Gefäße nachgebildet“ worden. Auch besaß

Vasari in seiner Sammlung von Verrocchio ein Terracottarelief, einen

Pferdekopf nach der Antike darstellend. Eine schöne Terracottastatuette

des sitzenden heiligen Hieronymus im South Kensington Museum zu

London, bei der der Meister das über den Schoß gelegte Gewand aufs

sorgfältigste studiert hat, wiederholt das Motiv des bekannten antiken

Dornausziehers, der in vielen freien Kopieen damals verbreitet

war (Abb. 22). Antike Fabelwesen: die weiblichen Drachen, die

Medusenhäupter, antike Zierformen: der Löwenfuß, die Schildkröten,

das Füllhorn, der Kandelaber, antikes Ornament: der Fruchtkranz, das

Akanthusblatt, der Palmettenfries, die Rosette verwendet Verrocchio

mit Vorliebe, aber stets sind sie frei nachgebildet, geistvoll belebt,

eigenartig umgeformt. Aus all dem spricht das künstlerische Hochgefühl

der Zeit, das sich in der Wiedergabe der „Natur“ d. h. unzähliger,

liebevoll beobachteter und peinlich nachgebildeter Einzelheiten den

Alten schon überlegen fühlte. Ugolino Verinos Lobspruch, der Verrocchio

dem Phidias, ein anderes Mal dem Lysipp gleichstellt, hätte das

Selbstgefühl unseres Meisters gewiß nicht in Verlegenheit gebracht.

Und nicht nur vor der erschreckenden Lebenswahrheit des blutrünstig

Geschundenen mag er sich mit dem berechtigten Stolze des selbstbewußten

Künstlers gefragt haben: Wer von den Alten...?

[Illustration: Abb. 46. +Christus und der ungläubige Thomas.+

Verrocchio · 第 52 / 68 题