Dieser Zug ist ein seltsamer Karneval der Täuschungen, denn

Die Schwarzen Bücher

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Erstes bis fünftes Tausend

Copyright 1922 by Wolf Albrecht Adam Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Kasimir Edschmid

HAMSUN / FLAUBERT

Zwei Reden

*

1·9·2·2

Wolf Albrecht Adam Verlag

Hannover

Die beiden Reden wurden Neunzehnhundertzwanzig

und Neunzehnhunderteinundzwanzig zum erstenmal

im Hessischen Landestheater in Darmstadt gehalten

und darauf an vielen Orten. Die erste über Hamsun und

die Situation der europäischen Literatur anläßlich der Zuteilung

des Nobelpreises an Hamsun, die andere zu

Flauberts hundertstem Geburtstag am zwölften Dezember

Neunzehnhunderteinundzwanzig.

Hamsun Seite 9--37

Flaubert Seite 39--70

Hamsun

Den Namen Hamsuns nennen, heißt von großer europäischer Literatur reden.

Er gesellt sich sofort zu Tolstoi, Wedekind, d'Annunzio, Giovanno Pascoli,

zu Chesterton und Shaw, zu Strindberg und Barbusse und Flaubert. Er ist, in

diesen Zusammenhängen, als nordischer Bruder Strindbergs ganz repräsentativ

zu Hause in dieser Gemeinschaft der bedeutenden europäischen Köpfe.

Im verkleinerten Kreis der Romanciers aber gibt es außer Gorki und Anatole

France niemand mehr neben ihm.

Er scheint sogar berufen, in diesem Triumvirat Deutschland zu vertreten,

denn einen deutschen Roman hat es nie gegeben. Immer war das

westeuropäische Gesicht am deutlichsten in Frankreich, da neigt sich Europa

schon schön gegen das strahlende Afrika und den asiatischen, türkischen

Eroberer.

Im Mittelalter brachten die Mauren orientalischen Einfluß nach Spanien, und

spanische Troveres entzündeten erst feurig herüberreitend die Provence und

den Norden Frankreichs, und die herrlichsten der deutschen Epiker, der

Hartmann von Aue, der Gottfried von Straßburg und der von Eschenbach wären

nie erstanden ohne Chrestien von Troies und Bennoit de St. More und den

Herrn von Britanje.

Von den Amadis- und Rosenromanen bis zu Voltaire und Balzac und dem

heutigen Anatole France ist der westeuropäische Roman stets in wundervoller

Linie in Frankreich zu Hause gewesen und in seinen Büchern steht die

Geschichte abendländischer Menschheit am deutlichsten und mit der besten

Tradition geschrieben. Die letzte und zärtlichste Blüte ist Anatole France.

Das osteuropäische Gesicht ist in Rußland zu einer ungeheuerlichen und

barbarischen Sonne aufgestanden und es scheint, als ob die müdere und

abgeklärtere Geistigkeit Frankreichs in die Verteidigungsstellung käme. In

Dostojewski und Gorki und dem in ihrer Mitte stehenden Tolstoi sind

gewaltige geistige Spannungen in die neue Welt getreten, und Asien, das die

Franzosen, die es von den Spaniern schon gekeltert übernahmen, in eine

entzückende Europäischkeit gebunden und damit graziös überwunden hatten,

bereitet von der anderen Seite der Halbkugel einen furchtbaren Einfall in

Europa vor.

Zwischen diese europäischen Geistesspannungen sind die Deutschen gelagert,

aber es gibt kein großes, hell beschienenes Gesicht, das sich unter ihnen

zwischen den beiden, mitteleuropäisch, erhöbe.

Es wird es auch nie geben. Es gibt auch keine deutsche Politik, die von

Antwerpen bis nach Bagdad langte.

Denn schließlich sind auch die Deutschen alle irgendwie Westeuropäer, was

sogar die Antibolschewisten betonen, und haben durch den Schuß Christentum,

der ihre eigentlich ausgesprochen heidnische Einstellung band und

gestaltete, wahrlich für alle im Kulturablauf bis zum Absterben ihrer Rasse

verbleibenden Jahrhunderte unter allen Umständen genug Asien im Blut.

Wenn im Umkreis der gottgewollten Jahrhunderte die führende Macht des

Geistes bei Nachlassen der europäischen Energie einmal wieder Koreanern und

Chinesen zufällt, wenn in Tibet ein Bergstamm ein neues gigantisches

Pulver, in Timbuktu ein neuer Heiland eine neue große Idee entdecken und

uns, bis dahin Müde und Morsche, ganz damit erledigen wird, dann ist es ja

völlig gleich, unter welchen Umständen wir mit unserer Halbkugel

untertauchen.

Bis dahin sollte man aber so stolz sein, mit erhobenen Nacken sich als

westliche Europäer zu fühlen und sich keine falschen Sehnsüchte zu

suggerieren.

Was den duldsamen asiatischen Russen mit ihrem sehr großen, aber sehr

abscheulichen Satrapen Dostojewski gut ist, ist den Deutschen sicher nicht,

noch viel weniger aber den romanischen Völkern bekömmlich. Sie haben in dem

Empfinden der Volksmassen viel zu wenig Sinn für das Übersinnliche und gar

keine Mystik und ohne Ausnahme noch viel zu viel innere Bereitschaft für

Bankkonten und Sparkassenbücher und viel zu viel, Gott in seiner Langmut

scheinbar immer noch wohlgefällige, Sehnsüchte nach Lärm und Militär und

kriegerischen Fahrten.

Die Russen sind eine asiatische Kinderschar mit einer unbeschreiblichen

gläubigen Naivetät des Empfindens und einer ungeheuerlichen

Bereitwilligkeit zu leiden und zu dulden.

Die romanischen Westeuropäer hatten die asiatische Geisteswelle, die mit

den blonden Mauren über die Pyrenäen mit herrlichen Kulturen stäubte, mit

ihrem europäischen Geist überwunden.

Heute ist der Anprall des eroberersüchtigen russischen Geistes auszuhalten.

Lüge man sich doch nicht vor, Figuren Dostojewskis zu sein. Die Deutschen

sind wahrlich näher bei Maupassant, so wenig elegant sie sind, als bei den

Nervenkavalkaden dieses Asiaten.

Jedenfalls hat der europäische Januskopf heut nur diese beiden Gesichter.

Die Aufgabe der Deutschen könnte sein, von beiden nehmend zu erstarken und

einen neuen europäischen Typ heraufzuführen, der in diesem Sinne noch nicht

existiert. Das wäre ein großes und bedeutendes Unternehmen. Jedenfalls kann

man nicht, wie von Hirnliliputanern geglaubt wird, so wenig wie einem

Körper das Herz, der Zeit ihre Kunst aus dem Leibe schneiden und für sich

allein gut präparieren und besehen. Man sieht dann wahrhaftig nicht mehr

wie etwas Muskulatur, aber von Seele keinen Fetzen.

Wenn man sagt, es gäbe keinen deutschen Roman, in dem das Schicksal und die

Seelengefahr und das tödliche Glück unserer Erdstriche so genau und schön

gezeichnet sei wie in dem der Russen und Franzosen, spricht man gegen die

Mentalität der Deutschen, aber nicht gegen ihre Kunst, der an Liebe und

Begeisterung für ihre Größe und ihr Unglück eine andere voranzusetzen

nichts anderes als eine lächerliche Einfältigkeit wäre. Der Mangel von

heute kann jede Berufung von morgen sein und, wo aus der mangelnden

Tradition her die Gleichheitslinien des Typus fehlen, ist wahrlich

wundervolle Größe chaotisch getürmt.

Seit Gottfried Keller hatte man jedenfalls keinen Roman, der, Keyserling

vielleicht ausgenommen, repräsentativ für den Ausdruck der Zeit und der

nationalen Größe sich auch einem europäischen Publikum als der wahrhaft

deutsche zeigen könnte.

Die Deutschen schrieben viel zwar über die Bäche und die Berge der Heimat,

über die Eheirrungen der einzelnen Gesellschaftsschichten, über den Tod,

sei er in Bülz oder Venedig zu Hause, über die Liebe, sei sie die des

Verfassers der Göttinnen oder des wilden Panizza oder die christliche des

Herrn Röttger, über die Kaufleute, sei es in Hamburg oder in Rottach, sei

es von Ludwig Thoma oder der Boy-Ed oder dem Thomas Mann . . . das alles

blieben zum Teil erbärmliche, zum Teil hinreißende Sachen, aber: es blieben

Monologe und Konversationen von einer Coupéseite zur anderen, es wurde

keine europäische Unterhaltung und es gab wahrlich keinen einzigen Geiger,

dessen Ton in das Orchester der europäischen Konzerte einen Klang gebracht

hätte, an dessen Wehmut und Stolz, an dessen Zerrissenheit und barbarischer

Sehnsucht, an dessen Größe und Verhaltenheit ein internationales Publikum

wie unter einer magischen Berührung gar kein anderes Gefühl hätte haben

können, als daß dies lediglich der deutsche Ton sein könnte und nichts

anderes auf dieser schiefen Welt.

Diese Mission in diesem Sinne kommt den Deutschen heute nicht zu. Aber auch

die germanische Repräsentation ist ihnen nicht zugefallen.

Sie sind von slawischen und romanischen Meeren zu sehr umfaßt, als daß sie

nicht im rein Germanischen schon sehr zersetzt seien. Selbst Goethe stammt

aus dem romanischen Bereich, und der große Imperialist Bismarck war zur

Mehrzahl Slawe.

Auch die Engländer, die politisch festgehalten waren, haben keinesweg

anständig Germanisches geschaffen. Ihre prärafaelitische Mystik schwimmt in

verdammtem Parfüm, Shaw ist ein sozialistischer, Chesterton ein

katholischer Kelte. Das Volk hat ungewöhnliches Weltgefühl und eine Linie

in die europäische Tafel gezogen von Schärfe und Kontur wie kein Volk, aber

über das Zivilisatorische hinaus grenzt ihre geistige Anmut an den Kitsch.

Mit Staatsmännern, Shagpfeifen, Börsen, Hockey und Burburry-Mänteln erobert

man vielleicht die Erde, aber nicht die geistige Größe. Die englischen

Germanen sind berufen, in der Wirklichkeit der Tatsachen jene weltmännische

Rolle zu spielen, die im Geistigen hier ohne Pause gesucht wird.

Diese Rolle ist nach Skandinavien gelegt worden, und es ist ein seltsames

Verhältnis des Ausgleichs, wie sehr diese kleinen Länder, die politisch

bedeutungslos sind, bei denen von Eroberung der Welt wenig die Rede sein

kann, und die auch sonst abseits des weltlichen Getriebes liegen, geistig

eine Rolle spielen, die in einem riesenhaften Verhältnis zu ihrer

sogenannten Macht steht.

Hier hat das Germanische sich am geschliffensten und echtesten erhalten. Da

ist sein Zentrum zurückgekehrt in den Norden, aus dem die Ströme der Völker

seinerzeit ausgeflossen waren.

Da haben die Menschen noch die weißblonden Haare und die gereckte Kühnheit,

die sie gegen die Gletscher und das Eis einst kämpferisch stellte. Sie sind

voll vom Blutsaft der alten Traditionen, auf den Färöerinseln singt man

noch die altnordischen Weisen, in Lappland lebt der alte Götterglaube noch.

Dazu hat sich angesammelt, was die Wikingerfahrten aus südlicher Süße, von

syrakusaner Himmeln und afrikanischen Sonnen mitgebracht haben, und die

Tragik der lombardischen und keltischen Züge, die Schicksale jener

nordischen Horden, die teils an den romanischen Mauern sich zerschlugen,

teils neue Reiche bauten, hat sich erlesen in ihnen ausgereift. Es ist

etwas müd äußerlich in den Gedanken des Nordens zurückgekehrt. Die

imperialistischen Träume sind geträumt.

Die Rolle hat jedes Volk einmal gespielt, die Welt beherrschen zu wollen,

selbst Holland und Portugal und Belgien schritten auf dem Regenbogen des

Machtwahnsinns daher, aber die Vorsehung spielt ihr Ablösungsspiel mit

immer erneuter Ironie, doch kein Volk hat den Blick, ihre Komödie zu

durchschauen, und jedes rennt fanatisch und mit irrsinnigen Rufen, die

alten Masken vorm Gesicht, auf die Kanonenrampe.

Schweden hat die Epochen seiner Eroberungen mit Karl dem Zwölften begraben,

Dänemark führt keine Eroberungszüge mehr, um den Norden zu unterjochen. Von

Norwegen stoßen keine Seeräuberheere mehr nach der Provence und Sizilien.

Das ist vorbei.

Die Zeit der Maschinenschlachten und der Dutzendmillionenheere hat

Resignation gebracht. Wenn Europa nicht stirbt, gibt es vielleicht einmal

eine spätere Zeit, die auf diese Landreservate zurückgreift, um sie mit

weiserem Hohn lächelnd gegen die aufgeblasenen Sieger von heute

auszuspielen.

Vielleicht sind es dann geistige Waffen, mit denen sie siegen oder

irgendein Instrument, das vorzieht, bei der Minderheit nur zu

funktionieren. Vielleicht lernen sie die Sonne einzuwecken oder das

Kohlenatom zu sprengen, um mit zweitausendmal mehr Dynamik in das

europäische Konzert zu treten.

Zwei Jahrzehnte nach Neunzehnhundertzwanzig ist von all diesen Weltdingen

bei ihnen kein Wort mehr fällig. Sie sitzen machtpolitisch auf dem

Trockenen und wissen es nicht anders. Auch industriell sind sie nicht

allzuglänzend eingerichtet, im Krieg hatten sie zum Teil kein Brot und

wurden von Amerika wegen deutscher Sympathien schlecht behandelt, Norwegen

ausgenommen, wo man die Deutschen gerne schlachtete, weil sie den

Reedereien das Geschäft mit den Ubooten allzusehr erschwerten.

Aber in all diesen prächtigen germanischen Figuren ist die Erinnerung ihrer

mythischen Vergangenheiten noch wach, ihre Träume sind belastet mit der

reinen Größe der Jahrhundertfahrten, und die Edda und die Zaubersprüche

haben sich nicht verloren bei dieser direkten Rasse.

Vor allem stehen sie der Mystik näher, ihre langen weißen Nächte und die

Herbheit der Landschaft und die Größe der unsterblichen Meere verweben sie

in höher gespannte Zusammenhänge.

Der nordische Mensch ist ein nüchterner Kostgänger, gut und sehnig

gewachsen, voll beispielloser Körperkultur, aber in dem Leben des

Geringsten unter ihnen nähert sich irgendeine Stelle schon dem

Übersinnlichen.

Ihnen strömt das mystische Element aus der Nähe der unheimlichen Erdpole

und aus der götternahen Schwere ihres nördlichen Blutes zu.

Bei den Franzosen erschöpft sich das Mystische in den Kathedralen oder in

legendärer Katholischkeit, die Italiener pirschen sich darin bereits über

den Eros in die glatte Sinnlichkeit, bei den Deutschen schwält es durch das

Grüblerische zu der lodernden Ekstase. Die Slawen haben es bis in die

Fingerspitzen der Nerven gezogen und haben sich damit bis in die

Geisteskrankheit begeben mit der Form, wie sie dem Dämon des Leids sich

fatalistisch schenken.

Bei den Nordländern ist eine wundervolle Brechung des Lichtes. Da scheinen

Athleten und sachliche Sportsleute wie vor einem übersinnlichen Gestrahl zu

scheuen, es dringt in ihr Blut und sie haben alle für ihr ganzes Leben eine

Zweigespaltenheit, indem ihre Härte immer gegen das Verschleiernde in ihnen

kämpft.

Sie sind wie gegen ihren Willen einbezogen in Zusammenhänge jenseits ihrer

Welt. Sie stehen immer zur Hälfte in der unwirklichen Existenz der langen

geheimnisvoll weißen Nächte des Sommers. Sie besitzen fast alle ein

Geringes vom zweiten Gesicht.

Wenn ihre nördlich gefahrenen Schiffer aus der Zone der höheren Wendekreise

zurückkehren, dann sehnen sie sich wie Verschmachtende nach dem Dunkel, sie

haben wochenlang keine Nächte gehabt und konnten nicht schlafen und sie

begehren das Dunkel mit Inbrunst wie man nach Geliebten aus ist, sie haben

das Verlangen nach Nacht, um sich vor der übergroßen Helligkeit dahinein zu

verkriechen.

So ist die Seele aller nordischen Menschen durchschienen, sie haben alle

den Drang nach etwas auszubrechen, was außerhalb ihrer täglichen Welt ist.

Es ist, als sei der Nordpol mit sagenhaften magnetischen Kräften auf sie

gerichtet und ziehe sie in Richtungen, wohin sie nicht wollten, und wohin

es sie dennoch dunkel verlangt.

Das ist die Spaltung in dem nordischen Menschen, sein Konflikt, sein

tragischer Schnitt. Nach Überlieferung der Geheimlehre der Vorzeit ist der

Raum, in dem wir leben, mit einem anderen unsichtbaren Raum ausgefüllt, und

in den Häusern und Straßen und Landschaften leben andere uns nicht

erreichbare und erfühlbare Kreaturen der Götter. Das ist das Sinnbild des

nordischen Menschen. Das Gerüst seines Körpers ist nur zum Teil sein Bau.

Wie von ultravioletten Strahlen erzeugt, die nicht gesehen werden können,

aber dennoch wirklich sind, ist in ihm ein anderes Doppelleben, von dem er

selbst nicht viel weiß.

Dies andere Leben ist der Schlüssel seines Geheimnisses und erklärt die

Unbegreiflichkeit seines Wesens und seiner Schicksale und ist der schöne

Reiz all seiner Untergänge. Es ist das Furchtbarste und das Herrlichste an

ihm. Die nordischen Menschen tragen alle den geheimnisvollen Kranz

unsichtbar, wie die antiken todgeweihten Jünglinge. Was sie auch tun und

denken, ist nur ein wacher Traum, denn plötzlich tritt ihre gespenstische

andere Seelenhälfte an die Stelle der sichtbaren ruhigen und klaren und

fährt das Schiff ihres Daseins in den Nebel, und Sein und Nichtsein tauscht

sich erschreckend aus.

Bald tritt der eine Teil hervor, bald springt der andere vor ihn hin.

Manchmal ist in den Literaturen nur ein Lebensgang mit greller Wirklichkeit

gezeichnet, aber, wer liest, spürt mit allen Sinnen, daß alles Täuschung

ist, daß der geheimnisvolle anderswohin gewandte Andere dahinter steht und

sich nicht zeigt und die hergezeigten Dinge nur wie eine Larve vor sich

hält.

Der nordische Mensch ist nie ohne unsichtbare Abgründe hinter sich

aufgetreten. Er ist ein Transparent seiner selbst, hinter dem erst die

großen unbekannten Naturkräfte stehen. Manchmal treten sie einen Augenblick

auf die Bühne und verwirren und blassen wie eine Augentäuschung sofort

wieder ab. Oft zeigen sie sich gar nicht. Aber hier ist sicher dann mit

tödlicher Sicherheit, daß alles, was man so feurig sieht, so unerhört

versteht und schmeckt und riecht, so göttlich plastisch und wie Marmor

anfühlt, daß es nichts ist als Blendung und daß es alles bedeutet und jeden

Sinn hat, nur nicht den, welchen es mit der uns zugewandten Seite ihres

Wesens darstellt.

Die Menschen aber sind sehr herb und stolz, sie stammeln manchmal, um nicht

zu zeigen, daß sie singen wollen. Sie haben Melodien auf den Lippen, wenn

der Gram ihnen auf die Zunge beißt.

Nur wer das Nordland ohne Pause von einer unwirklichen weißen Nachtsonne

erleuchtet sieht, von einer Eindringlichkeit des flutenden hellen Lichts,

wie selbst die zauberhaftesten südlichen Mondnächte es nur mit Schwäche

malen, vermag das Gespenstische der Seelenkurven zu erfassen, mit denen der

nördliche Germane sein Leben äußert und vollzieht.

In der Eleganz, die nicht nur die Kostüme der Frauen haben, sondern die aus

der Haltung der Linie und dem Bewußtsein der Rasse und alter Kultur der

Körperpflege kommt (wo im höchsten Norden ärmste Bauern eigenes Dampfbad

haben), in der Eleganz, die ihre Sprache und ihre nationale Bewegung

ausmacht und verschönert, nähert sich dieser Typus den Franzosen. In der

übersinnlichen Verwobenheit stößt er an den Seelenstand der Slawen.

Er führt über seine blonde germanische Herbheit das Süße des romanischen

Geistes zur großen barbarischen selbst zerstörerischen Seelengeste der

Russen.

Zur Wikingerei seiner ausschweifenden Charakterschwünge fügt er die

Urbanität europäischer Größe und die Menschheitslinie.

Dabei bleibt er in Umrissen, klar wie ein Engländer in Hosenschnitt und

Scheitel und Handgelenkbiegung, der helle typische Germane, der Germane,

der glänzend speist und lebt und mitten in Daseinssäften steht, trainiert

ist und sogar kapriziöse Frauen besitzt, der Germane, der aber in _dem_

Augenblick, wo der Zuschauer ihn glaubt zu kennen und so bestimmen, rasch

zurückschnellt in einen geheimnisvoll überlichteten Nebel, wo Gewolltes und

Getanes sich kreuzen, wo Ja und Nein sich nach unbestimmbaren Gesetzen

mischen und aufheben, und wo die klirrende Wahrheit des Moments in einer

Sekunde schon als äffender Spuk und geheimnisvolle Beziehung entschwirrt.

Dies ist der nordische Mensch und sein Geheimnis. Dies ist Knut Hamsun.

Die Doppelexistenz löst das Rätsel der Menschen über das Geheimnis der

Literatur. So kommt es, daß der nordische Mensch dasselbe bedeutet wie:

Hamsun, ebenso wie Ciceros Name den Römer beschwört oder Mozart die

Gleichung des Rokoko sofort hinzufügt.

Bei Hamsun endlich laufen alle Falten und Schatten und alle Erhabenheiten

des nordischen Menschen zusammen. Hat sich die nordische Menschheitsfigur

erst in allen Situationen und allen ihren Breiten und Längegraden erwiesen,

tritt aus der großen Addition der Leidenschaften und Laster und Tugenden

die Gestalt des Hamsun als Summe sinnbildhafter Größe hervor.

Man teilt Skandinavien heut in drei Königreiche ein, manchmal war es

anders, die einen bekriegten, die anderen beherrschten einander, das

wechselte und wird wechseln, es ist nicht wichtig.

Die drei Nationen verstehen in der Sprache einander. Den Schweden scheint

der dänische Dialekt affenhaft und komisch, die Norweger stottern rauher,

finden schwedisch aber keineswegs elegant. Schließlich ist es bei Deutschen

der ähnliche Fall. Ein Helgoländer hält einen bayrischen Gebirgler für

einen fremden Teufel, genau so wenig wie ein Pikarde einen lackäugigen

Provenzalen versteht. Die Rassenmerkmale sind keineswegs das, was eine

Nation im geographischen Sinn zusammenhängt, das sind andere und viel

fürchterlichere Dinge.

Jedenfalls unterscheiden sich die drei skandinavischen Völker eigentlich

nur in Nüancen. Kopenhagen ist eine neblige, reiche und märchenhaft weiche

schöne Stadt. Stockholm ist mit königlicher Kühnheit an den Mälar gestellt.

Christiania wird schon von nördlicher Beschattung gespenstisch gezeichnet.

Die Norweger laufen Ski, sind fast an den Fingern herzuzählen, ein paar

hunderttausend, bewohnen dünn gesät ein riesiges Land, und fast jeder ist,

ähnlich wie bei den Balten, ein Schriftsteller, jeder Bauer kennt seine

zeitgenössischen Dichter genau.

Die Dänen lesen am meisten, sind ein ungemein gewandtes weltmännisches und

lebemänniges Volk, die elegantesten Typen des Nordens, ein wenig Paris und

ein wenig Décadence, von ungewöhnlich graziöser Verdorbenheit.

Die Schweden sitzen gerne an den Kaminen und lassen schöne Frauen die

Lieder des großen Sängers Belman singen.

Bei den dänischen Weltleuten findet sich dagegen die Literatur mit den

buntesten und wechselnsten Farben aufgestellt. Der Zug der dänischen

Dichter ist lang, und am Anfang stehen die Policinells und die Harlekine,

und dann erst kommen die befrackten Liebhaber des irdischen Schicksals und

die neckigen Touristen der Ehetragödien und hinter ihnen die exotischen

Wanderer mit Südseefedern und afrikanischen Sonnenfanalen und dann die

Gelehrten und feinfingrigen Weisen und ganz am Ende erst einige Ankläger

gegen die Zeit und wilde Eroberergestalten des Lebens und der geistigen

Territorien.

Aber keiner aus diesem Zug der Sehnsüchtigen kann sich selbst unter den

betrunkensten Maskeraden dem Bann entziehen, der den nordischen Menschen

unwiderbringlich gefaßt hat und ihn in eine seelische Bewölkung

hineinzieht, die ihn verdüstert und näher an das unheimliche Schicksal

zieht.

Bei jedem der dreißig oder siebzig zeitgenössischen dänischen Dramatiker,

die in der Weise Schnitzlers mit Humor und nicht ohne Geist die Eheprobleme

ihres Landes (in dem die Ehe korrumpiert ist wie nirgends in Europa),

spöttisch und amusiert behandeln, erscheint sofort nach den ersten Takten

die dunkle Unterströmung, und die Melodie des entsetzlichen Verfallenseins

dieser Menschen an eine schwere Blutmitgift rauscht unter dem Foxtrott

ihrer Laune tragisch herauf.

Die Franzosen verstehen anders ihre Burlesken zu runden und mit skeptischen

Grimassen noch eleganter zu sein als das Schicksal, dem sie höhnisch und

gewiß frivol überlegen applaudieren, wenn sie in »Porte St. Martin« oder in

»Femina« und »Porte Royale« die Lustspiele der Nation herunterspielen.

Bei den Dänen aber erscheint plötzlich zwischen Fräcken und Séparés und

Kokotten der Wind des Fatums, der sich ihnen in den Nacken schmeißt und

ihre Gesichter hinüberwendet in eine bleiche Lautlosigkeit, worauf sie,

anders und seltsam geworden, und sich selbst nicht kennend, mit fremden

Zungen zu reden beginnen und irre Geste zu machen scheinen.

Dann ist der Fremde in ihnen herausgetreten, hat sich verbeugt und als

Stellvertreter des seitherigen Körperinhabers begonnen, eine zeitlang

geheimnisvoll zu figurieren.

Alle Nordländer sind Doppelmenschen, und die Kunst fängt da an, wo sie es

kapieren können.

Am wundervollsten hat dies der Norweger Hamsun gekonnt.

Die dänischen Lustspieldichter können nicht lachen lassen, die Heiterkeit

klingt an entferntes Weinen an, hinter Dirnengesichtern leuchtet das

Skelett, und die Süße jedes Augenblicks ist voll Traurigkeit. Die Heiteren

sind hier fürwahr die am schlechtesten Maskierten, und die Pierrots sind

die durchschaubarsten in ihrem Ernst.

Dieser Zug ist ein seltsamer Karneval der Täuschungen, denn die Ernsten und

Schweren könnten, da hier sich ja alles und jeder dem anderen widerspricht,

vielleicht voll von Laune und Heiterkeit sein! Doch entgeht keiner seiner

Doppelnatur und dem Schlag ins Genick, den das Schicksal ihnen allen gibt.

Bei Jens Peter Jakobsen und dem fadenfeinen Herman Bang ist die Brechung

von dem Blut her gegeben. Diese Menschen tragen ihre Bestimmung mit einer

Melancholie schon von der Geburt und haben die tödliche Sehnsucht nach der

geheimnisvollen Ferne, die bei ihnen Tod heißt, früh im Fleisch.

Aage von Kohl wirft sich umsonst (schon fast Russe in seiner Schreibweise),

in die slawische Allüre und verdeckt doch damit nicht sein gezeichnetes

germanisches Haupt.

Laurids Bruun hat Europa verlassen und die beispielloseste aller

Farbensüchte auf Tahiti und den Palauinseln durchlebt, er ist wie ein Gott

im Unmittelbaren und Freien und Hellen geschwommen, und Jürgen Jürgensen

hat den Kongo entdeckt mit allem Grauen des donnernden Urwalds und den

schweigenden Nächten voll großem Getier, aber über den Häuptern von beiden,

die so weit geflohen sind, steht mit einer gewissen Ängstlichkeit, fast

zerbrechlich wie Glas, die halbbelichtete Sonne der nordischen Nächte, und

keines Palaumädchens glatte Frische und keiner Negerin wundervolle Haut und

keine Morgenröte um die tropisch und unbekümmert atmende Natur kann das

Gespenst bannen, das alle plötzlich wie eine scheue Herde zu sich

hinüberzieht.

Pontoppidan, der das größte Fresko des sterbenden bürgerlichen Zeitalters

geschrieben hat, Gjellerup, der die müde und vornehme Hand nach den

indischen Weisheiten hinüberstreckte, keiner bezwang es oder verbarg es.

Madelung überkam es mitten in seinen Fahrten durch Sibirien, wo er mit

einer Brutalität und Genauigkeit, wie wenige, Tiere und Menschen nachschuf.

Selbst der größte Dichter des europäischen Proletariats, den Lunatscharsky

selbst, der russische Beauftragte des Volkes, neben Gorki stellte, selbst

der Bornholmer Nexö, der mit einer strahlenden Paradiesischkeit die Welt

neu erlebte und sie für seine unterdrückte Klasse zu erobern in einem

grandiosen Werke auszog, wendet plötzlich blaß in das Nordlicht sein

götterhaft entschleierndes Haupt und neigt den Kopf.

Und selbst der, welcher den Trotz am steilsten und kühnsten aufgebogen

hatte, der wolfgebißhafte Jensen, der den germanischen Mythos noch einmal

in seinem Werke wundervoll schuf und, ein kühner Germane wie kaum je einer,

kolumbushaft neue Erde und neues Land in ununterbrochenem Zug der wilden

geistigen Ausschweifungen entdeckte, auch Jensen hat jene Minuten, wo ihm,

dem Stärksten und Beschwingtesten, seine erdhaften Figuren entgleiten und

sich hinüberbegeben in die andere Welt der Beschattung, der Grübelei und

der tiefen Widersprüche.

Die Schweden haben keine Mischungen von gleicher Reizung, dies Land geht

von mit Wasserduft versponnenen Weiden Skånes und violetten Wäldern

Smålands bis in den lappischen Schnee und die nördliche Zone.

Auch ihre Frauen aber, auch ihre Lebenssitten sind von auffallend

germanischer Eleganz. Aber ihrem Lebenszeichen fehlt die quecksilberne

Beweglichkeit, fehlt das südliche der Dänen, deren Himmel nie aufgehört hat

mit Versailles und dem Lido zu kokettieren.

Die Schweden haben die Endlosigkeit ihrer grauen Flächen seit alters her im

Blut, sie sind keine Dramatiker, wie sie nach dem größten und zerrissensten

ihrer Landsleute, dem Strindberg, gedacht werden, sondern Lyriker mit

schwerem und tiefsinnig melancholischem Einschlag.

Sieht man die blitzende Sonne auf dem blau erzitternden Mälar und die

unwahrscheinlich blonden und koketten hochbeinigen Damen und den Rhythmus

einer kühnen und erlebnisfrohen Gesellschaft, kann man den Kontrast am

deutlichsten erkennen, wenn sich die untere Tiefe der schwedischen Seele

dann in ihren Volksliedern, voll der Eintönigkeit der Weite öffnet.

Alle ihre Prosadichter haben die lyrische Note, bei Geyjerstam, den die

Deutschen am meisten lasen, ist es fast so dünn wie bei Jakobsen oder Bang,

aber es ist noch viel mehr von den Schatten des Schicksals umwölkt, wie

seine Menschen aneinander vorbeileben.

Bei der Lagerlöf geht es ins Legendäre, und die Menschen rutschen ihr in

einen religiösen Nebel oder verschwinden in dem Mythos, der aus der

tausendjährigen Scholle, die sie bebauen, aufsteigt und sie wie in ein

erzenes Zeitalter entführt.

Auch Verner van Heidenstam kann die Linie, die seine schwerblütige Prosa

irgendwo anbindet an Belmann, den großen Sänger des Volkes, mit den

gehäuftesten Kapiteln seiner Epen nicht verdecken.

Selbst in den schwedischen Kriminalromanen, die neben den englischen und

norwegischen die besten und einzigen sind, die es gibt, ist in den tollsten

Situationen plötzlich der Moment der Gebanntheit, die vipernhafte

Erschlaffung des Menschen, und zwischen Einbruch und Ausbruch, zwischen

Blendlaterne und Revolverschuß entschleiert sich das Phänomen des

nordischen Menschen in einer scheinbaren Verrücktheit, einer Handlung voll

Widerspruch und Abgesondertheit, in einem Marsch in eine Kurve hinein, die

ihn hinausführt aus allen Kombinationen der Klugheit.

Selbst Per Halström, den die Schweden für ihren vornehmsten und

distinguiertesten Dichter halten, und der wie fast alle Schweden den großen

Strindberg für ein Scheusal hält, der wie fast alle Schweden sprachlos vor

den letzten, schon ganz ins Übersinnliche gehenden Dramen Strindbergs

steht, derselbe Per Halström, der an dem viel größeren Norweger Knut Hamsun

das Hin und Her und Sichvertauschen seiner Menschen für Varietéulk, für

Mogelei und Publikumskniffe erklärt, derselbe Halström kann sich dem Zwang

nicht entziehen, den er bei anderen mit Witzen bekämpft. Auch seine vornehm

und klassisch und etwas dünn gezeichneten Menschen entwischen ihm und

bekommen gespenstischen Umriß manchmal. Der Spötter wird, kaum er das

tadelnde Wort gesagt, schon Delinquent.

Die meisten nordischen Künstler haben in der Nähe des Irrsinns laviert,

viele sind in Alkohol und Wahnsinn untergegangen, manchmal hat sie jener

andere Mensch in ihren Figuren, jene andere gegen das Schrankenlose und

Mysthische weit geöffnete Seite ihrer Natur ins Unbegrenzte und

Unkontrollierte hinübergezogen.

Der irrsinnige Maler Josephson vermochte in einen im Grund erbärmlichen

Naturalismus sogar die Größe einer europäischen Vision hineinzulegen.

Dasselbe steht auf Ibsens lehrerhaft erhobenen Zeigefingern, wo in fast

komisch düster gewollten Szenen das Gespenst manchmal wirklich erscheint

und sei es auch nur in dem Grauen, das Ibsen selbst davor empfindet,

dasselbe, wie bei diesem Dänen, bei Björnson, bei dem Isländer

Sigurjurdson.

Der Norweger Johannes Bojer, der wie alle Norweger etwas von einem

Holzfäller an sich hat, hat sogar in der Figur eines Gefangenen die

Doppelseele selbst gestaltet.

Der Grönländer Rasmussen erschreckt das Geheimnis auf dem panischsten Zug

der Kühnheit durch das Treibeis nach dem Pole, aber keinen hat es so bis an

den Rand der tragischsten Ausschweifungen gehetzt wie den Norweger Hans

Jäger, der die furchtbarste Konfession des Erotischen in diesem Jahrhundert

geschrieben hat.

Den kühnsten Griff, die Seele seiner Region zu fassen und zu gestalten, hat

der größte europäische Maler Munch getan. Der größte Teil der deutschen

Malerei ist ohne den Munch nicht zu denken, genau wie Strindbergs Existenz

fast die gesamte neue deutsche Dramatik überflüssig macht.

Munch hat dem schwebenden Gespenst aufgelauert und hat es mit einer Größe

und Kraft zur Wirklichkeit gezwungen, wie selten ein Maler das

Unwahrscheinliche und Unsichtbare klar zu Farbe und Eindruck gebildet hat.

Ob er Kapitäne oder Sichküssende malt, er zwingt den ganzen Schauer einer

geheimnisvollen Sonderexistenz in eine vor Brutalität bald platzende

Erscheinung, und im Donner und dem Zucken der unwahrscheinlichsten Farben

fängt er wie in einer Teufelsbeschwörung die nordische Seele, die auch bei

diesen elementarsten Geburten fast schon wieder entschwebt.

Die ganz große Musik aber, noch größer wie die Beute dieses malenden

Jägers, die wahre Versöhnung und die großen Mosaikfresken, das allein ist

Knut Hamsuns Werk.

Er ist der Bruder Munchs, aber er hat dazu noch die Süße und die

Südlichkeit neben dem rauhen Schrei. Er hat neben der Urkraft das Weiche,

und seine Männlichkeit ist so unbezweifelbar, daß er nicht ohne einige

weibliche Ergänzungen auskommt, um den Menschheitshorizont rund zu

gestalten.

Er ist der wahrhafte große Erfüller des Nordens.

Alles was hier gesagt wurde von diesem und jenem ist eigentlich über Hamsun

gesagt, denn das all lebt in seinem Werk. Kein kleiner farbiger Däne, kein

schwedischer schwerer Bauerndichter hat zu anderem Zweck gelebt, als daß

Hamsun aller Erbschaft antrete.

Sie sind ihm alle nichts wie die Klaviatur, aus der er die volle und ganze

Melodie erst anhebt. In Hamsun ist die Südsee und der soziale Aufschrei,

ist die Verdorbenheit der Gesellschaft und die Wikingerei des Blutes, ist

der gütige Haß und die unerschöpfliche Liebe.

Dieser Dichter hat sich nie spezialisiert. Auch ist sein Parlando nie von

dieser oder jener Einstellung der Zeit sonderlich beeinflußt geblieben. Er

hatte wahrlich keine Mission, ein Formproblem zu knacken oder die Ehen zu

untersuchen oder die Bals-Parés des Schauerlichen herunterzutanzen oder das

Unsichtbare am Kopf zu fassen und ins Panoptikum zu zerren.

Das alles ist unter ihm und ihm nur Material.

Niemand wird verkleinert, wenn man Hamsun erhöht. Strindberg ist grandioser

und Nexö zeitlich wichtiger und Aage von Kohl monumentaler und Jensen wohl

toller.

Aber die großen Gleichungen werden nicht aus der Schärfe der Profile und

der besonderen Akzentuierung der Einstellungen gemessen, sondern sie werden

gestellt zwischen die Beziehungen von Größe und Fülle.

Denn nur der ist ein Repräsentant und von fürstlicher Stellung im geistigen

Territorium, wer sein Haupt so tragen kann, daß schließlich alles sich in

ihm zu einer besonderen Einheit verkörpert, was irgendwie sein Volk, seine

Rasse oder den Geist bemerkenswert macht.

Denn nicht der bei Gott ist der typische Deutsche, der je nach dem

Geschmack der einzelnen Schichten am blondesten oder am dicksten, am

rohsten oder am gutmütigsten ist, sondern derjenige, der die Laster und die

Tugenden dieses widerspruchsvollen Volkes unter einer guten Kontrolle mit

Überlegenheit und Größe harmonisch trägt.

Bei Hamsun hat der nordische Mensch erst seine volle Auslösung gefunden und

ist im letzten Sinne repräsentativ geworden.

Er hat das Lasterhafte und das Dünn-Erschreckte des Dänen Bang und die

Urwaldgröße des Jürgen Jürgensen, er hat den germanischen Urmythus des

Jensen von den Tropen bis über die Gletscherzeit im Blut, er ist weise wie

Gjellerup und brutal wie Munch, er haßt wie es nur der Strindberg konnte,

säuselt wie Jakobsen und hat die Verwobenheit der Lagerlöf.

Er hat in seinem Buche »Hunger« die proletarische, in der »Stadt Segelfoß«

die soziale Frage behandelt, im »Pan« europäische Gefühle weit hinaus

getragen, in seinem »Kaukasienbuch« die Farbensehnsucht und die

Tropenexotik der Europaflüchtigen heiß erlebt, in »Viktoria« das Süßeste an

Leid und Liebe geschrieben und den schönsten Liebesbrief, den die Literatur

kennt und hat in »Mysterien« die nordische Seele bis zur Unkenntlichkeit

sich austoben lassen zwischen Maske und wahrem Gesicht.

Er hat einen phänomenalen Impressionismus von europäischer Weite geschaffen

und ist im Gehalt ein Expressionist, wie kaum ein anderer typisch für diese

Zeit.

Er hat aus Vorwurf, aus Idee, aus Stil und aus Zeitmotiv sich den Teufel

gemacht und aus all dem nur aktuellen Sensationshaschern wichtigen Beiwerk

endgültig den einfachen armen und leidenden Menschen herausgeschält.

Er ist in keiner Maske und keiner Maskerade hängen geblieben, hat sich

nicht um die Zeitgenossen geschert, hat die Welt durchtippelt, in

norwegische Städte sich verkrochen und auf eine Insel begeben und hat das

bedeutendste Werk des Nordens geschaffen, an dem jede Einschaltung, jede

Einbiegung in eine Bewegung und einen Stil eine dumme Verwegenheit

bedeutete, es sei denn, man sage, die skandinavische Literatur, die die

germanische vorstellt, habe hier einen ihrer schönsten Hochschwünge und

einen bedeutsamen Zenith erreicht.

An Geschlossenheit des Weltbilds, an wahrhaft ruhiger Rundung des

Rasseerlebens, an dichterischer und zeitgenössischer Bedeutung können wir

Deutsche ihm nichts entgegenstellen, wenn die Franzosen mit France, die

Italiener mit d'Annunzio, und die heutigen Russen mit Gorki kommen. Der

einzige wäre der tote und lange vor seinem Ende blinde Dichter Graf

Keyserling gewesen, der Balte, der die ganze Schönheit seiner zugrunde

gehenden aristokratischen Rasse wahrlich in einem Weltbild, dem einzigen

deutschen seit fünfzig Jahren, noch einmal zu formen wußte.

Hamsun, der in der Jugend Amerika durchstrolchte, nie recht wußte, wann er

geboren ward, der Lyrik liebt weil er sie am wenigsten kann, Dramatisches

haßt, weil es ihm am wenigsten Erfolg brachte, Hamsun, von dem die

Franzosen neunzehnhundertzwanzig noch keine rechte Übersetzung haben, und

den in Deutschland, als sein »Pan« erschien, einige wenige zu lieben

begannen, während einige viele ihn im Äußeren nachmachten, indem sie ihn

verzuckerten und auf das Rosaschleifchenhirnniveau der deutschen Backfische

senkten und ihm dabei das Geheimnis der nordischen Doppelseele aus dem

Leibe quetschten, Hamsun ist ein alter Mann und hat sein Werk fast hinter

sich.

Man beginnt jetzt in Deutschland ihn etwas mehr zu sehen und wohl auch

etwas mehr zu lieben.

Bei keinem Dichter der Weltgeschichte ist in Roman und Novelle und Drama

die Größe eines Menschenschlages im Herben und Sichverschleiern und

Sichderewigkeitzuwenden so seltsam Merkmal wie bei ihm geworden,

dergestalt, daß tatsächlich immer wichtiger wie das, was in den Zeilen

steht, das ist, was zwischen ihnen steht. Von Bedeutung ist mehr das, was

nicht gesagt wird, wie das, was geäußert wird.

Und das, was an Tat geschieht, ist in Wirklichkeit nur eine Blendung und

ein Ablenken, aber von Wichtigkeit ist das, was unterdrückt wird. Diese

Menschen sind keine Schwächlinge, keine Ästheten, keine Hanswurste, keine

Hirnathleten, sie sind nicht Literatur oder Psychopathen oder nach dem

abscheulichen Rezept irgendeines medizinischen Seelenzerknabberers gebaut.

Sie sind der wundervolle Niederschlag des vom Gespenst des Nordens und

seiner Widersprüche angeregten und filtrierten Menschen, der mutig ist und

kühn und groß und alle Eigenschaften hat der Eroberer und der Starken und

der Wikinger von ehedem, dessen Seele aber labyrinthisch und gewöhnlich von

einem guten und wohlwollenden Dämon getrieben wird, sich keusch und seltsam

zu verhüllen und irgendwie scheinbar zu wissen: dies alles Leben unserer

irdischen Bestimmung sei weiter doch nichts als ein göttlicher Witz und ein

tragischer Humbug des Schöpfers und irgendwo ganz anders sei der wahre

Schatz und die schönere Sicherheit.

Deshalb, weil diese Menschen so in die Spiralen hineinwandern, ist das

Leid, das sie immer umwölkt, aus einer Spannung zwischen Leben und Geist

geboren und von einer süßen und satten Getränktheit, fast überirdisch schon

manchmal in seinem Nichtgesagt- aber Empfundenwerden.

Man geht nie direkt aufeinander los, sondern man weicht aus, man macht die

unmöglichsten Umwege umeinander, ja die Liebenden und Hassenden umschweben

sich schon gewissermaßen nach bestimmten Gesetzen, unruhvoll und voll Jubel

und Bestürzungen wie das Schweifen der Sternhimmel, die auch sich gewöhnt

haben die Kreise einer gewissen Entsagung umeinander vorzunehmen.

Es ist bisher nicht gesehen worden, daß die Wasserscheide zwischen

asiatischem und westeuropäischem Geist durch Christiania geht. Es ist

wichtig zu wissen, daß weder Berlin noch Wien hierfür irgendwie momentan in

Frage kommt. Man hat auch nie verstanden, daß hier im Norden eine

bedeutende Literatur zu Hause ist, die, wenn sie auch nicht tiefspaltig ist

und groß im Sinne der französischen und deutschen, doch ein Zeitmaß an

Repräsentation jedenfalls heute ausübte, vor dem wir uns heftig zu

verbeugen haben. Der germanische Mensch hat sich jedenfalls in den

skandinavischen begeben, und die nordische Seele hat sich in Hamsun erfüllt

und damit den dritten europäischen großen Typus geschaffen.

Flaubert

Balzac gab dem französischen Roman die Fülle, France die Weisheit, Flaubert

gab ihm die Größe. Balzac lieh ihm die Weite und das Demokratische, France

das aus Vollendung heraus Müde und Lächelnde, Flaubert die Aristokratie.

Die Faust des großen Balzac gestaltete die Gesellschaft seiner Epoche beim

Beginn des Jahrhunderts in ein phantastisches Furioso, am Ende dieses

Jahrhunderts entläßt France diese erledigte bürgerliche Gesellschaft mit

der Gebärde der milden Skepsis. In der Mitte des Jahrhunderts schuf

Flaubert über sie hinaus große Kunst.

Er mußte zwar durch sein Jahrhundert hindurch, um zur Kunst zu kommen, die

er groß und über alles liebte, aber er verachtete es, obwohl er nicht ohne

Sympathie für die Menschen war. Er wollte nicht die Geschichte seiner Zeit

schreiben, sondern es kam ihm darauf an, daß sein Kunstwerk die Dichte aus

Erz und seine Menschen die Unerbittlichkeit im Umriß bekamen, die sie über

das Jahrhundert hinaus erhielten, auch wenn sie ihre Zeit lebten. Jeder Weg

führte ihn nur zur Kunst.

So bekam sein Werk die Höhe, daß in seinem Jahrhundert sein Roman wieder

den großen Typ des Prosa-Kunstwerks darstellt. Dafür gab er sein Leben hin,

und nie ist ein furchtbarerer Kampf geführt worden wie zwischen seinem

Leben und dem Moloch Kunst.

Doch gab er dabei sein Leben nicht auf, wie die geschäftigen Erzähler

seines Daseins darstellen, sondern er führte es mit derselben Souveränität,

die sein Werk ausmacht. Er war kein kleiner Schreiber, kein Hysteriker und

Nervendilettant, der die Taten der Welt, die er fürchtet, in die schwachen

Räusche der Literatur einbiegt. Er war kein Dandy: ein riesenhafter

Gallier, mit dem Schnurrbart eines Generals, ein Hüne, ein großer Esser,

ein reicher Gentleman, der sein Leben gelebt hat, gut speiste, sein Teil an

Frauen hatte, ein königlicher Bürger.

Er hat von seinem Landhaus Croisset aus die Welt bereist, Italien,

Griechenland gesehen, voll saftiger Lebenliebe. Er hat in Beduinendars

geschlafen, hat vor der Küste Tunis aus Ungeduld, Karthago zu sehen, kein

Auge geschlossen, ist in der Karawane auf dem Maultier nach Biserta

geritten, vierzehn Stunden im Sattel, auf Dromedaren durch die Wüste. Eine

große Schlange am Bein seines Pferdes hat er mit Peitschenhieben getötet.

Er konnte auch dies. Später haben die nächtlichen Fischer sein helles Haus,

wo er die Nächte schrieb, als Leuchtturm genommen, er hat darüber gelacht.

Auf seinem Tisch standen die besten Parfüms, seine Pflege war

außergewöhnlich wie seine Distanz. Dieser Mann da, der in Croisset bei

Rouen Unsterbliches schrieb, eine Wohnung in Paris hatte und gute Menus

zusammenstellte, war kein asketischer Schreiber, er war auch im Leben ein

Fürst von fast germanischem Einschlag in der Derbe und Ungeniertheit seiner

Haltung. Er schrieb seine Briefe nicht wie ein kleiner Autor, sondern wie

ein Kommandeur. Er hatte auch in seinem Leben die Größe des Anspruchs und

die Helligkeit der Geste, mit der er seinen Kampf um die Kunst kämpfte, der

lang und furchtbar war.

Darum überhaupt konnte er seinen Kampf um die letzten Territorien der Kunst

so unerbittlich führen, weil er ein Feldherr war und kein Franktireur, und

weil er dadurch so vieles zuzusetzen hatte. Denn die Jahrzehnte, die dieser

Mann als »Einsiedler von Croisset« in seinem Landhaus saß, Tag und Nacht

darum rang, dem festländischen Roman Europas das Gesicht der Schönheit und

den Wuchs des Siegers und die Seele voll Musik aber die Muskulatur eines

schlanken Athleten zu geben, diese Jahrzehnte, während deren er fast ohne

aufzustehn von dem Tisch, an dem er schrieb, aus dem Nichts heraus ein

unerhörtes Werk riß, tausendmal das Geschaffene verdammte und tausendmal

neu schuf, diese Jahrzehnte sind der heroischste Kampf, den ein großes

Leben und ein großes Werk führten.

Darum ist es so wichtig, zu sehen, daß nicht ein Schwärmer, nicht ein

Asket, ein Nervenkranker aus seinem Leiden die Maskerade eines Martyriums

schnitt, sondern daß ein Vollblut, ein Jäger, ein fester Globetrotter, ein

Ringkämpfer des Geistes seine Säfte überwand und eines Tages sein Leben von

den Dingen der Welt zurückzog und es auf die Kunst so fanatisch einstellte,

wie es nur ein voller Mensch kann.

Denn der Weg von Kraft und Blut zum Verzicht auf die geliebte Welt ist ein

verzweifelt viel weiterer und zackigerer als die Himmelfahrt, die impotente

Jünglinge und lendendürre Klepper der Künste vornehmen, in dem sie aus

ihren Gebrechen einen Vorzug machen. Dieser aber hob mit einem

schmerzhaften Lächeln sein Dasein weg von den Genüssen und Erlebnissen und

hetzte es der Kunst nach, daß die Fugen knirschten vor der Zähigkeit des

Willens.

Darum ward aber die seelische Elastizität seiner Kunst so groß, weil sein

Leben so gewaltig darin sich spiegelte. Der wundervollste Fall des

Widerspiels von Kunst und Leben hat hier eingesetzt und sich vollendet.

Flaubert ließ alles für die Arbeit, und nach den Reisen und Frauen gab es

nichts für ihn als die Beschäftigung mit der Kunst. Da trat das Menschliche

so tief und klar in seine Kunst hinein, daß der Gewalt des Geistes sich die

Stärke des Menschen hinzufügte. Dadurch ist ein Gegengewicht geschaffen

gegen seine tollsten geistigen Ausschweifungen. Denn man glaubt sie. Hinter

jeder, selbst der kühnsten literarischen Geste steht der Mensch Flaubert

und tut sie mit. Das gibt dem Werk das große Format.

Sein menschliches Beispiel mischt in das Buch die Macht der Überzeugung.

Was er aus Überfülle zurückhielt im Leben, floß ebenso voll in sein Werk.

Manchem seiner Nachahmer, wie dem Italer D'Annunzio und dem deutschen

Heinrich Mann glaubt man eine gewisse große Haltung des Künstlerischen

sowie des Geistes, aber es bleibt Literatur einen Schritt schon über die

papierne Grenze, und man glaubt an Beispielen und Menschlichem ihnen kein

Wort. Sie haben aus Schwäche sich in das zuckende Abenteuer der Kunst

geschleudert und sitzen vibrierend wie Rennfahrer an die Kunst geschmiedet,

und wenn sie loslassen, fallen sie zurück in die Dünne ihres menschlichen

Formats. Das Schwache und Hohle, das die krampfhafte und schmerzliche

Verhaltenheit ihrer Leidenschaften hat, kommt daher, daß keine gewaltigen

Menschen hinter dem Dichter stehen.

Aber bei diesem Flaubert, der nicht in die Kunst flüchtete, sondern der sie

wählte, indem er ein volles saftiges Leben dafür hinwarf und sein rotes

Blut hineinpumpte, ist die Weite des dichterischen Geistes tief erhellt von

der des Menschen. Wundervoller hat sich nie das Heldenhafte mit dem

Martyrischen gekreuzt, und nie hat Leben und Arbeit von verschiedenen

Seiten, indem es sich gleichwohl wie toll bekämpfte, eine solche Höhe der

Harmonie erreicht.

Flaubert liebte die Literatur wie ein Narr, aber er ist kein Literat. In

Rouen, von reichen Eltern geboren achtzehnhunderteinundzwanzig, schrieb er

siebzehnjährig: »Ich schreibe Werke, die nicht den Preis Monthyon erhalten

werden, und die zu lesen die Mutter ihrer Tochter nicht erlauben wird.« Er

hat sein Zeitalter gekannt und hat es an sich erfahren. Die Masse haßt

nichts so sehr, als den Anblick eines Überragenden, darum sind ihre Götter

gewöhnlich Subalterne, aber die echten Helden spüren jeweils, was es heißt,

ein stolzes Herz auf dieser Erde zu tragen.

Hamsun / Flaubert: Zwei Reden · 第 1 / 3 段