Betrachten wir nun die kleine Anzahl sicherer Werke seiner
kunstreichen, bedächtigen und empfindungsvollen Hand, so haben wir fast
ausschließlich Arbeiten der Bildhauerkunst vor uns. Und indem wir uns
mit der Form und dem Gehalt dieser Werke vertraut machen, werden wir
so klare Vorstellungen von der Eigenart ihres Meisters erhalten, daß
wir auch auf dem Gebiete der anderen, nachweislich von ihm gepflegten
Künste sein Eigentum zu erkennen hoffen. Aus dem denkenden, durchaus
theoretisch begründeten Manne wird bei solcher Betrachtung der
Künstler allmählich erwachsen, der, durch die Kraft seines Talentes
hinausgehoben über die Grenzen des Jahrhunderts, den Weg bereitet und
die Steige richtig gemacht hat für die Größeren, die nach ihm kamen.
Im Quattrocento war, außer Donatello und Quercia, keiner so wenig
Quattrocentist wie Verrocchio. Im Vergleich zu jenen fehlt seiner
Kunst das Zeitlose, das Ewige. Aber mit Erfolg hat er die Tradition
überwunden, nichts Konventionelles haftet ihm an. Jede Aufgabe, die ihm
gestellt ward, hat er frei aus seiner künstlerischen Empfindung heraus,
ohne nach einem Vorbild zu schielen, gelöst. Alles drängt bei ihm
schon aufs Cinquecento. Wie er aber das neue Jahrhundert mit eigenen
Augen nicht hat schauen dürfen, so steht er auch mit seiner Kunst an
der Schwelle, im Vorhof. Er weist hinüber mit einer Gebärde, wie in
den Bildern der Zeit Johannes, der Vorläufer Christi, auf den Heiland
deutet. Und der Stärkere, der nach ihm kam, in dessen Weltruhm der
bescheidnere Verrocchios aufgegangen ist, war der eigene Schüler und
Gehilfe Leonardo da Vinci.