(visiert die Stelle mit dem Fernrohr an.)
Nanu -- das ist ja -- seh' ich denn recht?
(wischt sich heftig seine kleinen, kugelrunden Äugelchen und guckt
wieder.)
Wahrhaftig! -- Na, der Spaß ist nicht schlecht!
Da kommt ja ein richtiger Maikäfer an,
Und zwei Kinderchen fliegen hinterdran?
(richtet sich auf, starrt staunend in die Luft und putzt sich immer
wieder die Augen.)
Guck an, man hat doch schon viel erlebt;
Aber sowas?... Kommen da angeschwebt,
Als wär's so ein Sonntagnachmittagsvergnügen,
Schwupp, von der Erde zum Mond zu fliegen.
Man muß es im Mondkalender buchen! --
Neugierig bin ich, was sie hier suchen.
Will mal erst tüchtig die Pauke schlagen
Und sie anbrüllen und grimmig ausfragen.
(Es schwingt den Paukenstock, schlägt dreimal wuchtig auf die Pauke und
schneidet eine fürchterliche Grimasse.)
Bum, bum, bum -- hier ist der Mond!
Rausgeschmissen wird, wer hier nicht wohnt!
(Der Maikäfer, Peterchen und Anneliese erscheinen von rechts.)
_Maikäfer_
Guten Abend, Herr Sandmann. Sie wollen gütigst entschuldigen ...
_Sandmännchen_
Was, was, was, entschuldigen? Er ist ein Maikäfer, Er gehört auf die
dicke Kastanie und nicht auf den Mond! Was will Er hier? (schlägt auf
die Pauke.) Ich werde mal gleich ein paar Sternraketen gegen ihn
abschießen, daß ihm der Bauch platzt!
_Anneliese_
Ach nein, Herr Sandmännchen; bitte nicht schießen, bitte nicht böse
sein; da hast du auch einen Apfel; sei gut!
(Sie hält ihm im ausgestreckten Händchen einen Apfel hin.)
_Sandmännchen_
(schon etwas begütigt)
Nanu? -- Was ist denn das für ein kouragiertes, kleines
Frauenzimmerchen? Einen Apfel willst du mir schenken? Das ist allerdings
'ne Seltenheit auf dem Mond. Hier wächst so etwas nicht. Nur auf der
Weihnachtswiese, da wachsen die vergoldeten Äpfel, aber davon kann man
leider nichts haben. -- Gib mal her!
(nimmt den Apfel und beißt hinein. Mit beiden Backen schmausend.)
Hm, das schmeckt großartig; so was hab' ich noch nie gegessen; sehr
schön, sehr schön! (Schon sehr begütigt.) Aber, nun sagt mal, ihr
Hemdenmätze ihr; was wollt ihr denn hier oben? Ihr sollt doch schlafen!
_Peterchen_
(tritt vor)
Herr Sandmännchen, wir sind auf einer Abenteuerfahrt. Wir sind
ausgezogen, um dem armen Maikäfer Sumsemann hier sein Beinchen
zurückzuerobern.
_Sandmännchen_
Hoho! Du bist ja ein sehr kühner, kleiner Mann! -- -- Gib mir mal auch
einen Apfel!
_Peterchen_
Ja, den geb' ich dir gerne. Aber dann sag' uns auch, wo das Beinchen
ist.
(Er gibt dem Sandmännchen einen Apfel, das Sandmännchen schmaust.)
_Sandmännchen_
Schmeckt prächtig, schmeckt prächtig! Ja, und nun wartet mal! Wie heißt
der Maikäfer doch? -- Sumsemann? -- Sagtest du nicht Sumsemann?
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Sumsemann, zu dienen, Herr Sandmann!
_Sandmännchen_
(tippt sich auf die Stirn.)
Ja, da fällt mir etwas ein!... Sumsemann, Sumsemann? Den Namen hab' ich
doch schon gehört?... Aha, jetzt weiß ich es wieder! Du bist der
Maikäfer, dessen sechstes Beinchen hier auf dem Berg beim Mann im Monde
ist?
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Ganz richtig, Herr Sandmann!
_Sandmännchen_
O ja, o ja, deine Geschichte kenne ich; sie ist traurig, sie ist sehr
traurig. Die Nachtfee hat sie uns einmal auf dem Kaffeeklatsch erzählt;
wir waren alle sehr gerührt. (starrt ihn an.) Kreuz Himmelsziege und
Mondsalat; und da hast du tatsächlich zwei artige Kinderchen entdeckt,
die dir helfen wollen? Na, da hast du aber Glück; das heißt, wir wollen
erst mal sehen, ob die Kinder auch immer artig waren. (zu den Kindern)
Wie heißt ihr beide?
_Peterchen_
Ich heiße Peterchen!
_Anneliese_
Ich heiße Anneliese!
_Sandmännchen_
(zieht an dem Glockenstrang, und das Läuten der vielen Glöckchen ertönt.
Darauf hält es die Hände an den Mund und ruft zum Himmel hinauf:)
Die Sternchen von Peterchen und Anneliese sollen mal schnell
herunterkommen!
(Zwei Sternchen fallen vom Himmel, und gleich darauf stehen zwei
liebliche Sternenmädchen auf der Wiese und strecken nach den Kindern die
Arme aus. Die Kinder laufen jubelnd zu den Sternchen und schmiegen sich
an sie.)
_Peterchens Sternchen_
Peterchen! mein Peterchen!
_Annelieses Sternchen_
Meine kleine Anneliese!
_Sandmännchen_
Na, nun mal keine unnötige Rührung;
Die Sache ist ernst, es geht um die Führung!
(streng.)
Peterchens Sternchen, gib genauen Bericht;
War Peterchen artig, oder war er es nicht?
_Peterchens Sternchen_
(küßt Peterchen)
Mein kleiner Junge war artig und brav,
Immer, immer, im Wachen und im Schlaf.
_Sandmännchen_
Und du, kleines Sternchen, gib mal Bescheid!
War Anneliese artig zu jeder Zeit?
_Annelieses Sternchen_
(küßt Anneliese)
Mein kleines Mädchen ist immer lieb gewesen;
Von keiner Unart weiß ich, von keinem Bösen.
_Maikäfer_
(schreit)
Hurra, hurra, das ist mal ein Glück!
Jetzt krieg' ich gewiß mein Beinchen zurück!
(Er ist so wild umhergesprungen vor Vergnügen, daß er abermals auf den
Rücken gefallen ist.)
O -- das ist sehr fatal -- entschuldigen Sie, meine Herrschaften!
_Sandmännchen_
(komisch erschreckt)
Nanu? -- Was macht denn der? Was ist denn das für 'ne neumodische Art,
sich zu benehmen?
_Maikäfer_
Ach, mir war die Freude so in die Glieder gefahren!
_Sandmännchen_
Und da muß er gleich alle Glieder von sich strecken?
(Peterchen und Anneliese eilen ihm zu Hilfe, und er kommt wieder auf die
Beine.)
_Peterchen_
Herr Sandmännchen, dafür kann er nicht; es passiert ihm aus Versehen.
Ich kenne das von den Maikäfern. Und er hat auch nur fünf Beinchen, da
kann er sich nicht so schnell rappeln.
_Sandmännchen_
(streichelt die Kinder.)
Na ja, ich sehe jetzt, daß ihr gute Kinder seid und will euch helfen.
Also, nun nehmt mal zuerst von euren Sternchen Abschied!
(Peterchen und Anneliese umarmen ihre Sternchen.)
_Peterchen_
Leb' wohl, mein liebes Sternchen, ich danke dir schön!
_Anneliese_
Leb' wohl, mein liebes Sternchen, auf Wiedersehen!
_Die Sternchen_
Ade, ihr lieben Kinderchen, vergeßt uns nicht!
Wir grüßen und wir winken euch mit silbernem Licht!
(Sie huschen fort und tauchen im gleichen Augenblick am Himmel als
Lichtpünktchen auf. Die Kinder starren ihnen nach.)
_Peterchen_
Husch, sind sie fort! -- Guck Anneliese,
Da stehen sie wieder auf der Himmelswiese!
_Sandmännchen_
So, nun kommt mal her, Kinderchen; jetzt wollen wir beraten, wie wir es
am besten anfangen. Die Geschichte ist nämlich gar nicht so einfach,
denn der Mondmann ist sehr böse.
_Peterchen_
(mutig)
O, den hau' ich schon mit meinem Schwert!
_Sandmännchen_
(lächelt)
Na ja, du mutiger, kleiner Mann, das glaube ich dir schon; aber so mir
nichts, dir nichts, geht die Sache denn doch nicht; es muß schon ein
wenig vorbereitet werden, und da kommt mir eben ein großartiger Gedanke.
(zieht die Uhr.)
Jetzt ist es halb zwölf; um zwölf Uhr bin ich bei der Nachtfee zum
Kaffeeklatsch geladen; mein Mondschlitten muß gleich hier sein. Also, da
will ich euch mal etwas sagen: Ihr steigt jetzt alle drei mit ein, und
wir fahren zu Vieren zur Nachtfee aufs Schloß. Dort sind noch viele
andere Leute eingeladen; mit denen wollen wir gemeinsam beraten, wie es
am besten zu machen ist.
_Peterchen_
Das ist famos -- da freue ich mich drauf!
_Maikäfer_
(Kratzfuß)
Verbindlichsten Dank, Herr Sandmann!
_Sandmännchen_
Seht ihr, da kommt auch schon mein Schlitten!
(Ein schneeweißer Schlitten, von sechs silbernen Nachtfaltern gezogen,
fährt vor.)
_Sandmännchen_
Einsteigen, einsteigen, wir haben keine Zeit,
Der Weg ist weit, der Weg ist weit!
(Alle steigen ein -- Sandmännchen setzt sich auf den Bock.)
_Sandmännchen_
(knallt mit der Peitsche)
Hui, hallo, auf, wie der Wind!
Wie der Blitz gefahren, geschwind, geschwind!
(Sie fahren davon.)
Vorhang.
Ende des zweiten Aufzuges.