VII.

Die schwere Quadermasse des Palazzo vecchio öffnet sich auf einen

säulenumstandenen Hof, in dessen Mitte ein Springbrunn mit leisem

Fall seine Wasser spielen läßt. Nach dem grellen Sonnenglanz und dem

geräuschvollen Treiben auf dem belebtesten Platze der Stadt draußen

herrscht hier Dämmerung und Stille. Grottenartig kühl weht die Luft aus

dem Dunkel des gewölbten Umganges, und über die hohen Mauern fällt das

Licht gedämpft wie in einen Schacht. Seine hellsten Strahlen treffen

den geflügelten Knaben mit dem zappelnden Fisch in den Armen, der

wie ein flüchtig rastender Vogel anmutig einen Augenblick über der

Wasserkunst zu verweilen scheint (Abb. 12).

Im Lobe dieses Werkes von Verrocchio stimmen die älteren Kunstrichter

mit den neueren und neuesten ohne Vorbehalt überein. „Nichts kann

heiterer und lebendiger seyn, sagt Rumohr in seinen „Italienischen

Forschungen“, als der Ausdruck der Mienen und der Bewegung dieses

Kindes; und nirgends unter den modernen Erzgüssen begegnet man einer

so schönen Behandlung des Stoffes, einem so musterhaften Style. Bey

täuschendem Anschein halb fliegender, halb rennender Bewegung, ruhet

dennoch die vielfach ausgeladene Gruppe durchhin sichtlich in ihrem

Schwerpuncte; nach einem glücklichen Gefühle gab der Künstler dem Kinde

rundliche Fülle, dem Fische und den Flügeln (den meist ausgeladenen

Theilen) eine gewisse kantige Schärfe.“

Verrocchio hat mit diesem Putto einen weit über die Grenzen

quattrocentistischer Formenentwickelung hinaus gediehenen Typus

geschaffen, an den das Barock, ja selbst das Rokoko anzuknüpfen sich

nicht entgehen ließ.

In Donatello wird der eigentliche Schöpfer der Gattung gefeiert,

jener Kinderfiguren, die eine merkwürdige Mitte zwischen den Eroten

der Antike und den Engeln der christlichen Weltanschauung halten.

Donatello verwendet sie mit auffälliger Vorliebe und bedient sich

ihrer wie dekorativer Elemente. Aber bei ihrer Bildung kümmert ihn

nur der organische Zusammenhang der Körperteile, nicht die Gliederung

der Einzelform. Etwas Summarisches liegt in seinem Vorgehen der

Natur gegenüber. Zum Vergleich mit Verrocchios Brunnenputto eignet

sich Donatellos Amor im Bargello, der lächelnd über den zertretenen

Schlangen tänzelt. Weniger drall in der Körperbildung, erscheint er

dennoch fast plump neben dem Fischmännchen. Auch mit dem Bogen und

dem aufgelegten Pfeil, die zu ergänzen die Haltung der Hände nötigt,

ist er im Umriß gebundener und weit weniger frei im Raum bewegt. Im

Kopf vollends offenbart sich Donatellos antikische Art, von der sich

Verrocchios Antikisieren (s. u. S. 49) wesentlich unterscheidet.

Auch Luca della Robbia hat die Kindergestalt gleichfalls mit starker

Anlehnung an antike Vorbilder zu einer seiner Lieblingsdarstellungen

gemacht, doch bietet sich unter ihnen, da sie alle Reliefs geblieben

sind, keine zu lohnendem Vergleiche dar.

Hingegen deutet das Christkind auf Desiderios Tabernakel in S. Lorenzo

bereits auf Verrocchio. Dieser segnende Knabe zeigt schon die prallen

Formen, die Fettpolster an den Gelenken, die tief eingeschnittenen

Hautfalten. Aber bei Desiderio überwiegt die erstaunliche

Formensicherheit die individuelle Beseelung. Die Anmut wirkt ein wenig

gleichgültig, und ein fast seelenloses Raffinement spricht aus der ans

Akademische streifenden Glätte und Kühle.

Verrocchio aber gibt bei gleicher Meisterschaft über die Form eine weit

ursprünglichere Natürlichkeit. Wie keiner vor ihm hat er sich L. B.

Albertis Mahnung angelegen sein lassen: „auch beachte der Künstler, daß

unsere Glieder in der Kindheit rund, gleichsam gedrechselt und wohlig

für das Anfühlen sind.“ Verrocchios Putto ist durchaus Knabe, während

Desiderio das Kind im geschlechtsloseren Sinne darstellt. Verrocchio

hat andere Proportionen, einen kräftigen, gedrungenen Körperbau, ein

stärkeres Relief. Seine Formen erscheinen fester, individueller, sein

Lächeln frischer, seine Augen schalkhafter.

[Illustration: Abb. 28. Francesco di Simone. +Maria mit dem Kinde.+

Verrocchio · 第 43 / 68 题