Und Hand in Hand, wie einst als Kinder, gingen wir nach dem Hause meiner

guten Meisterin, die uns schon vom Fenster aus entgegensah. "Das Lisei

ist's!" rief ich, als wir in die Stube traten, "denkt Euch, Frau Meisterin,

das Lisei!"

Die gute Frau schlug die Hände über ihre Brust zusammen. "Heilige Mutter

Gottes, bitt für uns! das Lisei!--also so hat's ausgeschaut!--Aber", fuhr

sie fort, "wie kommst denn du mit dem alten Sünder da zusammen?"--und sie

wies mit dem ausgestreckten Finger nach dem Gefangenhause drüben--"der

Paulsen hat mir doch gesagt, daß du ehrlicher Leute Kind bist!"

Gleich darauf aber zog sie das Mädchen weiter in die Stube hinein und

drückte sie in ihren Lehnstuhl nieder, und als jetzt Lisei ihre Frage zu

beantworten anfing, hielt sie ihr schon eine dampfende Tasse Kaffee an die

Lippen.

"Nun trink einmal", sagte sie, "und komm erst wieder zu dir; die Händchen

sind dir ja ganz verklommen."

Und das Lisei mußte trinken, wobei ihr zwei helle Tränen in die Tasse

rollten, und dann erst durfte sie erzählen.

Sie sprach jetzt nicht, wie einst und wie vorhin in der Einsamkeit ihres

Kummers, in dem Dialekt ihrer Heimat, nur ein leichter Anflug war ihr

davon geblieben; denn waren ihre Eltern auch nicht mehr bis an unsere

Küste hinabgekommen, so hatten sie sich doch meistens in dem mittleren

Deutschland aufgehalten. Schon vor einigen Jahren war die Mutter

gestorben. "Verlaß den Vater nicht!" das hatte sie der Tochter im

letzten Augenblicke noch ins Ohr geflüstert, "sein Kindsherz ist zu gut

für diese Welt."

Lisei brach bei dieser Erinnerung in heftiges Weinen aus; sie wollte nicht

einmal von der aufs neue vollgeschenkten Tasse trinken, mit der die

Meisterin ihre Tränen zu stillen gedachte, und erst nach einer ziemlichen

Weile konnte sie weiterberichten.

Gleich nach dem Tode der Mutter war es ihre erste Arbeit gewesen, an deren

Stelle sich die Frauenrollen in den Puppenspielen von ihrem Vater

einlernen zu lassen. Dazwischen waren die Bestattungsfeierlichkeiten

besorgt und die ersten Seelenmessen für die Tote gelesen; dann, das

frische Grab hinter sich lassend, waren Vater und Tochter wiederum ins

Land hineingefahren und hatten, wie vorhin, ihre Stücke abgespielt: Den

verlorenen Sohn, Die heilige Genoveva, und wie sie sonst noch heißen

mochten.

So waren sie gestern auf der Reise in ein großes Kirchdorf gekommen, wo

sie ihre Mittagsrast gehalten hatten. Auf der harten Bank vor dem Tische,

an welchem sie ihr bescheidenes Mahl verzehrten, war Vater Tendler ein

halbes Stündchen in einen festen Schlaf gesunken, während Lisei draußen

die Fütterung ihres Pferdes besorgt hatte. Kurz darauf, in wollene Decken

wohlverpackt, waren sie aufs neue in die grimmige Winterkälte

hinausgefahren.

"Aber wir kamen nit weit", erzählte Lisei; "gleich hinterm Dorf ist ein

Landreiter auf uns zugeritten und hat gezetert und gemordiot. Aus dem

Tischkasten sollt dem Wirt ein Beutel mit Geld gestohlen sein, und mein

unschuldigs Vaterl war doch allein in der Stube dort gewesen! Ach, wir

haben kei Heimat, kei Freund, kei Ehr; es kennt uns niemand nit!"

"Kind, Kind", sagte die Meisterin, indem sie zu mir hinüberwinkte,

"versündige dich auch nicht!"

Ich aber schwieg, denn Lisei hatte ja nicht unrecht mit ihrer Klage.--Sie

hatten in das Dorf zurückgemußt; das Fuhrwerk mit allem, was daraufgeladen,

war vom Schulzen dort zurückgehalten worden; der alte Tendler aber hatte

die Weisung erhalten, den Weg zur Stadt neben dem Pferde des Landreiters

herzutraben. Lisei, von dem letzteren mehrfach zurückgewiesen, war in

einiger Entfernung hinterhergegangen, in der Zuversicht, daß sie

wenigstens, bis der liebe Gott die Sache aufkläre, das Gefängnis ihres

Vaters werde teilen können. Aber--auf ihr ruhte kein Verdacht; mit Recht

hatte der Inspektor sie als eine Zudringliche von der Tür gejagt, die auf

ein Unterkommen in seinem Hause nicht den geringsten Anspruch habe.

Lisei wollte das zwar noch immer nicht begreifen; sie meinte, das sei ja

härter als alle Strafe, die später doch gewiß den wirklichen Spitzbuben

noch ereilen würde; aber, fügte sie gleich hinzu, sie wolle ihm auch so

harte Strafe nit wünschen, wenn nur die Unschuld von ihrem guten Vaterl an

den Tag komme; ach, der werd's gewiß nit überleben!

Ich besann mich plötzlich, daß ich sowohl dem alten Korporal da drüben als

auch dem Herrn Kriminalkommissarius eigentlich ein unentbehrlicher Mann

sei; denn dem einen hielt ich seine Spinnmaschinen in Ordnung, dem andern

schärfte ich seine kostbaren Federmesser; durch den einen konnte ich

wenigstens Zutritt zu dem Gefangenen erhalten, bei dem andern konnte ich

ein Leumundszeugnis für Herrn Tendler ablegen und ihn vielleicht zur

Beschleunigung der Sache veranlassen. Ich bat Lisei, sich zu gedulden,

und ging sofort in das Gefangenhaus hinüber.

Der schwindsüchtige Inspektor schalt auf die unverschämten Weiber, die

immer zu ihren spitzbübischen Männern oder Vätern in die Zellen wollten.

Ich aber verbat mir in betreff meines alten Freundes solche Titel, solange

sie ihm nicht durch das Gericht "von Rechts wegen" beigelegt seien, was,

wie ich sicher wisse, nie geschehen werde; und endlich, nach einigem Hin-

und Widerreden, stiegen wir zusammen die breite Treppe nach dem Oberbau

hinauf.

In dem alten Gefangenhause war auch die Luft gefangen, und ein

widerwärtiger Dunst schlug uns entgegen, als wir oben durch den langen

Korridor schritten, von welchem aus zu beiden Seiten Tür an Tür in die

einzelnen Gefangenzellen führte. An einer derselben, fast zu Ende des

Ganges, blieben wir stehen; der Inspektor schüttelte sein großes

Schlüsselbund, um den rechten herauszufinden; dann knarrte die Tür, und

wir traten ein.

In der Mitte der Zelle, mit dem Rücken gegen uns, stand die Gestalt eines

kleinen mageren Mannes, der nach dem Stückchen Himmel hinaufzublicken

schien, das grau und trübselig durch ein oben in der Mauer angebrachtes

Fenster auf ihn herabdämmerte. An seinem Haupte bemerkte ich sogleich die

kleinen abstehenden Haarspieße; nur hatten sie, wie jetzt draußen die

Natur, sich in die Farbe des Winters gekleidet. Bei unserem Eintritt

wandte der kleine Mann sich um.

"Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Tendler?" fragte ich.

Er sah flüchtig nach mir hin. "Nein, lieber Herr", erwiderte er, "hab

nicht die Ehre."

Ich nannte ihm den Namen meiner Vaterstadt und sagte: "Ich bin der unnütze

Junge, der Ihnen damals Ihren kunstreichen Kasperl verdrehte!"

"Oh, schad't nichts, gar nichts!" erwiderte er verlegen und machte mir

einen Diener; "ist lange schon vergessen."

Er hatte offenbar nur halb auf mich gehört; denn seine Lippen bewegten

sich als spräche er zu sich selber von ganz anderen Dingen.

Da erzählte ich ihm, wie ich vorhin sein Lisei aufgefunden habe, und jetzt

erst sah er mich mit offenen Augen an. "Gott Dank! Gott Dank!" sagte er

und faltete die Hände. "Ja, ja, das kleine Lisei und der kleine Paul, die

spielten derzeit miteinander!--Der kleine Paul! Seid Ihr der kleine Paul?

Oh, i glaub's Euch schon; das herzige G'sichtl von dem frischen Bub'n,

das schaut da no heraus!" Er nickte mir so innig zu, daß die weißen

Haarspießchen auf seinem Kopfe bebten. "Ja, ja, da drunten an der See bei

euch; wir sind nit wieder hingekommen; das war no gute Zeit dermal; da war

aa noch mein Weib, die Tochter vom großen Geißelbrecht, dabei! "Joseph!"

pflegte sie zu sagen, "wenn nur die Menschen aa so Dräht an ihre Köpf

hätten, da könntst du aa mit ihne firti werd'n!"--Hätt sie nur heute noch

gelebt, sie hätten mich nicht eingesperrt. Du lieber Gott; ich bin kein

Dieb, Herr Paulsen."

Der Inspektor, der draußen vor der angelehnten Tür im Gange auf und ab

ging, hatte schon ein paarmal mit seinem Schlüsselbund gerasselt. Ich

suchte den alten Mann zu beruhigen und bat ihn, sich bei seinem ersten

Verhör auf mich zu berufen, der ich hier bekannt und wohlgeachtet sei.

Als ich wieder zu meiner Meisterin in die Stube trat, rief diese mir

entgegen: "Das ist ein trotzigs Mädel, Paulsen; da helft mir nur gleich

ein wenig; ich hab ihr die Kammer zum Nachtquartier geboten; aber sie will

fort, in die Bettelherberg oder Gott weiß wohin!"

Ich fragte Lisei, ob sie ihre Pässe bei sich habe.

"Mein Gott, die hat der Schulz im Dorf uns abgenommen!"

"So wird kein Wirt dir seine Tür aufmachen", sagte ich, "das weißt du

selber wohl."

Sie wußte es freilich, und die Meisterin schüttelte ihr vergnügt die Hände.

"Ich denk wohl", sagte sie, "daß du dein eignes Köpfchen hast; der da

hat mir's haarklein erzählt, wie ihr zusammen in der Kiste habt gesessen;

aber so leicht wärst du doch nicht von mir fortgekommen!"

Das Lisei sah etwas verlegen vor sich nieder; dann aber fragte sie mich

hastig aus nach ihrem Vater. Nachdem ich ihr Bescheid gegeben hatte,

erbat ich mir ein paar Bettstücke von der Meisterin, nahm von den meinigen

noch etwas hinzu und trug es selbst hinüber in die Zelle des Gefangenen,

wozu ich vorhin von dem Inspektor die Erlaubnis erhalten hatte.--So

konnten wir, als nun die Nacht herankam, hoffen, daß im warmen Bette und

auf dem besten Ruhekissen, das es in der Welt gibt, auch unsern alten

Freund in seiner öden Kammer ein sanfter Schlaf erquicken werde.

Am andern Vormittage, als ich eben, um zum Herrn Kriminalkommissarius zu

gehen, auf die Straße trat, kam von drüben der Inspektor in seinen

Morgenpantoffeln auf mich zugeschritten. "Ihr habt recht gehabt, Paulsen",

sagte er mit seiner gläsernen Stimme, "für diesmal ist's kein Spitzbube

gewesen; den Richtigen haben sie soeben eingebracht; Euer Alter wird noch

heut entlassen werden."

Und richtig, nach einigen Stunden öffnete sich die Tür des Gefangenhauses,

und der alte Tendler wurde von der kommandierenden Stimme des Inspektors

zu uns hinübergewiesen. Da das Mittagessen eben aufgetragen war, so ruhte

die Meisterin nicht, bis auch er seinen Platz am Tische eingenommen hatte;

aber er berührte die guten Speisen kaum, und wie sie sich auch um ihn

bemühen mochte, er blieb wortkarg und in sich gekehrt neben seiner Tochter

sitzen; nur mitunter bemerkte ich, wie er deren Hand nahm und sie zärtlich

streichelte. Da hörte ich draußen vom Tore her ein Glöckchen bimmeln; ich

kannte es ganz genau, aber es läutete mir weither aus meiner Kinderzeit.

"Lisei!" sagte ich leise.

"Ja, Paul, ich hör es wohl."

Und bald standen wir beide draußen vor der Haustür. Siehe, da kam es die

Straße herab, das Wägelchen mit den beiden hohen Kisten, wie ich daheim es

mir so oft gewünscht hatte. Ein Bauernbursche ging nebenher mit Zügel und

Peitsche in der Hand; aber das Glöckchen bimmelte jetzt am Halse eines

kleinen Schimmels.

"Wo ist das Braunchen geblieben?" fragte ich Lisei.

"Das Braunchen", erwiderte sie, "das ist uns eines Tags vorm Wagen

hingefallen; der Vater hat sogleich den Tierarzt aus dem Dorfe geholt;

aber es hat nimmer leben können."

Bei diesen Worten stürzten ihr die Tränen aus den Augen.

"Was fehlt dir, Lisei?" fragte ich, "es ist ja nun doch alles wieder gut!"

Sie schüttelte den Kopf. "Mein Vaterl gefallt mir nit! Er ist so still;

die Schand, er verwind't es nit."--Und Lisei hatte mit ihren treuen

Tochteraugen recht gesehen. Als kaum die beiden in einem kleinen Gasthofe

untergebracht waren und der Alte schon seine Pläne zur Weiterfahrt

entwarf--denn hier wollte er jetzt nicht vor die Leute treten--, da zwang

ihn ein Fieber, im Bett zu bleiben. Bald mußten wir einen Arzt holen, und

es entwickelte sich ein längeres Krankenlager. In Besorgnis, daß sie

dadurch in Not geraten könnten, bot ich Lisei meine Geldmittel zur Hülfe

an; aber sie sagte: "I nimm's ja gern von dir; doch sorg nur nit, wir sind

nit gar so karg." Da blieb mir denn nichts anderes zu tun, als in der

Nachtwache mit ihr zu wechseln oder, als es dem Kranken besser ging, am

Feierabend ein Stündchen an seinem Bett zu plaudern.

So war die Zeit meiner Abreise herangenaht, und mir wurde das Herz immer

schwerer. Es tat mir fast weh, das Lisei anzusehen; denn bald fuhr es ja

auch mit seinem Vater von hier wieder in die weite Welt hinaus. Wenn sie

nur eine Heimat gehabt hätten! Aber wo waren sie zu finden, wenn ich Gruß

und Nachricht zu ihnen senden wollte! Ich dachte an die zwölf Jahre seit

unserem ersten Abschied;--sollte wieder so lange Zeit vergehen oder am

Ende gar das ganze Leben?

"Und grüß mir aa dein Vaterhaus, wenn du heimkommst!" sagte Lisei, da sie

am letzten Abend mich an die Haustür begleitet hatte. "I seh's mit mein'

Augen, das Bänkerl vor der Tür, die Lind im Gart'l; ach, i vergiß es

nimmer; so lieb hab ich's nit wieder g'funden in der Welt!"

Als sie das sagte, war es mir, als leuchte aus dunkler Tiefe meine Heimat

zu mir auf; ich sah die zärtlichen Augen meiner Mutter, das feste ehrliche

Antlitz meines Vaters. "Ach, Lisei", sagte ich, "wo ist denn jetzt mein

Vaterhaus! Es ist ja alles öd und leer."

Lisei antwortete nicht; sie gab mir nur die Hand und blickte mich mit

ihren guten Augen an.

Da war mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter sagen: "Halte diese

Hand fest und kehr mit ihr zurück, so hast du deine Heimat wieder!"--und

ich hielt die Hand fest und sagte: "Kehr du mit mir zurück, Lisei, und laß

uns zusammen versuchen, ein neues Leben in das leere Haus zu bringen, ein

so gutes, wie es die geführt haben, die ja auch dir einst lieb gewesen

sind!"

"Paul", rief sie, "was meinst du? I versteh di nit."

Aber ihre Hand zitterte heftig in der meinen, und ich bat nur: "Ach, Lisei,

versteh mich doch!"

Sie schwieg einen Augenblick. "Paul", sagte sie dann, "i kann nit von

mei'm Vaterl gehen."

"Der muß ja mit uns, Lisei! Im Hinterhause, die beiden Stübchen, die

jetzt leer stehen, da kann er wohnen und wirtschaften; der alte Heinrich

hat sein Kämmerchen dicht daneben." Lisei nickte. "Aber Paul, wir sind

landfahrende Leut. Was werden sie sagen bei dir daheim?"

"Sie werden mächtig reden, Lisei!"

"Und du hast nit Furcht davor?"

Ich lachte nur dazu.

"Nun", sagte Lisei, und wie ein Glockenlaut schlug es aus ihrer Stimme,

"wenn du sie hast--i hab schon die Kuraschi!"

"Aber tust du's denn auch gern?"

"Ja, Paul, wenn i 's nit gern tät"--und sie schüttelte ihr braunes

Köpfchen gegen mich--, "gel, da tät i 's nimmermehr!"

"Und, mein Junge", unterbrach sich hier der Erzähler, "wie einen bei

solchen Worten ein Paar schwarze Mädchenaugen ansehen, das sollst du nun

noch lernen, wenn du erst ein Stieg Jahre weiter bist!"

"Ja, ja", dachte ich, "zumal so ein Paar Augen, die einen See ausbrennen

können!"

"Und nicht wahr", begann Paulsen wieder, "nun weißt du auch nachgerade,

wer das Lisei ist."

"Das ist die Frau Paulsen!" erwiderte ich. "Als ob ich das nicht längst

gemerkt hätte! Sie sagt ja noch immer "nit" und hat auch noch die

schwarzen Augen unter den feingepinselten Augenbrauen."

Mein Freund lachte, während ich mir im stillen vornahm, die Frau Paulsen,

wenn wir ins Haus zurückkämen, doch einmal recht darauf anzusehen, ob noch

das Puppenspieler-Lisei in ihr zu erkennen sei.--"Aber", fragte ich, "wo

ist denn der alte Herr Tendler hingekommen?"

"Mein liebes Kind", erwiderte mein Freund, "wohin wir schließlich alle

kommen. Drüben auf dem grünen Kirchhof ruht er neben unserem alten

Heinrich; aber es ist noch einer mehr in sein Grab mit hineingekommen; der

andre kleine Freund aus meiner Kinderzeit. Ich will dir's wohl erzählen;

nur laß uns ein wenig hintenaus gehen; meine Frau könnte nachgerade einmal

nach uns sehen wollen, und sie soll die Geschichte doch nicht wieder hören."

Paulsen stand auf, und wir gingen auf den Spazierweg hinaus, der auch hier

hinter den Gärten der Stadt entlangführt. Nur wenige Leute kamen uns

entgegen; denn es war schon um die Vesperzeit.

"Siehst du"--begann Paulsen seine Erzählung wieder--, "der alte Tendler

war derzeit mit unserem Verspruch gar wohl zufrieden; er gedachte meiner

Eltern, die er einst gekannt hatte, und er faßte auch zu mir Vertrauen.

Überdies war er des Wanderns müde; ja, seit es ihn in die Gefahr

gebracht hatte, mit den verworrensten Vagabunden verwechselt zu werden,

war in ihm die Sehnsucht nach einer festen Heimat immer mehr

heraufgewachsen. Meine gute Meisterin zwar zeigte sich nicht so

einverstanden; sie fürchtete, bei allem guten Willen möge doch das Kind

des umherziehenden Puppenspielers nicht die rechte Frau für einen

seßhaften Handwerksmann abgeben.--Nun, sie ist seit lange schon bekehrt

worden!--Und so war ich denn nach kaum acht Tagen wieder hier, von den

Bergen an die Nordseeküste, in unserer alten Vaterstadt. Ich nahm mit

Heinrich die Geschäfte rüstig in die Hand und richtete zugleich die beiden

leerstehenden Zimmer im Hinterhause für den Vater Joseph ein.--Vierzehn

Tage weiter--es strichen eben die Düfte der ersten Frühlingsblumen über

die Gärten--, da kam es die Straße heraufgebimmelt. "Meister, Meister!"

rief der alte Heinrich, "sie kommen, sie kommen!" Und da hielt schon das

Wägelchen mit den zwei hohen Kisten vor unserer Tür. Das Lisei war da,

der Vater Joseph war da, beide mit muntern Augen und roten Wangen; und

auch das ganze Puppenspiel zog mit ihnen ein; denn ausdrückliche Bedingung

war es, daß dies den Vater Joseph auf sein Altenteil begleiten solle. Das

kleine Fuhrwerk dagegen wurde in den nächsten Tagen schon verkauft.

Dann hielten wir die Hochzeit; ganz in der Stille; denn Blutsfreunde

hatten wir weiter nicht am Ort; nur der Hafenmeister, mein alter

Schulkamerad, war als Trauzeuge mit zugegen. Lisei war, wie ihre Eltern,

katholisch; daß aber das ein Hindernis für unsere Ehe sein könne; ist uns

niemals eingefallen. In den ersten Jahren reiste sie wohl zur österlichen

Beichte nach unserer Nachbarstadt, wo, wie du weißt, eine katholische

Gemeinde ist; nachher hat sie ihre Kümmernisse nur noch ihrem Mann

gebeichtet.

Am Hochzeitsmorgen legte Vater Joseph zwei Beutel vor mir auf den Tisch,

einen größeren mit alten Harzdritteln, einen kleinen voll Kremnitzer

Dukaten.

"Du hast nit danach fragt, Paul!" sagte er. "Aber so völlig arm is doch

mein Lisei dir nit zubracht. Nimm's! i brauch's allfurt nit mehr."-Das

war der Sparpfennig, von dem mein Vater einst gesprochen, und er kam jetzt

seinem Sohne beim Neubeginn seines Geschäfts zu ganz gelegener Zeit.

Freilich hatte Liseis Vater damit sein ganzes Vermögen hingegeben und sich

selbst der Fürsorge seiner Kinder anvertraut; aber er war dabei nicht

müßig; er suchte seine Schnitzmesser wieder hervor und wußte sich bei den

Arbeiten in der Werkstatt nützlich zu machen.

Die Puppen nebst dem Theater-Apparat waren in einem Verschlage auf dem

Boden des Nebenhauses untergebracht. Nur an Sonntagnachmittagen holte er

bald die eine, bald die andere in sein Stübchen herunter, revidierte die

Drähte und Gelenke und putzte oder besserte dies und jenes an den selben.

Der alte Heinrich stand dann mit seiner kurzen Pfeife neben ihm und ließ

sich die Schicksale der Puppen erzählen, von denen fast jede ihre eigene

Geschichte hatte; ja, wie es jetzt herauskam, der so wirkungsvoll

geschnitzte Kasper hatte einst für seinen jungen Verfertiger sogar den

Brautwerber um Liseis Mutter abgegeben. Mitunter wurden zur besseren

Veranschaulichung der einen oder andern Szene auch wohl die Drähte in

Bewegung gesetzt; Lisei und ich haben oftmals draußen an den Fenstern

gestanden, die schon aus grünem Weinlaub gar traulich auf den Hof

hinausschauten; aber die alten Kinder drinnen waren meist so in ihr Spiel

vertieft, daß ihnen erst durch unser Beifallklatschen die Gegenwart der

Zuschauer bemerklich wurde.--Als das Jahr weiterrückte, fand Vater Joseph

eine andere Beschäftigung; er nahm den Garten unter seine Obhut, er

pflanzte und erntete, und am Sonntage wandelte er, sauber angetan,

zwischen den Rabatten auf und ab, putzte an den Rosenbüschen oder band

Nelken und Levkojen an feine selbstgeschnitzte Stäbchen.

So lebten wir einig und zufrieden; mein Geschäft hob sich mehr und mehr.

Über meine Heirat hatte unsere gute Stadt sich ein paar Wochen lebhaft

ausgesprochen; da aber fast alle über die Unvernunft meiner Handlungsweise

einig waren und dem Gespräche so die gedeihliche Nahrung des Widerspruches

vorenthalten blieb, so hatte es sich bald selber ausgehungert.

Als es dann abermals Winter wurde, holte Vater Joseph an den Sonntagen

auch wieder die Puppen aus ihrem Verschlage herunter, und ich dachte nicht

anders, als daß in solchem stillen Wechsel der Beschäftigung ihm auch

künftig die Jahre hingehen würden. Da trat er eines Morgens mit gar

ernsthaftem Gesichte zu mir in die Wohnstube, wo ich eben allein an meinem

Frühstück saß. "Schwiegersohn", sagte er, nachdem er sich wie verlegen

ein paarmal mit der Hand durch seine weißen Haarspießchen gefahren war,

"ich kann's doch nit wohl länger ansehn, daß ich alleweil so das

Gnadenbrot an euerm Tische soll essen."

Ich wußte nicht, wo das hinaus sollte, aber ich fragte ihn, wie er auf

solche Gedanken komme; er schaffe ja mit in der Werkstatt, und wenn mein

Geschäft jetzt einen größeren Gewinn abwerfe, so sei dies wesentlich der

Zins seines eigenen Vermögens, das er an unserem Hochzeitsmorgen in meine

Hand gelegt habe.

Er schüttelte den Kopf. Das reiche alles nicht; aber eben jenes kleine

Vermögen habe er zum Teil einst in unserer Stadt gewonnen; das Theater sei

ja noch vorhanden, und die Stücke habe er auch alle noch im Kopfe.

Da merkte ich's denn wohl, der alte Puppenspieler ließ ihm keine Ruhe;

sein Freund, der gute Heinrich, genügte ihm nicht mehr als Publikum, er

mußte einmal wieder öffentlich vor versammeltem Volke seine Stücke

auffuhren.

Ich suchte es ihm auszureden; aber er kam immer wieder darauf zurück. Ich

sprach mit Lisei, und am Ende konnten wir nicht umhin, ihm nachzugeben.

Am liebsten hätte nun freilich der alte Mann gesehen, wenn Lisei wie vor

unserer Verheiratung die Frauenrollen in seinen Stücken gesprochen hätte;

aber wir waren übereingekommen, seine dahin zielenden Anspielungen nicht

zu verstehen; für die Frau eines Bürgers und Handwerksmeisters wollte sich

das denn doch nicht ziemen.

Zum Glück--oder, wie man will, zum Unglück--war derzeit ein ganz

reputierliches Frauenzimmer in der Stadt, die einst bei einer

Schauspielertruppe als Souffleuse gedient hatte und daher in derlei Dingen

nicht unbewandert war. Diese--Kröpel-Lieschen nannten sie die Leute von

wegen ihrer Kreuzlahmheit--ging sofort auf unser Anerbieten ein, und bald

entwickelte sich am Feierabend und an den Sonntagnachmittagen die

lebhafteste Tätigkeit in Vater Josephs Stübchen. Während vor dem einen

Fenster der alte Heinrich an den Gerüststücken des Theaters zimmerte,

stand vor dem andern zwischen frisch angemalten Kulissen, die von der

Zimmerdecke herunterhingen, der alte Puppenspieler und exerzierte mit

Kröpel-Lieschen eine Szene nach der andern. Sie sei ein dreimal gewürztes

Frauenzimmer, versicherte er stets nach solcher Probe; nicht einmal die

Lisei hab es so schnell kapiert; nur mit dem Singen ginge es nit gar so

schön; sie grunze mit ihrer Stimme immer in der Tiefe, was für die schöne

Susanne, die das Lied zu singen habe, nicht eben harmonierlich sei.

Endlich war der Tag der Aufführung festgesetzt. Es sollte alles möglichst

reputierlich vor sich gehen; nicht auf dem Schützenhofe, sondern auf dem

Rathaussaale, wo auch die Primaner um Michaelis ihre Redeübungen hielten,

sollte jetzt der Schauplatz sein; und als am Sonnabendnachmittage unsere

guten Bürger ihr frisches Wochenblättchen auseinanderfalteten, sprang

ihnen in breiten Lettern die Anzeige in die Augen:

"Morgen Sonntagabend sieben Uhr auf dem Rathaussaale Marionetten-Theater

des Mechanicus Joseph Tendler hieselbst. Die schöne Susanna, Schauspiel

mit Gesang in vier Aufzügen."

Pole Poppenspäler: Novelle (1874) · 第 3 / 4 段