Marmor. Florenz, Museo Nazionale.]

Und doch tritt bei dieser Figur die Freude an den Einzelheiten durchaus

vor dem Entzücken über das Ganze zurück. Hier ist das Motiv alles. Mit

den nach allen Seiten frei und kühn in den Raum ausfahrenden Linien

ist die schon beim David beobachtete Raumillusion noch gesteigert.

Unmöglich, sich diesen Putto anders als im Mittelpunkt einer

architektonischen Anlage, der Betrachtung von allen Seiten zugänglich

zu denken. Und welcher Gegensatz zwischen den Ansichten der Vorder-

und der Rückseite (Abb. 13 u. 14). Wie ist der zwischen den derb

zupackenden Kinderfäusten sich windende Fisch geschickt in die Bewegung

der Figur eingeordnet, indem sein breiter glotzäugiger Schädel, oben

den linken Flügel verdeckend, Abwechselung in die Symmetrie der

Linien bringt, sein gekrümmter Schwanz rechts die Lücke zwischen den

abgespreizten Linien des anderen Flügels und des Beines füllt. In der

Vorderansicht erscheint der Knabe fast nackt, auf der Rückseite ist

mit dem in reichen wulstigen Falten flatternden Hemd eine Belebung der

Flächen und Formen angestrebt.

[Illustration: Abb. 29. Werkstatt des Verrocchio. +Maria mit dem Kinde

und einem Engel.+ Marmor. Boston (Ver. Staaten), Sammlung des Mr.

Quincy Shaw.]

Das bis in malerische Feinheiten hinein empfundene Gegenspiel der

verschiedenen Stoffe würde zu stärkerer Wirkung kommen ohne die fatale

Reinigung, die sich die Figur im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts

gefallen lassen mußte. Nun hat die neue Patina ungleichmäßig angesetzt,

und wo sie in einer nicht eben selten beobachteten Muschelbildung

aufliegt, nicht nur die Klarheit der Form, sondern auch die

Gleichmäßigkeit des Gesamteindruckes empfindlich geschädigt.

In seinem handschriftlichen Memorandum erwähnt Tommaso Verrocchio,

der Bronzeputto sei für die Villa in Careggi bestimmt gewesen. Er

wird dort im Hof oder im Garten gestanden haben, und wir haben guten

Grund, die gleich hinterdrein aufgeführten drei Bronzeköpfe und vier

Löwenmäuler aus Marmor mit dem Brunnen als Schmuck und Wasserspeier

in Verbindung zu bringen. Das ergäbe dann wieder eine polychrome

Wirkung, wie Verrocchio sie liebte. Genaueres läßt sich indessen nicht

feststellen, denn die Figur kam auf Veranlassung des Großherzogs Cosimo

zwischen 1550 und 1568 nach Florenz in den Hof des Palazzo vecchio,

wo sie Donatellos David verdrängte. Die schön gerundete Porphyrschale

mit dem marmornen Baluster und dem dreistufigen Untersatz rührt aus

dem sechzehnten Jahrhundert von dem Bildhauer Tadda her. Möglich,

daß dieser in dem Kopf des Balusters drei von jenen vier marmornen

Löwenköpfen aufs neue verwendete; wenigstens zeigen sie Verrocchieske

Formen und sind ersichtlich eingelassen. Mit feinem Stilgefühl hat

Tadda in der Komposition der architektonischen Teile den Charakter

der Frührenaissance getroffen. Auch das Wasser ist mit derselben

Zurückhaltung verwendet wie sie im Quattrocento üblich war. Mit

großen rauschenden Massen, die das Ohr anregen und die Form silberig

verschleiern, arbeitet die Frührenaissance nicht. Aufs Zierliche und

Gefällige ist ihr Streben gerichtet, und dem entspricht der dünne,

schillernde Wasserstrahl, dessen plätschernder Fall gerade laut genug

ist, die träumerische Stille ringsum wahrnehmbar zu machen. Und diese

Stille führt die Erinnerung zurück in den Cypressengarten der Villa

zu Careggi, wo Lorenzo mit seinen philosophischen Freunden so gern im

Gespräch weilte, und wo der Brunnen mit dem Fischmännchen über alle

gelehrten Disputationen hinweg in den Rosenduft und die Abendkühle

plauderte...

[Illustration: Abb. 30. Mino da Fiesole. +Grabmal des Kardinals Niccolo

Forteguerri.+ Marmor. Rom, San Clemente.]

Noch eines anderen Putto wird in den älteren Quellen gedacht. Er hielt

in den beweglichen Armen einen Hammer und schlug damit die Stunden

an der Uhr auf dem Mercato nuovo. Derartige mechanische Kunststücke

erfreuten sich großer Beliebtheit. Dello Delli hatte eine ähnliche

Figur für den Turm des Stadthauses in Siena gearbeitet. Den größten

Ruhm in dieser Technik aber genoß Lorenzo della Volpaia, aus dessen

Werkstatt die berühmte Uhr in der nach ihr benannten Sala del Oriuolo

im florentiner Rathause stammte. Erhalten bis auf unsere Tage hat

sich nur ein Beispiel dieser Art: die hammerschlagenden Männer auf

dem Uhrturm in Venedig. Sie geben, wenigstens der Mechanik nach, eine

Vorstellung von der „schönen und phantasievollen Arbeit“ Verrocchios.

[Illustration: Abb. 31. +Skizze zum Grabmal des Kardinals Niccolo

Forteguerri.+

Verrocchio · 第 44 / 68 题