II.

Zur Zeit, als Verrocchios Talent sich entfaltete, erscheint das

künstlerische Leben in Florenz bunter und bewegter als in den ersten

Jahrzehnten des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Träger des künstlerischen

Gedankens sind freilich von beträchtlich kleinerem Wuchse als das

Eroberergeschlecht, das der Frührenaissance die entscheidenden Siege

erfocht. Brunelleschi ist bereits zur Ruhe gegangen, Donatello weilt in

Oberitalien, L. B. Alberti lebt, theoretischen Studien hingegeben, in

Rom. Ghiberti, stark gealtert, ist dem Grabe nahe.

1452 erstrahlen in heller Feuervergoldung die sogenannten

Paradiesespforten am florentiner Baptisterium und zeigen den neuen

malerischen Reliefstil im Verein mit einer goldschmiedeartig sauberen

Detailbehandlung. In der Umrahmung der Thür tritt das vielleicht

früheste Beispiel der naturalistischen Arabeske auf, hervorgegangen

aus der Idealisierung der bei hohen Festen an den Kirchenthüren

üblichen Ausschmückung. In S. Croce, dem florentiner Pantheon,

werden die Grabmonumente des Leonardo Bruni und des Carlo Marzuppini

errichtet. An ihnen offenbart sich zum erstenmale die organische

Verbindung antiker und naturalistischer Elemente, wobei der ernstere

Bernardo Rossellino mehr antiker Form sich nähert, der phantasievolle

Desiderio da Settignano seinem naturalistischen Empfinden sich freier

überläßt. In der Zartheit der Reliefbehandlung mit den aufgehellten

Schatten, in der Verwendung verschiedenfarbiger Steine macht sich

deutlich das Streben nach malerischer Wirkung und koloristischem Reiz

geltend. Die farbigen Terrakotten des Luca della Robbia, die bunt

bemalten Thonfiguren und Stuckreliefs, die um die gleiche Zeit beliebt

werden, verraten deutlich den Wert, den man der Polychromie beimaß.

Hinsichtlich des Materiales stand das Erz in der höchsten Schätzung,

nicht nur, weil die Nähe und die Ausgiebigkeit der Marmorbrüche den

Stein überhaupt entwertet hätten, sondern weil die Bronze das größere

technische Geschick erforderte, die Zierlichkeit der Form bis in die

feinsten Ausläufer ermöglichte und vor allem in dem reizvollen Spiel

von Hell und Dunkel, das durch Vergoldung und Patinierung in den

Gegensätzen noch verschärft werden konnte, dem Streben nach malerischer

Wirkung vorzüglich entgegenkam. Seit mit Ghiberti 1455 der letzte

lebende Großmeister des Bronzegusses hingegangen war, zeigte sich die

jüngere Generation bemüht, dem Marmor abzuzwingen, was das flüssige,

aber schwer zu bändigende Erz besser und reiner geleistet hätte. Den

Eroberern eines neuen Stiles folgte die Schar der glücklichen Erben mit

einer unersättlichen Freude hinzuzuerfinden, auszubauen, zu erweitern,

mit den geschicktesten Händen von der Welt, mit einer grenzenlosen

Kombinationslust und einer Fülle von zierlichen Einfällen.

[Illustration: Abb. 2. +Thronende Madonna mit dem hl. Laurentius und

dem hl. Georg.+ Bronzeplakette. Berlin, Königl. Museen.]

So fest und sicher fühlte man sich auf dem neu erworbenen Boden, daß

dicht neben dem goldenen Baum des Lebens mit seinen immer breiter

ausladenden Ästen auch die graue Theorie Wurzel schlagen konnte.

Die heute belanglos erscheinende Frage von dem Vorrang der Künste,

insonderheit der Wettstreit zwischen der Malerei und der Skulptur,

erfüllte zur Zeit alle Werkstätten und Studierstuben mit anhaltendem

Geräusch und fand Widerhall in sämtlichen kunsttheoretischen

Schriften, die in langer Folge damals zu Tage traten. Schon Ghiberti

gestand, daß seine Liebe zum größten Teile der Malkunst gehöre;

L. B. Alberti räumt ihr, der Malerei, indem er ihre Stellung und

Wertschätzung bei den gepriesenen Alten mit einem großen Aufwand

an historischer Gelehrsamkeit untersucht, den vornehmsten Rang

unter allen Künsten ein. Filarete anerkennt, daß die Skulptur zwar

schwerer auszuüben sei als die Malerei, da sie dem Künstler weniger

die Möglichkeit sich zu korrigieren biete, daß sie auch der Natur

außerordentlich nahe komme, aber die Malerei sei „die Natur selbst“.

Später hat auch Leonardo die hitzig disputierte Frage zu gunsten der

Malerei entschieden, und es bedurfte eines so ganz in der plastischen

Form wurzelnden Genius wie Michelangelos und der Ausgrabung der

farblosen römischen Antiken, um der Skulptur den bisher von der Malerei

innegehabten Ehrenplatz einzuräumen.

[Illustration: Abb. 3. +Grabplatte des Cosimo de’ Medici.+

Verrocchio · 第 27 / 68 题