Mein Vater hatte nicht unrecht. Die Algebraaufgaben gerieten

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POLE POPPENSPÄLER

von THEODOR STORM

Novelle (1874)

Ich hatte in meiner Jugend einige Fertigkeit im Drechseln und beschäftigte

mich sogar wohl etwas mehr damit, als meinen gelehrten Studien zuträglich

war; wenigstens geschah es, daß mich eines Tags der Subrektor bei Rückgabe

eines nicht eben fehlerlosen Exerzitiums seltsamerweise fragte, ob ich

vielleicht wieder eine Nähschraube zu meiner Schwester Geburtstag

gedrechselt hätte. Solch kleine Nachteile wurden indessen mehr als

aufgewogen durch die Bekanntschaft mit einem trefflichen Manne, die mir

infolge jener Beschäftigung zuteil wurde. Dieser Mann war der

Kunstdrechsler und Mechanikus Paul Paulsen, auch deputierter Bürger

unserer Stadt. Auf die Bitte meines Vaters, der für alles, was er

michunternehmen sah, eine gewisse Gründlichkeit forderte, verstand er sich

dazu, mir die für meine kleinen Arbeiten erforderlichen Handgriffe

beizubringen.

Paulsen besaß mannigfache Kenntnisse und war dabei nicht nur von

anerkannter Tüchtigkeit in seinem eignen Handwerk, sondern er hatte auch

eine Einsicht in die künftige Entwicklung der Gewerke überhaupt, so daß

bei manchem, was jetzt als neue Wahrheit verkündigt wird, mir plötzlich

einfällt: das hat dein alter Paulsen ja schon vor vierzig Jahren gesagt.

--Es gelang mir bald, seine Zuneigung zu erwerben, und er sah es gern,

wenn ich noch außer den festgesetzten Stunden am Feierabend einmal zu ihm

kam. Dann saßen wir entweder in der Werkstätte oder sommers--denn unser

Verkehr hat jahrelang gedauert--auf der Bank unter der großen Linde seines

Gärtchens. In den Gesprächen, die wir dabei führten, oder vielmehr,

welche mein älterer Freund dabei mit mir führte, lernte ich Dinge kennen

und auf Dinge meine Gedanken richten, von denen, so wichtig sie im Leben

sind, ich später selbst in meinen Primaner-Schulbüchern keine Spur

gefunden habe.

Paulsen war seiner Abkunft nach ein Friese und der Charakter dieses

Volksstammes aufs schönste in seinem Antlitz ausgeprägt; unter dem

schlichten blonden Haar die denkende Stirn und die blauen sinnenden Augen;

dabei hatte, vom Vater ererbt, seine Stimme noch etwas von dem weichen

Gesang seiner Heimatsprache.

Die Frau dieses nordischen Mannes war braun und von zartem Gliederbau,

ihre Sprache von unverkennbar süddeutschem Klange. Meine Mutter pflegte

von ihr zu sagen, ihre schwarzen Augen könnten einen See ausbrennen, in

ihrer Jugend aber sei sie von seltener Anmut gewesen.--Trotz der silbernen

Fädchen, die schon ihr Haar durchzogen, war auch jetzt die Lieblichkeit

dieser Züge noch nicht verschwunden, und das der Jugend angeborene Gefühl

für Schönheit veranlaßte mich bald, ihr, wo ich immer konnte, mit kleinen

Diensten und Gefälligkeiten an die Hand zu gehen.

"Da schau mir nur das Buberl", sagte sie dann wohl zu ihrem Mann; "Wirst

doch nit eifersüchtig werden, Paul?"

Dann lächelte Paul. Und aus ihren Scherzworten und aus seinem Lächeln

sprach das Bewußtsein innigsten Zusammengehörens.

Sie hatten außer einem Sohne, der damals in der Fremde war, keine Kinder,

und vielleicht war ich den beiden zum Teil deshalb so willkommen, zumal

Frau Paulsen mir wiederholt versicherte, ich habe grad ein so lustigs

Naserl wie ihr Joseph. Nicht verschweigen will ich, daß letztere auch

eine mir sehr zusagende, in unserer Stadt aber sonst gänzlich unbekannte

Mehlspeise zu bereiten verstand und auch nicht unterließ, mich dann und

wann zu Gast zu bitten.--So waren denn dort der Anziehungskräfte für mich

genug. Von meinem Vater aber wurde mein Verkehr in dem tüchtigen

Bürgerhause gern gesehen. "Sorge nur, daß du nicht lästig fällst!" war

das einzige, woran er in dieser Beziehung zuweilen mich erinnerte. Ich

glaube indessen nicht, daß ich meinen Freunden je zu oft gekommen bin.

Da geschah es eines Tages, daß in meinem elterlichen Hause einem alten

Herrn aus unserer Stadt das neueste und wirklich ziemlich gelungene Werk

meiner Hände vorgezeigt wurde.

Als dieser seine Bewunderung zu erkennen gab, bemerkte mein Vater dagegen,

daß ich ja aber auch schon seit fast einem Jahr bei Meister Paulsen in der

Lehre sei.

"So, so", erwiderte der alte Herr; "bei Pole Poppenspäler!"

Ich hatte nie gehört, daß mein Freund einen solchen Beinamen führe, und

fragte, vielleicht ein wenig naseweis, was das bedeuten solle.

Aber der alte Herr lächelte nur ganz hinterhältig und wollte keine weitere

Auskunft geben.-Zum kommenden Sonntag war ich von den Paulsenschen

Eheleuten auf den Abend eingeladen, um ihnen ihren Hochzeitstag feiern zu

helfen. Es war im Spätsommer, und da ich mich frühzeitig auf den Weg

gemacht und die Hausfrau noch in der Küche zu wirtschaften hatte, so ging

Paulsen mit mir in den Garten, wo wir uns zusammen unter der großen Linde

auf die Bank setzten. Mir war das "Pole Poppenspäler" wieder eingefallen,

und es ging mir so im Kopf herum, daß ich kaum auf seine Reden Antwort gab;

endlich, da er mich fast ein wenig ernst wegen meiner Zerstreutheit

zurechtgewiesen hatte, fragte ich ihn gradezu, was jener Beiname zu

bedeuten habe.

Er wurde sehr zornig. "Wer hat dich das dumme Wort gelehrt?" rief er,

indem er von seinem Sitze aufsprang. Aber bevor ich noch zu antworten

vermochte, saß er schon wieder neben mir. "Laß, laß!" sagte er, sich

besinnend, "es bedeutet ja eigentlich das Beste, was das Leben mir gegeben

hat.--Ich will es dir erzählen; wir haben wohl noch Zeit dazu."--

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In diesem Haus und Garten bin ich aufgewachsen, meine braven Eltern wohnten

hier, und hoffentlich wird einst mein Sohn hier wohnen!--Daß ich ein Knabe

war, ist nun schon lange her; aber gewisse Dinge aus jener Zeit stehen noch,

wie mit farbigem Stift gezeichnet, vor meinen Augen.

Neben unserer Haustür stand damals eine kleine weiße Bank mit grünen

Stäben in den Rück- und Seitenlehnen, von der man nach der einen Seite die

lange Straße hinab bis an die Kirche, nach der andern aus der Stadt hinaus

bis in die Felder sehen konnte. An Sommerabenden saßen meine Eltern hier,

der Ruhe nach der Arbeit pflegend; in den Stunden vorher aber pflegte ich

sie in Beschlag zu nehmen und hier in der freien Luft und unter

erquickendem Ausblick nach Ost und West meine Schularbeiten anzufertigen.

So saß ich auch eines Nachmittags--ich weiß noch gar wohl, es war im

September, eben nach unserem Michaelis-Jahrmarkte--und schrieb für den

Rechenmeister meine Algebra-Exempel auf die Tafel, als ich unten von der

Straße ein seltsames Gefährt heraufkommen sah. Es war ein zweirädriger

Karren, der von einem kleinen rauhen Pferde gezogen wurde. Zwischen zwei

ziemlich hohen Kisten, mit denen er beladen war, saß eine große blonde

Frau mit steifen hölzernen Gesichtszügen und ein etwa neunjähriges Mädchen,

das sein schwarzhaariges Köpfchen lebhaft von einer Seite nach der andern

drehte; nebenher ging, den Zügel in der Hand, ein kleiner, lustig

blickender Mann, dem unter seiner grünen Schirmmütze die kurzen schwarzen

Haare wie Spieße vom Kopfe abstanden.

So, unter dem Gebimmel eines Glöckchens, das unter dem Halse des Pferdes

hing, kamen sie heran. Als sie die Straße vor unserem Hause erreicht

hatten, machte der Karren halt. "Du Bub", rief die Frau zu mir herüber,

"wo ist denn die Schneiderherberg?"

Mein Griffel hatte schon lange geruht; nun sprang ich eilfertig auf und

trat an den Wagen. "Ihr seid grad davor", sagte ich und wies auf das alte

Haus mit der viereckig geschorenen Linde, das, wie du weißt, noch jetzt

hier gegenüber liegt.

Das feine Dirnchen war zwischen den Kisten aufgestanden, streckte das

Köpfchen aus der Kapuze ihres verschossenen Mäntelchens und sah mit ihren

großen Augen auf mich herab; der Mann aber, mit einem "Sitz ruhig, Diendl!"

und "Schönen Dank, Bub!" peitschte auf den kleinen Gaul und fuhr vor die

Tür des bezeichneten Hauses, aus dem auch schon der dicke Herbergsvater in

seiner grünen Schürze ihm entgegentrat.

Daß die Ankömmlinge nicht zu den zunftberechtigten Gästen des Hauses

gehörten, mußte mir freilich klar sein; aber es pflegten dort--was mir

jetzt, wenn ich es bedenke, mit der Reputation des wohlehrsamen Handwerks

sich keineswegs reimen will--auch andere, mir viel angenehmere Leute

einzukehren. Droben im zweiten Stock, wo noch heute statt der Fenster nur

einfache Holzluken auf die Straße gehen, war das hergebrachte Quartier

aller fahrenden Musikanten, Seiltänzer oder Tierbändiger, welche in

unserer Stadt ihre Kunst zum besten gaben.

Und richtig, als ich am andern Morgen oben in meiner Kammer vor dem

Fenster stand und meinen Schulsack schnürte, wurde drüben eine der Luken

aufgestoßen; der kleine Mann mit den schwarzen Haarspießen steckte seinen

Kopf ins Freie und dehnte sich mit beiden Armen in die frische Luft hinaus;

dann wandte er den Kopf hinter sich nach dem dunkeln Raum zurück, und ich

hörte ihn "Lisei! Lisei!" rufen.--Da drängte sich unter seinem Arm ein

rosiges Gesichtlein vor, um das wie eine Mähne das schwarze Haar herabfiel.

Der Vater wies mit dem Finger nach mir herüber, lachte und zupfte sie

ein paarmal an ihren seidenen Strähnen. Was er zu ihr sprach, habe ich

nicht verstehen können; aber es mag wohl ungefähr gelautet haben. "Schau

dir ihn an, Lisei! Kennst ihn noch, den Bubn von gestern?--Der arme Narr,

da muß er nun gleich mit dem Ranzen in die Schule traben!--Was du für ein

glückliches Diendl bist, die du allweg nur mit unserem Braunen landab,

landauf zu fahren brauchst!"--Wenigstens sah die Kleine ganz mitleidig zu

mir herüber, und als ich es wagte, ihr freundlich zuzunicken, nickte sie

sehr ernsthaft wieder.

Bald aber zog der Vater seinen Kopf zurück und verschwand im Hintergrund

seines Bodenraumes. Statt seiner trat jetzt die große blonde Frau zu dem

Kinde; sie bemächtigte sich ihres Kopfes und begann ihr das Haar zu

strählen. Das Geschäft schien schweigend vollzogen zu werden, und das

Lisei durfte offenbar nicht mucksen, obgleich es mehrmals, wenn ihr der

Kamm so in den Nacken hinabfuhr, die eckigsten Figuren mit ihrem roten

Mäulchen bildete. Nur einmal hob sie den Arm und ließ ein langes Haar

über die Linde draußen in die Morgenluft hinausfliegen. Ich konnte von

meinem Fenster aus es glänzen sehen; denn die Sonne war eben durch den

Herbstnebel gedrungen und schien drüben auf den oberen Teil des

Herbergshauses.

Auch in den vorhin undurchdringlich dunkeln Bodenraum konnte ich jetzt

hineinsehen. Ganz deutlich erblickte ich in einem dämmerigen Winkel den

Mann an einem Tische sitzen; in seiner Hand blinkte etwas wie Gold oder

Silber; dann wieder war's wie ein Gesicht mit einer ungeheueren Nase; aber

sosehr ich meine Augen anstrengte, ich vermochte nicht klug daraus zu

werden.

Plötzlich hörte ich, als wenn etwas Hölzernes in einen Kasten geworfen

würde, und nun stand der Mann auf und lehnte aus einer zweiten Luke sich

wieder auf die Straße hinaus.

Die Frau hatte indessen der kleinen schwarzen Dirne ein verschossenes

rotes Kleidchen angezogen und ihr die Haarflechten wie einen Kranz um das

runde Köpfchen gelegt.

Ich sah noch immer hinüber. "Einmal" dachte ich, "könnte sie doch wieder

nicken."--"Paul, Paul!" hörte ich plötzlich unten aus unserem Hause die

Stimme meiner Mutter rufen.

"Ja, ja, Mutter!"

Es war mir ordentlich wie ein Schrecken in die Glieder geschlagen.

"Nun", rief sie wieder, "der Rechenmeister wird dir schön die Zeit

verdeutschen! Weißt du denn nicht, daß es lang schon sieben geschlagen

hat?"

Wie rasch polterte ich die Treppe hinunter!

Aber ich hatte Glück; der Rechenmeister war grad dabei, seine Bergamotten

abzunehmen, und die halbe Schule befand sich in seinem Garten, um mit

Händen und Mäulern ihm dabei zu helfen. Erst um neun Uhr saßen wir alle

mit heißen Backen und lustigen Gesichtern an Tafel und Rechenbuch auf

unseren Bänken.

Als ich um elf, die Taschen noch von Birnen starrend, aus dem Schulhofe

trat, kam eben der dicke Stadtausrufer die Straße herauf. Er schlug mit

dem Schlüssel an sein blankes Messingbecken und rief mit seiner Bierstimme:

"Der Mechanikus und Puppenspieler Herr Joseph Tendler aus der

Residenzstadt München ist gestern hier angekommen und wird heute abend im

Schützenhofsaale seine erste Vorstellung geben. Vorgestellt wird:

Pfalzgraf Siegfried und die heilige Genoveva, Puppenspiel mit Gesang in

vier Aufzügen."

Dann räusperte er sich und schritt würdevoll in der meinem Heimwege

entgegengesetzten Richtung weiter. Ich folgte ihm von Straße zu Straße,

um wieder und wieder die entzückende Verkündigung zu hören; denn niemals

hatte ich eine Komödie, geschweige denn ein Puppenspiel gesehen.--Als ich

endlich umkehrte, sah ich ein rotes Kleidchen mir entgegenkommen; und

wirklich, es war die kleine Puppenspielerin; trotz ihres verschossenen

Anzugs schien sie mir von einem Märchenglanz umgeben.

Ich faßte mir ein Herz und redete sie an: "Willst du spazierengehen,

Lisei?"

Sie sah mich mißtrauisch aus ihren schwarzen Augen an. "Spazieren?"

wiederholte sie gedehnt. "Ach du--du bist g'scheit!"

"Wohin willst du denn?"

--"Zum Ellenkramer will i!"

"Willst du dir ein neues Kleid kaufen?" fragte ich tölpelhaft genug.

Sie lachte laut auf. "Geh! laß mi aus!--Nein; nur so Fetz'ln!"

"Fetz'ln, Lisei?"

--"Freili! Halt nur so Resteln zu G'wandl für die Pupp'n; 's kost't immer

nit viel!"

Ein glücklicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf. Ein alter Onkel von mir

hatte damals am Markte hier eine Ellenwarenhandlung, und sein alter

Ladendiener war mein guter Freund. "Komm mit mir", sagte ich kühn, "es

soll dir gar nichts kosten, Lisei!"

"Meinst?" fragte sie noch; dann liefen wir beide nach dem Markt und in das

Haus des Onkels. Der alte Gabriel stand wie immer in seinem pfeffer- und

salzfarbenen Rock hinter dem Ladentisch, und als ich ihm unser Anliegen

deutlich gemacht hatte, kramte er gutmütig einen Haufen "Rester" auf den

Tisch zusammen.

"Schau, das hübsch Brinnrot!" sagte Lisei und nickte begehrlich nach einem

Stückchen französischen Kattuns hinüber.

"Kannst es brauchen?" fragte Gabriel.--Ob sie es brauchen konnte! Der

Ritter Siegfried sollte ja auf den Abend noch eine neue Weste geschneidert

bekommen.

"Aber da gehören auch die Tressen noch dazu", sagte der Alte und brachte

allerlei Endchen Gold- und Silberflitter. Bald kamen noch grüne und gelbe

Seidenläppchen und Bänder, endlich ein ziemlich großes Stück braunen

Plüsches. "Nimm's nur, Kind!" sagte Gabriel. "Das gibt ein Tierfell für

euere Genoveva, wenn das alte vielleicht verschossen wäre!" Dann packte er

die ganze Herrlichkeit zusammen und legte sie der Kleinen in den Arm.

"Und es kost't nix?" fragte sie beklommen.

Nein, es kostete nichts. Ihre Augen leuchteten. "Schön' Dank, guter Mann!

Ach, wird der Vater schauen!"

Hand in Hand, Lisei mit ihrem Päckchen unter dem Arm, verließen wir den

Laden; als wir aber in die Nähe unserer Wohnung kamen, ließ sie mich los

und rannte über die Straße nach der Schneiderherberge, daß ihr die

schwarzen Flechten in den Nacken flogen.--Nach dem Mittagessen stand ich

vor unserer Haustür und erwog unter Herzklopfen das Wagnis, schon heute

zur ersten Vorstellung meinen Vater um das Eintrittsgeld anzugehen; ich

war ja mit der Galerie zufrieden, und sie sollte für uns Jungens nur einen

Doppeltschilling kosten. Da, bevor ich's noch bei mir ins reine gebracht

hatte, kam das Lisei über die Straße zu mir hergeflogen. "Der Vater

schickt's!" sagte sie, und eh ich mich's versah, war sie wieder fort; aber

in meiner Hand hielt ich eine rote Karte, darauf stand mit großen

Buchstaben: Erster Platz.

Als ich aufblickte, winkte auch von drüben der kleine schwarze Mann mit

beiden Armen aus der Bodenluke zu mir herüber. Ich nickte ihm zu; was

mußten das für nette Leute sein, diese Puppenspieler! "Also heute abend",

sagte ich zu mir selber, "heute abend und--Erster Platz!"

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Du kennst unsern Schützenhof in der

Süderstraße; auf der Haustür sah man damals noch einen schön gemalten

Schützen in Lebensgröße, mit Federhut und Büchse; im übrigen war aber der

alte Kasten damals noch baufälliger, als er heute ist. Die Gesellschaft

war bis auf drei Mitglieder herabgesunken; die vor Jahrhunderten von den

alten Landesherzögen geschenkten silbernen Pokale, Pulverhörner und

Ehrenketten waren nach und nach verschleudert; den großen Garten, der, wie

du weißt, auf den Bürgersteig hinausläuft, hatte man zur Schaf- und

Ziegengräsung verpachtet. Das alte zweistöckige Haus wurde von niemandem

weder bewohnt noch gebraucht; windrissig und verfallen stand es da

zwischen den munteren Nachbarhäusern; nur in dem öden weißgekalkten Saale,

der fast das ganze obere Stockwerk einnahm, produzierten mitunter starke

Männer oder durchreisende Taschenspieler ihre Künste. Dann wurde unten

die große Haustür mit dem gemalten Schützenbruder knarrend aufgeschlossen.

--Langsam war es Abend geworden; und--das Ende trug die Last, denn mein

Vater wollte mich erst fünf Minuten vor dem angesetzten Glockenschlage

laufen lassen; er meinte, eine Übung in der Geduld sei sehr vonnöten,

damit ich im Theater stillesitze.

Endlich war ich an Ort und Stelle. Die große Tür stand offen, und

allerlei Leute wanderten hinein; denn derzeit ging man noch gern zu

solchen Vergnügungen; nach Hamburg war eine weite Reise, und nur wenige

hatten sich die kleinen Dinge zu Hause durch die dort zu schauenden

Herrlichkeiten leid machen können.--Als ich die eichene Wendeltreppe

hinaufgestiegen war, fand ich Liseis Mutter am Eingange des Saales an der

Kasse sitzen. Ich näherte mich ihr ganz vertraulich und dachte, sie würde

mich so recht als einen alten Bekannten begrüßen; aber sie saß stumm und

starr und nahm mir meine Karte ab, als wenn ich nicht die geringste

Beziehung zu ihrer Familie hätte.--Etwas gedemütigt trat ich in den Saal;

der kommenden Dinge harrend, plauderte alles mit halber Stimme

durcheinander; dazu fiedelte unser Stadtmusikus mit drei seiner Gesellen.

Das erste, worauf meine Augen fielen, war in der Tiefe des Saales ein

roter Vorhang oberhalb der Musikantenplätze. Die Malerei in der Mitte

desselben stellte zwei lange Trompeten vor, die kreuzweise über einer

goldenen Leier lagen; und, was mir damals sehr sonderbar erschien, an dem

Mundstück einer jeden hing, wie mit den leeren Augen daraufgeschoben, hier

eine finster, dort eine lachend ausgeprägte Maske.--Die drei vordersten

Plätze waren schon besetzt; ich drängte mich in die vierte Bank, wo ich

einen Schulkameraden bemerkt hatte, der dort neben seinen Eltern saß.

Hinter uns bauten sich die Plätze schräg ansteigend in die Höhe, so daß

der letzte, die sogenannte Galerie, welche nur zum Stehen war, sich fast

mannshoch über dem Fußboden befinden mochte. Auch dort schien es

wohlgefüllt zu sein; genau vermochte ich es nicht zu sehen, denn die

wenigen Talglichter, welche in Blechlampetten an den beiden Seitenwänden

brannten, verbreiteten nur eine schwache Helligkeit; auch dunkelte die

schwere Balkendecke des Saales. Mein Nachbar wollte mir eine

Schulgeschichte erzählen; ich begriff nicht, wie er an so etwas denken

konnte, ich schaute nur auf den Vorhang, der von den Lampen des Podiums

und der Musikantenpulte feierlich beleuchtet war. Und jetzt ging ein

Wehen über seine Fläche, die geheimnisvolle Welt hinter ihm begann sich

schon zu regen; noch einen Augenblick, da erscholl das Läuten eines

Glöckchens, und während unter den Zuschauern das summende Geplauder wie

mit einem Schlage verstummte, flog der Vorhang in die Höhe.--Ein Blick auf

die Bühne versetzte mich um tausend Jahre rückwärts. Ich sah in einen

mittelalterlichen Burghof mit Turm und Zugbrücke; zwei kleine ellenlange

Leute standen in der Mitte und redeten lebhaft miteinander. Der eine mit

dem schwarzen Barte, dem silbernen Federhelm und dem goldgestickten Mantel

über dem roten Unterkleide war der Pfalzgraf Siegfried; er wollte gegen

die heidnischen Mohren in den Krieg reiten und befahl seinem jungen

Hausmeister Golo, der in blauem silbergesticktem Wamse neben ihm stand,

zum Schutze der Pfalzgräfin Genoveva in der Burg zurückzubleiben. Der

treulose Golo aber tat gewaltig wild, daß er seinen guten Herrn so allein

in das grimme Schwerterspiel sollte reiten lassen. Sie drehten bei diesen

Wechselreden die Köpfe hin und her und fochten heftig und ruckweise mit

den Armen.--Da tönten kleine langgezogene Trompetentöne von draußen hinter

der Zugbrücke, und zugleich kam auch die schöne Genoveva in himmelblauem

Schleppkleide hinter dem Turm hervorgestürzt und schlug beide Arme über

des Gemahls Schultern: "Oh, mein herzallerliebster Siegfried, wenn dich

die grausamen Heiden nur nicht massakrieren!" Aber es half ihr nichts;

noch einmal ertönten die Trompeten, und der Graf schritt steif und

würdevoll über die Zugbrücke aus dem Hofe; man hörte deutlich draußen den

Abzug des gewappneten Trupps. Der böse Golo war jetzt Herr der Burg.-Und

nun spielte das Stück sich weiter, wie es in deinem Lesebuch gedruckt

steht.--Ich war auf meiner Bank ganz wie verzaubert; diese seltsamen

Bewegungen, diese feinen oder schnurrenden Puppenstimmchen, die denn doch

wirklich aus ihrem Munde kamen--es war ein unheimliches Leben in diesen

kleinen Figuren, das gleichwohl meine Augen wie magnetisch auf sich zog.

Im zweiten Aufzuge aber sollte es noch besser kommen.--Da war unter den

Dienern auf der Burg einer im gelben Nankinganzug, der hieß Kasperl. Wenn

dieser Bursche nicht lebendig war, so war noch niemals etwas lebendig

gewesen; er machte die ungeheuersten Witze, so daß der ganze Saal vor

Lachen bebte; in seiner Nase, die so groß wie eine Wurst war, mußte er

jedenfalls ein Gelenk haben; denn wenn er so sein dumm-pfiffiges Lachen

herausschüttelte, so schlenkerte der Nasenzipfel hin und her, als wenn

auch er sich vor Lustigkeit nicht zu lassen wüßte; dabei riß der Kerl

seinen großen Mund auf und knackte, wie eine alte Eule, mit den

Kinnbacksknochen. "Pardauz!" schrie es; so kam er immer auf die Bühne

gesprungen; dann stellte er sich hin und sprach erst bloß mit seinem

großen Daumen; den konnte er so ausdrucksvoll hin und wider drehen, daß es

ordentlich ging wie "Hier nix und da nix! Kriegst du nix, so hast du nix!"

Und dann sein Schielen;--das war so verführerisch, daß im Augenblick dem

ganzen Publikum die Augen verquer im Kopfe standen. Ich war ganz vernarrt

in den lieben Kerl!

Endlich war das Spiel zu Ende, und ich saß wieder zu Hause in unserer

Wohnstube und verzehrte schweigend das Aufgebratene, das meine gute Mutter

mir warm gestellt hatte. Mein Vater saß im Lehnstuhl und rauchte seine

Abendpfeife. "Nun, Junge", rief er, "waren sie lebendig?"

"Ich weiß nicht, Vater", sagte ich und arbeitete weiter in meiner Schüssel;

mir war noch ganz verwirrt zu Sinne.

Er sah mir eine Weile mit seinem klugen Lächeln zu. "Höre, Paul", sagte

er dann, "du darfst nicht zu oft in diesen Puppenkasten; die Dinger

könnten dir am Ende in die Schule nachlaufen."

Mein Vater hatte nicht unrecht. Die Algebraaufgaben gerieten mir in den

beiden nächsten Tagen so mäßig, daß der Rechenmeister mich von meinem

ersten Platz herabzusetzen drohte.--Wenn ich in meinem Kopfe rechnen

wollte: "a + b gleich x = c", so hörte ich statt dessen vor meinen Ohren

die feine Vogelstimme der schönen Genoveva: "Ach, mein herzallerliebster

Siegfried, wenn dich die bösen Heiden nur nicht massakrieren!"

Einmal--aber es hat niemand gesehen--schrieb ich sogar "x + Genoveva" auf

die Tafel.--Des Nachts in meiner Schlafkammer rief es einmal ganz laut

"Pardauz", und mit einem Satz kam der liebe Kasperl in seinem Nankinganzug

zu mir ins Bett gesprungen, stemmte seine Arme zu beiden Seiten meines

Kopfes in das Kissen und rief, grinsend auf mich herabnickend: "Ach, du

liebs Brüderl! Ach, du hertausig liebs Brüderl!" Dabei hackte er mir mit

seiner langen roten Nase in die meine, daß ich davon erwachte. Da sah ich

denn freilich, daß es nur ein Traum gewesen war.

Ich verschloß das alles in meinem Herzen und wagte zu Hause kaum den Mund

aufzutun von der Puppenkomödie. Als aber am nächsten Sonntag der Ausrufer

wieder durch die Straßen ging, an sein Becken schlug und laut verkündigte:

"Heute abend auf dem Schützenhof: Doktor Fausts Höllenfahrt, Puppenspiel

in vier Aufzügen!"--da war es doch nicht länger auszuhalten. Wie die

Katze um den heißen Brei, so schlich ich um meinen Vater herum, und

endlich hatte er meinen stummen Blick verstanden.--"Pole", sagte er, "es

könnte dir ein Tropfen Blut vom Herzen gehen; vielleicht ist's die beste

Kur, dich einmal gründlich satt zu machen." Damit langte er in die

Westentasche und gab mir einen Doppeltschilling.

Ich rannte sofort aus dem Hause; erst auf der Straße wurde es mir klar,

daß ja noch acht lange Stunden bis zum Anfang der Komödie abzuleben waren.

So lief ich denn hinter den Gärten auf den Bürgersteig. Als ich an den

offenen Grasgarten des Schützenhofs gekommen war, zog es mich

unwillkürlich hinein; vielleicht, daß gar einige Puppen dort oben aus den

Fenstern guckten; denn die Bühne lag ja an der Rückseite des Hauses. Aber

ich mußte dann erst durch den oberen Teil des Gartens, der mit Linden- und

Kastanienbäumen dicht bestanden war. Mir wurde etwas zag zumute; ich

wagte doch nicht weiter vorzudringen. Plötzlich erhielt ich von einem

großen, hier angepflockten Ziegenbock einen Stoß in den Rücken, daß ich um

zwanzig Schritte weiter flog. Das half; als ich mich umsah, stand ich

schon unter den Bäumen.

Es war ein trüber Herbsttag; einzelne gelbe Blätter sanken schon zur Erde;

über mir in der Luft schrien ein paar Strandvögel, die ans Haff

hinausflogen; kein Mensch war zu sehen noch zu hören. Langsam schritt ich

durch das Unkraut, das auf den Steigen wucherte, bis ich einen schmalen

Steinhof erreicht hatte, der den Garten von dem Hause trennte.--Richtig!

Dort von oben schauten zwei große Fenster in den Hof herab; aber hinter

den kleinen in Blei gefaßten Scheiben war es schwarz und leer, keine Puppe

war zu sehen. Ich stand eine Weile, mir wurde ganz unheimlich in der mich

rings umgebenden Stille.

Da sah ich, wie unten die schwere Hoftür von innen eine Handbreit geöffnet

wurde, und zugleich lugte auch ein schwarzes Köpfchen daraus hervor.

"Lisei!" rief ich.

Sie sah mich groß mit ihren dunklen Augen an. "B'hüt Gott!" sagte sie,

"hab i doch nit gewußt, was da außa rumkraxln tät! Wo kommst denn du

daher?"

"Ich?--Ich geh spazieren, Lisei!--Aber sag mir, spielt ihr denn schon

jetzt Komödie?"

Sie schüttelte lachend den Kopf.

"Aber, was machst du denn hier?" fragte ich weiter, indem ich über den

Steinhof zu ihr trat.

"I wart auf den Vater", sagte sie, "er ist ins Quartier, um Band und Nagel

zu holen, er macht's halt firti für heut abend."

"Bist du denn ganz allein hier, Lisei?"

--"O nei; du bist ja aa no da!"

"Ich meine", sagte ich, "ob nicht deine Mutter oben auf dem Saal ist?"

Nein, die Mutter saß in der Herberge und besserte die Puppenkleider aus;

das Lisei war hier ganz allein.

"Hör", begann ich wieder, "du könntest mir einen Gefallen tun; es ist

unter eueren Puppen einer, der heißt Kasperl; den möcht ich gar zu gern

einmal in der Nähe sehen."

"Den Wurstl meinst?" sagte Lisei und schien sich eine Weile zu bedenken.

"Nu, es ging scho; aber g'schwind mußt sein, eh denn der Vater wieder da

ist!"

Mit diesen Worten waren wir schon ins Haus getreten und liefen eilig die

steile Wendeltreppe hinauf.--Es war fast dunkel in dem großen Saale; denn

die Fenster, welche sämtlich nach dem Hofe hinaus lagen, waren von der

Bühne verdeckt; nur einzelne Lichtstreifen fielen durch die Spalten des

Vorhangs.

"Komm!" sagte Lisei und hob seitwärts an der Wand die dort aus einem

Teppich bestehende Verkleidung in die Höhe; wir schlüpften hindurch, und

da stand ich in dem Wundertempel.--Aber von der Rückseite betrachtet und

hier in der Tageshelle sah er ziemlich kläglich aus; ein Gerüst aus Latten

und Brettern, worüber einige buntbekleckste Leinwandstücke hingen; das war

der Schauplatz, auf welchem das Leben der heiligen Genoveva so täuschend

an mir vorübergegangen war.

Doch ich hatte mich zu früh beklagt; dort, an einem Eisendrahte, der von

einer Kulisse nach der Wand hinübergespannt war, sah ich zwei der

wunderbaren Puppen schweben; aber sie hingen mit dem Rücken gegen mich, so

daß ich sie nicht erkennen konnte.

"Wo sind die andern, Lisei?" fragte ich; denn ich hätte gern die ganze

Gesellschaft auf einmal mir besehen.

"Hier im Kast'l", sagte Lisei und klopfte mit ihrer kleinen Faust auf eine

im Winkel stehende Kiste; "die zwei da sind schon zug'richt; aber geh nur

her dazu und schau's dir a; er is scho dabei, dei Freund, der Kasperl!"

Und wirklich, er war es selber. "Spielt denn der heute abend auch wieder

mit?" fragte ich.

"Freili, der is allimal dabei!"

Mit untergeschlagenen Armen stand ich und betrachtete meinen lieben

lustigen Allerweltskerl. Da baumelte er, an sieben Schnüren aufgehängt;

sein Kopf war vornübergesunken, daß seine großen Augen auf den Fußboden

stierten und ihm die rote Nase wie ein breiter Schnabel auf der Brust lag.

"Kasperle, Kasperle", sagte ich bei mir selber, "Wie hängst du da

elendiglich." Da antwortete es ebenso: "Wart nur, liebs Brüderl, wart nur

bis heut abend!"--War das auch nur so in meinen Gedanken, oder hatte

Kasperl selbst zu mir gesprochen?-Ich sah mich um. Das Lisei war fort;

sie war wohl vor die Haustür, um die Rückkehr ihres Vaters zu überwachen.

--Da hörte ich sie eben noch von dem Ausgang des Saales rufen: "Daß d' mir

aber nit an die Puppen rührst!"--Ja--nun konnte ich es aber doch nicht

lassen. Leise stieg ich auf eine neben mir stehende Bank und begann erst

an der einen, dann an der andern Schnur zu ziehen; die Kinnladen fingen an

zu klappen, die Arme hoben sich, und jetzt fing auch der wunderbare Daumen

an, ruckweise hin und her zu schießen. Die Sache machte gar keine

Schwierigkeit; ich hatte mir die Puppenspielerei doch kaum so leicht

gedacht.--Aber die Arme bewegten sich nur nach vorn und hinten aus; und es

war doch gewiß, daß Kasperle sie in dem neulichen Stück auch seitwärts

ausgestreckt, ja, daß er sie sogar über dem Kopf zusammengeschlagen hatte!

Ich zog an allen Drähten, ich versuchte mit der Hand die Arme abzubiegen;

aber es wollte nicht gelingen. Auf einmal tat es einen leisen Krach im

Innern der Figur. "Halt!" dachte ich, "Hand vom Brett! Da hättst du

können Unheil anrichten!"

Leise stieg ich wieder von meiner Bank herab, und zugleich hörte ich auch

Lisei von außen in den Saal treten.

"G'schwind, g'schwind!" rief sie und zog mich durch das Dunkel an die

Wendeltreppe hinaus; "'s is eigentli nit recht", fuhr sie fort, "daß i di

eilass'n hab; aber, gel, du hast doch dei Gaudi g'habt!"

Ich dachte an den leisen Krach von vorhin. "Ach, es wird ja nichts gewesen

sein!" Mit dieser Selbsttröstung lief ich die Treppe hinab und durch die

Hintertür ins Freie.

Soviel stand fest, der Kaspar war doch nur eine richtige Holzpuppe; aber

das Lisei--was das für eine allerliebste Sprache führte! und wie

freundlich sie mich gleich zu den Puppen mit hinaufgenommen hatte!

--Freilich, und sie hatte es ja auch selbst gesagt, daß sie es so heimlich

vor ihrem Vater getan, das war nicht völlig in der Ordnung. Unlieb--zu

meiner Schande muß ich's gestehen--war diese Heimlichkeit mir grade nicht;

im Gegenteil, die Sache bekam für mich dadurch noch einen würzigen

Beigeschmack, und es muß ein recht selbstgefälliges Lächeln auf meinem

Gesicht gestanden haben, als ich durch die Linden- und Kastanienbäume des

Gartens wieder nach dem Bürgersteig hinabschlenderte.

Allein zwischen solchen schmeichelnden Gedanken hörte ich von Zeit zu Zeit

vor meinem inneren Ohre immer jenen leisen Krach im Körper der Puppe; was

ich auch vornahm, den ganzen Tag über konnte ich diesen jetzt aus meiner

eigenen Seele herauftönenden unbequemen Laut nicht zum Schweigen bringen.

Es hatte sieben Uhr geschlagen; im Schützenhofe war heute, am Sonntagabend,

alles besetzt; ich stand diesmal hinten, fünf Schuh hoch über dem

Fußboden, auf dem Doppeltschillingsplatze. Die Talglichter brannten in

den Blechlampetten, der Stadtmusikus und seine Gesellen fiedelten; der

Vorhang rollte in die Höhe.

Ein hochgewölbtes gotisches Zimmer zeigte sich. Vor einem aufgeschlagenen

Folianten saß im langen schwarzen Talar der Doktor Faust und klagte bitter,

daß ihm all seine Gelehrsamkeit so wenig einbringe; keinen heilen Rock

habe er mehr am Leibe, und vor Schulden wisse er sich nicht zu lassen; so

wolle er denn jetzo mit der Hölle sich verbinden.--"Wer ruft nach mir?"

ertönte zu seiner Linken eine furchtbare Stimme von der Wölbung des

Gemaches herab.--"Faust, Faust, folge nicht!" kam eine andere, feine

Stimme von der Rechten.--Aber Faust verschwor sich den höllischen Gewalten.

--"Weh, weh deiner armen Seele!" Wie ein seufzender Windeshauch klang es

von der Stimme des Engels; von der Linken schallte eine gellende Lache

durchs Gemach.--Da klopfte es an die Tür. "Verzeihung, Euere

Magnifizenz?" Fausts Famulus Wagner war eingetreten. Er bat, ihm für die

grobe Hausarbeit die Annahme eines Gehülfen zu gestatten, damit er sich

besser aufs Studieren legen könne. "Es hat sich", sagte er, "ein junger

Mann bei mir gemeldet, welcher Kasperl heißt und gar fürtreffliche

Qualitäten zu besitzen scheint." Faust nickte gnädig mit dem Kopfe und

sagte. "Sehr wohl, lieber Wagner, diese Bitte sei Euch gewährt." Dann

gingen beide miteinander fort.-"Pardauz!" rief es; und da war er. Mit

einem Satz kam er auf die Bühne gesprungen, daß ihm das Felleisen auf dem

Buckel hüpfte.--"Gott sei gelobt!" dachte ich; "er ist noch ganz gesund;

er springt noch ebenso wie vorigen Sonntag in der Burg der schönen

Genoveva!" Und seltsam, sosehr ich ihn am Vormittage in meinen Gedanken

nur für eine schmähliche Holzpuppe erklärt hatte, mit seinem ersten Worte

war der ganze Zauber wieder da.

Emsig spazierte er im Zimmer auf und ab. "Wenn mich jetzt mein Vater Papa

sehen tät", rief er, "der würd sich was Rechts freuen. Immer pflegt er zu

sagen: "Kasperl, mach, daß du dein Sach in Schwung bringst!"--Oh, jetzund

hab ich's in Schwung; denn ich kann mein Sach haushoch werfen!"--Damit

machte er Miene, sein Felleisen in die Höhe zu schleudern; und es flog

auch wirklich, da es am Draht gezogen wurde, bis an die Deckenwölbung

hinauf; aber--Kasperls Arme waren an seinem Leibe klebengeblieben; es

ruckte und ruckte, aber sie kamen um keine Handbreit in die Höhe.

Kasperl sprach und tat nichts weiter.--Hinter der Bühne entstand eine

Unruhe, man hörte leise, aber heftig sprechen, der Fortgang des Stückes

war augenscheinlich unterbrochen.

Mir stand das Herz still; da hatten wir die Bescherung! Ich wäre gern

fortgelaufen, aber ich schämte mich. Und wenn gar dem Lisei meinetwegen

etwas geschähe!

Da begann Kasperl auf der Bühne plötzlich ein klägliches Geheule, wobei

ihm Kopf und Arme schlaff herunterhingen, und der Famulus Wagner erschien

wieder und fragte ihn, warum er denn so lamentiere.

"Ach, mei Zahnerl, mei Zahnerl!" schrie Kasperl.

"Guter Freund", sagte Wagner, "so laß Er sich einmal in das Maul sehen!

"--Als er ihn hierauf bei der großen Nase packte und ihm zwischen die

Kinnladen hineinschaute, trat auch der Doktor Faust wieder in das Zimmer.

--"Verzeihen Euere Magnifizenz", sagte Wagner, "ich werde diesen jungen

Mann in meinem Dienst nicht gebrauchen können; er muß sofort in das

Lazarett geschafft werden!"

"Is das a Wirtshaus?" fragte Kasperle.

"Nein, guter Freund", erwiderte Wagner, "das ist ein Schlachthaus. Man

wird Ihm dort einen Weisheitszahn aus der Haut schneiden, und dann wird

er seiner Schmerzen ledig sein."

"Ach, du liebs Hergottl", jammerte Kasperl, "muß mi arms Viecherl so ein

Unglück treffen! Ein Weisheitszahnerl, sagt Ihr, Herr Famulus? Das hat

noch keiner in der Famili gehabt! Da geht's wohl auch mit meiner

Kasperlschaft zu End?"

"Allerdings, mein Freund", sagte Wagner; "eines Dieners mit

Weisheitszähnen bin ich baß entraten; die Dinger sind nur für uns gelehrte

Leute. Aber Er hat ja noch einen Bruderssohn, der sich auch bei mir zum

Dienst gemeldet hat. Vielleicht", und er wandte sich gegen den Doktor

Faust, "erlauben Euere Magnifizenz!"

Der Doktor Faust machte eine würdige Drehung mit dem Kopfe.

"Tut, was Euch beliebt, mein lieber Wagner", sagte er; "aber stört mich

nicht weiter mit Eueren Lappalien in meinem Studium der Magie!"--"Heere,

mei Gutester", sagte ein Schneidergesell, der vor mir auf der Brüstung

lehnte, zu seinem Nachbar, "das geheert ja nicht zum Stück, ich kenn's,

ich hab es vor ä Weilchen erst in Seifersdorf gesehn."--Der andere aber

sagte nur: "Halt's Maul, Leipziger!" und gab ihm einen Rippenstoß.--Auf

der Bühne war indessen Kasperle, der zweite, aufgetreten. Er hatte eine

unverkennbare Ähnlichkeit mit seinem kranken Onkel, auch sprach er ganz

genau wie dieser; nur fehlte ihm der bewegliche Daumen, und in seiner

großen Nase schien er kein Gelenk zu haben.

Mir war ein Stein vom Herzen gefallen, als das Stück nun ruhig

weiterspielte, und bald hatte ich alles um mich her vergessen. Der

teuflische Mephistopheles erschien in einem feuerfarbenen Mantel, das

Hörnchen vor der Stirn, und Faust unterzeichnete mit seinem Blute den

höllischen Vertrag:

"Vierundzwanzig Jahre sollst du mir dienen; dann will ich dein sein mit

Leib und Seele."

Hierauf fuhren beide in des Teufels Zaubermantel durch die Luft davon.

Für Kasperle kam eine ungeheuere Kröte mit Fledermausflügeln aus der Luft

herab. "Auf dem höllischen Sperling soll ich nach Parma reiten?" rief er,

und als das Ding wackelnd mit dem Kopfe nickte, stieg er auf und flog den

beiden nach.--Ich hatte mich ganz hinten an die Wand gestellt, wo ich

besser über alle die Köpfe vor mir hinwegsehen konnte. Und jetzt rollte

der Vorhang zum letzten Aufzug in die Höhe.

Endlich ist die Frist verstrichen. Faust und Kasper sind beide wieder in

ihrer Vaterstadt. Kasper ist Nachtwächter geworden; er geht durch die

dunkeln Straßen und ruft die Stunden ab:

Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen,

Meine Frau hat mich geschlagen;

Hüt't euch vor dem Weiberrock!

Zwölf ist der Klock! Zwölf ist der Klock!

Von fern hört man eine Glocke Mitternacht schlagen. Da wankt Faust auf

die Bühne; er versucht zu beten, aber nur Heulen und Zähneklappern tönt

aus seinem Halse. Von oben ruft eine Donnerstimme:

Fauste, Fauste, in aeternum damnatus es!

Eben fuhren im Feuerregen drei schwarzhaarige Teufel herab, um sich des

Armen zu bemächtigen, da fühlte ich eins der Bretter zu meinen Füßen sich

verschieben. Als ich mich bückte, um es zurechtzubringen, glaubte ich aus

dem dunkeln Raume unter mir ein Geräusch zu hören; ich horchte näher hin;

es klang wie das Schluchzen einer Kinderstimme.--"Lisei!" dachte ich "wenn

es Lisei wäre!" Wie ein Stein fiel meine ganze Untat mir wieder aufs

Gewissen; was kümmerte mich jetzt der Doktor Faust und seine Höllenfahrt!

Unter heftigem Herzklopfen drängte ich mich durch die Zuschauer und ließ

mich seitwärts an dem Brettergerüst herabgleiten. Rasch schlüpfte ich in

den darunter befindlichen Raum, in welchem ich an der Wand entlang ganz

aufrecht gehen konnte; aber es war fast dunkel, so daß ich mich an den

überall untergestellten Latten und Balken stieß. "Lisei!" rief ich. Das

Schluchzen, das ich eben noch gehört hatte, wurde plötzlich still; aber

dort in dem tiefsten Winkel sah ich etwas sich bewegen. Ich tastete mich

weiter bis an das Ende des Raumes, und--da saß sie, zusammengekauert, das

Köpfchen in den Schoß gedrückt.

Ich zupfte sie am Kleide. "Lisei!" sagte ich leise, "bist du es? Was

machst du hier?"

Sie antwortete nicht, sondern begann wieder vor sich hin zu schluchzen.

"Lisei", fragte ich wieder, "was fehlt dir? So sprich doch nur ein

einziges Wort!"

Sie hob den Kopf ein wenig. "Was soll i da red'n!" sagte sie, "Du weißt's

ja von selber, daß du den Wurstl hast verdreht."

"Ja, Lisei", antwortete ich kleinlaut; "ich glaub es selber, daß ich das

getan habe."

--"Ja, du!--Und i hab dir's doch g'sagt!"

"Lisei, was soll ich tun?"

--"Nu, halt nix!"

"Aber was soll denn daraus werden?"

--"Nu, halt aa nix!" Sie begann wieder laut zu weinen. "Aber i--wenn i

z'Haus komm--da krieg i die Peitsch'n!"

"Du die Peitsche, Lisei!"--Ich fühlte mich ganz vernichtet. "Aber ist

dein Vater denn so strenge?"

"Ach, mei guts Vaterl!" schluchzte Lisei.

Also die Mutter! Oh, wie ich, außer mir selber, diese Frau haßte, die

immer mit ihrem Holzgesichte an der Kasse saß!

Von der Bühne hörte ich Kasperl, den zweiten, rufen: "Das Stück ist aus!

Komm, Gret'l, laß uns Kehraus tanzen!" Und in demselben Augenblick begann

auch über unsern Köpfen das Scharren und Trappeln mit den Füßen, und bald

polterte alles von den Bänken herunter und drängte sich dem Ausgange zu;

zuletzt kam der Stadtmusikus mit seinen Gesellen, wie ich aus dem Tönen

des Brummbasses hörte, mit dem sie beim Fortgehen an den Wänden anstießen.

Dann allmählich wurde es still, nur hinten auf der Bühne hörte man noch

die Tendlerschen Eheleute miteinander reden und wirtschaften. Nach einer

Weile kamen auch sie in den Zuschauerraum; sie schienen erst an den

Musikantenpulten, dann an den Wänden die Lichter auszuputzen; denn es

wurde allmählich immer finsterer.

"Wenn i nur wüßt, wo die Lisei abblieben ist!" hörte ich Herrn Tendler zu

seiner an der gegenüberliegenden Wand beschäftigten Frau hinüberrufen.

"Wo sollt sie sein!" rief diese wieder; "'s ist 'n störrig Ding; ins

Quartier wird sie gelaufen sein!"

"Frau", antwortete der Mann, "du bist auch zu wüst mit dem Kind gewesen;

sie hat doch halt so a weichs Gemüt!"

"Ei was", rief die Frau; "ihr' Straf muß sie hab'n; sie weiß recht gut,

daß die schöne Marionett noch von mei'm Vater selig ist! Du wirst sie nit

wieder kurieren, und der zweit' Kasper ist doch halt nur ein Notknecht!"

Die lauten Wechselreden hallten in dem leeren Saale wider. Ich hatte mich

neben Lisei hingekauert; wir hatten uns bei den Händen gefaßt und saßen

mäuschenstille. "G'schieht mir aber schon recht", begann wieder die Frau,

die eben gerade über unsern Köpfen stand, "warum hab ich's gelitten, daß

du das gotteslästerlich Stück heute wieder aufgeführt hast! Mein Vater

selig hat's nimmer wollen in seinen letzten Jahren!"

"Nu, nu, Resel!" rief Herr Tendler von der andern Wand; "dein Vater war

ein b'sondrer Mann. Das Stück gibt doch allfort eine gute Cassa; und ich

mein', es ist doch auch a Lehr und Beispiel für die vielen Gottlosen in

der Welt!"

"Ist aber bei uns zum letztenmal heut geb'n. Und nu red mir nit mehr

davon!" erwiderte die Frau.

Herr Tendler schwieg.--Es schien jetzt nur noch ein Licht zu brennen, und

die beiden Eheleute näherten sich dem Ausgang.

"Lisei", flüsterte ich, "Wir werden eingeschlossen."

"Laß!" sagte sie, "i kann nit; i geh nit furt!"

"Dann bleib ich auch!"

--"Aber dei Vater und Mutter!"

"Ich bleib doch bei dir!"

Jetzt wurde die Tür des Saales zugeschlagen;--dann ging's die Treppe hinab,

und dann hörten wir, wie draußen auf der Straße die große Haustür

abgeschlossen wurde.

Da saßen wir denn. Wohl eine Viertelstunde saßen wir so, ohne auch nur

ein Wort miteinander zu reden. Zum Glück fiel mir ein, daß sich noch zwei

Heißewecken in meiner Tasche befanden, die ich für einen meiner Mutter

abgebettelten Schilling auf dem Herwege gekauft und über all dem Schauen

ganz vergessen hatte. Ich steckte Lisei den einen in ihre kleinen Hände;

sie nahm ihn schweigend, als verstehe es sich von selbst, daß ich das

Abendbrot besorge, und wir schmausten eine Weile. Dann war auch das zu

Ende.--Ich stand auf und sagte: "Laß uns hinter die Bühne gehen; da

wirds's heller sein; ich glaub, der Mond scheint draußen!" Und Lisei ließ

sich geduldig durch die kreuz und quer stehenden Latten von mir in den

Saal hinausleiten.

Als wir hinter der Verkleidung in den Bühnenraum geschlüpft waren, schien

dort vom Garten her das helle Mondlicht in die Fenster.

An dem Drahtseil, an dem am Vormittage nur die beiden Puppen gehangen

hatten, sah ich jetzt alle, die vorhin im Stück aufgetreten waren. Da

hing der Doktor Faust mit seinem scharfen blassen Gesicht, der gehörnte

Mephistopheles, die drei kleinen schwarzhaarigen Teufelchen, und dort

neben der geflügelten Kröte waren auch die beiden Kasperls. Ganz stille

hingen sie da in der bleichen Mondscheinbeleuchtung; fast wie Verstorbene

kamen sie mir vor. Der Hauptkasperl hatte zum Glück wieder seinen breiten

Nasenschnabel auf der Brust liegen, sonst hätte ich geglaubt, daß seine

Blicke mich verfolgen müßten.

Nachdem Lisei und ich eine Welle, nicht wissend, was wir beginnen sollten,

an dem Theatergerüste umhergestanden und--geklettert waren, lehnten wir

uns nebeneinander auf die Fensterbank.--Es war Unwetter geworden; am

Himmel, gegen den Mond, stieg eine Wolkenbank empor; drunten im Garten

konnte man die Blätter zu Haufen von den Bäumen wehen sehen.

"Guck", sagte Lisei nachdenklich, "wie's da aufi g'schwomma kimmt! Da

kann mei alte gute Bas' nit mehr vom Himm'l abi schaun."

"Was für eine alte Bas', Lisei?" fragte ich.

--"Nu, wo i g'west bin, bis sie halt g'storb'n ist."

Dann blickten wir wieder in die Nacht hinaus.--Als der Wind gegen das Haus

und auf die kleinen undichten Fensterscheiben stieß, fing hinter mir an

dem Drahtseil die stille Gesellschaft mit ihren hölzernen Gliedern an zu

klappern. Ich drehte mich unwillkürlich um und sah nun, wie sie, vom

Zugwind bewegt, mit den Köpfen wackelten und die steifen Arm' und Beine

durcheinanderregten. Als aber plötzlich der kranke Kasperl seinen Kopf

zurückschlug und mich mit seinen weißen Augen anstierte, da dachte ich, es

sei doch besser, ein wenig an die Seite zu gehen.

Unweit vom Fenster, aber so, daß die Kulissen dort vor dem Anblick dieser

schwebenden Tänzer schützen mußten, stand die große Kiste; sie war offen;

ein paar wollene Decken, vermutlich zum Verpacken der Puppen bestimmt,

lagen nachlässig darüber hingeworfen.

Als ich mich eben dorthin begeben hatte, hörte ich Lisei vom Fenster her

so recht aus Herzensgrunde gähnen.

"Bist du müde, Lisei?" fragte ich.

"O nein", erwiderte sie, indem sie ihre Ärmchen fest zusammenschränkte;

"aber i frier halt!"

Und wirklich, es war kalt geworden in dem großen leeren Raume, auch mich

fror. "Komm hieher!" sagte ich, "wir wollen uns in die Decken wickeln."

Gleich darauf stand Lisei bei mir und ließ sich geduldig von mir in die

eine Decke wickeln; sie sah aus wie eine Schmetterlingspuppe, nur daß oben

noch das allerliebste Gesichtchen herausguckte. "Weißt", sagte sie und

sah mich mit zwei großen müden Augen an, "i steig ins Kistl, da hält's

warm!"

Das leuchtete auch mir ein; im Verhältnis zu der wüsten Umgebung winkte

hier sogar ein traulicher Raum, fast wie ein dichtes Stübchen. Und bald

saßen wir armen törichten Kinder wohlverpackt und dicht

aneinandergeschmiegt in der hohen Kiste. Mit Rücken und Füßen hatten wir

uns gegen die Seitenwände gestemmt; in der Ferne hörten wir die schwere

Saaltür in den Falzen klappen; wir aber saßen ganz sicher und behaglich.

"Friert dich noch, Lisei?" fragte ich.

"Ka bisserl!"

Sie hatte ihr Köpfchen auf meine Schulter sinken lassen; ihre Augen waren

schon geschlossen. "Was wird mei guts Vaterl--" lallte sie noch; dann

hörte ich an ihren gleichmäßigen Atemzügen, daß sie eingeschlafen war.

Pole Poppenspäler: Novelle (1874) · 第 1 / 4 段