Flaubert hat jede, auch die tiefste Verständnislosigkeit erfahren. Es

braucht nicht verschwiegen zu werden, daß er mit einer grenzenlosen

Verachtung zurückschlug. Das Publikum aber spürt nichts rascher und

sicherer als Verachtung, wenn sie schweigend bezeugt wird. Wegen seiner

»Bovary« hat es ihm einen der größten Prozesse gemacht, den die Literatur

kennt, indem man ihn der Verletzung der Sitten anklagte und ihm dadurch

wider seinen Willen, nachdem er denkwürdig vor widerwilligen Richtern

gesiegt, einen sensationellen Erfolg verschafft. Der Literaturpapst St.

Beuve schrieb an seiner »Salambo« ebenso ahnungslos vorbei wie irgendein

kritischer Kretin. Keiner sah, daß der größte geballte Roman zeitloser

Leidenschaft in der erlesenen Zucht einer vollkommen gebändigten Sprache

vorlag und stritt um Aquädukte und über die Orthographie Hannibals und die

Zeremonien seiner Empfänge. Eben hatten in der Tat die Realisten ihre

Sturmbanner aufgezogen und Zola sein Programm an ihre Spitze gestellt. Man

beging den erbärmlichen Irrtum, Flaubert einzuordnen und mit modischen

Maßen zu messen. Was an Höhe und fliegender Kraft aber an Flaubert darüber

hinaus ins Dichterische stieg, knipsten die kleinen Hüter des Kritischen

ab, und hielten das wie stets für Verzerrung, was in Wirklichkeit die

Erfüllung war.

Er sah, daß wie verzaubert alles, wenn es seiner Hand entglitt, im Wort der

Masse ins Gegenteil sich kehrte. Flog er, beschimpfte die Meute ihn, er sei

im Kot. Formte er die vollendete Höhe der französischen Prosa (wie keiner

vor ihm) und führte die Sprache seines Landes in Kurven von erfrorener,

verzückter Schönheit, schrieb ein Biedermann, er kümmere sich nicht um den

Stil. Gab er das Beispiel vornehmster dichterischer Zurückhaltung, schrieb

Barbery D'Aurevilly, er beschmutze den Bach, in dem er bade. Alle

Dummheiten, alle Einfältigkeiten, die eine Heimat gegen ihren bedeutenden

Sohn unternehmen kann, hat er erfahren. Heute, wo seine Bücher europäischen

Ruhm und klassische Geltung haben, erscheint es reichlich absurd, daß die

Bürger und Provinzblattschreiber Rouens den Aristokraten als Sozialisten

verleumdeten, den Einsiedler als sittenlos schmähten und am liebsten auf

diesen Bürger verzichtet hätten, dem sie, als er, der größte Schriftsteller

seiner Zeit schon damals, um die Grabstätte für ein Denkmal seines

Freundes, des Rouenser Dichters Boulhiet bat, das glatt verweigerten, und

den politisch hetzten, der so ganz unpolitisch war. Aber der Tägliche

Anzeiger von Rouen hat dies, wie alle »Täglichen Anzeiger« der Welt, besser

gewußt.

Flaubert aber, der wußte, wer er war, wohin er wollte und, wie alle

Genialen, von seiner Mission überzeugt war, wandte sich voll Widerwillen

von diesen Vertretern seiner Epoche. Er verachtete sie zu sehr, als daß er

ihnen gezürnt hätte. Aber er sah in diesen armen und bemitleidenswerten

Affen nichts anderes wie den Ausdruck der großen Masse, die stets dumpf

gegen das Klare und mit wütendem Zorn gegen das Große reagiert.

Er verachtete die Masse so ungeheuer, so instinktiv mit dem besten

Empfinden des Zuchttieres, daß er nie auch nur die Spur eines Kompromisses

schloß. Er dachte an kein Publikum, wenn er schrieb, er dachte an keine

Erfolge. Er war nur eingestellt, die Kunst so hoch zu treiben, wie es, bis

an das Schwindelgefühl, ging. In hunderten Briefen hat er seine souveräne

Ablehnung des Publikums ausgesprochen. Nach der Fertigstellung der »Bovary«

mußte er aus übergroßem Dégout vor der bürgerlichen Masse in jahrelange

glänzendere Luft des heroischen antiken Stoffes sich flüchten. Er hat die

Perfidie des Publikums, und wie »Candide«, die schreibende Canaille, kennen

gelernt. Keine Zeile der Förderung hat er der Presse zu danken, kein

Kritiker, der ihn nicht, wie jeden Autor von Begabung, in jeder Epoche

zerriß.

Seine Zeit stand ihm gegenüber als Meute. Er übersah sie zwar, aber er

hätte sie darum nicht gehaßt allein. Er hat nur ihre Kleine verachtet. Mit

diesem unschöpferischen, nur politisierten Zeitalter war keine Größe zu

erschwingen. Er war gegen die Zeit, wie sie gegen ihn, aber er war

bedeutend genug, sich leicht damit zu trösten, daß sie auch gegen Molière,

Cervantes, Shakespeare und Rabelais war, und daß er nur einer in der

ausgewählten Kette derer war, die, weil sie Göttliches schufen, einen Teil

der Einsamkeit und des Leides der Welt besonders tragen mußten.

Er verachtete das Getriebe mit einer Bewegung, damit erledigte er es. Denn

er war auch als Mensch von einer solchen Breite der Übersicht, daß er

persönliches Schicksal und private Unbill nie in dem Sinne empfunden hätte,

daß sie seine Richtung und sein Werk beeinflußt hätten. Allein er sah in

dieser Dummheit der Masse die Tragik unserer Existenz, denn er wußte, daß

die barbarischen Fehlerquellen des Lebens von den Kriegen bis zur Armut nur

auf die Majorität der Unaufgeklärten zurückgehen.

Und er war ein zu großer Künstler, als daß er nicht aus der klaren Wollust

der Form heraus die Todfeindschaft der Zuchtlosen gespürt hätte.

Er haßte die Menge aristokratisch im besten Sinne, obwohl er kein

Reaktionär war, und obwohl er die Menschen mit der Anteilnahme eines

sympathischen Athleten liebte. Aber ihr Auftreten als Gesamtheit, die stets

den Gesetzen des Schönheitswidrigen und Geistfeindlichen sich beugte,

ertrug er nicht ohne Fassungslosigkeit und Zorn.

Er sieht, daß von den Regierungen bis zu den kleinsten Kritikern, von den

Theaterleitern bis zu den Redakteuren, daß alles, was das geringste Stück

Macht in der Hand hat, der Kunst gegenüber versagt, da Macht subaltern ist,

und, seit die Erde sich drehte, Schönheit und Gutes nie mit ihr verbunden

war. Er sieht La Biche und Du Camp in der Akademie, und es ist ihm zum

Speien. Er sieht ein Publikum, das mit Speeren und Pistolen der Kunst

gegenübertritt.

Er sieht ein Land voll Selbstschüssen, Tellereisen und Falltüren für das

Schöne. Er sieht die Führer der Literatur demoralisiert, auf der Gier nach

Erfolg zitternd vor Mißerfolg und Versagen, und schon so an die bürgerliche

Börse des niederen Erfolges geschmiedet, daß sie zappeln, statt fürstlich

nur der Kunst ins Gesicht zu sehen. Er weiß als ein Gelehrter auch, daß

sogar Boileau die Dummheiten, die er in der Akademie hören mußte, sein Ende

beschleunigt haben, und er zieht die Folgerung daraus: dies Jahrhundert ist

keines Auftriebes fähig, keiner großen zeugenden Kraft untertan.

An politische Umänderung der Welt glaubte er nicht. Die Commune ist ihm die

letzte Zuckung des Mittelalters. Er verachtet diese Zeit, aber er entzieht

sich ihr nicht.

Er nimmt sie zwar in seinen Romanen als Modell, aber er nimmt sie nur, um

sie zu malen, nicht um Partei zu ergreifen. Er benutzt sie, um auch durch

ihre Armseligkeit an wahrer Erhabenheit zur Dichtung vorzudringen. Sie

ekelt ihn, aber er treibt sie dennoch bis in die kalte Luft der größten

Dichtung, und muß sehen, daß die Zeitgenossen ihn für einen Stümper halten.

Ihre naturalistischen Programme sind wie die Wagen bei den Pferderennen

aufgestellt. Er war nicht so tief unten, um darauf zu passen, so belächelte

man ihn. Daß man Flaubert für einen Realisten hielt, weil seine Epoche

damit bis zum Erwürgen voll war, ist einer der lächerlichen Irrtümer, die

die Blindheit der Zeitgenossen hervorbringt. Die Zeit ist immer voll von

Mißverständnissen, genau wie jede Handlung von Bedeutung.

Als Flaubert verhinderte, daß die Prosa immer heftiger in die Gossen der

Gebrauchssprache lenkte und ein Idiom von ungeheurer Dichte und

marmorkalter Zucht dem entgegenwarf, hielten die Menschen ihn für einen

Verfasser von Cochonnerien und zogen ihn vor die Assisen. Er aber weiß die

Tragik, die ihn von seiner armseligen Zeit trennt, sieht, daß Ehren

entehren, Titel herabsetzen, Ämter die Menschenwürde nehmen, und zuckte die

Achseln, aber nicht ohne mit Hoheit den Kampf gegen die Dummheit

aufzunehmen. Auch war er ohne Eitelkeit, daß Lob ihn keineswegs überzeugte.

Von diesen Menschen freute es nicht. Es schmeichelt vielleicht, aber

innerlich erfriert er vor Verachtung.

Doch, wenn er seine Zeit ablehnte, die seinem Wesen zu eng und seinem

Anspruch zu klein war, so hatte das Altertum dagegen als Ganzes für ihn

ungeheure legendäre Kraft. Doch flüchtete er nicht hinein wie sein Kollege

Huysmans, der aus künstlicher Ästethik und, unfähig, seine Zeit zu zwingen,

in den Rausch der mittelalterlichen Ekstasen, wie in eine Bekehrung mit

klappernden Nerven sprang.

Vielmehr wandte er sich von dem Jahrhundert, das um die Suppenschüsseln der

Arbeiter und die unbefleckte Empfängnis katholisch und sozial und

verdummend schaukelt, er wandte sich von den politischen Raketen, die er

haßte, zeitweise in die antike Welt, um aus den phantastischen Stoffen und

der Raserei zeitloser Leidenschaften ein Bild des Gewaltigen zu gestalten.

Und wenn es ihn schon reizte, seine miserable Gegenwart zu dichterischem

Gebilde und Haltung und Ausmaß zu entflammen, so reizte es ihn wie einen

Rasenden, die Größe schon entgegenzunehmen aus den mythischen Zeiten und

den visionären Stoffen, und dies Maß erlesener Stoffe zu einem kolossalen

tropischen Gebilde innerer Maße und zuchtvoller Gesetzmäßigkeit zu

gestalten.

Keine dieser Aktionen war eine Flucht. Der Wechsel war nur ein Ausgleich

der Spannungen, denn der Wille zum Formen war in ihm beispiellos.

Jene Legende des Sokrates, der am Vorabend seines Todes eine Melodie von

einem Spielmann zu lernen begehrt, um selbst sie in unersättlichem

Daseinsdrang vor dem Tode ja noch zu haben, darf ihm, da das Leben kurz und

die Kunst lang ist, als das Höchste der Moral erschienen sein.

Flaubert ist ein Weltmann und er erholt sich, was heute außer Mode, wie die

gebildeten Leute seiner Zeit, von der Unzulänglichkeit der Menschen bei der

Kunst. Der Gentleman zitiert stundenlang Verse, an ihrem Wohllaut wie an

Musik und schönen Speisen sich erfreuend. Dieser genaue Kenner aller

Schliche und Kniffe des Daseins schmatzt mit Vergil herum. Er hat eine

herbe männliche Liebe für alles Erlauchte und Dichterische. Er singt die

Verse Hugos, er hat etwas von einem General, der sein Handwerk vollendet

beherrscht, aber den Ruhm, lateinisch zu reden, darüber stellt.

Er genießt Kunst mit einer Sinnlichkeit ohne Gleichen, er saugt sie durch

alle Poren ein, sein Gehör und sein Verstand sind für jede Schwingung der

Werke und des Gedankens bis zur Exaltation empfänglich. Ein Gourmet der

Kunst, aber ein nüchterner distanzierter Genießer zugleich, stoßen hier

zusammen, aber er hat etwas auch von einem Boxer, der Sentiments zu

verdecken hat.

Das Weltmännische und die Kunst ergänzen sich bei ihm in überlegenem Maße,

denn er sucht das Herrische zu dämpfen, aber das Banale zu vergrößern. Er

hat eine wundervolle Scham gegenüber dem Eigenleben der Stoffe.

Den, der Größe trägt, läßt er sie nicht laut sagen, aber den Armseligen

treibt er aus Mitleid bis in die vollendete Figur, die ihm möglich scheint.

Eine noble Vornehmheit erfüllt so alle seine Charaktere.

Da er gut und schlecht nur schildert, wie alle große Kunst es tut, als

Bestandteile der Kunst, die sich entwickeln nach ihrer Gesetzlichkeit, die

also nur zu gestalten sind, ohne daß man für sie Partei nimmt, kommt eine

Einfachheit in ihn, die ohne gleichen wird. Die steilsten Leidenschaften

ziehen sich irgendwie zurück, das alltägliche Menschliche herrscht wieder.

Aber die banalsten Dinge bekommen eiserne Haltung, daß sie so simpel, aber

so monumental ausgehen wie das Leben und wie jener wundervolle Schluß der

»éducation sentimentale«, dem kein Gott etwas wegzunehmen, aber auch nur

ein geringes hinzuzufügen vermochte.

Aber schon hier, wo Takt und Stärke sich liebevoll vereinen, ist er auf dem

furchtbaren Wege vom Genießen in die Hölle. Der zerstörende Prozeß der

Arbeit tritt ihm aus der Kunst mit allen Martern entgegen. Der Amateur wird

Dompteur, und diese Dressuren und Jagden in die Kunst hinein zeigen das

größte jahrzehntelange Martyrium der Geschichte.

Die anderen Schreiber seiner Zeit hatten doch neben der Kunst noch ein

Leben nebenher sich zu bewahren gewußt, Zola, der wahrlich bestialisch

schuf, hatte seine Geliebte, der Bienenfleiß der Brüder Goncourt ließ ihnen

Raum zur Geselligkeit der Leute von Rang, die sie waren, Maupassant saß im

Ministerium und hatte den tollsten Harem. Dieser Flaubert aber überging

alles und wandte nur immer heftiger, je weiter die Jahrzehnte kamen,

gebannt und unabwendbarer jedesmal, der Kunst sein Gesicht zu.

Er folgte ihrem gestirnhaften Gang mit der schicksalhaften Lähmung und

Entschlossenheit der Sonnenblume, die dem Lauf des Taggestirnes mit dem

offenen Mähnenkopf folgt und von der die Antike sagt, daß sie, eine Nymphe,

auf diese Weise verzaubert an den Sonnengott voll unablässiger Sehnsucht

gebunden sei. Flaubert bindet sich jedoch nicht an die Kunst wie ein

Exaltierter und hat mit der zerrissenen Inbrunst des Van Gogh gar nichts zu

tun. Er ist kein Gefressener von der Kunst, er ist ein Männlicher, ein

stählern Entschlossener, er ist selbst ein Verspeiser, es ist etwas von der

Ruhe des Detektivs in der Besessenheit, mit der er sein Leben ihr bestimmt.

Diese anderen, die Kunst wie Schaum vor dem Munde führten und

zusammengekracht wären wie entleerte Puppen, wenn man sie ihnen entzogen

hätte, diese Ekstatiker wie Gauguin und Grabbe und Bürger, diese

Verbrennenden und Selbstzerstörer haben nichts Gemeinsames mit seinem

kälteren und bewußten Furioso der Opferung.

Denn bei Flaubert wäre niemand im Zweifel, was wiederum keinem der andern

geglaubt würde, daß er, wenn man durch einen Trick Kunst aus der Welt zu

entfernen verstanden hätte, auch ein gewaltiges Leben anderswie mit

gleicher Breite wie in seinen Romanen gelebt hätte, und daß seine Sehnsucht

sich im Urbarmachen unbekannter Länder, in der Anlage phantastischer

Städte, im Bau von unvorstellbaren Brücken und der Vollendung eiserner

Organisationen fest erfüllt hätte.

Wenn es aber bestimmt war, daß einmal im Jahrhundert der denkwürdige Kampf

zwischen Leben und Kunst in der Höhe eines symbolischen Vorganges

ausgekämpft werden sollte, so ist es sicher, daß hier die Größe der

Opferung der Größe der Leistung wohl entsprach. Daß aber auch der

Ungeheuerlichkeit der Liebe, die aufgewandt wurde, sich die gleiche Fülle

der empfangenen Qualen hinzufügte.

Die Kunst ist eine furchtbare Geliebte, wenn sie ernst gejagt wird, aber

auch niemals mag ihr ein Gegner durch seine unerbittliche Kühle, mit der er

jahrzehntelang die Zähigkeit dieser Jagd fortsetzte, so furchtbar geworden

sein. Niemals hat aber jemand Kunst als Gegner mit solcher Würde, solcher

Männlichkeit geehrt, indem er sie so sehr über alles stellte wie der

Gallier Flaubert.

Dieser Mann zögerte keinen Moment, alles von sich abzutun, um ihr ganz zu

gehören. Er ging nicht in die Wüste, vernachlässigte auch nicht die Eleganz

seines Anzuges, worin nur Kinder und Einfältige das Wesen einer Überzeugung

sehen, aber er bog sein ganzes Leben und alles, was daran hing, wie die

Zacken einer Krone nach seinem Ideal hin.

Er faßte die Kunst von allen Seiten, und wenn sie sprach, hatte nichts mehr

Wichtigkeit, und alles war nur voll Sinn im Hinblick auf sie. Er reiste

nicht mehr, um ihr besser zu dienen. Er ließ eine Geliebte fallen, als sie

ihn von ihr abzog. Er war gewohnt, gut zu leben, aber er hätte in dem

Augenblick auch dem entsagt, wo es ihn gestört hätte, der Kunst näher zu

rücken. Er opferte den Ruhm, die Ehrungen der Städte. Er haßte die

Bewegungen und ließ auch den Sport, da sie an der gleichen Kraftquelle

sogen wie seine Arbeit und blieb zuletzt nur festgebannt an der Platte des

Tisches kleben, an der er die Kunst beschwor. Besuche kamen noch,

Turgenieff, Zola, die Goncourts, Maupassant, Charpentier, aber, so sehr er

sie einlud, so sehr sie ihn freuten, im Grunde zählte er doch, wieviel

Tage, wieviel Stunden er dadurch an die Arbeit verloren.

Er war mit eigenem Entschluß und freier kühner Überlegung in diese

furchtbare Umarmung hineingegangen, die ihn zerfleischte und erdrückte.

Auch dieser Bewegung seines Lebens hat er dadurch Größe gegeben.

Doch hat er in dieser tragischen Verstrickung den großen europäischen Roman

des letzten Jahrhunderts geschaffen. Zwischen den steif gewordenen

Marionetten der Romantik und den tobenden Entfesselungen der Naturalisten

steht er in einsamer und gebieterischer Haltung, den Blick weit über beide

hinaus.

Man wird nicht umhin können, in späteren Jahrhunderten zu sagen, daß

zwischen den großen Gefühlen und bunten Träumen der Befreier der Phantasie

um Viktor Hugo und den hinreißenden Kämpfern für die Idee der Menschenwürde

um Zola, daß zwischen beiden Verdiensten Flaubert den Roman weit über diese

Aufgaben in die volle Repräsentation seiner Rasse hinaufgeführt hat.

Wohl hat er ebenfalls Farbe, und keiner konnte wie er malen, wenn er die

See des Orients voll Flamingos sah, und die Röte des Schicksals purpurn

über Karthago flammte. Aber in seiner Farbe saß die Anspannung eines

Geistes, der nicht für Gefühle und nicht für Soziales, sondern für die

höchste Entfaltung und Freiheit einer aufs letzte gedrängten und erhöhten

Kunst lebte.

Er hatte das andere alles auch, aber nicht als Zweck und nicht als Ende.

Denn Kunst hat keinen Ablauf zwischen irdischen Zielen und zwischen

zeitlichen Absichten, sondern entrollt sich erst rein in der zeitlosen Zone

ungeheurer dichterischer Figur. Da ist dann auch Romantisches dabei und

Soziales darunter, aber beides sind nur Färbungen, und beides sind nur

Teile eines unabsehbaren Mosaiks von Gegebenheiten, die die Räume des

Dichterischen nach den Gesetzen großer Harmonien wie die Sternbahnen

durchfluten.

In diese Höhe, wo nur ein Schurke gut und schlecht unterscheidet, und wo

unter den Zwängen der Gestaltung die Schicksale und Ereignisse sich vor dem

Horizont der Ewigkeit vollenden, trägt aber nur die gewaltigste Anspannung.

Daß Kunst so enorm sei, und daß der Roman nicht ein Gewäsch und ein Geplärr

um gleichgültige moderne Probleme sei, sondern daß er in Dichtung hoch

hinauf gefrieren müsse, das wieder gezeigt und gelehrt zu haben, ist

Flauberts unsterbliche Tat. Neben der Leistung aber steht sein Leben als

sinnbildhafter Vergleich für die Gewaltigkeit dieses Kampfes.

Er türmte nicht neues Material wie Zola, er attackierte nicht den

Herzmuskel wie Dumas, kam nicht gigantisch und wirr wie Balzac und hüllte

sich nicht in dichterische Melancholie wie Musset, er brauste nicht

vielfarben wie Hugo . . . er goß seinen Roman aus Geist und Stoff und

Sprache in ein fabelhaftes Gefäß, daß der Melodie der Sprache die

ungehemmte Größe der Gedanken entsprach, wie der Breite des Stoffes die

überirdische Ungebundenheit, in der er ihn bewegte.

Nach so vielen Verwässerern erschien endlich ein Erbauer des Romans. Diese

Bücher wurden nicht geschrieben, sie wurden gehämmert. Diese Sprache

erzählte nicht mehr, sondern sie war so transparent, daß sie

versinnbildlichte. Diese Sätze waren nicht aus den Seifenblasen des Gefühls

aufgetrieben, sie waren Architektur.

Seit langem entstand zum ersten Male wieder ein Roman, der eine Welt in

sich einschloß, wo unter dem Kuppeldach der Dichtung alle Gefügtheiten der

Seele und der Zeit in wahrhafter Gestaltung sich bewegten. Endlich wieder

erschienen im Roman riesige Dimensionen der Idee im klaren Spiel sie

begrenzender, zu höchster Zucht hinaufgeführter Formen.

Ein Gipfel war erreicht. Eine Sprache geschmiedet, die das Banalste faßte

und vor Dichtertum gleichzeitig bebte. Ein Raum war umspannt an Weite, wie

nicht zuvor. Der französische Roman bekam mit neuer Wahrheit europäische

Geltung. Das leichte Glissieren des Französischen, das man gern nicht voll

nimmt, erhielt durch seine Dichte neues Format. Über Balzac, der nicht nach

Höhe gliederte, über Dostojewski, der in der psychologischen Gebundenheit

seiner Figuren nie diese Freiheit erreichen kann, hat er ein neues

Weltgefühl dichterisch und mit aller Ungebundenheit der Bewegung

eingerahmt.

Es ist zwar keine Sache von dem Umfang eines Cervantes, der Breite des

Rabelais, der wilden Gestuftheit des Shakespeare, so große Bauten schafft

nur dies oder jenes Jahrhundert, das mit Kathedralen und göttlich

durchkreisten Stilen sein Weltgefühl instrumentiert. Aber Flaubert schuf

für die Dünne seiner Epoche ein Gebilde, das jeder Bedeutung angemessen, in

seiner Strenge erstaunlich, mit seiner Konsequenz bewundernswert, und durch

seine Größe ein stolzes Signal über dem Jahrhundert ist.

Seine Wichtigkeit ist international. Es gibt keinen Romanzier nach ihm, der

ihn zu übertreffen vermocht hätte, aber es gibt kaum einen von Bedeutung,

der ohne ihn auch nur denkbar wäre.

Der hellste Kämpfer der westlichen Gesittung, unseres europäischen

Formwillens und agressiven Talentes hat sich hier gegen das mit

barbarischen Kämpfern des Geistes nahende Rußland aufgerichtet.

Die Raumweite und die Süße des Mittelalters hat er in seinen Tag hinein

gespannt, aber er hat auch verstanden, die Schnelligkeit und die

Blitzschärfe und die flache Glätte unserer Zeit zu der wahrhaften

Souveränität zu gestalten, die die westliche Kultur in ihren höchsten

Punkten sicher inne hat.

Auch hat Flaubert diesem Werk einen festen Unterbau gegeben. Seine

Genauigkeit kannte keine Grenzen. Er las ein Buch von vierhundert Seiten

über Zypressen, weil er den Garten eines Astartetempels damit bepflanzen

will. Er liest Dutzende von militärischen Büchern, weil er neue Effekte aus

der antiken Kriegskunst, aus der klassischen Infanterie herausholen will.

In vier Zeilen muß er ein Arbeitshaus in Lyon erwähnen, darum schreibt er

einen langen Brief mit Fragen über die Lebensform, die Instrumente, er läßt

sich eine Zeichnung anfertigen; er macht eine Reise, um eine Gegend

anzusehen, die er in drei Zeilen als Rahmen um eine seelische

Auseinandersetzung legen will. Er läßt den Helden der »éducation

sentimentale« von Fontainebleau während der Barrikadenkämpfe zurückkehren,

er entfaltet ein großes Fragen, ob damals die Bahn existiert hätte, ob es

wahrscheinlich sei, daß sie gesperrt gewesen sei, ob der Held den Wagen als

das Natürlichere wohl nehmen könne oder ob nicht. Er läßt denselben

Burschen Börsengeschäfte machen, aber er erkundigt sich in langen Briefen,

welche Spekulationsobjekte zwischen Mai und Juni die gängigsten seien.

Er ist ein großer phantastischer Autor, er brauchte von alledem kein Wort.

Aber er will es wissen, er will auch dies beherrschen, er will hier wie

überall das festeste Fundament. Er weiß, daß die letzte Grundlage der Kunst

die Natur und das Tatsächliche ist, und daß von da erst die Himmelfahrt in

das Dichterische beginnt. Er ist ein Pedant der Phantasie, ein klarer

Errechner der Visionen. Aber . . . er beherrscht auch dies Geringe, und das

Bewußtsein des Fundaments gibt dem Bau die Linie der Stetigkeit.

Er arbeitet jahrelang an »Salambo«, bis er aufbricht, es zu riechen, zu

schmecken, und dann, den Duft des Erlebnisses, das Bild der Natur und des

glühenden Himmels Karthagos im Hirn, zerstört er, nach Hause gekommen, das

mühselig Geschriebene, und richtet sein Werk ganz nach dem Eindruck der

Reise. Das Seltsame geschieht, daß der größte Visionär der Prosa einen

ganzen phantastischen Roman zurückführt nicht auf die schönen Blitze seines

Hirnes, sondern auf die Bilder, die ihn aus den armseligsten Resten

gigantischer Historien, aus wahrlich kaum von der Wüste unterscheidbaren

Ruinen packten. Um ganz groß und frei zu sein, muß man nämlich alles

wissen, um es wieder vergessen zu können. Man beweist Überlegenheit nicht,

indem man beiseite schiebt, sondern indem man erprobt.

Flaubert wußte alles, jedes medizinische, chemische, botanische Problem war

ihm nah. Er (neben Strindberg) vereinigte das ganze Wissen seiner Zeit noch

einmal, aber nicht, um es wie Zola zu beschreiben, sondern um es zu

gestalten.

Hamsun / Flaubert: Zwei Reden · 第 2 / 3 段