Die Figur, obwohl zum größten Teil bekleidet, ist ganz als Akt gedacht
und empfunden. Die Muskulatur und der Knochenbau zeichnen sich aufs
strengste durch das Leder des Kollers. Alles ist gestreckt, schlank,
zierlich, geschmeidig, vor allem Hände und Füße mit den starkknochigen
Gliedmaßen, den abgespreizten und gebogenen Fingern, der vorspringenden
zweiten Zehe und dem langen vordersten Daumenglied. Mit starken, ja
störenden Accenten sind die Eigenheiten der Natur im Stadium der
Entwickelung betont. Übertrieben wirkt das Sehnige der Arme mit Angabe
der Adern, die von der Anspannung der Kräfte noch geschwollen sind,
übertrieben die eckig heraustretenden Ellenbogen, namentlich am linken
Arme. Hier sehen wir einen durchaus jugendlichen Künstler, in dem die
Ehrfurcht vor der Natur noch über das Schönheitsbedürfnis den Sieg
davonträgt.
In dem ein wenig nach vorn geneigten Kopf, der mit seiner Lockenfülle
sich über dem schmalen, sehnigen Hals und über dem schlanken, fast
mageren Körper wie eine schönblättrige Blüte entfaltet, ist der
Zwiespalt zwischen künstlerischer Idee und Modell geschlichtet (Abb.
5). Auch hier ist alles zart und fein, die Knochen schmalgratig, der
Umriß fest und bestimmt, das Relief flach. Die das Gesicht umringelnden
Locken, mit höchster Kunst in Gruppen geteilt, breit und üppig im
Nacken aufliegend, zeigen den Geschmack und die sauber detaillierende
Hand des Goldschmiedes. Den empfindungsvollen Künstler aber verrät wie
nichts sonst in dieser Figur ein zauberisches Lächeln, das die feinen
Formen überschimmert und mit den Glanzlichtern und den Reflexen des
Metalles um die Wette leuchtet. Es nistet in den scharf zurückgezogenen
Mundwinkeln, gleicht die Härten aus und verliert sich in dem leicht
verschwimmenden Blick, der in eine beglückte Ferne hinausträumt.
Dies Lächeln hat vor Verrocchio niemand zu bilden gewagt, und daß
es ein lebendiges, hin und her huschendes, kein erstarrtes geworden
ist, zeugt von der hohen Meisterschaft des jungen Künstlers. Dies
Lächeln hat Lionardo geerbt und es zu jener ~dolcezza~ verklärt, die
unwiderstehlich wirkt.
[Illustration: Abb. 17. +Büste des Lorenzo de’ Medici.+ Gebrannter
Thon.