3. Bild.

(Großer Saal im Schloß der Nachtfee. Eine blaue Kuppelhalle, in die von

oben die Sterne hereinsehen. Rechts und links weite Eingänge vor

schwarzem Hintergrunde. Der Boden der Halle ist silbergrau. In der Mitte

des Raumes steht eine silberne Treppenpyramide mit einem Thron. Der

Thron leuchtet von innen. Rechts und links von dem Thron zwei Tafeln aus

blassem Marmor, auf denen silberne Tassen und silberne Teller stehen.

Bei jedem Gedeck steht ein silberner Stuhl. Auf dem Thron sitzt die

Nachtfee, in einem tiefblauen Mantel, der mit Sternen bestickt ist. Sie

hat ein blasses, edles Antlitz. In ihrem tiefschwarzen Haar trägt sie

eine silberne Mondsichel als Krone. In der Halle herrscht bläuliche

Dämmerung. Aus der Höhe ertönt eine süße Harfenmusik, zu deren Melodie

an dem Fries der Halle entlang eine Kette reigentanzender Sternenmädchen

ununterbrochen hinzieht. Es sieht aus, als kämen die Mädchen vom Himmel

herein, zögen durch den Raum und wieder in die Tiefe der Nacht hinaus.

Eine Glocke schlägt aus der Höhe mit zwölf tiefen Schlägen.)

_Nachtfee_

Mitternacht! -- Die Welt schlief ein;

Frieden, Frieden soll über ihr sein!

(Ein ferner Chor nimmt den Ruf auf und singt immer leiser, immer

ferner.)

Frieden, Frieden soll über ihr sein,

(Der Chor verklingt.)

_Nachtfee_

Nun kommen wohl bald meine Gäste an,

Ich höre schon den Donnermann.

(Man hört fernen Donner, stärker und stärker. Plötzlich gibt es einen

gewaltigen Krach, und auf einer großen Pauke kommt von rechts der

Donnermann hereingeritten. Er hält vor dem Thron der Fee und steigt ab.

Eine riesige Gestalt, dick und ungeschlacht, mit rotem, borstigem Bart

und roten Haaren. Er hat ein schwarzledernes Wams an und hohe

Kanonenstiefel.)

_Donnermann_

(macht vor der Nachtfee eine Verbeugung.)

Zum Donnerwetter, da bin ich gekommen;

Habe mir keine Zeit genommen;

Bin gleich, weil du mich geladen hast,

Auf meiner Pauke hierher gerast.

Mein Weib, die Blitzhexe, läßt dir sagen,

Sie hätte noch schnell mal wo einzuschlagen

Und käme dann hinterher geritten;

Derweil zu grüßen läßt sie bitten!

Potz -- Himmel -- Bomben -- Donnerwetter,

Unterwegs überholt' ich meinen Vetter,

Den Hagelhans, er muß gleich kommen,

Hat ein graues Wolkenschiff genommen,

Hat ein Loch an der Mondsichel ins Segel geschnitten,

Läßt derweil durch mich um Entschuldigung bitten.

Potz -- Krach -- Blitz -- Donner -- Bombenschlag --

Ich bin hier und sage dir guten Tag!

(Es donnert, und er verneigt sich.)

_Nachtfee_

Ich danke dir für deinen Gruß, mein Lieber;

Setz' dich nur dort an die Ecke herüber,

Und ich bitte dich, mach' ein freundlich Gesicht

Und erschreck' mir meine Sternenkinder nicht!

_Donnermann_

(nimmt Platz)

Potz Bomben, ich will's versuchen, schöne Frau;

Doch entwischt mir ein Donner, nimm's nicht so genau.

_Nachtfee_

(verbindlich)

Bitte, bitte, ich lege darauf kein Gewicht,

So ein klein wenig schadet ja nicht. --

Ah, die Windliese kommt, sie ist sehr schnell

Und immer mit den Ersten zur Stell'.

(Ein Windsausen geht durch die Luft, und die Windliese kommt von rechts

auf einem Besen hereingeritten. Sie hat ein rotbäckiges, dickes Gesicht;

blondes, wirr um den Kopf stehendes Haar und ein graublaues

Schleierkleid. Während sie spricht, säuselt ein leiser Wind; wenn

möglich flattern ihre Schleier.)

_Windliese_

(macht einen Knicks)

Hui -- hui -- Sumsiselsei!

Komm' schnell auf meinem Besen herbei,

Hab' tausend Meilen zurückgelegt,

Bin über Wiesen und Wälder gefegt,

Hab' an allen Türen und Fenstern gerüttelt,

Hunderttausend Kirschen von den Bäumen geschüttelt.

Haha -- hoho -- huhu -- sieh sieh --

Die Windliese ist hie, die Windliese ist hie!

(Sie knickst noch einmal.)

_Nachtfee_

(begrüßt sie)

Freut mich sehr, daß Sie zu meinem Kaffee kamen

Und sich die Zeit bei ihren Geschäften nahmen.

Ich habe noch eine Reihe von Gästen geladen,

Es gibt Kaffee, Schokolade und Mondscheinfladen.

Der Donnermann ist auch gekommen

Und hat zur Linken Platz genommen.

(Sie begrüßen sich.)

_Donnermann_

Potz Knatter, freut mich, Base Wind,

Daß Sie so schnell gekommen sind.

Wo ist denn aber mein Freund, Ihr Mann,

Der Sturmriese? Kommt er noch hinterdran?

_Windliese_

(knickst und säuselt)

Mein Mann hat noch auf dem Meere zu tun,

Wirft noch ein paar große Mastbäume um;

Es dauert nicht lange, bald ist er hier.

Eh' ich abgereist bin, sagte er mir:

»Bügele mir auch die Windhose gut

Und meinen neuen Wirbelwetterhut!«

Er brüllte dann noch etwas von Grüßen

An seinen Freund, den Donnerriesen ...

_Donnermann_

(verneigt sich)

Danke, danke, war mir immer ein großes Vergnügen,

Mit dem Sturmriesen über die Erde zu fliegen.

_Windliese_

(knickst und kreiselt unter fortwährendem Säuseln zu ihrem Platz.)

_Nachtfee_

Ich merke schon, die Luft wird grau;

Jetzt kommt wohl die dicke Wolkenfrau.

(Es kommt von rechts eine dicke, grauhaarige, pausbäckige Frau herein,

in eine mächtige, graue Krinoline und eine dunkelblaue Bluse mit großen

Ballonärmeln gekleidet. An Ärmelenden, Hals und Rocksaum sehen weiße

Kanten hervor. Sie hat gemütliche, langsame Bewegungen und eine weiche,

tiefe Stimme.)

_Wolkenfrau_

(mit Verneigung)

Guten Tag, Frau Nachtfee,

Wie geht's auf dem Mond?

Ich finde, daß es sich immer noch lohnt,

Sie zum Kaffee in ihrem Schloß zu besuchen;

Sie haben ausgezeichneten Fladenkuchen.

_Nachtfee_

Liebe Wolkenbase, ich freue mich sehr,

Setzen Sie sich nur hierher!

Sie finden schon Freunde, (mit Handbewegung)

den Donnermann

Und die Windliese ...

(Die beiden erheben sich und begrüßen die Angekommene.)

_Wolkenfrau_

(knickst)

Ah, das nehm' ich mir an!

Zwei so angenehme, sympathische Leute;

Es ist mir eine besondere Freude!

Ich hoffe nur, daß die Sonne, das Biest,

Nicht etwa auch geladen ist;

Hat mir neulich wieder durch's Kleid gebrochen

Und mich mit ihren Strahlen zerstochen.

_Nachtfee_

Die Sonne kommt auch, es war an der Zeit;

Das verlangt die Sitte und Höflichkeit.

Ich habe sie aber so gesetzt,

Daß sie die Base nicht weiter verletzt;

Mir ist ja die alte Feindschaft bekannt.

_Wolkenfrau_

(verneigt sich)

Sehr liebenswürdig, sehr charmant!

_Nachtfee_

Bitte, nehmen sie Platz beim Donnermann!

_Wolkenfrau_

(setzt sich dort)

Nicht angenehmer man sitzen kann!

(Es wetterleuchtet im Raum.)

_Nachtfee_

Die Blitzhexe kommt, man merkt sie schon ...

(Der Donnermann springt auf und donnert.)

_Nachtfee_

Oh bitte, bitte, mehr Distinktion!

Sie dürfen Ihre Liebe hier nicht so zeigen;

Hübsch sittsam sein, abwarten und schweigen!

(Der Donnermann setzt sich verlegen.)

_Donnermann_

Potz Donner, Verzeihung, es ist mir entwischt!

Wenn ich merke, daß mein Blitzweib irgendwo zischt,

Dann kriege ich immer den Donnerdrang ...

(Ein greller Blitz zuckt auf, die Blitzhexe saust von rechts auf einem

toten Baumast herein. Sie hat ein schwefelgelbes Kleid an, ein gelbes,

spitzes Hexengesicht, lange, gelbe Krallenfinger und eine starr nach

hinten in die Luft stehende, lohrote Haarfahne. Als sie hereinspringt,

fährt der Donnermann von seinem Sitz und begrüßt sie mit einem

schmetternden Donnerschlag.)

_Donnermann_

(brüllt und umarmt die Blitzhexe)

Mein Weib, mein geliebter Schwefelgestank!

_Blitzhexe_

(schrill)

Bin hie -- grüß di! -- Sirrrr -- sirrrr -- krakecks!

(Sie wendet sich zur Nachtfee.)

Sirrrr -- sirrrr -- liebe Base -- da ist der Blitz!

Zerschlug nur noch schnell eine Kirchturmspitz',

Hatte Auftrag, mußt' ihn erledigen schnell;

Sirrrr -- sirrrr -- krakacks, -- bin zur Stell'!

(Wenn sie »Sirr -- Sirr« sagt, blitzt es.)

_Nachtfee_

Liebe Blitzhexe, es ist mir sehr angenehm,

Ich hoffe, Sie machen es sich bequem;

Doch bitte ich, etwas weniger Schwefelduft.

(Sie hält sich die Nase zu. Der Donnermann brüllt vor Lachen.)

Sie verderben mir sonst die gute Luft.

_Blitzhexe_

(knickst)

Gewiß, gewiß, weiß auch, was sich schickt,

Wird eben der Schwefelfaden abgezwickt.

Sirrr -- will mich beherrschen, hoffe, es glückt;

Wenn's mich auch drängt und zwackt und jückt,

Den köstlichen Feuerduft zu verbreiten;

Sirrr -- sirrr -- das sind ja nur Kleinigkeiten!

_Nachtfee_

Bitte, bitte, (mit Wendung zu den anderen)

Windliese und Wolkenfrau

Nehmen's damit wohl nicht genau;

Aber es kommen noch andere Gäste

Zu meinem heutigen, schönen Feste:

Das Taumariechen, der Milchstraßenmann,

Die man nicht gut beschwefeln kann.

Verzeihen Sie also meine Bitte,

Und nehmen Sie Platz, liebe Base Blitz,

Ich glaube, es kommt schon der Regenfritz.

(Die Blitzhexe knickst und springt in Zickzacklinien zu ihrem Platz. Man

hört Regenrauschen und auf einem großen Regenschirm kommt von rechts der

Regenfritz herein. Eine fadendünne, lange Gestalt in schlechtsitzendem,

grauem Überrock, zu kurz geratenen, grauen Hosen, grauem Zylinder und

ausgetretenen Zugstiefeln. Langes, strähnig hängendes, verwaschen

blondes Haar; eine rote, spitze Schnupfennase und Triefaugen. Er hat

eine ölig flötende, melancholische Greinstimme. Er trieft von Wasser. Wo

er steht, bilden sich sofort Pfützen.)

_Regenfritz_

Drüppelü -- tüp -- tüp -- liebe Fee der Nacht,

Sie haben mir gütige Einladung gemacht.

(Er verbeugt sich.)

Ich bin gerne gekommen -- tüp -- top -- tü -- ti,

War ein weiter Ritt auf dem Parapluie.

Hab' zwar im Mai meist wenig zu tun,

Hin und wider mal drüppeln, meist muß ich ruh'n;

Hab's aber eben noch gerade erreicht

Und fünfzig neue Kleider milde durchgeweicht,

An siebzehn Stellen sanft durch die Decke geregnet,

Tische, Stühle und Betten mit Pfützen gesegnet,

Zwölf Landpartien freundlich berieselt,

Zweihundert Kinderchen haben's mit Schnupfen benieselt,

Dreizehn Handwerksburschen, bis aufs Hemd,

Habe ich liebevoll durchgeschwemmt. --

Nun ja, man muß eben zufrieden sein,

Der Mai ist trocken, die Arbeit nur klein.

_Nachtfee_

Es freut mich, mein Herr Regenfritz.

Hier linker Hand ist jetzt Sein Sitz;

Aber sage Er nur, was fängt Er an,

Hat Er gar nichts Gutes auf Erden getan?

Treibt er da unten denn nur noch Possen?

_Regenfritz_

O nein, Frau Nachtfee, ich hab' auch begossen

Einige Felder und einige Wiesen

Und einige Gärten mit Obst und Gemüsen.

Jedoch nach dem lieben Monat April

Ist im Mai die Zeit langweilig und still.

Da nehm' ich dann tüp -- tüp -- die Regenspritze

Und mache meine unschuldigen Witze.

Ich gehe dabei nicht so stürmisch zu Werke

Wie die anderen, die ich hier bemerke;

Ich mache das sanft und lasse mir Zeit,

Bei vieler Milde und Gründlichkeit.

_Nachtfee_

Gewiß, ich weiß, ohne Donnern und Blitzen --

Nur riesele Er, bitte, hier keine Pfützen!

(Die bereits Angekommenen machen ein Freudengetöse.)

_Regenfritz_

(indem er sich zu ihnen setzt)

Sie brauchen gar nicht so grob zu lachen

Und sich über mich lustig zu machen;

Heute ist der und morgen ist jener in Mode,

Und ein jeder von uns hat seine Methode.

_Nachtfee_

Der Sturmriese kommt, ich höre ihn heulen.

(Lautes Brausen ertönt. Der Sturmriese springt herein; eine gewaltige

Gestalt, die größte von allen. Der Sturmriese trägt keinerlei Gewandung,

sondern ist mit schwarzem, zottigem Fell behaart, hat einen mächtigen,

schwarzen Bart, ebensolches Haar und trägt ein paar gewaltige, schwarze

Flügel an den Schultern. In der Faust hält er einen abgerissenen

Eichenast.)

_Sturmriese_

Puh! -- Da bin ich! -- Komme vom Ozean,

Schnallte meine schnellsten Flügel an!

Bin wie der Teufel durch die Luft gesaust,

Durch Gebirg und Urwald herangebraust!

Ließ auf dem Flug mir keine Zeit,

Weil Ihre Einladung mich furchtbar freut!

Habe nicht Wind- noch Wasserhose angezogen,

Sie müssen verzeihen, bin so geflogen! (Er verneigt sich.)

_Nachtfee_

Lieber Sturmriese, es ist mir ein großes Vergnügen,

Daß Sie meinetwegen so eilig fliegen;

Doch muß ich sagen, es wäre schön,

Sie etwas mehr bekleidet zu seh'n.

Bitte, setzen Sie sich hinter die Wolkenfrau,

Die nimmt es damit nicht so genau.

_Sturmriese_

Peterchens Mondfahrt: Ein Märchenspiel · 第 13 / 32 题