Es war aber damals in unserer Stadt nicht mehr die harmlose schaulustige

Jugend aus meinen Kinderjahren; die Zeiten des Kosakenwinters lagen

dazwischen, und namentlich war unter den Handwerkslehrlingen eine arge

Zügellosigkeit eingerissen; die früheren Liebhaber unter den Honoratioren

aber hatten ihre Gedanken jetzt auf andere Dinge. Dennoch wäre vielleicht

alles gutgegangen, wenn nur der schwarze Schmidt und seine Jungen nicht

gewesen wären."-Ich fragte Paulsen, wer das sei, denn ich hatte niemals

von einem solchen Menschen in unserer Stadt gehört.

"Das glaub ich wohl", erwiderte er, "der schwarze Schmidt ist schon vor

Jahren im Armenhaus verstorben; damals aber war er Meister gleich mir;

nicht ungeschickt, aber lüderlich in seiner Arbeit wie im Leben; der

sparsame Verdienst des Tages wurde abends in Trunk und Kartenspiel vertan.

Schon gegen meinen Vater hatte er einen Haß gehabt, nicht allein, weil

dessen Kundschaft die seinige bei weitem überstieg, sondern schon aus der

Jugend her, wo er dessen Nebenlehrling gewesen und wegen eines schlechten

Streiches gegen ihn vom Meister fortgejagt worden war. Seit dem Sommer

hatte er Gelegenheit gefunden, diese Abneigung in erhöhtem Maße auch auf

mich auszudehnen; denn bei der damals hier neu errichteten Kattunfabrik

war, trotz seiner eifrigen Bemühung um dieselbe, die Arbeit an den

Maschinen allein mir übertragen worden, infolgedessen er und seine beiden

Söhne, die bei dem Vater in Arbeit standen und diesen an wüstem Treiben

womöglich überboten, schon nicht verfehlt hatten, mir ihren Verdruß durch

allerlei Neckereien kundzugeben. Ich hatte indessen jetzt keine Gedanken

an diese Menschen.

So war der Abend der Aufführung herangekommen. Ich hatte noch an meinen

Büchern zu ordnen und habe, was geschah, erst später durch meine Frau und

Heinrich erfahren, welche zugleich mit unserem Vater nach dem Rathaussaale

gingen.

Der Erste Platz dort war fast gar nicht, der Zweite nur mäßig besetzt

gewesen; auf der Galerie aber hatte es Kopf an Kopf gestanden.--Als man

vor diesem Publikum das Spiel begonnen, war anfänglich alles in der

Ordnung vorgegangen; die alte Lieschen hatte ihren Part fest und ohne

Anstoß hingeredet.--Dann aber kam das unglückselige Lied! Sie bemühte

sich vergebens, ihrer Stimme einen zarten Klang zu geben; wie Vater Joseph

vorhin gesagt hatte, sie grunzte wirklich in der Tiefe. Plötzlich rief

eine Stimme von der Galerie: "Höger up, Kröpel-Lieschen! Höger up!" Und

als sie, diesem Rufe gehorsam, die unerreichbaren Diskanttöne zu

erklettern strebte, da scholl ein rasendes Gelächter durch den Saal.

Das Spiel auf der Bühne stockte, und zwischen den Kulissen heraus rief die

bebende Stimme des alten Puppenspielers: "Meine Herrschaft'n, i bitt

g'wogentlich um Ruhe!" Kasperl, den er eben an seinen Drähten in der Hand

hielt und der mit der schönen Susanna eine Szene hatte, schlenkerte

krampfhaft mit seiner kunstvollen Nase.

Neues Gelächter war die Antwort. "Kasperl soll singen!"--"Russisch!

Schöne Minka, ich muß scheiden!"--"Hurra für Kasperl!"--"Nichts doch;

Kasperl sein' Tochter soll singen!"--"Jawohl, wischt euch 's Maul! Die

ist Frau Meisterin geworden, die tut's halt nimmermehr!"

So ging's noch eine Weile durcheinander. Auf einmal flog, in

wohlgezieltem Wurfe, ein großer Pflasterstein auf die Bühne. Er hatte die

Drähte des Kasperls getroffen; die Figur entglitt der Hand ihres Meisters

und fiel zu Boden.

Vater Joseph ließ sich nicht mehr halten. Trotz Liseis Bitten hat er

gleich darauf die Puppenbühne betreten.--Donnerndes Händeklatschen,

Gelächter, Fußtrampeln empfing ihn, und es mag sich freilich seltsam genug

präsentiert haben, wie der alte Mann, mit dem Kopf oben in den Soffitten,

unter lebhaftem Händearbeiten seinem gerechten Zorne Luft zu machen suchte.

--Plötzlich, unter allem Tumult, fiel der Vorhang, der alte Heinrich hatte

ihn herabgelassen.--Mich hatte indes zu Hause bei meinen Büchern eine

gewisse Unruhe befallen; ich will nicht sagen, daß mir Unheil ahnte, aber

es trieb mich dennoch fort, den Meinigen nach.--Als ich die Treppe zum

Rathaussaal hinaufsteigen wollte, drängte eben die ganze Menge von oben

mir entgegen. Alles schrie und lachte durcheinander. "Hurra! Kasper is

dod! Lott is dod. Die Kamedie ist zu End!"--Als ich aufsah, erblickteich die

schwarzen Gesichter der Schmidt-Jungen über mir. Sie waren

augenblicklich still und rannten an mir vorbei zur Tür hinaus; ich aber

hatte für mich jetzt die Gewißheit, wo die Quelle dieses Unfugs zu suchen

war.

Oben angekommen, fand ich den Saal fast leer. Hinter der Bühne saß mein

alter Schwiegervater wie gebrochen auf einem Stuhl und hielt mit beiden

Händen sein Gesicht bedeckt. Lisei, die auf den Knien vor ihm lag,

richtete sich, da sie mich gewahrte langsam auf. "Nun, Paul", fragte sie,

mich traurig ansehend, "hast du noch die Kuraschi?"

Aber sie mußte wohl in meinen Augen gelesen haben, daß ich sie noch hatte;

denn bevor ich noch antworten konnte, lag sie schon an meinem Halse. "Laß

uns nur fest zusammenhalten, Paul!" sagte sie leise.--Und siehst du!

Damit und mit ehrlicher Arbeit sind wir durchgekommen.--Als wir am andern

Morgen aufgestanden waren, da fanden wir jenes Schimpfwort "Pole

Poppenspäler"--denn ein Schimpfwort sollte es ja sein--mit Kreide auf

unsere Haustür geschrieben. Ich aber habe es ruhig ausgewischt, und als

es dann später noch ein paarmal an öffentlichen Orten wieder lebendig

wurde, da habe ich einen Trumpf daraufgesetzt; und weil man wußte, daß ich

nicht spaße, so ist es danach still geworden.--Wer dir es jetzt gesagt hat,

der wird nichts Böses damit gemeint haben; ich will seinen Namen auch

nicht wissen.

Unser Vater Joseph aber war seit jenem Abend nicht mehr der alte.

Vergebens zeigte ich ihm die unlautere Quelle jenes Unfugs und daß

derselbe ja mehr gegen mich als gegen ihn gerichtet gewesen sei. Ohne

unser Wissen hatte er bald darauf alle seine Marionetten auf eine

öffentliche Auktion gegeben, wo sie zum Jubel der anwesenden Jungen und

Trödelweiber um wenige Schillinge versteigert waren; er wollte sie niemals

wiedersehen.-Aber das Mittel dazu war schlecht gewählt; denn als die

Frühlingssonne erst wieder in die Gassen schien, kam von den verkauften

Puppen eine nach der andern aus den dunkeln Häusern an das Tageslicht.

Hier saß ein Mädchen mit der heiligen Genoveva auf der Haustürschwelle,

dort ließ ein Junge den Doktor Faust auf seinem schwarzen Kater reiten; in

einem Garten in der Nähe des Schützenhofes hing eines Tages der Pfalzgraf

Siegfried neben dem höllischen Sperling als Vogelscheuche in einem

Kirschbaum. Unserem Vater tat die Entweihung seiner Lieblinge so weh, daß

er zuletzt kaum noch Haus und Garten bei uns verlassen mochte. Ich sah es

deutlich, daß dieser übereilte Verkauf an seinem Herzen nagte, und es

gelang mir, die eine und die andere Puppe zurückzukaufen; aber als ich sie

ihm brachte, hatte er keine Freude daran; das Ganze war ja überdies

zerstört. Und, seltsam, trotz aller aufgewendeten Mühe konnte ich nicht

erfahren, in welchem Winkel sich die wertvollste Figur von allen, der

kunstreiche Kasperl, verborgen halte. Und was war ohne ihn die ganze

Puppenwelt!

Aber vor einem andern, ernsteren Spiel sollte bald der Vorhang fallen.

Ein altes Brustleiden war bei unserem Vater wieder aufgewacht, sein Leben

neigte sich augenscheinlich zu Ende. Geduldig und voll Dankbarkeit für

jeden kleinen Liebesdienst lag er auf seinem Bette. "Ja, ja", sagte er

lächelnd und hob so heiter seine Augen gegen die Bretterdecke des Zimmers,

als sähe er durch dieselbe schon in die ewigen Fernen des Jenseits, "es is

scho richtig g'wesn: mit den Menschen hab' ich nit immer könne firti

werd'n; da drobn mit den Engeln wird's halt besser gehn; und--auf alle

Fäll, Lisei, i find ja doch die Mutter dort."--Der gute kindliche Mann

starb; Lisei und ich, wir haben ihn bitterlich vermißt; auch der alte

Heinrich, der ihm nach wenigen Jahren folgte, ging an seinen noch übrigen

Sonntagnachmittagen umher, als wisse er mit sich selber nicht wohin, als

wolle er zu einem, den er doch nicht finden könne.

Den Sarg unseres Vaters bedeckten wir mit allen Blumen des von ihm selbst

gepflegten Gartens; schwer von Kränzen wurde er auf den Kirchhof

hinausgetragen, wo unweit von der Umfassungsmauer das Grab bereitet war.

Als man den Sarg hinabgelassen hatte, trat unser alter Propst an den Rand

der Gruft und sprach ein Wort des Trostes und der Verheißung; er war

meinen seligen Eltern stets ein treuer Freund und Rater gewesen; ich war

von ihm konfirmiert, Lisei und ich von ihm getraut worden. Ringsum auf

dem Kirchhofe war es schwarz von Menschen; man schien von dem Begräbnisse

des alten Puppenspielers noch ein ganz besonderes Schauspiel zu erwarten.

--Und etwas Besonderes geschah auch wirklich; aber es wurde nur von uns

bemerkt, die wir der Gruft zunächst standen. Lisei, die an meinem Arme

mit hinausgegangen war, hatte eben krampfhaft meine Hand gefaßt, als jetzt

der alte Geistliche dem Brauche gemäß den bereitgestellten Spaten ergriff

und die erste Erde auf den Sarg hinabwarf. Dumpf klang es aus der Gruft

zurück. "Von der Erden bist du genommen!" erscholl jetzt das Wort des

Priesters; aber kaum war es gesprochen, als ich von der Umfassungsmauer

her über die Köpfe der Menschen etwas auf uns zufliegen sah. Ich meinte

erst, es sei ein großer Vogel; aber es senkte sich und fiel grade in die

Gruft hinein. Bei einem flüchtigen Umblick--denn ich stand etwas erhöht

auf der aufgeworfenen Erde--hatte ich einen der Schmidt-Jungen sich hinter

die Kirchhofmauer ducken und dann davonlaufen sehen, und ich wußte

plötzlich, was geschehen war. Lisei hatte einen Schrei an meiner Seite

ausgestoßen, unser alter Propst hielt wie unschlüssig den Spaten zum

zweiten Wurfe in den Händen. Ein Blick in das Grab bestätigte meine

Ahnung: oben auf dem Sarge, zwischen den Blumen und der Erde, die zum Teil

sie schon bedeckte, da hatte er sich hingesetzt, der alte Freund aus

meiner Kinderzeit, Kasperl, der kleine lustige Allerweltskerl.--Aber er

sah jetzt gar nicht lustig aus; seinen großen Nasenschnabel hatte er

traurig auf die Brust gesenkt; der eine Arm mit dem kunstreichen Daumen

war gegen den Himmel ausgestreckt; als solle er verkünden, daß, nachdem

alle Puppenspiele ausgespielt, da droben nun ein anderes Stück beginnen

werde.

Ich sah das alles nur auf einen Augenblick, denn schon warf der Probst die

zweite Scholle in die Gruft: "Und zur Erde wieder sollst du werden!"--Und

wie es von dem Sarg hinabrollte, so fiel auch Kasperl aus seinen Blumen in

die Tiefe und wurde von der Erde überdeckt.

Dann mit dem letzten Schaufelwurf erklang die tröstliche Verheißung: "Und

von der Erden sollst du auferstehen!"

Als das Vaterunser gesprochen war und die Menschen sich verlaufen hatten,

trat der alte Propst zu uns, die wir noch immer in die Grube starrten.

"Es hat eine Ruchlosigkeit sein sollen", sagte er, indem er liebreich

unsere Hände faßte. "Laßt uns es anders nehmen! In seiner Jugendzeit,

wie ihr es mir erzähltet, hat der selige Mann die kleine Kunstfigur

geschnitzt, und sie hat einst sein Eheglück begründet; später, sein ganzes

Leben lang, hat er durch sie, am Feierabend nach der Arbeit, gar manches

Menschenherz erheitert, auch manches Gott und den Menschen wohlgefällige

Wort der Wahrheit dem kleinen Narren in den Mund gelegt;--ich habe selbst

der Sache einmal zugeschaut, da ihr noch beide Kinder waret.--Laßt nur das

kleine Werk seinem Meister folgen; das stimmt gar wohl zu den Worten

unserer Heiligen Schrift! Und seid getrost; denn die Guten werden ruhen

von ihrer Arbeit."

--Und so geschah es. Still und friedlich gingen wir nach Hause; den

kunstreichen Kasperl aber, wie unsern guten Vater Joseph, haben wir

niemals wiedergesehen.--Alles das", setzte nach einer Weile mein Freund

hinzu, "hat uns manches Weh bereitet; aber gestorben sind wir beiden

jungen Leute nicht daran. Nicht lange nachher wurde unser Joseph uns

geboren, und wir hatten nun alles, was zu einem vollen Menschenglück

gehört. An jene Vorgänge aber werde ich noch jetzt Jahr um Jahr durch den

ältesten Sohn des schwarzen Schmidt erinnert. Er ist einer jener ewig

wandernden Handwerksgesellen geworden, die, verlumpt und verkommen, ihr

elendes Leben von den Geschenken fristen, die nach Zunftgebrauch auf ihre

Ansprache die Handwerksmeister ihnen zu verabreichen haben. Auch an

meinem Hause geht er nie vorbei."

Mein Freund schwieg und blickte vor sich in das Abendrot, das dort hinter

den Bäumen des Kirchhofs stand; ich aber hatte schon eine Zeitlang über

der Gartenpforte, der wir uns jetzt wieder näherten, das freundliche

Gesicht der Frau Paulsen nach uns ausblicken sehen. "Hab ich's nit denkt!"

rief sie, als wir nun zu ihr traten. "Was habt ihr wieder für ein

Langes abzuhandeln? Aber nun kommt ins Haus! Die Gottsgab steht auf dem

Tisch; der Hafenmeister is auch schon da; und ein Brief vom Joseph und der

alt Meisterin! Aber was schaust mi denn so an, Bub?"

Der Meister lächelte. "Ich hab ihm was verraten, Mutter. Er will nun

sehen, ob du auch richtig noch das kleine Puppenspieler-Lisei bist!"

"Ja, freili!" erwiderte sie, und ein Blick voll Liebe flog zu ihrem Mann

hinüber. "Schau nur richti zu, Bub! Und wenn du es nit kannst

find'n--der da, der weiß es gar genau!"

Und der Meister legte schweigend seinen Arm um sie. Dann gingen wir ins

Haus zur Feier ihres Hochzeitstages.

Es waren prächtige Leute, der Paulsen und sein Puppenspieler-Lisei.

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Pole Poppenspäler: Novelle (1874) · 第 4 / 4 段