Aber nicht nur die Beseelung des Ausdrucks durch eine der Malerei
nachempfundene, mit Licht und Reflexen wirkende Behandlung ist neu
und eigenartig; auch die räumliche Auffassung der Figur bedeutet
einen gewaltigen Fortschritt über das bisher Geleistete hinaus.
Ein klares, der künstlerischen Idee entsprechendes Raumbild wird
nur gewonnen, wenn man die reine Frontansicht wählt (Abb. 6). Das
Motiv der erhobenen, keck hervorgedrehten linken Schulter mit dem
eingestützten Arm spricht sich dann mit eindringlicher Deutlichkeit
aus. Die feinen Überschneidungen und Verkürzungen, namentlich auf der
rechten Seite, machen sich geltend; das Gegenspiel in der Haltung der
beiden Körperseiten fängt an zu wirken. Man bewundert das sichere
Gefühl, das die Kardinalpunkte des Standes und der Bewegung klar
hervorhebt, z. B. durch die ehemals vergoldeten Ornamente am Hals-
und am Achselausschnitt des Kollers und durch das Gurtband. Der eckig
aus dem reich bewegten Umriß herausspringende linke Arm findet durch
das gesenkte Schwert in der Rechten sein Gegengewicht. Immer neue
Feinheiten, die dem Talent wie der Einsicht des Meisters gleiche Ehre
machen, offenbaren sich. Durch das Hervordrehen der linken Schulter
bewegt sich die Figur freier und ungebundener im Raum. Sie hat eine
reiche Profilansicht mit schön bewegter Rückenlinie, sie ist wirklich
frei plastisch gedacht, nicht als Nischenfigur, wie noch Donatellos
David. Sie strebt von jedem Hintergrunde fort und verlangt durchaus
freien Raum um sich. Daher war sie auch vor dem Pfeiler neben der
Catena nicht günstig aufgestellt. Verrocchio hatte die Figur gewiß
für das Innere des Hofes im Palazzo Medici der Via larga oder für den
Garten einer der mediceischen Villen bestimmt.
[Illustration: Abb. 18. Werkstatt des Verrocchio. +Porträtbüste eines
Jünglings.+