III.

Der Zuname del Verrocchio deutet keinen besonderen Vorzug in dem

künstlerischen Organismus des Meisters an, wie etwa den scharf

erfassenden Blick; ein Spitzname ist in dem Beiwort nicht zu suchen.

Auch zählt unser Künstler nicht zu den Mitgliedern der in den

Schriftstücken damaliger Zeit oft genannten Familie der Verrocchi.

Vielmehr legte er sich den Zunamen in dankbarer Erinnerung an seinen

Lehrer, den Goldschmied Giuliano de’ Verrocchi bei. Seine Familie,

die Cioni, sind in sehr bescheidener bürgerlicher Schicht zu suchen.

Der Vater, Michele, seines Zeichens Ziegelbrenner, hatte auf seine

alten Tage die bequemere Beschäftigung eines Mauteinnehmers ergriffen.

Er war schon über die Fünfzig hinaus, als Mona Gemma ihm den Sohn

Andrea gebar. Das Jahr steht nicht ganz fest; entgegen der allgemein

gültigen Annahme geht aus den Katastereintragungen des Meisters 1436

als Geburtsjahr hervor. Mit vier Schwestern und zwei Brüdern wuchs

Andrea auf unter der Obhut seiner Stiefmutter Nannina, nachdem die

eigene Mutter bald nach seiner Geburt gestorben war; zum Haushalt

gehörte ferner Mona Ghita, die Großmutter. Das Verhältnis zur

Stiefmutter scheint ein herzliches und ungetrübtes geblieben zu sein,

wenigstens hat sie Andrea nach dem Tode des Vaters, 1452, bei sich

im Hause behalten. Von den Geschwistern interessieren uns die ältere

Schwester Mona Tita, die einen Barbier heiratete, und deren Kinder,

zwei Töchter und ein Sohn, bei Verrocchio im Hause lebten; sodann ein

jüngerer Bruder, Tommaso, ein Tuchweber, dessen Armut bei zahlreicher

Nachkommenschaft Verrocchio manchmal beschwerlich gefallen ist.

Von äußeren Lebensereignissen erfahren wir so gut wie nichts. Im

Todesjahr des Vaters, 1452, traf unseren Künstler das Mißgeschick,

daß er beim Spiel mit Altersgenossen draußen vor den Thoren mit einem

unglücklichen Steinwurf einen Wollarbeiter tödlich traf. Das Gericht

schritt ein, sprach aber den Fahrlässigen frei. Seine Jugendjahre sind

ausgefüllt mit theoretischen Studien; besonderen Eifer brachte er der

Geometrie entgegen. Gleichzeitig pflegte er die Musik, vermutlich schon

als Kind, wie es die Sitte der Zeit mit sich brachte. Er lernte Laute

schlagen und rezitieren, mit dem Zweck, den damals hauptsächlich der

musikalische Unterricht verfolgte: das Organ reich und modulationsfähig

zu machen. Vergebens indessen würden wir uns eine Vorstellung machen

von der Tragweite seiner musikalischen Begabung und Bethätigung.

Dann tritt die Lehrzeit an ihn heran. Florenz war von jeher die Heimat

der Goldschmiede, die ihre Buden, eine dicht bei der anderen, auf dem

Ponte vecchio aufgeschlagen hatten. Die großen Meister vor ihm hatten

alle in der Goldschmiedewerkstatt begonnen; auch griff Verrocchio

zunächst zu diesem Handwerk, das seinen Meister überdies gut zu nähren

versprach. Aber eine Thätigkeit allein genügte dem Ehrgeiz des jungen

Künstlers nicht. So trieb er Malerei und Architektur, Holzschnitzen und

Perspektive. Er wird sich gehörig getummelt haben in jenem Kreise der

Theoretiker, die zu Baldovinetti und Pollajuolo wie zu ihren Führern

emporblickten.

Erst mit den sechziger Jahren kommt Licht in das Halbdunkel dieses

Künstlerlebens. Verrocchio tritt in enge Beziehungen zu der

herrschenden Familie der Medici, und nun umglänzt ihn bald junger

Ruhm. Auch für die Rucellai ist er thätig; in dem durch Marcotti

bekannt gewordenen Zibaldone des Giovanni Rucellai werden mehrere

Arbeiten Verrocchios für die Familie leider ohne nähere Bezeichnung des

Gegenstandes angeführt.

[Illustration: Abb. 6. +David.+

(Aufnahme in der richtigen Ansicht nach dem Gipsabguß.)]

Mehr und mehr verwächst er mit seiner Werkstatt. Wir hören von keinem

öffentlichen Auftreten, kein Streit mit einem Widersacher raubt ihm die

Ruhe zur Arbeit, kein Ehrenamt beeinträchtigt die wohl angewendeten

Stunden seiner Tage. Die Stürme, die seine Zeit durchbrausen,

brechen sich an den Mauern dieser Werkstatt, kaum daß der Lärm der

Pazziverschwörung, die doch dem ihm so nahe stehenden Giuliano de’

Medici das Leben kostete, ihn für Augenblicke von der Arbeit scheucht.

Aber diese Arbeit ist keine regelmäßige künstlerische Produktion.

Verrocchio liebt das Erfinden, das Tüfteln und das Basteln. Allerhand

Experimente, z. B. das Formen über der Natur in einer weichen,

pulverisierten Steinmasse, die dem Gips ähnelt, nehmen seine Zeit hin.

Gelegentlich staunen wir über die Reihe von Jahren, die seine Arbeiten

in der Werkstatt herumstehen. Denn so sorgfältig er ausführt, so reich

er das Einzelne gestaltet, die Frist, die er zum Vollenden braucht,

steht nicht immer im rechten Verhältnis zum Umfang der Leistung.

[Illustration: Abb. 7. +Altes Postament für den David des Verrocchio.+

(Die Büste, später aufgesetzt, stellt den Großherzog Ferdinand I. von

Toskana dar.) Florenz, Palazzo vecchio.]

Vasari möchte den florentiner Aufenthalt, der fast die ganze Lebenszeit

Verrocchios füllt, mit einem Besuche in Rom unterbrechen. Sixtus IV.

soll unseren Künstler an den päpstlichen Hof gerufen haben, damit er

zwölf Apostelstatuen für die sixtinische Kapelle anfertige. Aber in den

Rechnungsbüchern der päpstlichen Kurie erscheint der Name Verrocchios

nirgends, und wir kennen die Gold- und Silberschmiede, die Sixtus’

Gunst genossen, so genau wie die Bildhauer. Hinzu kommt, daß sich

Vasari auch hinsichtlich einer anderen von Verrocchio angeblich in Rom

gefertigten Arbeit, des Tornabuonigrabes, nachweislich geirrt hat, so

daß wir einen Aufenthalt des Künstlers dort in Abrede stellen müssen.

Erst in den letzten Jahren seines verhältnismäßig kurzen Lebens hat

er die Kuppel seiner Vaterstadt, wohl schweren Herzens wie alle seine

Landsleute, aus den Augen verloren. Frohe Jahre waren ihm in Venedig

nicht beschieden. Mit der Errichtung des dortigen Reiterdenkmals

für den Condottiere Colleoni verbanden sich mannigfache Kränkungen,

Eifersüchteleien und Rivalitäten, die noch über den Tod hinaus den

Meister in seinem künstlerischen Eigentum beeinträchtigen sollten.

Ob diese Reibungen den Selbstbewußten und, wie es scheint, leicht

Verletzbaren früher gebrochen haben, als man erwartet, mag

dahingestellt bleiben. Er ist 1488 in Venedig gestorben, wohl kurze

Zeit nach dem letzten Kontrakt mit König Matthias Corvinus von

Ungarn, für den er einen Brunnen arbeiten sollte (27. August 1488);

denn schon im Oktober desselben Jahres erwähnt sein Lieblingsschüler

Lorenzo di Credi den Meister als verstorben. Entgegen seinem letzten

Willen, den er im Juni 1488 aufsetzte, wurde der Leichnam nach Florenz

zurückgeführt und dort in der Familiengruft zu S. Ambrogio beigesetzt.

Aber umsonst hat man schon im siebzehnten Jahrhundert die Grabstätte

mit der schlichten Inschrift, die Vasari überliefert, gesucht.

[Illustration: Abb. 8. +Grabmal des Piero und Giovanni de’ Medici.+

Florenz, alte Sakristei von San Lorenzo.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari in Florenz.)]

[Illustration: Abb. 9. +Linker Teil vom Sarkophag des Piero und

Giovanni de’ Medici.+

Florenz, Sakristei von San Lorenzo.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

Verrocchio ist ehelos geblieben. Für seine Angehörigen hat er großmütig

gesorgt bis hinunter zu seinem Famulus Giusto. Von den Nichten, die ihm

in Florenz das Haus führten, hat die eine noch zu Verrocchios Lebzeiten

einen ehrsamen Färber geehelicht, die zweite einen Faßbinder, beide

dank der Mitgift, die ihnen der Onkel verschrieb. Seine beiden Häuser

im Sprengel von S. Ambrogio zu Florenz, von denen das eine an einen

Viktualienhändler vermietet war, fielen den männlichen Erben zu. Die

künstlerische Hinterlassenschaft kam an Lorenzo di Credi.

Des Meisters äußere Erscheinung ist in einem Porträt des Lorenzo

di Credi in den Uffizien erhalten (Abb. 1), dessen Authentizität

neuerdings zu Unrecht angezweifelt worden ist und das im wesentlichen

mit dem bei Vasari abgebildeten Holzschnitt übereinstimmt (s.

Titelbild). Aus dem vollen bartlosen Gesicht blicken unter steil

gewölbten Brauen ein Paar Augen von durchdringender Schärfe und ruhiger

Klarheit, die Nase ist nicht edel, aber gut geformt, der Mund über

dem Doppelkinn fein gezeichnet und fest geschlossen; aus der reinen,

wohlgerundeten Stirn ist die leichte Tuchkappe auf das halblange, im

Nacken gelockte Haar gerückt. Die fleischigen, aber zierlich gebildeten

Hände ruhen leicht übereinander. Das Doppelkinn, die breite Brust

und der kurze, dicke Arm lassen auf eine gewisse Wohlbeleibtheit bei

mittlerer Gestalt schließen. Das links seitlich zum offenen Fenster

einfallende Licht spielt klar, aber nüchtern auf den Formen und

Flächen. Der hervorstechende Charakterzug ist eine hohe Intelligenz.

Die Pedanterie und Hausbackenheit, die diesem friedlichen Heimsitzer zu

eigen scheint, ist mehr dem sauberen, aber schwunglosen Pinsel Credis

zuzuschreiben, als dem Modell. Einer pathetischen Steigerung, wie sie

sich in dem Holzschnitt offenbart, war Credi nicht fähig.

[Illustration: Abb. 10. +Teil des Deckels vom Sarkophag des Piero und

Giovanni de’ Medici.+

Florenz, Sakristei von San Lorenzo.

(Nach einer Originalphotographie von Gebrüder Alinari in Florenz.)]

So hat er uns mehr den Zünftler als den Künstler im Bilde überliefert.

Und vielleicht haben die, welche das Gemälde als ein Selbstbildnis

Peruginos erklärten, an der Dosis Stubenhockertum Anstoß genommen, die

es enthält und die mit Verrocchio unvereinbar ist. Denn Andrea war kein

Griesgram und kein Einsiedler. Gleichwohl als denkender Künstler war er

verliebt in die Einsamkeit, ein Feind von Prunk, Lärm und Getöse. Vor

dem Schläfrigwerden, dieser höchsten Gefahr aller viel mit sich selbst

Lebenden, bewahrten seine Künstlerseele der Wetteifer mit tüchtigen

Genossen, der Kampf der widerstrebenden Richtungen, die scharfe Kritik

seiner Zeitgenossen, kurz, alle jene Vorteile, die auf den Plätzen des

großen Verkehrs, wie Florenz es war, allein zu finden sind.

Verrocchio · 第 29 / 68 题