IV.

Zu den schwierigsten Problemen, die in dieser überall problematischen

Künstlerlaufbahn Lösung heischen, gehört die Frage nach dem

Lehrmeister Verrocchios. Ältere Quellen, die Vasari nachweisbar gekannt

und benutzt hat, machen den Künstler einstimmig zu einem der letzten

und hervorragendsten Schüler Donatellos. Wenn aber der Biograph sich

völlig darüber ausschweigt, so kommt das einer schwerwiegenden Kritik

seiner litterarischen Vorlagen gleich. Die gemeinsame Arbeit der beiden

Künstler am Lavabo von San Lorenzo, die Vasari im Leben Donatellos

erzählt, wird durch Albertinis Memoriale, der älteren, durchaus

glaubwürdigen Quelle, widerlegt. Überdies war Donatello gerade in den

Jahren, in die eine Lehrzeit Verrocchios fallen müßte, von Florenz

abwesend. Und endlich finden wir in den Werken des Meisters kaum einen

Zug, der auf Donatello wiese. Wo der Gegenstand, wie etwa der Colleoni,

einen Vergleich mit Donatello herausfordert, sehen wir ein bewußtes

Abweichen Verrocchios von seinem mutmaßlichen Vorbild. Dem technischen

Ungeschick Donatellos beim Bronzeguß steht Verrocchios virtuose

Behandlung des Erzes gegenüber, der dramatisch erregten Beweglichkeit

Donatellos die pathetische Abgeklärtheit Verrocchios, dem leichten,

skizzenhaften Wurf die bedächtige, wählerische, feinschmeckerische

Sorgfalt. Soll ein Verhältnis der beiden festgelegt werden, so dürfen

wir uns wohl am sichersten an Pomponius Gauricus halten, der in

seinem 1502 über die Bildhauerei erschienenen Buche Verrocchio den

„Nebenbuhler des Donatello, doch erst als dieser schon ein Greis war“,

bezeichnet.

Auf der weiteren Umschau nach dem Lehrmeister ist es verlockend, bei

Bernardo Rossellino zu verweilen. Nach Vasari soll nämlich der junge

Verrocchio die Madonna mit den Engeln in der Lünette des Brunigrabes in

S. Croce gearbeitet haben. Aber auch hier überwiegen chronologische und

technische Bedenken. Leonardo Bruni, der Staatssekretär der florentiner

Republik, starb 1444; es ist nicht anzunehmen, daß man die Ehrung

des verdienstvollen Staatsmannes und Historiographen der Republik

hinausgezögert habe. Einem Acht- oder Neunjährigen, wie Verrocchio zu

dieser Zeit war, wird man aber keine Marmormadonna zutrauen wollen,

auch nicht, wenn sie, wie die in Frage stehende, künstlerisch den

übrigen Teilen des Grabmales unterlegen ist.

So beschränken wir uns denn für Verrocchio, wie für so viele Künstler

seiner Zeit, darauf, die Unterweisung in einer Goldschmiedewerkstatt

anzunehmen, und zwar bei eben jenem Giuliano Verrocchi, den del

Migliore namhaft macht. Erinnern doch seine späteren Arbeiten mit

ihrer Freude an sauberen Einzelheiten, ihrer Zierlichkeit und das hohe

technische Geschick, das sie auszeichnet, an eine derartige Lehrzeit.

Für das, was diese Lehrstatt ihm etwa versagte, fand er hinreichende

künstlerische Anregung in den Werken, die um ihn herum entstanden, und

auf die schon hingewiesen worden ist.

Der Zögling des Edelschmiedes hat sich denn auch zunächst in der

erlernten Kunst bethätigt und zwar bis in die reifen Mannesjahre

hinein, wie Cellini ausdrücklich versichert. Von den Proben seiner

Kunstfertigkeit liegt indessen keine mehr vor. Wir hören nur von zwei

Gefäßen, die allen Goldschmieden damals wohlbekannt waren und ihres

besonderen Beifalles sich zu rühmen hatten. Das eine war rund und

reich verziert mit einer Laubbordüre, mit Fabeltieren und anderen

Seltsamkeiten, wie sie dem dekorativen Stil Verrocchios eigen geblieben

sind; das zweite zeigte einen Puttentanz, ein seit Donatello besonders

beliebtes Motiv, das uns noch bei den Zeichnungen des Meisters

beschäftigen wird.

Von den Agraffen, die der Künstler für die Chorröcke des florentiner

Domkapitels gearbeitet hat, mag eine Bronzeplakette des Berliner

Museums eine halbwegs deutliche Vorstellung gewähren (Abb. 2). Sie

zeigt auf reich verziertem Throne, den anschließende Schranken

hofartig umfrieden, die Madonna von Engeln verehrt und assistiert

von dem heiligen Laurentius und dem heiligen Sebastian. Das

verschwindend flache Relief beweist, daß wir nur den Probeausguß einer

ziselierten, für den Emailauftrag bestimmten Platte vor uns haben. Das

Kompositionsschema, die Typen und die Proportionen sind Verrocchio

eigentümlich, wie auch der Reichtum der Faltengebung. Der fromme

Gegenstand und die runde Form lassen wohl an geistlichen Zierat denken.

Im späteren Dienste der prunkliebenden Medici wird dem Meister seine

Kunst ebenfalls zu statten gekommen sein. Die silberne Hirschkuh, die

Lorenzo 1474 bei Gelegenheit des von Polizian besungenen Turniers

zu Ehren der Simonetta Vespucci auf dem Helme trug, ist eine Arbeit

Verrocchios gewesen.

[Illustration: Abb. 11. +Lavabo.+ Marmor. Florenz, San Lorenzo, alte

Sakristei.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Das einzige erhaltene Werk dieser Thätigkeit, das Silberrelief für den

Johannisaltar des Baptisteriums, erinnert nur seinem Materiale nach an

die Goldschmiedekunst, und fällt in so späte Zeit, daß es hier nicht

vorweggenommen werden darf.

Was sonst an Arbeiten aus der Jugendzeit überliefert ist, zeigt den

Meister auf anderen Wegen. Leider ist auch hier vieles verloren,

darunter gleich jenes Projekt, das, als das erste, sicher zu datierende

Werk Verrocchios von besonderer Wichtigkeit für die klare Einsicht in

seine Entwickelung und für die früh erworbene Vielseitigkeit seiner

künstlerischen Kenntnisse gewesen wäre.

Zu den Zierden des Domes in Orvieto gehörte ein wunderwirkendes

Madonnenbild, nach der Legende vom heiligen Lukas selbst gemalt.

Umflammt vom trüben Licht der Kerzen, fast erdrückt von der Fülle

der Weihgeschenke, stand es nahe der Eingangsthür unter einem in

bescheidenen Formen gehaltenen Tabernakel. Das Legat des fern von der

Heimat lebenden Bischofs von Ascoli, Francesco Monaldeschi, gab 1461

den Vorstehern der Dombauhütte Veranlassung, nach Florenz und Siena um

Zeichnungen für den Bau einer Kapelle zu schreiben. Außer Desiderio da

Settignano und Giuliano da Majano lieferte noch ein gewisser Andrea

Michaelis einen Entwurf ein. Zweifelsohne ist dieser Andrea identisch

mit Andrea del Verrocchio, dem Sohne des Michele di Cione. Mit seiner

Arbeit drang er indessen so wenig durch wie die beiden älteren Meister.

Der Auftrag fiel, einige Jahre später, dem Dombaumeister Giovanni di

Meuccio zu, dessen Werk inzwischen schon wieder zu Grunde gegangen ist.

Der Verlust dieses Entwurfes ist um so mehr zu beklagen, als wir auch

nicht den leisesten Anhalt zu einer Rekonstruktion besitzen. Nur einmal

noch ist Verrocchio baukünstlerisch thätig gewesen, allein nicht als

Raumkünstler, vielmehr als Konstrukteur und Mechaniker.

Brunelleschis Domkuppel, ein Werk, von dem der Meister rühmte,

es lasse an Großartigkeit selbst die Vorbilder der Alten hinter

sich, war in Verrocchios Geburtsjahr vollendet worden. Wie eine

Glocke der Sicherheit und des Schutzes schien sie sich in ihrer

ungeheuren Spannung über der ganzen Stadt zu wölben. Die beim Tode

des Meisters noch fehlende Bekrönung durch die Laterne hatten seine

Nachfolger in pietätvoller Beibehaltung des ursprünglichen Entwurfes

hinzugefügt. Am 23. April 1467 konnte der Schlußstein der in zierlichen

Renaissance-Formen gehaltenen Laterne eingesegnet werden und der Bau

somit als vollendet gelten. Nur der Abschluß des Ganzen stand noch aus:

der Knopf (~bottone~) und die Kugel (~palla~) als Träger des krönenden

Kreuzes. Für die Herstellung des kleineren in Bronze zu gießenden

Bottone wandte sich die bauherrliche Behörde an Giovanni di Bartolo,

der in Gemeinschaft mit dem Goldschmied Bartolommeo Fruosino den Guß

1467 ausführte. Verrocchio war mit unter den Sachverständigen, die die

Arbeit abzuschätzen hatten, ein Beweis, wie groß das Vertrauen in seine

technische Kenntnis war.

Die auf dem Knopf ruhende Kugel von viel größerem Maßstabe stellte

schwierigere Anforderungen an den Konstrukteur. Schon über die Art der

Herstellung brach Meinungsverschiedenheit aus. Doch drangen in einer

zahlreich besuchten Konferenz diejenigen durch, die eine Ausführung in

Bronzeguß, keine getriebene Kupferarbeit befürworteten (Januar 1467).

Verrocchio stimmte mit ihnen. Die Verhandlungen zögerten sich aber noch

hinaus, bis am 10. September 1468 Verrocchio selbst den Auftrag erhielt.

Es ist sehr lehrreich, auch bei dieser mechanischen Ausgabe zu

beobachten, wie Verrocchio technisch experimentiert. Er, der seinerzeit

selbst für den Guß eingetreten war, bekehrt sich, als es an die

Ausführung geht, zur Hämmerarbeit. Acht Kupferplatten werden über

kugelförmigen Steinen zurecht gehämmert, mit Silber verlötet und

schließlich in Feuer vergoldet. Vasari rühmt die Findigkeit in der

Anbringung des inneren Ganges, der durch den Hohlraum führte, und

die Verankerung. Ende Mai 1471 konnte die 300 Scheffel Korn fassende

Kugel hinaufgewunden werden, und am 1. Juni wurde das Kreuz, dessen

Arme wertvolle Reliquien bewahrten, eingelassen. Bis auf die Fassade

stand nun der Dom vollendet. Ein schreibseliger Spezereihändler, Luca

Landucci, dessen Tagebücher sich erhalten haben, erzählt von dem Feste,

das die Bevölkerung sich machte. Die Stadttrompeter schmetterten von

der Höhe herunter, die Geistlichkeit und viel Volk stieg hinauf und

stimmte oben ein weithinschallendes Tedeum an.

[Illustration: Abb. 12. +Der Putto mit dem Delphin.+ Bronze. Florenz,

Hof des Palazzo vecchio.

(Die Aufstellung rührt nicht von Verrocchio her.)]

[Illustration: Abb. 13. +Der Putto mit dem Delphin.+ Bronze. Florenz,

Hof des Palazzo vecchio.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

Unter den öfteren elementaren Unbilden, denen der Dom ausgesetzt war,

hat nichts verheerender auf Verrocchios Werk gewirkt als der Blitz, der

in der Nacht vom 27. Januar 1600 in die Laterne schlug. Bis in die Via

de’ Servi flogen die Marmortrümmer, und alles schrie ~misericordia~.

Der Großherzog Ferdinand I. ließ das Zerstörte genau nach dem alten

Muster wieder herstellen, Kreuz und Kugel wurden neu vergoldet und zwei

Bleikassetten mit Urkunden von Papst Clemens VIII. und dem Großherzog

eingelassen, in denen die Gewalt der Unwetter beschworen ward.

Verrocchio · 第 30 / 68 题