Florenz. Museo nazionale.]

Eine ähnliche, in dem gleichen Material hergestellte Reihe von Büsten

älterer bärtiger Männer, denen durchgehends Verrocchios Christustypus

zu Grunde liegt -- in den Sammlungen des Musée Cluny zu Paris, ehemals

beim Maler Landsinger in München, im South Kensington-Museum zu London,

im Klosterhof der Collegiata zu San Gemignano -- gelten als Studien

zu jenen großen silbernen Apostelstatuen, die Sixtus IV. angeblich

bei Verrocchio bestellte. So apokryph, wie bereits gesagt, dieser

Auftrag samt dem daraus hergeleiteten römischen Aufenthalte erscheint,

so locker ist der Zusammenhang dieser Arbeiten mit der Werkstatt

des Künstlers. Unter den Schülern wird Agnolo di Polo als besonders

geschickt in der Ausführung derartiger Thonarbeiten gerühmt; indessen

bietet das einzige von ihm beglaubigte Werk, eine Christusbüste im

Liceo Forteguerri zu Pistoja, nicht genügende Anhaltspunkte, um

eine oder die andere der erwähnten Büsten mit Sicherheit auf ihn zu

bestimmen.

Die Darstellung weiblichen Liebreizes muß eher bei den Madonnen

Verrocchios gesucht werden, als bei den wenigen Frauenbüsten, die

ihm die neuere Kritik zuerkannt hat. Wenn indessen die schönste

aller weiblichen Porträtbüsten des Quattrocento mit Verrocchio in

Verbindung gebracht wird, so beweist dies nur, wie hoch neuerdings der

Künstler geschätzt wird. Diese Büste (Abb. 19), die das Nationalmuseum

zu Florenz bewahrt, stammt aus dem Palazzo Medici, weshalb in der

Dargestellten auch eine Angehörige jener Familie vermutet worden

ist. Doch sind bisher alle Versuche, die Person zu identifizieren,

gescheitert. Sehr eigentümlich und gegen jede Gepflogenheit ist schon

der Abschluß der Büste mit den ganz sichtbaren, lose über der Brust

verschränkten Armen. Den Kopf mit den Ringellocken über Schläfen

und Ohren und den in ein seidenes Mützchen gesteckten Zöpfen ganz

leis nach rechts und zurückgeneigt, hält die Frau mit den schmalen,

langfingerigen Händen in den breiten Gürtel eingeschlagen einen

Primelstrauß vor dem Busen. Und aus diesen wunderbar geformten Händen

mit den schlank zugespitzten Fingern spricht mehr Seele und Geist,

als aus dem noch befangenen Lächeln, das in den Winkeln des schönen

Mundes sitzt. Wer hat solche Hände bilden können? Gewiß, die Hände beim

David mit ihrer anmutigen Spreizung sind von höchster Zierlichkeit,

und wenn der stärkere Knochenbau dort der weichen Schönheit hier

gewichen ist, so kann dies bis zu einem gewissen Grade recht wohl

mit der Verschiedenheit der Persönlichkeiten und des Materiales

erklärt werden. Aber in diesen Frauenhänden lebt eine seelenvolle

Anmut, wie sie Verrocchio auch in der schönsten seiner Madonnen nicht

auszudrücken vermocht hat. Wer Leonardos Händestudien, vor allem

jene herrliche Zeichnung in Windsor Castle mit einer den Händen auf

unserer Büste ganz verwandten Stellung vor Augen hat, wird auch vor

dieser Büste, zunächst zwar noch zögernd, eher an den Schüler als

an den Meister denken. Indessen die Merkmale zu Gunsten Leonardos

mehren sich bald. Das Mädchenbildnis in der Galerie Liechtenstein zu

Wien bietet ganz überraschende Analogieen (Abb. 20). Nicht nur in den

Äußerlichkeiten der Tracht und der Frisur, auch in der Formauffassung

verrät sich in beiden der gleiche Künstler: hier wie dort die breite,

flache Anlage des Gesichtes, die weit auseinander liegenden Augen

mit den schwer herabfallenden Lidern, die dem Blick etwas Müdes,

Verschleiertes geben, der rein und scharf gezeichnete Mund. Und wenn

die neueste Leonardoforschung Recht behält, indem sie die Hände der

Windsorzeichnung als Studie für die nachweislich abgeschnittenen

des Wiener Bildnisses ausgibt, so erstreckt sich die Ähnlichkeit

der Büste mit dem Porträt auch auf die Hände. Ganz leonardesk ist

das Hervorwölben der Handgelenke, sind die flachen Falten mit den

schmalen Stegen, die wesentlich von Verrocchios wulstiger Faltengebung

abweichen, ist die ungemeine und nie ins Kleinliche sich verlierende

Sorgfalt der Einzelheiten. Blickt aus dem Wiener Bild ein Mädchenkopf,

dessen Schönheit, wie die rückseitige Inschrift lautet, noch durch

Tugendhaftigkeit erhöht wird, so lächelt aus der Marmorbüste die

Anmut der reifen Frau, die sich namentlich in der Profilansicht sehr

schön ausspricht. Haben wir also, wie man gemeint hat, dieselbe

Persönlichkeit und, setze ich hinzu, von +demselben Künstler+ vor uns,

so gewiß aus verschiedenen Lebensjahren.

In einer zweiten weit weniger individuellen Marmorbüste (bei Herrn

G. Dreyfuß in Paris) hat man wegen des Wappens auf dem Ärmel des

Damastgewandes eine Colleoni erkennen wollen und dementsprechend

die Arbeit Verrocchios letzten in Venedig verbrachten Lebensjahren

zugewiesen. Allein das Wappenzeichen stimmt nur sehr ungefähr, um

nicht zu sagen gar nicht mit dem leicht kenntlichen jenes Condottiere

überein, Tracht und Frisur zeigen die florentiner Mode um 1470,

und in der Profilansicht rückt die Büste ganz in die Nähe jener,

die nicht recht überzeugend Desiderio da Settignano zugeschrieben

werden. Eine bündige Kritik ist hier unmöglich, da die Büste, am Hals

gebrochen und zusammengestückt, auch noch durch zu scharfes Reinigen

erheblich gelitten hat. Am Hinterkopf, auf dem die sehr künstliche

Frisur mit eingeflochtenen Bändern und Blumen aufliegt, kann die

ehemalige Sorgfalt des Meißels noch erkannt werden. In ihrem jetzigen

Zustand darf die Arbeit keinen höheren Anspruch erheben als unter dem

Sammelbegriff Verrocchio katalogisiert zu werden.

Eine weibliche Thonbüste bei Mr. Foulc in Paris ist ebenfalls nicht

tadellos erhalten. Sie entzieht sich insofern meiner Beurteilung, als

sie mir nur in einer Abbildung bekannt geworden ist. Bei individueller

Belebung des Kopfes, in dem der sehr lebendige Mund auffällt, scheint

sie mir ein gutes Beispiel für Verrocchios Auffassung weiblicher

Bildnisse abzugeben, die sich auffällig derjenigen Desiderios verwandt

zeigt. Das Gewand ist leider recht nüchtern ausgefallen. --

[Illustration: Die Gerechtigkeit.]

[Illustration: Die Liebe.]

[Illustration: Der Glaube.]

[Illustration: Die Hoffnung.

Abb. 40-43. +Marmorstatuetten, zum Tornabuonigrabe gehörig.+ Paris.

~Mme.~ Ed. André.]

Vasari spricht noch von zwei bronzenen Reliefbildnissen, Idealporträts

Alexanders d. Gr. und des Königs Darius, die Lorenzo, wenn nicht

als Geschenkgeber, doch als Mittelsmann an den kunstliebenden König

Matthias Corvinus nach Ungarn sandte. Der Verlust dieser Arbeiten

bringt uns um wichtige Belegstücke für das Verhältnis Verrocchios zur

Antike. Sicher griff der Meister für die Typen auf die Münzen und

die geschnittenen Steine mit den Bildnissen jener beiden Herrscher

zurück, die sich im mediceischen Palaste befanden, seit der Sammeleifer

Cosimos und seines Sohnes Piero sich diesem Gebiet antiker Kleinkunst

zugewandt hatte. Ganz frei seiner Phantasie wird indessen Verrocchio

in dem Schmuck der Rüstungen, deren Verschiedenheit besonders gerühmt

wird, gefolgt sein. War doch schon der Brustharnisch des Giuliano ein

Muster feinen Geschmacks und sauberster Waffenschmiedearbeit. Für den

Verlust dieser Werke muß an dieser Stelle der Hinweis auf das prächtige

Marmorrelief mit der Inschrift ~P· SCIPIONI·~ aushelfen, das seit dem

Tode seines letzten Besitzers Mr. Rattier in Paris sich nirgends hat

nachweisen lassen (Abb. 21). In den vornehm durchgebildeten Formen

mit dem verhaltenen Lächeln, dem spielenden Reichtum der Ornamente

(man beachte die Schlängellinien der Bänder), in der Reinheit des

Konturs bei scharfer Profilstellung wird man auch hier an Zeichnungen

Leonardos gemahnt, vor allem an den großartigen Kriegerkopf der

Malcolm-Collection. In der That ist die Grenze zwischen Lehrer und

Schüler abermals so unbestimmbar, daß ich mich, ungeachtet der

lebhaften Parteinahme für Leonardo, nicht getraue, den entscheidenden

Schritt von einem zum anderen zu machen, um so weniger, als meine

Bemühungen das Original zu Gesicht zu bekommen, ohne Erfolg geblieben

sind.

[Illustration: Abb. 44. Francesco di Simone. +Grabmal des

Rechtsgelehrten Francesco Tartagni.+ Marmor. Bologna. San Domenico.]

Auch als Restaurator antiker Kunstwerke hat Verrocchio den Medici

gedient. Unter den vielen antiken Torsi, die Cosimo der Alte aus

Rom mitgebracht hatte, befand sich ein Marsyas, der seiner Zeit von

Donatello ergänzt und an der Thür des Medicipalastes, die auf die Via

Ginori hinausgeht, aufgestellt worden war. Bald darauf war in Lorenzos

Hände ein Marsyastorso aus rotem Marmor gefallen, den Verrocchio

zu ergänzen hatte, und der ein Gegenstück zu jenem ersten abgeben

sollte. Die 1495 erfolgte Auflösung der mediceischen Kunstschätze ist

auch diesen Antiken verhängnisvoll geworden. Zwar kamen sie, nach

Wiederherstellung der Familie 1513 augenscheinlich an ihren alten

Platz zurück, wo sie der reisende Rechtsgelehrte Johann Fichard aus

Frankfurt a. M. noch 1536 sah, dann aber verliert sich beider Spur

völlig. Mit Unrecht werden die Marsyasstatuen Nr. 155 und 156 im

ersten Korridor der Uffizien mit den von Donatello und Verrocchio

ergänzten identifiziert. Nach Fichards Beschreibung war der von

Verrocchio in allen wesentlichen Teilen, mit Ausnahme des Kopfes

vervollständigte Torso sitzend dargestellt. Wohl möglich, daß ihm

zu dieser Ergänzung derselbe Cameo aus dem Besitz der Mediceer die

notwendigen Anhaltspunkte gab, den Michelangelo in dem interessanten

Relief seiner Jugendjahre kopierte. Verrocchio verarbeitete dabei mit

fast spielerischer Geschicklichkeit ein Stück roten Marmors, dessen

weiße Adern die Sehnen und Nerven naturgetreu nachahmten; und dieses

gewiß ebenso schwierige als geschmacklose Kunststück befriedigte

das naturalistische Empfinden der Zeit aufs höchste. Man durfte im

fünfzehnten Jahrhundert seinen Nerven noch etwas zumuten!

[Illustration: Abb. 45. +Die Enthauptung Johannes des Täufers.+

Getriebenes Silber.

Verrocchio · 第 51 / 68 题