Der Sohn Cosimos, Piero mit dem Beinamen der Gichtbrüchige, sank zu
schnell ins Grab, um, was der Vater angebahnt, ausbauen zu können. Er
hinterließ diese Ehrenpflichten seinen Söhnen Lorenzo und Giuliano.
Sie willfahrteten zunächst den Gefühlen kindlicher Pietät, indem sie
Verrocchio beauftragten, in der Sakristei von San Lorenzo dem Vater die
Grabstätte zu errichten. Zugleich sollten darin die Gebeine des bereits
1461 verstorbenen Oheims Giovanni, eines Lieblingssohnes des alten
Cosimo, beigesetzt werden.
Was Verrocchio geleistet hat, ist als das maßgebende Werk seines
dekorativen Stiles immer anerkannt und gefeiert worden, schon von
seinen Zeitgenossen, die nach der Vollendung (1472) sich um das Grabmal
drängten, „als seien sie hergewiesen worden, ein neues Weltwunder zu
schauen“ (Abb. 8).
Völlig unabhängig von dem Aufbau und den Formen des florentiner
Nischengrabes, wie es Bernardo Rossellino und Desiderio ausgebildet,
hat Verrocchio eine neue und eigenartige Lösung gefunden. Der Wunsch
der Besteller, die Ursache hatten, eine bescheidene äußerliche Form
der üblichen pomphaften Aufbahrung mit der Porträtstatue des Toten
vorzuziehen, wird ihm den Weg gewiesen haben. So hat er nur eine große,
schwere Grablade unter eine Bogenöffnung gestellt, die ursprünglich
die Sakristei mit der Sakramentskapelle verband und die er durch ein
großmaschiges Strickwerk vergitterte.
Der architektonische Aufbau mit seinen schönen Verhältnissen und
den bei aller Kraft reinen und edlen Profilen läßt die Reife seiner
baumeisterlichen Kenntnisse bewundern. Der Gesamteindruck erinnert
in seiner Wucht und Schlichtheit an die Antike; so mögen unter ihren
Arkosolien die schweren Sarkophage der Scipionen und der römischen
Kaiser aufgestellt gewesen sein. Aber der Meister der Frührenaissance
meidet den düstern Ernst der Alten und nimmt durch die Farbigkeit und
den spielenden Reichtum des Ornamentes der getragenen Grundstimmung das
Schwere und das Bedrückende.
Der auf Schildkröten ruhende, weißmarmorne Untersatz zeigt in der
oberen Platte die schon vom Grabstein des alten Cosimo her bekannte
farbige Inkrustation. Im Sarkophage ist roter Porphyr, dunkelgrüner
und weißer Marmor mit dem unruhigen Glanze der Bronze in koloristisch
höchst effektvoller Weise verarbeitet. Und in der Laibung des Bogens
steigt der weiße Marmorstreifen mit dem reichen Ornament zwischen
Profilen aus graugrünem Macigno bis zur abschließenden Rosette hinan.
Das Ornament verbindet in geschmackvoller Eigenart antike Zierformen
mit naturalistischen Pflanzenmotiven. An Donatellos antikisierender
Dekoration hat sich Verrocchio nicht geschult. Vielmehr greift er
auf Ghibertis Prinzipien zurück und schließt sich, soll ein Vorbild
durchaus namhaft gemacht werden, in freier, meisterlicher Weise
Desiderio an, dessen Marzuppinigrab er eingehend studiert haben muß.
Aber sein männlicher Ernst faßt und formt die Natur anders als die von
einer weiblich-zarten Empfindung geleitete Hand Desiderios. Gegen die
weichen Rundungen des Marzuppinigrabes wirkt das Medicimonument kantig
und kraus, zugleich charaktervoller und weniger spielend. Wenn auch die
Verschiedenheit des Materiales dort die weichere, hier die energischere
Behandlung erforderte, zuletzt sind es, wie überall, die Temperamente,
die sich in lehrreicher Verschiedenheit äußern.
[Illustration: Abb. 20. Leonardo da Vinci. +Brustbild eines jungen
Mädchens.+
Wien, Sammlung des Fürsten Lichtenstein.
(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]
Das Relief ist stark herausgearbeitet, wie es auch Vettorio Ghiberti
an der 1464 vollendeten Umrahmung der Baptisteriumsthür des Andrea
Pisano gethan hat, doch ohne die Härte und Schärfe, die dort auffällt.
Zier- und Rankenwerk überspinnt nicht, wie bei Desiderio, den ganzen
architektonischen Körper, so daß glatte Flächen dem Auge Ruhe gewähren
und auf dem Wege des Kontrastes das lebendige Spiel der Ornamentik
steigern (Abb. 9). So wohl überlegt das Einzelne im Zusammenhang
mit dem Ganzen erscheint, so wenig erhalten wir den Eindruck einer
klügelnden Erfindung, einer Verzettelung reizvoller Einzelheiten.
Reich und ruhig ist die Erfindung geströmt, eingedämmt von jenem weisen
Maßhalten, in dem die künstlerische Reife beschlossen liegt.
[Illustration: Abb. 21. Leonardo da Vinci (?). +P. Scipio.+
Marmorrelief.