Ich konnte von meinem Platze aus durch die oberen Scheiben des einen

Fensters sehen. Der Mond war aus seiner Wolkenhülle wieder

hervorgeschwommen, in der er eine Zeitlang verborgen gewesen war; die alte

Bas' konnte jetzt wieder vom Himmel herunterschauen, und ich denke wohl,

sie hat's recht gern getan. Ein Streifen Mondlicht fiel auf das

Gesichtchen, das nahe an dem meinen ruhte; die schwarzen Augenwimpern

lagen wie seidene Fransen auf den Wangen, der kleine rote Mund atmete

leise, nur mitunter zuckte noch ein kurzes Schluchzen aus der Brust herauf;

aber auch das verschwand; die alte Bas' schaute gar so mild vom Himmel.

--Ich wagte mich nicht zu rühren. "Wie schön müßte es sein", dachte ich,

"wenn das Lisei deine Schwester wäre, wenn sie dann immer bei dir bleiben

könnte!" Denn ich hatte keine Geschwister, und wenn ich auch nach Brüdern

kein Verlangen trug, so hatte ich mir doch oft das Leben mit einer

Schwester in meinen Gedanken ausgemalt und konnte es nie begreifen, wenn

meine Kameraden mit denen, die sie wirklich besaßen, in Zank und

Schlägerei gerieten.

Ich muß über solchen Gedanken doch wohl eingeschlafen sein; denn ich weiß

noch, wie mir allerlei wildes Zeug geträumt hat. Mir war, als säße ich

mitten in dem Zuschauerraum, die Lichter an den Wänden brannten, aber

niemand außer mir saß auf den leeren Bänken. Über meinem Kopfe, unter

der Balkendecke des Saales, ritt Kasperl auf dem höllischen Sperling in

der Luft herum und rief einmal übers andere: "Schlimms Brüderl! Schlimms

Brüderl!" oder auch mit kläglicher Stimme: "Mein Arm! Mein Arm!"

Da wurde ich von einem Lachen aufgeweckt, das über meinem Kopfe erschallte;

vielleicht auch von dem Lichtschein, der mir plötzlich in die Augen fiel.

"Nun seh mir einer dieses Vogelnest!" hörte ich die Stimme meines Vaters

sagen, und dann etwas barscher: "Steig heraus, Junge!"

Das war der Ton, der mich stets mechanisch in die Höhe trieb. Ich riß die

Augen auf und sah meinen Vater und das Tendlersche Ehepaar an unserer

Kiste stehen; Herr Tendler trug eine brennende Laterne in der Hand. Meine

Anstrengung, mich zu erheben, wurde indessen durch Lisei vereitelt, die,

noch immer fortschlafend, mit ihrer ganzen kleinen Last mir auf die Brust

gesunken war. Als sich aber jetzt zwei knochige Arme ausstreckten, um sie

aus der Kiste herauszuheben, und ich das Holzgesicht der Frau Tendler sich

auf uns niederbeugen sah, da schlug ich die Arme so ungestüm um meine

kleine Freundin, daß ich dabei der guten Frau fast ihren alten

italienischen Strohhut vom Kopfe gerissen hätte.

"Nu, nu, Bub!" rief sie und trat einen Schritt zurück; ich aber, aus

unserer Kiste heraus, erzählte mit geflügelten Worten, und ohne mich dabei

zu schonen, was am Vormittag geschehen war.

"Also, Madame Tendler", sagte mein Vater, als ich mit meinem Bericht zu

Ende war, und machte zugleich eine sehr verständliche Handbewegung, "da

könnten Sie es mir ja wohl überlassen, dieses Geschäft allein mit meinem

Jungen abzumachen."

"Ach ja, ach ja!" rief ich eifrig, als wenn mir soeben der angenehmste

Zeitvertreib verheißen wäre.

Lisei war indessen auch erwacht und von ihrem Vater auf den Arm genommen

worden. Ich sah, wie sie die Arme um seinen Hals schlang und ihm bald

eifrig ins Ohr flüsterte, bald ihm zärtlich in die Augen sah oder wie

beteuernd mit dem Köpfchen nickte. Gleich darauf ergriff auch der

Puppenspieler die Hand meines Vaters. "Lieber Herr", sagte er, "die

Kinder bitten füreinander. Mutter, du bist ja auch nit gar so schlimm!

Lassen wir es diesmal halt dabei!"

Madame Tendler sah indes noch immer unbeweglich aus ihrem großen Strohhute.

"Du magst selb schauen, wie du ohne den Kasperl fertig wirst!" sagte sie

mit einem strengen Blick auf ihren Mann.

In dem Antlitz meines Vaters sah ich ein gewisses lustiges Augenzwinkern,

das mir Hoffnung machte, es werde das Unwetter diesmal so an mir

vorüberziehen; und als er jetzt sogar versprach, am andern Tage seine

Kunst zur Herstellung des Invaliden aufzubieten, und dabei Madame Tendlers

italienischer Strohhut in die holdseligste Bewegung geriet, da war ich

sicher, daß wir beiderseits im trocknen waren.

Bald marschierten wir unten durch die dunkeln Gassen, Herr Tendler mit der

Laterne voran, wir Kinder Hand in Hand den Alten nach.--Dann: "Gut Nacht,

Paul! Ach, will i schlaf'n!" Und weg war das Lisei; ich hatte gar nicht

gemerkt, daß wir schon bei unseren Wohnungen angekommen waren.

Am andern Vormittage, als ich aus der Schule gekommen war, traf ich Herrn

Tendler mit seinem Töchterchen schon in unserer Werkstatt. "Nun, Herr

Kollege", sagte mein Vater, der eben das Innere der Puppe untersuchte,

"das sollte denn doch schlimm zugehen, wenn wir zwei Mechanici den

Burschen hier nicht wieder auf die Beine brächten.

"Gel, Vater", rief das Lisei, "da werd aa die Mutter nit mehr brumm'n."

Herr Tendler strich zärtlich über das schwarze Haar des Kindes; dann

wendete er sich zu meinem Vater, der ihm die Art der beabsichtigten

Reparatur auseinandersetzte. "Ach, lieber Herr", sagte er, "ich bin kein

Mechanicus, den Titel hab ich nur so mit den Puppen übernommen; ich bin

eigentlich meines Zeichens ein Holzschnitzer aus Berchtesgaden. Aber mein

Schwiegervater selig--Sie haben gewiß von ihm gehört--, das war halt einer,

und mein Reserl hat noch allweg ihr kleins Gaudi, daß sie die Tochter vom

berühmten Puppenspieler Geißelbrecht ist. Der hat auch die Mechanik in

dem Kasperl da g'macht; ich hab ihm derzeit nur 's G'sichtl ausgeschnitten."

"Ei nun, Herr Tendler", erwiderte mein Vater, "das ist ja auch schon eine

Kunst. Und dann--sagt mir nur, wie war's denn möglich, daß Ihr Euch

gleich zu helfen wußtet, als die Schandtat meines Jungen da so mitten in

dem Stück zum Vorschein kam?"

Das Gespräch begann mir etwas unbehaglich zu werden; in Herrn Tendlers

gutmütigem Angesicht aber leuchtete plötzlich die ganze Schelmerei des

Puppenspielers. "Ja, lieber Herr", sagte er, "da hat man halt für solch

Fäll sein G'spaßerl in der Taschen! Auch ist da noch so ein

Bruderssöhnerl, ein Wurstl Nummer zwei, der grad 'ne solche Stimm hat wie

dieser da!"

Ich hatte indessen die Lisei am Kleide gezupft und war glücklich mit ihr

nach unserem Garten entkommen. Hier unter der Linde saßen wir, die auch

über uns beide jetzt ihr grünes Dach ausbreitet; nur blühten damals nicht

mehr die roten Nelken auf den Beeten dort; aber ich weiß noch wohl, es war

ein sonniger Septembernachmittag. Meine Mutter kam aus ihrer Küche und

begann ein Gespräch mit dem Puppenspielerkinde; sie hatte denn doch auch

so ihre kleine Neugierde.

Wie es denn heiße, fragte sie, und ob es denn schon immer so von Stadt zu

Stadt gefahren sei.--Ja, Lisei heiße es--ich hatte das meiner Mutter auch

schon oft genug gesagt--, aber dies sei seine erste Reis'; drum könne es

auch das Hochdeutsch noch nit so völlig firti krieg'n.--Ob es denn auch

zur Schule gegangen sei.--Freili; es sei schon zur Schul gang'n; aber das

Nähen und Stricken habe es von seiner alten Bas' gelernt; die habe auch so

a Gärtl g'habt, da drin hätten sie zusammen auf dem Bänkerl gesessen; nun

lerne es bei der Mutter, aber die sei gar streng!

Meine Mutter nickte beifällig.--Wie lange ihre Eltern denn wohl hier

verweilen würden, fragte sie das Lisei wieder.--Ja, das wüßt es nit, das

käme auf die Mutter an; doch pflegten sie so ein vier Wochen am Ort zu

bleiben.--Ja, ob's denn auch ein warmes Mäntelchen für die Weiterreise

habe; denn so im Oktober würde es schon kalt auf dem offenen Wägelchen.

--Nun, meinte Lisei, ein Mäntelchen habe sie schon, aber ein dünnes sei es

nur; es hab sie auch schon darin gefroren auf der Herreis'.

Und jetzt befand sich meine gute Mutter auf dem Fleck, wonach ich sie

schon lange hatte zusteuern sehen. "Hör, kleine Lisei", sagte sie, "ich

hab einen braven Mantel in meinem Schranke hängen, noch von den Zeiten her,

da ich ein schlankes Mädchen war; ich bin aber jetzt herausgewachsen und

habe keine Tochter, für die ich ihn noch zurechtschneidern könnte. Komm

nur morgen wieder, Lisei, da steckt ein warmes Mäntelchen für dich darin."

Lisei wurde rot vor Freude und hatte im Umsehen meiner Mutter die Hand

geküßt, worüber diese ganz verlegen wurde; denn du weißt, hierzulande

verstehen wir uns schlecht auf solche Narreteien!--Zum Glück kamen jetzt

die beiden Männer aus der Werkstatt. "Für diesmal gerettet", rief mein

Vater; "aber--!" Der warnend gegen mich geschüttelte Finger war das Ende

meiner Buße.

Fröhlich lief ich ins Haus und holte auf Geheiß meiner Mutter deren großes

Umschlagtuch; denn um den kaum Genesenen vor dem zwar wohlgemeinten, aber

immerhin unbequemen Zujauchzen der Gassenjugend zu bewahren, das ihn auf

seinem Herwege begleitet hatte, wurde der Kasper jetzt sorgsam eingehüllt;

dann nahm Lisei ihn auf den Arm, Herr Tendler das Lisei an der Hand, und

so, unter Dankesversicherungen, zogen sie vergnügt die Straße nach dem

Schützenhof hinab.

Und nun begann eine Zeit des schönsten Kinderglückes.--Nicht nur am andern

Vormittage, sondern auch an den folgenden Tagen kam das Lisei; denn sie

hatte nicht abgelassen, bis ihr gestattet worden, auch selbst an ihrem

neuen Mäntelchen zu nähen. Zwar war's wohl mehr nur eine Scheinarbeit,

die meine Mutter in ihre kleinen Hände legte; aber sie meinte doch, das

Kind müßte recht ordentlich angehalten sein. Ein paarmal setzte ich mich

daneben und las aus einem Bande von Weißens "Kinderfreunde" vor, den mein

Vater einmal auf einer Auktion für mich gekauft hatte, zum Entzücken

Liseis, der solche Unterhaltungsbücher noch unbekannt waren. "Das is

g'schickt!" oder "Ei du, was geit's für Sachan auf der Welt!" Dergleichen

Worte rief sie oft dazwischen und legte die Hände mit ihrer Näharbeit in

den Schoß. Mitunter sah sie mich auch von unten mit ganz klugen Augen an

und sagte: "Ja, wenn's Geschichtl nur nit derlog'n ist"--Mir ist's, als

hörte ich es noch heute.--Der Erzähler schwieg, und in seinem schönen

männlichen Antlitz sah ich einen Ausdruck stillen Glückes, als sei das

alles, was er mir erzählte, zwar vergangen, aber keineswegs verloren.

Nach einer Weile begann er wieder:

Meine Schularbeiten machte ich niemals besser als in jener Zeit; denn ich

fühlte wohl, daß das Auge meines Vaters mich strenger als je überwachte

und daß ich mir den Verkehr mit den Puppenspielerleuten nur um den Preis

eines strengen Fleißes erhalten könne. "Es sind reputierliche Leute, die

Tendlers", hörte ich einmal meinen Vater sagen; "der Schneiderwirt drüben

hat ihnen auch heute ein ordentliches Stübchen eingeräumt; sie zahlen

jeden Morgen ihre Zeche; nur, meinte der Alte, sei es leider blitzwenig,

was sie draufgehen ließen.--Und das", setzte mein Vater hinzu, "gefällt

mir besser als dem Herbergsvater; sie mögen an den Notpfennig denken, was

sonst nicht die Art solcher Leute ist."--Wie gern hörte ich meine Freunde

loben! Denn das waren sie jetzt alle; sogar Madame Tendler nickte ganz

vertraulich aus ihrem Strohhute, wenn ich--keiner Einlaßkarte mehr

bedürftig--abends an ihrer Kasse vorbei in den Saal schlüpfte.--Und wie

rannte ich jetzt vormittags aus der Schule! Ich wußte wohl, zu Hause traf

ich das Lisei entweder bei meiner Mutter in der Küche, wo sie allerlei

kleine Dienste für sie zu verrichten wußte, oder es saß auf der Bank im

Garten, mit einem Buche oder mit einer Näharbeit in der Hand. Und bald

wußte ich sie auch in meinem Dienste zu beschäftigen; denn nachdem ich

mich genügend in den innern Zusammenhang der Sache eingeweiht glaubte,

beabsichtigte ich nichts Geringeres, als nun auch meinerseits ein

Marionettentheater einzurichten. Vorläufig begann ich mit dem

Ausschnitzen der Puppen, wobei Herr Tendler, nicht ohne eine gutmütige

Schelmerei in seinen kleinen Augen, mir in der Wahl des Holzes und der

Schnitzmesser mit Rat und Hülfe zur Hand ging; und bald ragte auch in der

Tat eine mächtige Kasperlenase aus dem Holzblöckchen in die Welt. Da aber

andererseits der Nanking des "Wurstls" mir zuwenig interessant erschien,

so mußte indessen das Lisei aus "Fetz'ln", die wiederum der alte Gabriel

hatte hergeben müssen, gold- und silberbesetzte Mäntel und Wämser für Gott

weiß welche andere künftige Puppen anfertigen. Mitunter trat auch der

alte Heinrich mit seiner kurzen Pfeife aus der Werkstatt zu uns, ein

Geselle meines Vaters, der, solang ich denken konnte, zur Familie gehörte;

er nahm mir dann wohl das Messer aus der Hand und gab durch ein paar

Schnitte dem Dinge hie und da den rechten Schick. Aber schon wollte

meiner Phantasie selbst der Tendlersche Haupt- und Prinzipalkasperl nicht

mehr genügen; ich wollte noch ganz etwas anderes leisten; für den meinigen

ersann ich noch drei weitere, nie dagewesene und höchst wirkungsvolle

Gelenke, er sollte seitwärts mit dem Kinne wackeln, die Ohren hin und her

bewegen und die Unterlippe auf- und abklappen können; und er wäre auch

jedenfalls ein ganz unerhörter Prachtkerl geworden, wenn er nur nicht

schließlich über all seinen Gelenken schon in der Geburt zugrunde gegangen

wäre. Auch sollte leider weder der Pfalzgraf Siegfried noch irgendein

anderer Held des Puppenspiels durch meine Hand zu einer fröhlichen

Auferstehung gelangen.--Besser glückte es mir mit dem Bau einer

unterirdischen Höhle, in der ich an kalten Tagen mit Lisei auf einem

Bänkchen zusammensaß und ihr bei dem spärlichen Lichte, das durch eine

oben angebrachte Fensterscheibe fiel, die Geschichten aus dem Weißeschen

"Kinderfreunde" vorlas, die sie immer von neuem hören konnte. Meine

Kameraden neckten mich wohl und schalten mich einen Mädchenknecht, weil

ich, statt wie sonst mit ihnen, jetzt mit der Puppenspielertochter meine

Zeit zubrachte. Mich kümmerte das wenig; wußte ich doch, es redete nur

der Neid aus ihnen, und wo es mir zu arg wurde, da brauchte ich denn auch

einmal ganz wacker meine Fäuste.--Aber alles im Leben ist nur für eine

Spanne Zeit. Die Tendlers hatten ihre Stücke durchgespielt; die

Puppenbühne auf dem Schützenhofe wurde abgebrochen; sie rüsteten sich zum

Weiterziehen.

Und so stand ich denn an einem stürmischen Oktobernachmittage draußen vor

unserer Stadt auf dem hohen Heiderücken, sah bald traurig auf den breiten

Sandweg, der nach Osten in die kahle Gegend hinausläuft, bald sehnsüchtig

nach der Stadt zurück, die in Dunst und Nebel in der Niederung lag. Und

da kam es herangetrabt, das kleine Wägelchen mit den zwei hohen Kisten

darauf und dem munteren braunen Pferdchen in der Gabeldeichsel. Herr

Tendler saß jetzt vorn auf einem Brettchen, hinter ihm Lisei in dem neuen

warmen Mäntelchen neben ihrer Mutter.--Ich hatte schon vor der Herberge

von ihnen Abschied genommen; dann aber war ich vorausgelaufen, um sie alle

noch einmal zu sehen und um Lisei, wozu ich von meinem Vater die Erlaubnis

erhalten hatte, den Band von Weißens "Kinderfreunde" als Angedenken

mitzugeben; auch eine Düte mit Kuchen hatte ich um einige ersparte

Sonntagssechslinge für sie eingehandelt. "Halt! Halt!" rief ich jetzt

und stürzte von meinem Heidehügel auf das Fuhrwerk zu.--Herr Tendler zog

die Zügel an, der Braune stand, und ich reichte Lisei meine kleinen

Geschenke in den Wagen, die sie neben sich auf den Stuhl legte. Als wir

uns aber, ohne ein Wort zu sagen, an beiden Händen griffen, da brachen wir

armen Kinder in ein lautes Weinen aus. Doch in demselben Augenblicke

peitschte auch schon Herr Tendler auf sein Pferdchen. "Ade, mein Bub!

Bleib brav und dank aa no schön dei'm Vaterl und dei'm Mutterl!"

"Ade! Ade!" rief das Lisei; das Pferdchen zog an, das Glöckchen an seinem

Halse bimmelte; ich fühlte die kleinen Hände aus den meinen gleiten, und

fort fuhren sie, in die weite Welt hinaus.

Ich war wieder am Rande des Weges emporgestiegen und blickte unverwandt

dem Wägelchen nach, wie es durch den staubenden Sand dahinzog. Immer

schwächer hörte ich das Gebimmel des Glöckchens; einmal noch sah ich ein

weißes Tüchelchen um die Kisten flattern; dann allmählich verlor es sich

mehr und mehr in den grauen Herbstnebeln.--Da fiel es plötzlich wie eine

Todesangst mir auf das Herz: du siehst sie nimmer, nimmer wieder!--"Lisei!"

schrie ich, "Lisei!"--Als aber dessenungeachtet, vielleicht wegen einer

Biegung der Landstraße, der nur noch im Nebel schwimmende Punkt jetzt

völlig meinen Augen entschwand, da rannte ich wie unsinnig auf dem Wege

hintendrein. Der Sturm riß mir die Mütze vom Kopf, meine Stiefel füllten

sich mit Sand; aber so weit ich laufen mochte, ich sah nichts anderes als

die öde baumlose Gegend und den kalten grauen Himmel, der darüberstand.

--Als ich endlich bei einbrechender Dunkelheit zu Hause wieder angelangt

war, hatte ich ein Gefühl, als sei die ganze Stadt indessen ausgestorben.

Es war eben der erste Abschied meines Lebens.

Wenn in den nun folgenden Jahren der Herbst wiederkehrte, wenn die

Krammetsvögel durch die Gärten unserer Stadt flogen und drüben vor der

Schneiderherberge die ersten gelben Blätter von den Lindenbäumen wehten,

dann saß ich wohl manches Mal auf unserer Bank und dachte, ob nicht

endlich einmal das Wägelchen mit dem braunen Pferdchen wie damals wieder

die Straße heraufgebimmelt kommen würde.

Aber ich wartete umsonst; das Lisei kam nicht wieder.

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Es war um zwölf Jahre später.--Ich hatte nach

der Rechenmeisterschule, wie es damals manche Handwerkersöhne zu tun

pflegten, auch noch die Quarta unserer Gelehrtenschule durchgemacht und

war dann bei meinem Vater in die Lehre getreten. Auch diese Zeit, in der

ich mich, außer meinem Handwerk, vielfach mit dem Lesen guter Bücher

beschäftigte, war vorübergegangen. Jetzt, nach dreijähriger Wanderschaft,

befand ich mich in einer mitteldeutschen Stadt. Es war streng katholisch

dort, und in dem Punkte verstanden sie keinen Spaß; wenn man vor ihren

Prozessionen, die mit Gesang und Heiligenbildern durch die Straßen zogen,

nicht selbst den Hut abnahm, so wurde er einem auch wohl

heruntergeschlagen; sonst aber waren es gute Leute.--Die Frau Meisterin,

bei der ich in Arbeit stand, war eine Witwe, deren Sohn gleich mir in der

Fremde arbeitete, um die nach den Zunftgesetzen vorgeschriebenen

Wanderjahre bei der späteren Bewerbung um das Meisterrecht nachweisen zu

können. Ich hatte es gut in diesem Hause; die Frau tat mir, wovon sie

wünschen mochte, daß es in der Ferne andere Leute an ihrem Kinde tun

möchten, und bald war unter uns das Vertrauen so gewachsen, daß das

Geschäft so gut wie ganz in meinen Händen lag.--Jetzt steht unser Joseph

dort bei ihrem Sohn in Arbeit, und die Alte, so hat er oft geschrieben,

hätschelt mit ihm, als wäre sie die leibhaftige Großmutter zu dem Jungen.

--Nun, damals saß ich eines Sonntagnachmittags mit meiner Frau Meisterin

in der Wohnstube, deren Fenster der Tür des großen Gefangenenhauses

gegenüberlagen. Es war im Januar; das Thermometer stand zwanzig Grad

unter Null; draußen auf der Gasse war kein Mensch zu sehen; mitunter kam

der Wind pfeifend von den nahen Bergen herunter und jagte kleine Eisstücke

klingend über das Straßenpflaster.

"Da behagt 'n warmes Stübchen und 'n heißes Schälchen Kaffee", sagte die

Meisterin, indem sie mir die Tasse zum dritten Male vollschenkte.

Ich war ans Fenster getreten. Meine Gedanken gingen in die Heimat; nicht

zu lieben Menschen, die hatte ich dort nicht mehr, das Abschiednehmen

hatte ich jetzt gründlich gelernt. Meiner Mutter war mir noch vergönnt

gewesen selbst die Augen zuzudrücken; vor einigen Wochen hatte ich nun

auch den Vater verloren, und bei dem damals noch so langwierigen Reisen

hatte ich ihn nicht einmal zu seiner Ruhestatt begleiten können. Aber die

väterliche Werkstatt wartete auf den Sohn ihres heimgegangenen Meisters.

Indes, der alte Heinrich war noch da und konnte mit Genehmigung der

Zunftmeister die Sache schon eine kurze Zeit aufrechterhalten; und so

hatte ich denn auch meiner guten Meisterin versprochen, noch ein paar

Wochen bis zum Eintreffen ihres Sohnes bei ihr auszuhalten. Aber Ruhe

hatte ich nicht mehr, das frische Grab meines Vaters duldete mich nicht

länger in der Fremde.

In diesen Gedanken unterbrach mich eine scharfe scheltende Stimme drüben

von der Straße her. Als ich aufblickte, sah ich das schwindsüchtige

Gesicht des Gefängnisinspektors sich aus der halbgeöffneten Tür des

Gefangenenhauses hervorrecken; seine erhobene Faust drohte einem jungen

Weibe, das, wie es schien, fast mit Gewalt in diese sonst gefürchteten

Räume einzudringen strebte.

"Wird wohl was Liebes drinnen haben", sagte die Meisterin, die von ihrem

Lehnstuhle aus ebenfalls dem Vorgange zugesehen hatte, "aber der alte

Sünder da drüben hat kein Herz für die Menschheit."

"Der Mann tut wohl nur seine Pflicht, Frau Meisterin", sagte ich, noch

immer in meinen eigenen Gedanken.

"Ich möcht nicht solche Pflicht zu tun haben", erwiderte sie und lehnte

sich fast zornig in ihren Stuhl zurück.

Drüben war indes die Tür des Gefangenenhauses zugeschlagen, und das junge

Weib, nur mit einem kurzen wehenden Mäntelchen um die Schultern und einem

schwarzen Tüchelchen um den Kopf geknotet, ging langsam die übereiste

Straße hinab.--Die Meisterin und ich waren schweigend auf unserem Platz

geblieben; ich glaube--denn auch meine Teilnahme war jetzt geweckt--, es

war uns beiden, als ob wir helfen müßten und nur nicht wüßten wie.

Als ich eben vom Fenster zurücktreten wollte, kam das Weib wieder die

Straße herauf. Vor der Tür des Gefangenenhauses blieb sie stehen und

setzte zögernd einen Fuß auf den zur Schwelle führenden Treppenstein; dann

aber wandte sie den Kopf zurück, und ich sah ein junges Antlitz, dessen

dunkle Augen mit dem Ausdruck ratlosester Verlassenheit über die leere

Gasse streiften; sie schien doch nicht den Mut zu haben, noch einmal der

drohenden Beamtenfaust entgegenzutreten. Langsam und immer wieder nach

der geschlossenen Tür zurückblickend, setzte sie ihren Weg fort; man sah

es deutlich, sie wußte selbst nicht wohin. Als sie jetzt aber an der Ecke

der Gefangenanstalt in das nach der Kirche hinaufführende Gäßchen einbog,

riß ich unwillkürlich meine Mütze vom Türhaken, um ihr nachzugehen.

"Ja, ja, Paulsen, das ist das Rechte!" sagte die gute Meisterin; "geht nur,

ich werde derweil den Kaffee wieder heiß setzen!"

Es war grimmig kalt, als ich aus dem Hause trat; alles schien wie

ausgestorben; von dem Berge, der am Ende der Straße die Stadt überragt,

sah fast drohend der schwarze Tannenwald herab; vor den Fensterscheiben

der meisten Häuser saßen die weißen Eisgardinen; denn nicht jeder hatte,

wie meine Meisterin, die Gerechtigkeit von fünf Klaftern Holz auf seinem

Hause.--Ich ging durch das Gäßchen nach dem Kirchenplatz; und dort vor dem

großen hölzernen Kruzifixe auf der gefrorenen Erde lag das junge Weib, den

Kopf gesenkt, die Hände in den Schoß gefaltet. Ich trat schweigend näher;

als sie aber jetzt zu dem blutigen Antlitz des Gekreuzigten aufblickte,

sagte ich: "Verzeiht mir, wenn ich Eure Andacht unterbreche, aber Ihr seid

wohl fremd in dieser Stadt?"

Sie nickte nur, ohne ihre Stellung zu verändern.

"Ich möchte Euch helfen!" begann ich wieder, "sagt mir nur, wohin Ihr

wollt!"

"I weiß nit mehr wohin", sagte sie tonlos und ließ das Haupt wieder auf

ihre Brust sinken.

"Aber in einer Stunde ist es Nacht; in diesem Totenwetter könnt Ihr nicht

länger auf der offenen Straße bleiben!"

"Der liebi Gott wird helfen", hörte ich sie leise sagen.

"Ja, ja", rief ich, "und ich glaube fast, er hat mich selbst zu Euch

geschickt!"

Es war, als habe der stärkere Klang meiner Stimme sie erweckt; denn sie

erhob sich und trat zögernd auf mich zu; mit vorgestrecktem Halse näherte

sie ihr Gesicht mehr und mehr dem meinen, und ihre Blicke drangen auf mich

ein, als ob sie mich damit erfassen wolle. "Paul!" rief sie plötzlich,

und wie ein Jubelruf flog das Wort aus ihrer Brust--"Paul! Ja di schickt

mir der liebe Gott!"

Wo hatte ich meine Augen gehabt! Da hatte ich es ja wieder, mein

Kindsgespiel, das kleine Puppenspieler-Lisei! Freilich, eine schöne

schlanke Jungfrau war es geworden, und auf dem sonst so lachenden

Kindergesicht lag jetzt, nachdem der erste Freudenstrahl darüberhin

geflogen, der Ausdruck eines tiefen Kummers.

"Wie kommst du so allein hieher, Lisei?" fragte ich. "Was ist geschehen?

Wo ist denn dein Vater?"

"Im Gefängnis, Paul."

"Dein Vater, der gute Mann!--Aber komm mit mir; ich stehe hier bei einer

braven Frau in Arbeit; sie kennt dich, ich habe ihr oft von dir erzählt."

Pole Poppenspäler: Novelle (1874) · 第 2 / 4 段