Ist der Nachruhm, den ein Künstler genießt, allein maßgebend für seinen
Wert und sein Talent? Leistet der immer wiederholte Name die sicherste
Gewähr für die Größe dahingeschwundener Meisterschaft? Und verleiht
nur die stattliche Zahl weithin sichtbarer Werke einem Künstler Gewalt
und Fortwirken in die Zukunft hinaus? Sobald diese und ähnliche Fragen
aufgeworfen werden, bleibt Verrocchio hinter den Anforderungen, die
man an den Künstler von höchstem Rang und Wuchse stellt, zurück. Sein
Name hallt nicht mit immer gleichem Erzklang durch die Jahrhunderte,
die uns von ihm trennen; die Schar seiner Bewunderer ist nicht zu jener
völkerumfassenden Gemeinde angeschwollen, wie sie die Herrlichsten
unübersehbar umdrängt. Und wenn auch eines seiner nicht eben
zahlreichen Werke, der Colleoni, den unbestrittenen Ruhm genießt, das
schönste Reiterdenkmal der Welt zu sein, so war es diesem Werke doch
nicht vorbehalten, nachschaffenden Generationen Vorbild und Muster zu
werden.
Zu den Unerreichbaren, die an den Tafeln des Überflusses gesessen,
gehört Verrocchio nicht. Er zählt aber auch nicht zu jenen, die nur der
Treue wissenschaftlicher Forschung ein mühsam erhaltenes Dasein danken.
Goethe nennt ihn gelegentlich „einen denkenden, durchaus theoretisch
begründeten Mann“ und hat, ohne dem Meister näher getreten zu sein,
mit diesen Worten wohl den Eindruck festgehalten, den man seinerzeit
mit dem Namen Verrocchio verband. Erst das Verständnis unserer Tage
für die Meister des Quattrocento ist auch Verrocchio zu gute gekommen.
Aber diese Umwertung vollzog sich zu rasch, und die neu erwachte
Begeisterung machte sich mit einer allzu hohen Einschätzung des
Künstlers Luft. Der begreifliche Wunsch, das bescheidene Lebenswerk des
durchaus nicht fruchtbaren Künstlers der neugewonnenen Wertung seines
Talentes entsprechend zu vergrößern, zog Kunstwerke in den Kreis der
Betrachtung, die nur der Anregung, nicht der eigenen Hand Verrocchios
ihr Dasein verdanken. Die Opposition hat übereifrig Widerspruch
erhoben und das Bild des Meisters ins Kleine verzerrt, wie jene es ins
Formlose gesteigert hatten. So stehen sich denn Urteile gegenüber,
die schließlich nur beweisen, wie weit man noch von der ungetrübten
Erkenntnis der Eigenart des Meisters entfernt ist. Den Weg dahin zu
gelangen, hat schon vor Jahren Wilhelm Bode, der verdienstvollste
Forscher über Verrocchio, gewiesen; „es gilt, heißt es bei ihm,
Verrocchio zu isolieren aus dem schwankenden und undeutlichen Ensemble
der Arbeiten seiner Werkstatt, um sein Eigenstes zu charakterisieren.“
Sein Eigenstes! Aber die Vielseitigkeit des Künstlers macht schon die
ersten Schritte unsicher und gefahrvoll. Wir sind ungenügend über ihn
unterrichtet. Wir wissen nur, daß er gebildhauert hat und gemalt,
daß er die Goldschmiedekunst und das Studium der Perspektive sowie
der Musik gepflegt hat. Dürfen wir Vasari trauen, so war Verrocchio
überhaupt mehr zum Studium der Dinge als zur Produktion geneigt, und
Goethe hätte ihn besser als irgend einer mit dem denkenden, durchaus
theoretisch begründeten Manne charakterisiert.
[Illustration: Abb. 1. Lorenzo di Credi. +Bildnis des Andrea del
Verrocchio.+