Die Augen der Zuhörer sind mit Spannung auf den Vortragenden gerichtet.

Sie lesen ihm die Worte vom Munde ab. Unter den auf der Marmorbank

sitzenden lauscht eine schöne Tänzerin mit besonderer Aufmerksamkeit.

Das Instrument, ein Tamburin, mit dem sie beim Tanzen den Takt schlägt,

hat sie in der Linken. Ihre Rechte hält die Hand eines der Musikanten,

der ihr zur Seite auf dem Fußboden Platz genommen hat. Neben ihm steht

seine Kithara. Mit diesem Instrument begleiteten Sänger und Dichter

die Vorträge ihrer Werke. Es wurde aber auch als Solo-Instrument

gespielt. Häufig war eine solche Kithara reich verziert. Auch die auf

unserem Bilde gezeigte ist durch Ornamente vielfältig geschmückt. Die

Gestalt eines vornehmen Pompejaners schließt das Bild nach links hin

ab. Sein Obergewand, die Toga, zeigt reichen Faltenwurf, darunter sehen

wir die Tunika oder das Untergewand. An dem Faltenwurf der Kleider

erkennen wir, daß der Vornehme in kostbare Stoffe gehüllt ist. Im

Vordergrunde, dem Vortragenden gegenüber, liegt eine andere Gestalt,

die zum Unterschiede der übrigen dargestellten Personen ganz schmucklos

nur mit einem Felle um Brust und Lenden bekleidet ist. Offenbar ein

Barbar, der vielleicht zum ersten Male den Werken des Dichters Homer

lauscht. Alma-Tadêma hat diesen Barbaren möglicherweise deshalb in den

Vordergrund gelegt, um dadurch anzudeuten, daß die Macht, die von dem

Geiste der Kunst ausstrahlt, viel stärker ist als alle anderen Kräfte,

und daß keiner ihr widerstehen kann.

Das Bild gibt einen Ausschnitt aus dem Leben der Völker des Altertums,

es soll eine zufällige Begebenheit wirklichkeitsgetreu darstellen.

Diese Wirkung will der Künstler dadurch erreichen, daß er nur einen

Abschnitt des ganzen Raumes zeigt.

Alma-Tadêma hat eine große Anzahl solcher Bilder gemalt, die uns das

tägliche Leben der Völker des Altertums veranschaulichen sollen. Da

sehen wir, wie ein Kaiser der Römer zu einem Töpfer geht, oder wir

wohnen dem Feste der Weinlese im alten Rom bei, oder betrachten die

Arbeit eines Künstlers an den Tempeln der Griechen, eine Unterhaltung

der Ägypter vor dreitausend Jahren, eine Audienz bei einem römischen

Kaiser und anderes mehr. Es kam dem Künstler bei seinem Schaffen

offenbar darauf an, die Gegenstände und Personen möglichst so

darzustellen, daß sie lebendig wirkten. Wenn er z. B. Marmor malte,

sollte das Auge wirklich Marmor empfinden, ebenso Stoffe und Bronzen.

Durch diese Farbengebung erreichte er am ehesten, daß seine Bilder

lebensvoll die Begebenheiten aus dem Alltagsleben der Völker des

Altertums veranschaulichen. Es war Alma-Tadêma möglich, die Bilder

so zu malen, denn er war in den Ländern des Altertums viel gereist

und hatte mit größtem Eifer die Reste der antiken Kunst studiert. In

London ließ er sich dann ein Haus bauen, das einem altrömischen Hause

getreu nachgebildet war. In dem Hause des Künstlers befanden sich alle

Einrichtungen der alten Pompejaner. Und nun malte der Künstler sein

eigenes Haus in London, hüllte die Gestalten, die er darstellen wollte,

in antike Gewänder und konnte dem Beschauer auf diese Weise ein Bild

vom Leben und Treiben der klassischen Völker schaffen.

Lourens Tadêma -- so heißt der Künstler eigentlich nur -- ist im

Jahre 1836 in Dronryp geboren. Er ist demnach Holländer. Schon auf

dem Gymnasium studierte er die alten Klassiker mit besonderem Eifer.

Mit sechzehn Jahren bezog er die Akademie in Antwerpen und lernte von

seinem Lehrer Leys vieles, was ihm später bei seiner Beschäftigung

mit der Antike nützlich wurde. Lourens Tadêma war, wie uns erzählt

wird, ein sehr ehrgeiziger, fast eitler Mann; er setzte deshalb seinem

Namen noch „Alma“ vor, um in den Katalogen als Erster genannt zu

werden. Schon sein erstes Bild „Die Erziehung der Söhne Chlothildens,

der Gemahlin Chlodwigs“, erregte viel Aufsehen. Im Jahre 1899 wurde

Alma-Tadêma baronisiert. Damit war auch sein Ehrgeiz äußerlich

befriedigt. Leider ist sein Haus mit dem Atelier und einem großen Teil

seiner Werke durch eine Feuersbrunst zerstört worden.

Die Begeisterung der Maler für die Kunst des Altertums war zu Beginn

des vergangenen Jahrhunderts so groß, daß eine Zeitlang nur noch Werke

Beachtung fanden, die dem Geiste des Altertums ganz entsprachen. Man

nannte diese Künstler Klassizisten. Spuren dieser klassizistischen

Richtung finden wir auch in Berlin in der Nähe des Schlosses, im

Lustgarten oder Unter den Linden. Da sehen wir Bauwerke, die an

griechische Vorbilder erinnern, z. B. das Alte Museum, das Opernhaus,

die Schloßwache oder das Brandenburger Tor. Die ganze Bewegung, die den

Geist des Altertums neu aufleben ließ, war gleichzeitig in Deutschland,

Frankreich und England zu finden. Zeitgenossen von Alma-Tadêma sind die

englischen Maler Leighton und Pointer. So stellt Pointers bestes Bild

beispielsweise einen Besuch bei einem griechischen Arzte dar. Tadêmas

Gemälde unterscheiden sich von den Werken dieser Künstler dadurch, daß

sie in ihrem Aufbau nicht so geschlossen sind und mehr den Charakter

zufälliger Szenen, also wirklicher Augenblicksbilder aus dem Leben der

Alten tragen. Alma-Tadêma malte klassische Stoffe mit der Absicht,

sie möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen. Das unterscheidet ihn

von den Klassizisten, denen es in erster Linie auf eine geschlossene

harmonische Bildwirkung ankam. Doch kann man Tadêma wegen der Auswahl

seiner Stoffe nicht zu den Realisten rechnen, die nur die Wirklichkeit

darstellen wollen. Er ist ein Nachklassizist, ein Künstler, in dem sich

zwei Strömungen kreuzen.

_Willy Manig._

Im Herbst

Von Johann Christian Kröner

Geboren 3. Februar 1838 in Rinteln, gestorben 16. Oktober 1911 in

Düsseldorf. -- Gemäldegalerie in Dresden

Bild 35

An einem wunderschönen Herbstmorgen war es, der Nebel hatte sich

verzogen, die Sonne glitzerte im feuchten Grase, da wanderte ein junger

Mann frohgemut durchs Waldgebirge. Er war groß und schlank, trug

einen grau-grünen Joppenanzug, den derben Wanderstock in der Hand,

und aus seiner Rocktasche lugte etwas von der grauen Leinwand eines

Skizzenbuches hervor. Langsam stieg er aufwärts und hielt Umschau,

manchmal blieb er stehen, um tief aufzuatmen. Der Zauber des deutschen

Waldes hatte ihn ergriffen. Feierlich ernst standen die alten Tannen

da, die schon soviel Leben gesehen hatten, Menschen und Getier,

Blumen und Gräser -- das alles war gekommen und gegangen, die Bäume

hatten es überdauert. Sie mochten nun bald ihre hundert Jahre auf

derselben Stelle stehen. Freilich, auch ihre Zeit war binnen kurzem

vorüber, die Axt hieb sie nieder, sie gingen hinaus, um menschlichen

Zwecken dienstbar gemacht zu werden, und neues Leben siedelte sich

dann dort an, wo jetzt noch die tiefen Schauer des Hochwaldes den

Wanderer umfingen. Ein geheimnisvolles Dunkel lag zwischen den Stämmen.

Dort rauschte das Wasser hernieder zwischen Gestein und allerlei

Kräutern. Hie und da flog ein Vöglein vom Bache auf, eine Meise oder

eine Bachstelze. Ein Raubvogel strich langsam von einer Tanne ab

und verschwand im Dickicht. -- Der junge Mann kam auf die Höhe des

Gebirgskammes, stand auf einer Halde und blickte tief hinein auf

waldige Hänge, die in blaugrauem Dunste dalagen, und sah weit hinüber

auf immer neue Gebirgsbildungen und grüne Täler.

Da -- was war das? Ein Schrei, laut und fast schrecklich, ein tiefes

Orgeln, drang ihm ins Ohr. War es ein Mensch, der dort in tiefer Angst

um Hilfe rief? Oder war es der Schrei eines Tieres? Es wiederholte sich

mehrmals. Der junge Mann blieb stehen und lauschte. Er wußte: es war

der brünstige Schrei des Edelhirsches, des Königs dieser Wälder.

So wie an diesem Tage ist der Wanderer gar manches Mal in seiner

Jugend und in seinem Mannesalter durch den Wald gegangen. Er ist

Maler geworden, einer der bedeutendsten und bekanntesten, sein Name:

Christian Kröner. Immer wieder hat er Wald und Wild zum Gegenstande

seines Schaffens gemacht. Früh schon hat er gezeichnet und gemalt und

auch in jungen Jahren schon die Freuden der Jagd kennengelernt, in

seiner hessischen Heimat, wo er in Rinteln am 3. Februar 1838 geboren

wurde. Im dortigen Revier des Herrn von Münchhausen hat er sich zuerst

als Jäger betätigt.

Es sieht nicht mehr so wild aus in unserem deutschen Walde wie in

früheren Jahrhunderten. Da gab es ganze Waldgebiete, die keines

Menschen Fuß betrat, und die in voller Unberührtheit dalagen; andere,

die von den Menschen nutzbar gemacht wurden, in denen aber keine

geregelte Waldwirtschaft bestand. Der Wald ergänzte sich durch eigene

Besamung immer wieder neu, der Mensch aber nutzte ihn aus, ohne ihn zu

pflegen.

Das alles ist jetzt anders, der deutsche Wald ist zahmer und

ordentlicher geworden. Mit der Erkenntnis, daß die zügellose Wirtschaft

das Holzkapital rasch aufzehren würde, begann das Streben nach Ordnung

im Walde und seine Pflege. Saat und Pflanzung, Schutz des natürlichen

Nachwuchses unter dem Schirme der alten Bäume führten zur Aufzucht

junger Holzbestände. Aber auch heute noch ist genügend Mannigfaltigkeit

im deutschen Walde vorhanden, um uns zu erfreuen. Schonungen und

Bestände verschiedenen Alters wechseln miteinander ab, Berg und Tal,

Bäche und Teiche, anmutige Waldwiesen, Farnkräuter und Blumen gefallen

uns wohl, und gerne atmen wir die reine Luft, die uns neue Kräfte

verleiht. Und immer noch gibt es Wild und Jagdgründe, wenn auch diese

meist gegen das Ackerland hin eingehegt sind, damit das Wild auf den

Feldern keinen Schaden tun kann, wie das einst vor allem durch Hirsche

und wilde Schweine geschah. Noch immer weiß der Jäger dieses Großwild

zu hegen und zu erlegen, häufiger als dieses finden wir das zierliche

Reh, der Fuchs schleicht noch immer vorsichtig auf Raub aus, Habichte

nisten im hohen Gipfel, der Kuckuck ruft, und die wilde Taube gurrt,

und die Scharen der kleinen Singvögel beleben Busch und Tann.

Von Jagd und Jägerleben wollen allerdings heute viele nichts mehr

wissen. Es mag dies daher kommen, daß große Teile des Volkes der Natur

entfremdet sind. Der wahre Jäger ist nicht nur ein Freund der freien,

schönen Natur und besonders des Waldes und seiner Bäume, die er mit

Verständnis behandelt, er ist auch ein Freund des Wildes, das er nach

Möglichkeit hegt und zur rauhen Winterszeit an bestimmten Stellen

füttert. Das Erlegen des Wildes vollführt er weidgerecht und mit

Schonung, und sehr schmerzlich ist es ihm, wenn er einmal ein Stück

Wild schlecht getroffen hat und es krank „zu Holze“ zieht, wo es trotz

eifrigster Nachsuche häufig nicht gefunden wird.

Ist der Jäger aber ein Maler, so bringt er doppelte Beute mit heim, das

Wild und die Beobachtungen, die er mit Auge und Stift im Revier gemacht

hat.

„Der Wald hat ihn geboren“, so schrieb einmal jemand über Kröner, den

großen Meister. Nie ging er ohne sein Skizzenbuch, dem er mit dem

Stifte seine Beobachtungen anvertraute. Oft wanderte er mit Leinwand,

Pinsel und Farben hinaus, um landschaftliche Skizzen zu machen, denn

als Maler der Landschaft war er ebenso hervorragend wie als Wildmaler.

Er hat Wald und Wild in allen Jahreszeiten gemalt, im knospenden

Frühling, im stillen Sommer, im bunten Herbst und im weißen Gewande

des Winters. Es gelang ihm sowohl das Liebliche, Anmutige, wie das

Große und Erhabene. Jede Stimmung der Landschaft und die ganze Tierwelt

des Waldes hat er uns in zahlreichen Bildern überliefert. Das Wild

hat er in der Bewegung beobachtet und seine Studien am erlegten Tiere

fortgesetzt. Von der Sorgfalt solchen Studiums machen sich wohl viele

kaum einen rechten Begriff. Der Maler läßt sich sogar die Mühe nicht

verdrießen, das tote Wild mittels eines Drahtgestelles aufzurichten,

um die Formen und Farben nun genauer auf der Leinwand festhalten zu

können. Er malt das erlegte, „zerwirkte“ Wild, d. h. von der Decke

entblößt, um so die Muskelteile und Sehnen und ihre Lage besser zu

erkennen und dieses Studium rückwärts wieder bei der Darstellung des

lebenden Tieres verwerten zu können. Auch an eingefangenen lebenden

Tieren lassen sich natürlich gute Studien machen.

Mit Zielbewußtsein ging Kröner seinen Weg. Eine Zeitlang studierte er

in Düsseldorf. Auch Paris besuchte er zu weiterer Ausbildung. Immer

wieder aber ging er zu seinem besten Lehrmeister, der Natur selbst,

in die Schule. Nicht sogleich stellte sich der Erfolg ein, nach und

nach aber wurde er als einer der ersten Maler des Waldes und Wildes

anerkannt. Viele ehrende Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden,

zahlreiche silberne und goldene Medaillen wurden ihm auf Ausstellungen

verliehen, auch wurde er zum Mitgliede der Berliner Akademie

gewählt. Seine Bilder wanderten in die bedeutendsten Gemäldegalerien

Deutschlands. Er hat nicht nur in Ölfarben, sondern auch meisterhaft

in Wasserfarben gemalt. Auch die Schwarzweißkunst übte er, radierte

Blätter eines Jagdbuches und zahlreiche Einzelblätter.

Ein glückliches Familienleben war ihm beschieden. In seiner Gattin

Magda Kröner, seiner Schülerin, fand er eine gleichstrebende

Lebensgefährtin. Wie oft sind sie gemeinsam miteinander gewandert!

Im Teutoburger Walde hatte Kröner seine Jagd, dort hat er viel nach

der Natur gemalt, ebenso an der Mosel, besonders aber im Harz, in der

Brockengegend bei Schierke. Hochbetagt ist er am 16. Oktober 1911 in

Düsseldorf gestorben. Außer seiner Witwe überlebten ihn zwei Söhne, von

denen der ältere Kaufmann, der jüngere ebenfalls ein tüchtiger Maler

geworden ist.

Das Bild „Im Herbst“ ist ein Werk aus Kröners bester Zeit. Schauplatz

ist der Teutoburger Wald, in der Nähe der Externsteine. Wie da ein

leichter herbstlicher Duft über dem Walde lagert, wie das Licht

hindurchdringt und überall seinen Glanz verbreitet, wie sich dagegen

die dunklen Flächen der großen Buche und der hinteren Wipfel abheben,

und wie dann wieder über diesen die letzte Höhe, von der Sonne

voll beschienen, in lichtem Blau das Ganze krönt. Wie aber auch

alles einzelne den Eindruck voller Naturwahrheit macht, zum Greifen

deutlich und doch nicht kleinlich, in flotten Strichen hingesetzt; je

ferner, desto mehr Fläche, denn auch in der Natur erkennt man da die

Einzelheiten nicht mehr. Gerade fällt die Sonne auf die Lichtung, der

leichte Schatten der großen Buche nur dämpft diese Helligkeit in der

Mitte ein wenig. Auf diese sonnenbeschienene Fläche fällt naturgemäß

das Auge des Beschauers zuerst, und dort spielt sich denn auch der

dargestellte Vorgang ab. Die dunkleren Körper der Tiere treten aus

dem Hellen deutlich hervor, besonders die des vorderen Hirsches mit

den beiden Alttieren. Es ist der Platzhirsch mit dem Wilde, das sich

ziemlich gleichgültig verhält, er steht ruhig in seiner sicheren Kraft

da, der andere, der Angreifer fordert ihn schreiend zum Kampfe heraus,

man erkennt seinen Atem in der kühlen Herbstluft. Er will dem Gegner

seinen Rang als Führer des Rudels streitig machen. Was wird werden?...

Es kommt zum Kampfe. Gewaltig geraten sie aneinander, man hört das

Klappen der Geweihe. Die Kämpfer schieben sich hin und her, endlich

weiß der Schwächere sich los zu machen und zu flüchten -- wenn er

nicht, was selten vorkommt, schwerverwundet auf der Walstatt bleibt und

seinen Wagemut schließlich doch mit dem Leben bezahlen muß.

Es sind ein Paar kräftige Knaben, die sich hier auf dem Bilde

gegenüberstehen, „Zehnender“, wie man sie nach dem Geweih nennt, d. h.

sie haben fünf Enden an jeder Stange. Im ersten Jahre schiebt der

Hirsch nur ein Paar Spieße aus, im zweiten manchmal ein Paar Gabeln,

daher Gabler genannt, meist aber schon ein Geweih mit drei Enden an

jeder Stange, so daß er zum Sechsender geworden ist. In der Regel wird

er dann mit jedem Jahre stärker, es folgt der Achtender, der Zehnender.

Die starken Geweihe über zwölf Enden sind immer seltener geworden.

Der Maler-Jäger Christian Kröner vereinigte den scharfen Blick des

Malers mit dem des Jägers. Er schenkte uns herrliche Kunstwerke, er

lehrte uns aber auch eindringlich, wie wir mit offenem Auge und Herzen

vertieft _sehen_ sollen, um die Schönheit der Dinge in unserem

deutschen Walde reicher zu genießen.

_Felix Freiherr v. Stenglin._

Die Flucht nach Ägypten

Von Hans Thoma

Geboren 2. Oktober 1839 in Bernau (Baden). -- Städelsches

Kunstinstitut in Frankfurt am Main

Bild 36

Unter den deutschen Malern der Gegenwart der innigste und deshalb

deutscheste -- das ist Hans Thoma! Alles, was Gutes in der deutschen

Volksseele lebt: Schlichtheit und tiefe Herzlichkeit, frohe und fromme

Liebe zur Natur, aber auch zum Menschen, der in ihr lebt und schafft,

schalkhafter Humor und träumerisches Sinnen, fröhliche Lebensbejahung

und doch ein Zug der Sehnsucht über Leben und Alltag hinaus -- das

sucht in Hans Thomas Werken seinen Ausdruck und spricht erquickend zu

uns aus seinen Bildern.

Gewiß habt ihr schon das eine oder andere davon gesehen und

liebgewonnen; wenigstens wohl einen der farbenschönen Steindrucke,

die von des Meisters Hand in die Welt hinausgegangen sind. Vielleicht

den „Geiger“, den verträumten Schwarzwaldjungen, der in blauer Nacht,

von den silbernen Strahlen des langsam heraufsteigenden runden Mondes

umspielt, im kleinen Bauerngarten sitzt und seine junge Sehnsucht,

sein Hoffen und Wünschen in leisen, schwebenden Melodien in das

traumstille Dunkel hinausklingen läßt, oder den „Säemann“, der hoch

aufgerichtet, ernst und feierlich über die feuchtbraune Erde schreitet

und in breitem Wurf den Samen in die Scholle streut, daß er keime und

Frucht bringe, oder das „Schwarzwaldhaus“, das uns der Maler im ersten

Frühlingsscheine zeigt, wenn die Bäume noch kahl sind und die Luft

durchsichtig klar ist; hell läßt er die Sonne auf dem braunen Gebälk

spielen, fleißige Frauen arbeiten im Gärtchen hinter dem Lattenzaun,

und lenzselig kräht der bunte Haushahn in den Morgenglanz hinein.

In diesem Häuschen, hoch oben in den Schwarzwaldbergen, im Dorfe

Bernau, ist Hans Thoma am 2. Oktober 1839 geboren worden. Hier hat er

die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht und alle Süße und alle

Stille seiner geliebten Heimat in sich eingesogen. Wie oft mag er, an

die Hauswand gelehnt, hier auf dem hölzernen Balkon gestanden und in

das wellige Tal mit seinen tief niederhängenden grauen Schindeldächern,

den bunt geblümten Wiesen und glitzernden Bächen hinausgeträumt haben

und dann weiter über die fernen Wälder und Berge in die unbekannte

Welt, die dahinter lag, oder nächtens in die hehre und geheimnisvolle

Sternenwelt hinauf. Denn ein Träumer und „Sinnierer“ war der Thoma

Hans von klein auf, das lag ihm schon im Geblüt; den größten Einfluß

aber auf das Gemüt des Knaben hatte die Mutter, die mit ungewöhnlicher

Erzählergabe tausend bunte Bilder aus ihrem eigenen wunderlichen

Traumleben, aus der Märchenwelt und aus der Heiligen Geschichte in

die Seele ihres Buben senkte und seinen Sinn für das geheimnisvolle

Leben in und um uns empfänglich machte; sie war eine fromme Frau,

die des Abends gern aus der Bibel vorlas oder vorlesen hörte; dann

lauschten alle mit stillen Augen, unter ihnen der kleine Hans, und

sahen die Gestalten des heiligen Buches leben und sich regen, und dann

sprachen die Großen über das Gelesene. Diese Eindrücke senkten sich

unverwischbar in das weiche, phantasiebegabte Kindergemüt, in dem das

Gelesene vielleicht am klarsten und reinsten zum Bilde sich formte. Und

so griff er auch später als Mann und Greis immer wieder zur Bibel,

um mit gereiftem Sinn und tieferer Demut dem göttlichen Geheimnis

nachzugehen. Aus dieser religiösen Erinnerungs- und Erlebnisfülle

mußten auch dem Künstler und Meister Hans Thoma mancherlei Gesichte

zuströmen, denn alles, was sein Herz bewegte, wurde ihm zum Bilde, und

Mensch und Künstler waren eins in ihm.

Seht euch die „Flucht nach Ägypten“ an. Es ist eines seiner schönsten

und innigsten Bilder. Ihr kennt die Stelle der Heiligen Geschichte?

„Da die Weisen aus dem Morgenlande aber hinweggezogen waren, siehe, da

erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum und sprach: Stehe auf

und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und fliehe in Ägyptenland

und bleibe allda, bis ich dir sage; denn es ist vorhanden, daß Herodes

das Kindlein suche, dasselbe umzubringen. Und er stand auf und nahm

das Kindlein und seine Mutter zu sich bei der Nacht und entwich in

Ägyptenland...“ Ernst und behutsam führt Joseph das brave Eselein durch

das blühende, grüne Land. Er sieht nicht vor, nicht hinter sich. Sorge

beugt seinen Nacken und macht seinen Schritt schwer. Aber Maria, die

mütterliche Frau, die still und gefaßt auf dem geduldigen Grautier

sitzt, hat den Blick hoffnungsvoll erhoben. Ihr Auge hängt gläubig an

der lichten Engelsgestalt, die in holdernster Kindlichkeit neben ihr

schwebt und mit tröstender Gebärde in die Ferne, in eine glücklichere

Zukunft der Geborgenheit deutet; strömendes Sonnenlicht verklärt

ringsum das Land wie eine göttliche Verheißung, als sollten alle Not

und Trübsal der geängstigten Kreatur sich über ein Weilchen in Frieden

und Seligkeit wandeln. Im Schoße der Mutter aber schlummert tief und

glücklich das Jesuskind dem Ziele entgegen. Und noch ein andrer kleiner

Himmelsgesandter gibt Eltern und Kind das Geleit, er trägt Blumen im

Arm und hat Blüten auf den Leidensweg der heiligen Familie gestreut

und auch das getreulich schreitende Tierlein mit den bunten lebendigen

Sternen geschmückt...

Fühlt ihr den Zauber des Bildes? Was ist nun das Schöne an ihm, das,

was uns erfreut, ergreift und rührt und zugleich mit tiefem Frieden

erfüllt? Ist es die klare, rein leuchtende Farbe? ist es die schlichte,

liebevoll geführte Linie, mit der jedes Antlitz, jede Hand, jede

Gewandfalte gestaltet ist, ist es der fromme Vorgang des Bildes oder

die Anordnung der ziehenden Gruppe vor der in Sonnenglast und Ferne

verdämmernden Landschaft, die einen so süßen deutschen Klang hat --?

Ach, ihr fühlt es schon, es ist der Geist, es ist die Seele und Liebe

des Meisters, aus der das alles geflossen ist, Farbe und Linie, und

was sonst noch auf dem Bilde zu uns spricht, die alles zur Einheit

verschmilzt, durchleuchtet und verklärt. Aus ihr heraus mußte alles

schlicht und innig, rein und klar, friedlich und inneren Lebens voll,

lieblich und köstlich auf der Leinwand entstehen und mußte auch so

in unsre Augen und Herzen scheinen. Meister Thoma hat niemals bloß

etwas mit der Hand oder mit den Augen gemalt und gezeichnet; er hat

immer und vor allem mit dem Herzen geschaffen und für die Herzen der

andern. Das Herz aber kennt keinen Prunk und aufregenden Lärm und keine

kalte oder erregende Schönheit der Farben und der Linien und andern

gefälligen Zauber. Der Meister schrieb einmal über seine biblischen

Bilder: „Diese Bilder sind wie die andern auch emporgewachsen aus einer

Summe von Empfindungen, aus denen die Phantasie sie zur künstlerischen

Form gestaltet. Es sind Empfindungen, wie sie im Volksgemüte leben,

uraltes Erbgut; ich möchte fast sagen, ich male solche Sachen so,

als ob ich sie für die einfach gläubige Frömmigkeit meiner Mutter

malte -- ohne Geistreichheit -- die Stoffe, wie sie sich geben, nur

mit dem Schmucke versehen, den ich ihnen nach Kraft und Recht meines

künstlerischen Vermögens geben kann --“ und man darf hinzusetzen:

seines männlich-schlichten, innig deutschen Herzens, seines gott- und

menschennahen Gemüts, das er aus der reinen und erhabenen Stille seiner

Bergesheimat ins Leben mitgenommen hat.

Hans Thoma hat viel, unendlich viel geschaffen. Sein Leben, das jetzt

in den Achtzigen steht, war reich und gesegnet und ist es geblieben bis

diesen Tag. Ach, es ist vor diesem Reichtum und dieser Fülle schwer und

unmöglich zu sagen: das ist das Schönste, das Beste, das Eigentliche!

In allen Blättern und Bildern leuchtet ja die Thoma-Seele, lebt das

Thoma-Herz.

Ebenso tief ihm eingesenkt, wie die Liebe zum altehrwürdigen religiösen

Erbgut, ist ihm die Liebe zur Heimat. Ein Mensch wie Thoma mußte mit

Liebe und Lust an Gottes schöner Natur hängen, und die Natur ist für

einen solchen Herzmenschen immer und vor allem die Heimat. So hat

Thoma von Anfang an und immer wieder seine Heimatlandschaft gemalt und

gezeichnet und ist ihr als Schaffender durch alle Jahrzehnte seines

langen Lebens treu geblieben. Nach großen, lärmenden, „gigantischen

Motiven“ hat unser Meister auch hierbei niemals ausgeschaut, die

welligen Gelände seines geliebten Schwarzwaldes oder des ihm

formverwandten Taunus, der Mainlauf mit seinen heitern Ufern waren für

ihn immer wieder voll stiller, feiner, lieblicher Bildergedanken.

Gemälde und ihre Meister · 第 21 / 25 段