Florenz, San Lorenzo.]

Und doch waren die Florentiner vor allen übrigen italienischen Stämmen

von Natur aus für das sichere Erfassen der plastischen Form mehr als

für das Kolorit begabt, und ihre Malerei hat sich durchaus an der

stets vorauseilenden Plastik entwickelt. Ohne Donatello sind Maler

wie Fra Filippo, Paolo Uccello, Andrea del Castagno, auch Botticelli

und Ghirlandajo nicht denkbar. Die Generation, der Verrocchio

angehört, sucht den Wettstreit der Künste praktisch zu schlichten.

Die Unternehmungslustigsten, Rüstigsten und Begabtesten bethätigen

sich auf mehreren Gebieten darstellender Kunst, um ihren Ehrgeiz zu

befriedigen, oder suchen, mit wechselndem Glück, die in der Plastik

gewonnenen Resultate für die Malerei zu verwerten. Das Experiment wird

ihnen unter Umständen Selbstzweck, und gerade die Besten unterliegen

oft der Gefahr, durch technische Tüfteleien die Wirkung des Werkes und

seine Erhaltung zu beeinträchtigen. Man bezeichnet diese Gruppe von

Künstlern, als deren ausgeprägtester Charakter Antonio del Pollajuolo

zu gelten hat, mit dem Namen der Maler-Plastiker, aber das Wort umfaßt

manchmal noch zu wenig. Mit Recht darf man sie die Vielseitigen nennen

im Gegensatz zu den Allseitigen, auf deren Errungenschaften ihre

Bemühungen fußen, und zu den Einseitigen, die in ihrer Kunst nur das

betreffende zünftige Handwerk nach Maßgabe ihrer Kräfte üben. Den

Vielseitigen, soweit sie Künstler sind, heißt Darstellung der Natur

die unerbittliche Wiedergabe des klar und nüchtern Erschauten bis

in die Einzelheiten. Sie wollen aber nicht nur schauen, sie wollen

ergründen, gesetzmäßig nachschaffen. Der Doktor steckt ihnen allen im

Leibe. Und weil sie kluge Florentiner sind, nicht weiche, träumerische

Venezianer, verweilen sie beim wissenschaftlichen Problem oft länger,

eindringlicher und halsstarriger, als es sich für ihre Kunstübung

verlohnt. Ihre perspektivischen Studien erweitern sich unter der

Teilnahme tief gelehrter Mathematiker zu geometrischen Raumanalysen

schwierigster Konstruktion, ihr Studium des Nackten dringt vor bis

an die Grenze, die erst später die Anatomen mit Messer und Schere

überschreiten. Sie forschen und grübeln. Den Lockrufen aus den Gärten

des Lebens antworten sie mit abwehrender Gelassenheit, wie Paolo

Uccello der im Schlafgemach harrenden Gattin von seinem nächtlichen

Studiertisch herüberruft: Was für ein lieblich Ding ist doch diese

Perspektive!

[Illustration: Abb. 4. +David.+ Bronze. Florenz, Museo Nazionale.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

[Illustration: Abb. 5. +Kopf des David.+ Bronze. Florenz, Museo

Nazionale.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi in Florenz.)]

In eine solche künstlerisch und theoretisch sich krystallisierende

Welt hat das Geschick Verrocchio gewiesen. Mit den geschilderten

Geistes- und Gesinnungsverwandten teilt er alle Eigenheiten, eine Gabe

indessen, die jenen allen fehlt, hebt seine Person bedeutsam aus der

Genossenschaft heraus: ein geläutertes Schönheitsgefühl. Und daß dieses

die führende Stimme in dem Zusammenklang seiner Fähigkeiten übernahm,

steigert seine Kunst oft bis zur Höhe uneingeschränkter Meisterschaft.

Verrocchio · 第 28 / 68 题