Aber nun erwachte in Leibl ein neues tiefes Gefühl, die Natursehnsucht

des künstlerischen Menschen. Er verließ München, wo zuletzt nur noch

die alten Bilder der Pinakothek seine Freunde gewesen waren, ging

aufs Land, wohnte unter Bauern in einfachster Lebensart. Und hier

gab er seiner impressionistischen Malform ein neues Ziel, eine große

Wendung: sie sollte fähig werden, aufs schärfste, treueste die ganze

Wirklichkeit der Gesichtswelt nachzugestalten. Bis dahin waren Leibls

Bilder geistreich und geisttief gewesen, jetzt sollten sie naturhaft

und naturtief werden. Hierfür gab er die Sehart des Impressionismus

durchaus nicht auf. Sein Mittel bleibt die feine, zartest abgestimmte

kleinste Farbenfläche, die malerische Eindrucksformel als Wiedergabe

eines kleinsten Eindrucksteiles. Sein Bild bleibt Erscheinungsfläche,

geschlossen einheitliche Ebene aus Farbtönen. Aber diese feinen,

luftigen Farbtönungen und der gesetzmäßige Zusammenbau der

Eindrucksformeln zum Bildfeld, das wird so verfeinert und gesteigert,

daß nun ein Stück Welt in seiner vollen Festigkeit, Fülle und Tiefe

darstellbar wird. Es entsteht jetzt der eigentliche _deutsche_

Impressionismus. Wie in französischer Freilichtmalerei ist alle

zeichnerische Darstellungsart auch bei Leibl streng ausgeschlossen,

alle Linienarbeit, mittels deren man wohl leicht Körper- und Raumtiefe

erfassen kann, aber dadurch die Einheit des Farbenlebens verfehlt. Alle

Körperlichkeit und Raumheit, aller Eindruck von Stofflichkeiten soll

im Impressionismus ganz rein als Ergebnis der Farbenzusammenhänge da

sein; denn die Sehwelt ist hier als Farbe und nur als Farbe begriffen.

Es war eine unsäglich schwere Aufgabe, die Leibl sich so stellte.

Fernstes wollte er verbinden, zusammenzwingen: höchste Geistigkeit

der reinen Farbenanschauung, geistigstes Gesetz der Farbe an sich

und die naturhafte Tiefe und Gewalt der Wirklichkeit. Daß Leibl in

ungeheurem Ringen mit der Last dieser Aufgabe sie löste, macht ihn zu

einer der großen Gestalten der Kunst. Etwas Hohes ist hier geschaffen:

die Wiedergeburt der Wirklichkeit aus dem Geist der Farbe. Den großen

Geistern der germanischen Malkunst gesellt sich Wilhelm Leibl mit den

Schöpfungen seines persönlichen Stils, den Jan van Eyck, Bruegel,

Brouwer und Vermeer erscheint er nun verwandt, die alle das Tiefste

wollten: in Farben das Vollwirkliche fühlen lassen.

Schritt um Schritt hat Leibl sein Ziel erreicht, jeder Schritt eine

große Schöpfung. Das wundervolle Bild von 1874, „Dachauer Bäuerinnen“,

in der Berliner Nationalgalerie hat noch weiche hauchige, lockere

Flächen, aber schon eine neue Festigkeit der Gestalten, eine scharfe

Klarheit des Flächengefüges, ein sicheres Gleichgewicht der Massen

und Farben. Man fühlt förmlich das Schweben und Widerschweben der

feinen Gewichte der Farbabtönungen, die den Bau des Bildes zur

Harmonie stimmen. Im Fortgang seines Schaffens sucht der Künstler nun

den Farbenflächen vollste Festigkeit, letzte Klarheit zu geben. Das

ist erreicht im Bildnis des jungen Baron Perfall von 1876 (Berlin,

Nationalgalerie). Hier steht die Gestalt als Aufbau der lufthaften

Töne der Jägerkleidung und der gebräunten Glieder fest und klar im

freien Raum. Wie dann der Seespiegel und der Himmelsgrund luftblaß

durch das Zweigegitterwerk der jungen Triebe am alten Weidenstock

über dem See hindurchschimmern, wie die Seeufer drüben flach, weich

im Wasserduft liegen, das ist Malerei des Wirklichen in diesem

neuen Geist. Das alles noch einmal angespannt und verschärft bringt

das Bild der „Dorfpolitiker“ von 1877 (Berlin, Sammlung Arnhold).

Sicherste Darstellung der Menschen als individueller Charaktere

ist hier vereint mit lichtscharfer, farbenklarer Malart. Aber

die Genauigkeit der malerischen Form ist hier fast bis zur Härte

getrieben. Das eingehende Studium der einzelnen Bauerngesichter,

wie sie eine Amtsverfügung bereden, hatte Züge des Anekdotischen

in das Bild gebracht. Die zauberhafte malerische Schönheit der

„Dachauer Bäuerinnen“ von 1874 war hier allzuweit ferngedrängt. So

ging Leibl daran, alles, was er an Darstellungsmitteln errungen

hatte, in einer großen Schöpfung zu vereinigen. Dies Werk ist das

Bild der „Bäuerinnen in der Kirche“ in der Kunsthalle zu Hamburg,

das in Berbling von 1878 bis 1881 in vier Sommern entstand. Hier

gipfelt Leibls Schaffen. Nicht so, daß die einzelnen Schönheitswerte

der übrigen Bilder überboten würden. „Die Raucherin von 1870“, die

„Tischgesellschaft“, die „Dachauer Bäuerinnen“, viele Einzelbildnisse

-- ihre Schönheit ist in sich vollendet und unüberbietbar. Was dem

Kirchenbild seine einzigartige Bedeutung gibt, ist die hier voll und

endgültig erreichte Wirklichkeitsnachschaffung in den höchsten Mitteln

malerischer Form. Diese drei Weiber sind vor uns, als ob wir ihnen ins

Auge blickten. Wir fühlen ihre Seele, die harte, verstandesscharfe

Art der Bäuerin, deren Andacht Wille und starre Bewußtheit ist, die

eifrige, betuliche, etwas zittrige Betfrömmigkeit der betenden Alten,

die gleichgültige, nüchterne, leere Gelassenheit des jungen Mädchens.

Und Wunder des Pinsels, Erstaunung jedes Malers und Laien sind

die Stoffe der Kleider, die gestickten Blumen auf dem Schultertuch

des Mädchens, das geschnitzte Muschelwerk des braunen, bestaubten

Holzgestühls, die Holzmasern des vom Knien im Gebet abgeschliffenen

Brettes der Kirchenbank. Das alles miteinander macht, daß wir hier

nicht wie vor Malerei, sondern wie vor Dingen selbst empfinden, so

sehr ist Malerei hier geistige Wiederschöpfung des Seheindrucks

geworden, Impressionismus, Eindrucksdarstellung in einem letzten,

tiefsten Sinne. Solche Erzeugung des vollsten Wirklichkeitsscheines

konnte nur als Endergebnis strengster malerischer Eindruckswiedergabe

gelingen. Nur ein Meister impressionistischer Malart, der die innerste

Tonfeinheit, Tonrichtigkeit nachzugestalten verstand, der in der Arbeit

von Jahrzehnten die Handhabung der zartesten Farbtonmittel gelernt

hatte, eben nur Leibl, der Schöpfer des deutschen Impressionismus,

konnte derart reine Farbenbewegungen, gesetzmäßigen Farbenaufbau

in den Dienst der unbedingten Sehwahrheit führen. Es gibt Maler

und Laien, die meinen, solche Sehwahrheit sei lediglich Fleiß und

peinliche Naturtreue. Kein Irrtum kann größer sein. Nur die restlose

Durchführung der impressionistischen Tonmalerei hat diese letzte

malerische Sachwahrheit möglich gemacht. Leibls Weg ist hier am Ziel.

Der Impressionismus als künstlerischer Schaffensgedanke war hier ganz

deutsch geworden und hatte sich als tiefste Erfüllung vollendet.

In der Tat hatten Leibls Werk und Weg hier zunächst einen Abschluß.

Eine solche Sehwirklichkeit noch einmal und immer wieder zu bringen,

hätte keinen Sinn gehabt. Es wäre nur ein anderer Stoff zur Darstellung

gelangt. Leibl hat es versucht, hat statt der Bäuerinnen Gemsjäger

gemalt. Das Bild ist mißlungen, Leibl hat es darum zerschnitten.

Es gab keine Steigerung dieser Form, kein Weiter auf dieser Bahn.

Leibl ist darum in diesen achtziger Jahren tief erkrankt und lange

schaffensunfähig gewesen. Erst im neuen Jahrzehnt ist ihm wieder

Schönes gelungen, aber Schönes einer ganz anderen Art. Er kehrte zur

Anschauung seiner Anfänge zurück, und es entstanden rembrandtisch

zauberhafte Einzelheiten in Bildern bayrischer Bauernmädchen,

Brustschmuckstücke, in geistiges Glanzspiel entrückt, ein buntes

Brusttuch, in reine Farbenmelodien zerlöst. Das sind Herrlichkeiten,

aber der große Leibl-Stil, das war seine malerische Eroberung der

naturhaften Wirklichkeit. Damit hatte Leibl die uralte, tiefe Sehnsucht

der deutschen Seele in der Kunst, daß sie ganz eins werde mit dem

Geheimnis der Schöpfung, einmal wieder erfüllt. Darum, daß er das

errang, wird Wilhelm Leibl immer die deutsche Liebe haben.

_Wilhelm Niemeyer._

Netzflickerinnen

Von Max Liebermann

Geboren 29. Juli 1849 in Berlin. -- Kunsthalle in Hamburg

Bild 38

Alle Maler von Bedeutung, die von der Mitte des neunzehnten

Jahrhunderts an erstanden sind, haben einen Zug gemeinsam. Die

entscheidende Tatsache ihres Lebens ist immer der Schritt aus dem

Atelier in die Welt gewesen. Dann haben sich ihre Wege weit getrennt

und trennen müssen, weil jeder Künstler, von dem zu sprechen lohnt,

seine eigenen Augen hat und selbstverständlich ein eigenes Temperament,

das ihre Blicke leitet, und die Welt ist unendlich weit und

mannigfaltig. Das hatten die Menschen in der Zeit der Ateliermalerei

vergessen, und so war sie jetzt neu zu entdecken: für scharfe Augen als

Wirklichkeit, für sanfte Seelen als Stimmung, für Träumer als Mittel,

ihren inneren Gesichten Gegenwart zu geben. Es war eine Zeit der

Entdeckungen, der Bereicherung. Und es war auch eine Zeit des Kampfes.

Denn die Menschen hatten aus der Ateliermalerei sehr bestimmte Ideen

über Schön und Häßlich und nannten alles häßlich, was anders war als

die Bilder, an die sie gewöhnt waren.

In Deutschland war der stärkste Maler Max Liebermann. Er war in Berlin

geboren und hatte von Natur den tiefen Respekt vor der Wirklichkeit,

der hier zu Hause ist und auf den alle Vorzüge und die Grenzen dieses

besonderen Menschentums zurückzuführen sind. Denselben Respekt, auf

dem die Kunst aller hier wirklich einheimischen Meister beruht: des

Bildhauers Schadow, des Baumeisters Schinkel, des Malers Menzel.

Auf den Maler mußte natürlich der Maler besonders stark wirken. Und

Liebermann wußte das Genie Menzel zu schätzen, als man in Berlin im

allgemeinen in ihm noch einen durch seine Kleinheit und Grobheit

kuriosen alten Malprofessor sah, dessen Bilder deshalb sehr bedeutend

seien, weil man sie mit der Lupe ansehen könne. Menzel war in

Wirklichkeit der erste Maler des neunzehnten Jahrhunderts, der seine

Kunst ganz aus sich selbst und seiner Umwelt entwickelt hatte, zu

einer Zeit, als noch alles das eigene Leben als unkünstlerisch floh.

Liebermann sah den Grundzug dieser großen Kunst und wurde durch sie in

seinem Wesen bestärkt.

Aber er war, durch Blut und Jugend, ein ganz verschiedenes Temperament.

Es gibt einen besonderen Blick, den man den Malerblick nennt. Er

ist die Folge der Gewohnheit scharfen Sehens und bringt über der

Nasenwurzel eine tiefe Falte hervor, die man die Malerfalte nennen

könnte. Bei Menzel ist dieser Blick bohrend, bei Liebermann rasch und

nervös. Der Unterschied der Naturen wird hier sinnfällig. Menzels

Absicht ist, Ruhendes festzuhalten, Liebermann will die flüchtige

Bewegung des Augenblicks aus der Wirklichkeit herausreißen.

Ein anderer Unterschied trennte den jungen Liebermann wenigstens

von dem alten Menzel. Er stand anders zu Licht und Farbe. Die viel

stärkere Empfindlichkeit für diese Elemente teilte er mit dem jüngeren

Geschlecht aller europäischen Maler. Und wie sie alle lockte ihn auch

hier die Bewegtheit, das in jedem Augenblicke wechselnde Spiel, die

Stimmung, die, kaum empfunden, schon wieder vorüber ist, aber ebenso

wie die Bewegung des Menschen nur durch den schnellsten und schärfsten

Blick aus der Wirklichkeit herausgerissen werden kann. Die Arbeit eines

solchen Malers hat etwas von dem Schießen und Treffen des Jägers.

Wie dieser muß auch der Maler erst ein lohnendes Ziel aufspüren

und braucht ein Revier, in dem es viele gibt. Dieses Revier fand

Liebermann in Holland, wo der eingeborene Josef Israels das besondere

Licht, aus dem einstmals Rembrandts Kunst entstanden war, wieder

entdeckt hatte. Dieses Land wurde seine Wahlheimat. Nicht nur durch

seine Atmosphäre. Es ist noch so viel ursprüngliches, heimliches

Leben erhalten, es ist in seinen Wohn- und Arbeitsstätten noch wenig

von der trostlosen Gleichförmigkeit berührt, die das moderne Leben

den Künstlern so verhaßt gemacht hat. Gewiß ist auch in entlegenen

deutschen Landschaften noch dergleichen zu finden, aber nirgends so

rein und in solcher Fülle und mit diesem Beharren des Volkes bei

alter Tracht. Die Menschen, die in dieser Welt geboren sind, sehen

das als Alltag; auch ein Israels fand die Fischer von Zandvoort doch

eigentlich erst kunstfähig durch ihr Schicksal, nicht schon durch ihre

Erscheinung. Erst für das Auge des Fremden wird es etwas Besonderes,

an Reizen Reiches, er kann Tage und Wochen unermüdet durch diese alten

Städte und Dörfer wandern. Selbst wenn er nicht fein genug sieht, um

das Weben und Wechseln des Lichtes zu genießen. Für ein Entdeckerauge,

wie es die Natur Liebermann verliehen hat, verzehnfachte sich der

Reiz. Er fand Stoffe auf Schritt und Tritt, ganz Neues, nie Gesehenes.

Durch eine schattige Straße -- Niederland ist wie England ein Land der

schönen Bäume -- kommen Mädchen mit ihren weißen Hauben und roten

Schürzen daher, im Schatten, von Sonnenpfeilen mit Lichtern befleckt.

Unter den Bäumen der Reeperbahn schreitet der Seiler rückwärts und

zieht sein Tau. In einer niedrigen Scheune wird auf alte Art Flachs

gesponnen: an der Fensterscheibe sitzen alte Frauen und drehen mit

gleichförmiger Bewegung die Räder, große Mädchen tragen, rückwärts

gehend, die blonden Wocken; sie sind blau gekleidet und weiß behaubt.

In den Hoofjes, Gartenhöfen mit kleinen Häuschen, leben alte Männer

und Frauen ein behagliches Spittlerleben, in eigener dunkler Tracht

zwischen bunten Blumen und unter schattigen Laubgängen. Vor dem

stattlichen alten Waisenhaus aus rotem Backstein tummeln sich die

Amsterdamer Waisenmädchen in ihren merkwürdigen Kleidern, die nach

mittelalterlicher Art geteilt sind, rechts schwarz, links rot. Und

alles das von der feinen Hülle sanften Lichtes umschlossen, das die

Erscheinungen zugleich bewegt und harmonisch macht.

Es ist richtig, daß Liebermann den holländischen Malern, einem Israels,

einem Mauve viel verdankt. Sie haben ihm zu den ersten Ausdrucksmitteln

geholfen. Aber keiner von ihnen hat gesehen, was er sah, hat so

gesehen, wie er sah. Und keiner brauchte für seine ruhigen Erlebnisse

die Mittel, deren sein zugreifendes Temperament bedurfte, und die er

allein finden konnte und gefunden hat. Als Liebermann einmal in Laren

malte, kam der holländische Zeichner und Schriftsteller Jan Veth zu ihm

und sagte dem Fremden: „Hier ist etwas; das können nur Sie malen.“ Er

zeigte ihm dann die Flachsscheuer, die dem Künstler das berühmte Bild

der Nationalgalerie gab. Man könnte dasselbe von allen holländischen

Bildern Liebermanns mit Ausnahme der allerersten sagen.

Man kann dafür kein stärker beweisendes Beispiel geben als die

Netzflickerinnen. Weiter, flacher Strand an grauem Tag. Vom Meere her

geht ein scharfer Wind. Man spürt seine Nähe, schmeckt die salzige Luft

und ihre Frische. Weithin sind über den Plan Netze gebreitet. Frauen in

der Tracht des Landes sind bei ihnen beschäftigt, spreiten sie gebückt

aus, ziehen kniend den Faden durch die Nadel, bessern hockend die

zerrissenen Maschen aus. Und diese Landschaft mit ihren mannigfaltig

bewegten Figuren bildet den Hintergrund, von dem sich die große Gestalt

vorne klar abhebt: eine junge Frau, die mit ihren Netzen herankommt,

und deren Haar und Kleider die starke Brise bewegt.

Nur ein ganz stumpfer Blick kann hier von Naturalismus, das bedeutet

etwa: ungestalteter Abschilderung einer Wirklichkeit, sprechen. Es ist

dabei gleichgültig, ob diese Wirklichkeit überhaupt einmal existiert

hat, was ganz unwahrscheinlich ist. Selbst wenn sie existiert hätte,

ließe sie sich nicht abmalen, weil ja die Gestalten nicht in Ruhe,

sondern in Bewegung sind. Aber es ist gar keine Zufälligkeit in dem

Bilde. Alle diese Gestalten sind bewußt verteilt zu einer bestimmten

rhythmischen Bewegung, ganz so verteilt, daß die kleinen Gestalten in

einer festen Beziehung zu der Hauptfigur stehen, ihre Bewegung betonen

und ihren klaren Umriß nicht beeinträchtigen.

Die Natürlichkeit ist nicht die billige, die der Zufall gibt, sondern

die künstlerische, die aus vollkommener Herrschaft über die Erscheinung

folgt. Es ist unter den Figuren keine, die man stellen kann. Sie sind

nicht auf den Beschauer gerichtet, sie stehen und gehen unbelauscht

für sich. Sie sind der Wirklichkeit, dem Moment abgestohlen. Und weil

sie so dem Maler ganz gehören, weil er nicht diese zehn oder zwanzig

Stellungen abgezeichnet hat, sondern Hunderte sich zu eigen gemacht,

deshalb kann er sie in das Bild stellen, wie das Bild sie braucht. Und

deshalb ist jede Figur voller Ausdruck, neu und überraschend. Was für

eine Vielbewegtheit ist in der Frau des Vordergrundes, die schreitet

und trägt und sich gegen den Wind zu behaupten hat!

Diese Gestalt ist der allerechteste Liebermann, Fund eines Auges, das

auf nie gesehene, auf ganz besondere Bewegungen jagt, auf solche, die

nicht gestellt werden können, deren Umriß man kaum notieren, die man

schließlich nur aus der Erinnerung des Gefühles gestalten kann. Es war

die merkwürdige Antwort der Menschen, daß sie, wenn er ihnen einen

solchen Fund, seine Schönheit gab, behaupteten, er suche das Häßliche.

Aber das Bild ist nicht nur Fügung von Figuren. Es ist mehr, ein

Ganzes auch durch die Stimmung, durch Licht und Ton. Und auch diese

sind nicht von außen faßbar, so daß man etwa die Entstehung durch ein

Zusammenarbeiten von Landschafts- und Figurenstudien erklären könnte,

wie es die ältere Malerei trieb. Nein, das Erlebnis eines Augenblickes

hat den Anstoß gegeben, und die Tat des Malers ist, es nach vielen

Beobachtungen und langer Arbeit so gestaltet zu haben, daß seine ganze

Kraft sich mitteilt.

Nach langen Lehrjahren in Holland ist Liebermann zu dem Meister

geworden, der keinen besonderen Stoff mehr zu suchen braucht, dem Welt

und Menschen überall solchen Stoff gaben, weil er sie mit ganz eigenen

Augen ansieht.

_Fritz Stahl._

Der Frühling

Von Ferdinand Hodler

Geboren 14. März 1853 in Bern, gestorben 19. Mai 1918 in Genf. --

Folkwang-Museum in Hagen (Westfalen)

Bild 39

Da schaut nur die zwei seligen jungen Menschen! Trunkenheit, süße

Lenztrunkenheit durchrieselt ihre Glieder, und vom Wunder des

Neuerwachens, in ihnen selbst und in der Natur, sind sie wie in

Seligkeit entrückt. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht; sie fühlen

nur den geheimnisvollen Rausch, der wie eine lohende Flamme jählings

sie durchbraust...

Stolz und tatbegierig, aus dumpfem Faulenzen, richtet der Knabe zu

halb hockender Stellung sich empor. Wie Schlummerhauch ist etwas von

ihm niedergeglitten, ein Strom junger, neuer Kraft perlt durch seine

Adern. Halb bewußtlos träumt er hinaus ins Weite, der Umgebung nicht

achtend. Er sieht auch nicht -- in diesem Augenblick nicht! -- das ganz

verzückte junge Mädel, das gleich ihm plötzlich, wie aufgeschreckt,

vom Boden emporfährt; dann tiefbetroffen innehält, wie durchbohrt vom

Anblicke der männlichen jungen Schönheit, die im Knaben sich darbeut.

Sie hat vielleicht eben noch ahnungslos neben ihm gelagert und harmlos

mit ihm geplaudert, „halb Kinderspiele, halb Gott im Herz“. Da traf

sie beide der erste heiße Strahl der erwachenden Frühlingssonne -- und

damit war es um sie geschehen!

Ist es Liebe, was sie so mit Riesen- und Rätselmacht durchweht und

durchsickert? Ach, beide haben bis dahin von Liebe noch nichts gewußt

und geahnt! Unschuldige Spielkameraden, haben sie miteinander verkehrt,

bekleidet oder unbekleidet -- was kam darauf an?

Er, der Bub, weiß auch jetzt noch nichts anderes. Was kümmert ihn

Liebe? was kümmert ihn das Mädel? Aber das Leben spürt er plötzlich,

das große, unermeßliche, das wie eine lockende Rennbahn vor ihm liegt,

mit fernher blitzender Zielsäule. In dieses Leben will er sich stürzen,

abenteuergierig, erobererfreudig! Kraftgeschwellt sind seine Glieder

und stählern und sturmpochend ist sein Herz. O Leben, o Wonne! O Kampf,

o Sieg! Schier zerspringen wollen ihm Herz und Adern, doch dumpf und

wie verfangen bannt ihn noch träumerischer Sinn.

Aber in dem Mädel quirlt und fiebert alles empor. Der Pfeil sitzt in

ihrem Blute, der Pfeil des tückischen Liebesgottes. Sie fragt nicht

nach dem Leben, das draußen liegen mag in weiter Ferne. Sie fühlt

nur die Nähe des Einzigen, des Geliebten -- o des Angebeteten, der

neben ihr sich emporrichtet wie ein junger Gott! Und all ihr Sein,

das fühlt sie in schmerzlich-süßer Erleuchtung, gehört von dieser

Sekunde ab nur ihm -- zu dem es sie hindrängt in heißer Wonne, und von

dem es sie fernhält, wie in fassungsloser Andacht! Beten möchte sie,

weinen, jubeln, hinausschreien -- und gleichzeitig ganz stille sein

oder nur leise-bebend und dumpf vor sich hin stammeln! Liebe, Liebe,

einzige Himmelsmacht! Und Frühling, Frühling, der sie in uns weckt und

entzündet!

-- -- Doch können arme Worte, niedergeschrieben auf Papier,

wiedergeben, was an mächtigem und zartgestuftem Gefühlsinhalt die

Kunst des Malers in Formen und Farben so viel bezwingender ausgedrückt

hat? Nur leise, bescheiden hindeuten können sie auf das, was stumm und

gewaltig das Bild in sich birgt, das ein großer neurer Meister aus

der Tiefe seiner Schöpferkraft als ein innerstes Erlebnis herausgeholt

hat. Wie muß er die Macht und Wunderkraft des Frühlings in und um

sich gespürt haben, um sie in solch herrlich erfaßtem und ausgebautem

Sinnbild uns zu künden! Seht nur, wie er das getan hat! Die beiden

Figuren des Knaben und des Mädchens, nehmen fast das ganze Bild ein.

Getrennt voneinander, ohne sich zu berühren, sind sie nebeneinander

hingesetzt, jedes ganz erfüllt von seiner gärenden und treibenden

Gefühlswelt. So tritt jede Einzelgestalt voll und plastisch heraus

und beide sind widereinander aufs abgewogenste abgesetzt. Das in

sich gekrümmte Mädchen, im Profil gesehen und hitzig bewegt, nimmt

auf der linken Hälfte des Bildes für sich einen kleineren Raum ein

als der Knabe auf der rechten, der, in gerader Haltung, mit seinem

steil aufgerichteten Kopfe schier den oberen Bildrand zu durchstoßen

droht und hierdurch das Jähe, Impulsive, das ihn bewegt, auch formal

vortrefflich zum Ausdruck bringt. Nackt ist dieser Knabe, während

das Mädchen um den Leib ein lichtblaues Hemdkleid trägt. Und die

rosig-braune Hautfarbe des Knaben, die am Hals und Oberarm grünliche

Schatten wirft, kontrastiert sehr wirksam mit dem Gewande des Mädchens

und dessen heller getönter Hautfärbung. Rings um sie her aber ist der

Frühling erblüht in einer wogenden Fülle gelber Primeln, die brünstig

und üppig aus spärlicher grüner Grasnarbe hervorquellen. Nach oben zu

gewahrt man ein Stückchen graugelber Sandfläche, darüber einen ganz

schmalen Streifen dumpfblauen Himmels; die schließen das Bild über den

beiden Figuren kurz ab. Es ist kein sehr großes Bild; aber es birgt

in sich eine wahre Pracht an malerischer Eingebung und poetischer

Durchgeistigung.

Der Maler dieses Bildes ist Ferdinand Hodler, ein Schweizer Meister,

der am 14. März 1853 in Bern geboren und am 19. Mai 1918 in Genf

gestorben ist. Sein Vater war ein Schreinergeselle, ein Bauernsohn

aus dem nahe gelegenen Gurzelen, seine Mutter, ehemals Jungfer

Neukomm, eine Köchin aus einem Strafgefangenenhaus. Der Vater war

ernst und schweigsam und starb, als der Sohn fünf Jahre zählte, an

der Schwindsucht. Die Mutter war redselig und heiter, schlug sich als

Witwe tapfer durchs Leben, überdauerte indes ihren Gatten um nicht

mehr als acht oder neun Jahre. Nach der Mutter Tod trat der Sohn, ein

kaum vierzehnjähriges Bürschlein, in Thun beim Maler Sommer in die

Lehre und lernte „Erinnerungslandschaften“, d. i. Andenkenbilder für

Fremde und Touristen, malen. Mit vielerlei Sorgen ums tägliche Brot

fristete der junge Mensch sein Dasein, lernte ganz brav, bekam aber

von den höheren Zielen der Kunst kaum etwas zu hören. Erst als er mit

neunzehn Jahren nach Genf kam und dann an der dortigen Kunstschule

bei dem ausgezeichneten Lehrmeister Barthélemy Menn fünf Jahre lang

in Unterweisung trat, öffneten sich ihm allmählich die Augen, und

er ward seiner künstlerischen Sendung inne. In Genf erlernte Hodler

auch das Französische; wie sein Biograph C. A. Loosli berichtet, bei

dem Musiker Henri Giroud. Bis dahin beherrschte er, der von Eltern

des deutschen Volksschlages Abstammende, lediglich deren Sprache, d. h.

kaum ein reines Hochdeutsch als vielmehr das sogenannte „Berner

Ditsch“. Wenn daher Hodler, der in Genf ansässig blieb, später im

Verkehr und in Briefen sich überwiegend der französischen Sprache

bediente, so geschah das, weil er diese in korrekterer Weise gelernt

hatte und überdies täglich um sich her vernahm. Diese Sprache war ihm

die bequemere geworden, sie gilt überdies in seinem engeren Vaterlande,

der Schweiz, ebenso als Volks- und Staatssprache wie das Deutsche und

das Italienische. Mit der französischen Kunst aber, besonders mit der

beherrschenden des 19. Jahrhunderts, dem Impressionismus, hat Hodler

kaum irgendwelche Berührungspunkte und fast mehr im gegensätzlichen

als im gleichfühlenden Sinne. Was „romanisch“ an seiner Kunstsprache

anmutet, geht auf italienische Maler der Frührenaissance, wie Luca

Signorelli und Andrea Mantegna, ferner wohl auf die Nachwirkungen eines

einjährigen Aufenthalts in Spanien zurück. Im übrigen nennt er selbst

als die Meister, an denen er sich vorzugsweise emporgebildet hat:

Dürer, Holbein und Rembrandt.

Gemälde und ihre Meister · 第 23 / 25 段