Einen Moment nun aus solch einem Stiergefecht hat Manet in diesem

Bilde festgehalten. Er hat jedoch keineswegs einen sehr aufregenden,

spannenden oder besonders schönen Moment gewählt, sondern irgendeine

ganz nebensächliche, gleichgültige, beinahe langweilige Szene. Er

hätte ja die farbenprächtige Quadrille oder eine aufregende Kampfszene

malen können. Aber das wollte der Künstler nicht. Er wollte die

Aufmerksamkeit des Betrachters nicht durch das fesseln, _was_ er malt,

sondern gleich allen großen Malern nur dadurch, _wie_ es gemalt ist.

Und dies ist ihm auch vollkommen gelungen. Ihr ahnt wohl die blendende

Glut der Sonne, wenn ihr die scharfen Schlagschatten des Stieres und

der Toreros betrachtet, und fühlt die Kraft des zornigen Stieres, der

voll Aufregung den Schweif emporstreckt und, vor lauter Wut zitternd,

nicht weiß, was er beginnen soll; daß aber mit ihm nicht zu spaßen ist,

davon könnt ihr euch an dem toten Pferd überzeugen, das er mit seinen

Hörnern durchbohrt hat. Und obwohl ihr die Augen des Toreros, mit

dem roten Tuch in der Hand, gar nicht seht, spürt ihr doch, mit welch

scharfen Blicken er jede Muskelbewegung des Stieres beobachtet. Auch

an der Haltung der anderen Stierkämpfer könnt ihr ihre Gelassenheit

und Sicherheit erkennen, und wie sie trotzdem dieses schwarze,

gefährliche Tier nicht einen Moment lang aus den Augen verlieren. Und

im Hintergrunde sehen wir, fast unerkennbar, die Menge. Aber dadurch,

daß sie in unregelmäßige größere und kleinere Gruppen verteilt ist,

zwischen denen einzelne Personen hervorragen, ahnen wir die Aufregung

besser, als wenn wir die einzelnen Gesichter sehen würden. überdies

könnten wir ja ihre Gesichtszüge gar nicht erkennen, da sie viel zu

weit von uns entfernt sitzen. Das hat der Maler wohl bedacht. Denn

Manet malte immer nur so viel, als er wirklich _sah_, und nicht, was

er hätte sehen können, wenn er seinem Modell näher gestanden hätte,

als es in Wirklichkeit der Fall war. Sah er also ein Gesicht von der

Ferne nur als einen lichten Fleck, so malte er auch nur einen lichten

Fleck und nicht Augen, Nase, Mund und tausend kleine Fältchen, die er

gar nicht wahrgenommen hatte. Denn Manets oberster Grundsatz war --

Wahrheit! Der Beschauer des Bildes sollte nur _den_ Eindruck haben,

den auch der Maler gehabt hatte. Deshalb nannte man Manet und seine

Freunde nach dem französischen Wort ~impression~ (d. h. auf deutsch:

Eindruck) Impressionisten. Wißt ihr überhaupt, wie sorgfältig solch

ein Künstler alles vorher überlegt, bevor er zu malen beginnt? Ihr

glaubt vielleicht, der Stier und die Stierkämpfer seien so auf gut

Glück, einer hierhin, einer dahin gestellt, wie’s gerade der Zufall

wollte? Nein. Dies ist alles nach einem genau vorher festgelegten Plan

geordnet. Seht euch einmal die obere Balkonbalustrade an: sie beginnt

genau im Schnitt des zweiten und dritten Drittels der Höhe des Bildes,

steigt ein klein wenig an und fällt dann in einem schön geschwungenen

Bogen nach rechts unten zu ab. Und wenn ihr nun ein Ölpapier auf das

Bild legt und eine Linie vom Kopf des nur halb sichtbaren Stierkämpfers

(ganz links) über die Kruppe des Stieres, die schwarzen Mützen der

beiden hell gekleideten Toreros, dann am oberen Rand des über den

Plankenzaun hängenden Mantels entlang und weiter über den Kopf des

Toreros rechts bis zum Schweif des toten Pferdes zieht, so werdet ihr

eine Linie erhalten, die der ähnlich ist, die die Balkonbalustrade

beschreibt; und wenn ihr, wiederum links beginnend, den Arm des nur

halb sichtbaren Stierkämpfers bis zum Kopf seines Schattens verlängert

und weiter über die Schulter seines Schattens, am unteren Rand des

roten Tuches entlang bis zum Schatten des Mannes, der das Tuch hält,

dann durch den Kopf seines Schattens, die Blutlache des toten Pferdes

bis zu dessen Schweif, so habt ihr wiederum eine Bogenlinie erhalten.

Verbindet ihr nun die erste und zweite Linie, so habt ihr ungefähr die

Form eines liegenden Eies nachgezeichnet. Und dies ist auch tatsächlich

die Form solch einer Arena, in der die Stierkämpfe abgehalten werden.

Ihr seht also, wie wohlbedacht Figuren, Schatten und Dinge auf dem Bild

eines solchen Meisters angeordnet sind, und wie aufmerksam man ein

Bild betrachten muß, ehe man auch nur begreift, was der Maler alles

beabsichtigte, und ehe man ein Urteil darüber abgeben darf. Wenn ihr

dies Bild hier längere Zeit genau beseht, werdet ihr gewiß noch selber

mancherlei dem Ähnliches, wie ich es euch eben erklärte, finden. So

z. B. wie die Gruppen der Zuschauer die Formen und Farben des großen

schwarzen Stieres und der beiden hell gekleideten Toreros in der Mitte,

dann des einen dunkel gewandeten Toreros rechts und endlich noch das

lichte Dreieck, das der Pferdekadaver bildet, in Linie und Farbe, d.

h. in lichteren oder dunkleren, ähnlich geformten Flecken wiederholen.

Aber ich will euch nicht alles sagen, denn selber entdecken macht mehr

Freude: und sicher werdet ihr nicht nur hier an diesem Stiergefecht von

Manet, sondern auch an den anderen Bildern dieses Buches, etwa beim

Botticellischen Frühling oder bei El Greco, Menzel und manchen anderen,

Ähnliches herausfinden.

Manet malte dieses Bild wahrscheinlich, nachdem er aus Spanien

zurückgekommen war, wohin er eine kurze Reise unternommen hatte; dort

hatte er sicherlich solche Stierkämpfe gesehen. Aber auch schon viel

früher, vor seiner spanischen Reise, hat er Stierkämpfe und andere

Bilder, auf denen die Leute spanische Kostüme tragen, gemalt. Ihr

fragt, wie das möglich sei? Nun erstens hatte Manet schon in Paris

Bilder des großen spanischen Malers Velasquez, der 200 Jahre vor ihm

lebte, gesehen; und diese gefielen ihm ausnehmend gut, weil er wohl

fühlte, daß, wenn Velasquez gleichzeitig mit ihm gelebt hätte, sie

beide sicher sehr gute Freunde geworden wären. Und zweitens kam eines

Tages eine spanische Tänzertruppe nach Paris, und ihre prächtigen

Kostüme, sowie ihre feurigen und kräftigen Bewegungen entzückten Manet

aufs äußerste. Da malte er nun nicht nur so manches Bild von dieser

Tänzertruppe, sondern auch damals schon Stierkämpfer und Stiergefechte.

Daran aber zeigt sich der große Künstler. Denn während wir gewöhnlichen

Menschen nur das richtig wiedererzählen oder zeichnen können, was

wir in Wirklichkeit gesehen haben, vermag der Künstler durch seine

Phantasie schon beim bloßen Anblick eines spanischen Kostüms sich

ganz Spanien mit seinen Stierkämpfen so deutlich in seinem Innern

vorzustellen, als hätte er es leibhaftig geschaut. So vermochte auch

zum Beispiel Goethe uns den Wahnsinn Gretchens zu zeigen, obwohl er

bis dahin niemals in Wirklichkeit einen wahnsinnigen Menschen gesehen

hatte. Denn der große Künstler weiß durch den Geist Gottes, der in

ihm ist, alle Dinge in seinem Innern schon von vornherein, die wir,

um sie zu kennen, erst in Wirklichkeit erleben oder sehen müssen. Und

Manet war einer dieser großen, von Gottes Geist begnadeten Künstler.

Er starb, ein berühmter Mann, im Jahre 1883, einundfünfzig Jahre alt,

in Paris, wo er geboren worden war und gelebt hatte. Die aber, die ihn

zu seinen Lebzeiten verlacht und verspottet hatten, werden heute von

uns und allen Menschen verlacht und sind dem Spott vieler Jahrhunderte

preisgegeben, soweit man ihre Namen kennt. Wir aber wollen ihre Namen

gar nicht wissen; denn wer nicht den Wert eines Künstlers zu achten

weiß, ist nur namenloser Verachtung wert.

_Edgar Byk._

Place du Théâtre Français

Von Camille Pissarro

Geboren 1830 auf der Insel St. Thomas in den Antillen, gestorben

1903 in Paris. -- Privatbesitz

Bild 32

Dies Bild zeigt euch den Platz des ~Théâtre Français~, auch ~Comédie

Française~ genannt; das ist das älteste und berühmteste Schauspielhaus

von Paris und damit auch von ganz Frankreich. Ihr könnt auf dem Bilde,

ganz rechts vorn, noch eine Ecke von dem alten, dunklen Gebäude sehen.

Die breite Straße, die ihr mitten in dem Bilde weit nach hinten

verlaufen seht, ist die berühmte ~Avenue de l’Opéra~, die geradeaus

zur großen Pariser Oper führt. Stellt ihr euch hier auf diese kleine,

weiße Rettungsinsel neben die Laterne, die ihr rechts vorn auf dem

Bilde bemerkt, dann steht ihr im Mittelpunkt von Paris; denkt euch nun

einen riesigen menschlichen Körper, viel, viel größer als etwa die

Bavaria in München, ja so groß wie ganz Frankreich, dann wäre dieser

Platz hier die Stelle, wo das Herz Frankreichs schlägt. Durch diese

~Avenue de l’Opéra~ hasten ständig zahllose fleißige Menschen an ihre

Arbeit, Müßiggänger schlendern dahin und betrachten die wundervollen

Schaufenster der Kaufläden, die -- einer immer herrlicher als der

andere -- sich zu beiden Seiten der Straße hinziehen; Arme und Reiche

eilen aneinander vorbei, Droschken und Equipagen, Automobile und

Pferdeomnibusse rollen in endlosen Reihen dahin, und tief unter der

Erde rast donnernd die elektrische Stadtbahn, die „~Métro~“, wie sie

der Pariser nennt. Dies aber ist es eben, was diese Stadt so viel

schöner erscheinen läßt, als andere große Städte: nur Droschken,

Wagen, Automobile, Pferde- und Automobilomnibusse eilen durch die

Straßen, flink, beweglich und abwechslungsvoll; nirgends fast sieht man

Straßenbahnen mit ihren langweiligen, steif auf Schienen dahinrollenden

unförmlichen Wagen. Dazu kommt noch, daß der Pariser nicht so bequem

wie die Leute in anderen Großstädten ist. Er geht viel mehr. Ein halbe

Stunde Wegs zu Fuß macht ihm nichts aus. Und so kommt es, daß dort

die Straßen immer von eilenden Menschen belebt sind. Abends erglänzen

Millionen Lichter, die Stadt ist hell wie beim hellsten Sonnenschein

und die Straßen voll Menschen wie am Tage. Die Leute sind heiter,

liebenswürdig, und so du selbst freundlich dreinblickst, lächeln sie

dir zu. Bittest du sie aber um eine Gefälligkeit, so zeigen sie sich

nett und hilfsbereit. Du möchtest zum Beispiel gerne in diese oder

jene Straße kommen, weißt aber nicht den Weg. Da sitzt so ein Schuster

vor seinem kleinen Laden -- denn die Luft ist warm und mild -- und

hämmert einen Fleck auf eine zerrissene Sohle, die von den vielen

langen Pariser Straßen schon ganz dünn und abgewetzt ist. Du trittst

an ihn heran und fragst ihn nach dem Weg, natürlich hübsch bescheiden:

denn nichts ist dem Pariser in der Seele mehr zuwider, als wenn man

hochmütig ist. Und siehe da: er wirft den Hammer hin, springt auf, ruft

seiner Frau zu, daß sie ein wachsames Auge auf sein Handwerkszeug habe,

und führt dich dorthin, wohin du gehen wolltest. Und obwohl du dich

wehrst und ihm sagst, es sei ja gar nicht nötig, er möge dir nur den

Weg beschreiben, den du einzuschlagen hättest, du würdest dich schon

zurechtfinden: er läßt sich nicht abweisen, sondern läuft ein ganzes

Stück Weges mit dir, bis er sicher ist, daß du nicht mehr fehlgehen

könnest. Denn die Stadt ist groß, der Straßen sind unzählige, und

verwirrend ist die Menge der Menschen und Gefährte, die durch sie nach

allen Richtungen flutet.

Nun aber denkt euch, ihr blicktet vom obersten Stockwerk eines

dieser großen Häuser, wie ihr sie da auf dem Bilde seht, aus einem

Fenster auf die Straße herab: -- da wird euch all dies Gewimmel von

Menschen, Wagen und Pferden wie das aufgeregte Durcheinanderkribbeln

eines ungeheuren Ameisenhaufens anmuten, in dem ihr mit einem Stock

herumgestochert habt. Hinter solch einem Fenster aber saß, vor noch

gar nicht vielen Jahren, ein alter, schöner, gütiger Mann mit einem

schneeweißen Bart und malte solche Bilder wie dieses, das da vor euch

liegt. Er hieß Camille Pissarro, war in den Antillen als Franzose

geboren und in seiner Jugend mit den größten französischen Malern

seiner Zeit befreundet. Von ihnen allen hatte er ein wenig gelernt, von

Manet, Cézanne, Renoir; aber auch von Signac, Seurat und Monet, die

damals in Paris eine ganz neue Art des Malens erfunden hatten. Ihr wißt

vielleicht aus der Physikstunde, daß die meisten Farben, die wir sehen,

erst durch Mischung der reinen Regenbogenfarben entstehen; so erhält

man Grün, wenn man Blau und Gelb mischt, und die weiße Farbe ist eine

Mischung aller Farben zusammen. Diese Lehre nun machten sich einige

Maler jener Zeit teilweise zunutze, die auf das Auge des Betrachters

mit ihren Bildern denselben Eindruck wie die Natur erzielen wollten.

Sie mischten also die Farben nicht, bevor sie zu malen begannen, auf

der Palette, sondern wenn sie z. B. etwas Grünes malen wollten, dann

setzten sie viele kleine blaue und gelbe Tupfen nebeneinander auf

die Leinwand; und so machten sie es mit allen gemischten Farben.

Und besah man sich ein solches Bild, wenn es fertig war, aus einiger

Entfernung, dann bedünkten einen alle Dinge so natürlich, wie sie

draußen im Freien in strahlendstem Sonnenlicht erscheinen. Diese Art

zu malen war besonders bei Landschaftsbildern, die recht hell und

sonnig sein sollten, sehr schön. Die Künstler, die auf diese Weise beim

Malen verfuhren, nannten sich Neo-Impressionisten (was so viel wie

Neu-Impressionisten heißt), zum Unterschied von jenen Impressionisten,

von denen ich sprach, als ich euch von Edouard Manet erzählte. Pissarro

nun, der sein ganzes Leben lang nur Landschaften, Felder, Wiesen,

Wald, Meer und Häuser malte, gefiel diese neue Art des Malens sehr

gut, denn er dachte, auf diese Weise würden seine Bilder noch viel

schöner werden. Und obwohl er schon 56 Jahre alt war, begann er die

neue Malweise mit Eifer zu studieren und auszuüben, trotzdem die Leute

über diese Bilder lachten und schimpften. Denn er war wie jeder echte

Künstler fleißig und arbeitsam, und Schwierigkeiten oder Mißgeschick

vermochten ihn nicht von seinem Wege abzuschrecken. So waren ihm z. B.

bei der Belagerung von Paris im Jahre 1870 an die 300 Bilder verbrannt.

Aber er klagte darüber nicht, obwohl es für ihn, wie ihr euch wohl

denken könnt, ein schwerer Verlust war, sondern begann -- er war damals

schon 40 Jahre alt -- tapfer und fröhlich aufs neue. Zuletzt, in hohem

Alter, mit 70 Jahren, erkrankte er an einem unheilbaren Augenübel, so

daß er das Sonnenlicht nicht mehr vertragen und nicht mehr in der Art

der Neo-Impressionisten malen konnte. Aber auch diesmal verlor er den

Mut nicht, sondern zog in die hohen Häuser von Paris. Und dort, hinter

den Fenstern der obersten Stockwerke, von wo aus Paris zwischen seinen

vielen wundervollen Gärten nur wie eine große einzige Masse erscheint

und die Menschen und Wagen nur wie Punkte aussehen, saß Pissarro und

malte in diesen letzten drei Jahren die schönsten Bilder seines Lebens.

Was er früher bei all den andern Malern seiner Zeit gelernt hatte, das

vergaß er nun aber nicht. Denkt euch vielmehr, einer lernt in seiner

Jugend allerlei schwere Turnübungen; als Erwachsener braucht er euch

dann keine Turnübungen mehr vorzumachen, aber an seinem elastischen

Gang, an seinen beherrschten Bewegungen werdet ihr den früheren Turner

erkennen. So war es auch mit Pissarro: er malte freilich nicht mehr

nach den verschiedenen Malweisen seiner mannigfachen Freunde, sondern

jetzt, im hohen Alter, kehrte er wieder zu seiner eigenen duftigen

Malart seiner Jugendzeit zurück. Aber an dem zarten Hauch, an dem

hellen Licht und an der strahlenden Lebendigkeit, die seine Bilder

jetzt zeigten, sah man, wieviel er inzwischen gelernt hatte. Und steht

ihr vor solch einer Straßenansicht des alten Pissarro, dann fühlt

ihr die Größe und Fülle der Stadt und das Gewimmel in den Straßen.

Aber nicht kalt und böse sieht es aus; sondern wenn ihr diese Bilder

betrachtet, dann glaubt ihr, Blumen aus dem Straßenpflaster sprießen

zu sehen, die Häuser sehen heiter und festlich aus, als wären sie mit

Girlanden geschmückt, und ewiger Sonnenschein flimmert über Paris. 73

Jahre alt, mitten in friedlicher Arbeit, starb Pissarro, 11 Jahre bevor

der grauenvolle Weltkrieg begann.

_Edgar Byk._

Das letzte Aufgebot

Von Franz Defregger

Geboren 30. April 1835 in Ederhof in Tirol, gestorben 1921. --

Kunsthistorische Sammlungen in Wien

Bild 33

Tirol 1809! Der Übermut des korsischen Abenteurers, der fremde Länder

vergab und weite Gebiete von ihren Mutterlanden losriß, ohne Erbarmen,

ohne Rücksicht auf menschliche Rechte, er hatte Tirol von Österreich

getrennt und den Bayern zugesprochen. Die Tiroler, die ihr schönes,

wenn auch armes Vaterland aus tiefster Seele liebten, erhoben sich in

todesmutigem Aufstande, geführt von Andreas Hofer, dem Sandwirt von

Passeyer, und ihr Kampf gegen die aufgezwungene Fremdherrschaft gehört

zu den glorreichsten Episoden in der ganzen Geschichte der Kriege. Es

war ein furchtbarer, ungleicher und blutiger Kampf. Nicht die männliche

Jugend allein bis zum Knabenalter herab, auch die Frauen taten mit, und

als die schlechtbewaffneten Scharen immer mehr zusammenschmolzen, da

griffen die Greise zur Wehr, als „Letztes Aufgebot“. Flinten gab’s kaum

mehr -- aus Sensen und anderem Gerät schmiedeten sie sich ihre Waffen

und zogen hinaus gegen den grausamen, das Recht verhöhnenden Feind,

bereit, das letzte für das Vaterland zu tun, was sich tun ließ -- dafür

zu sterben!

Den Auszug eines solchen „Letzten Aufgebotes“ hat 1874 Franz

Defregger gemalt. -- Das zweite Bild nach dem „Speckbacher“, das er

der Tiroler Geschichte entnahm, und das, in Berlin ausgestellt, so

recht eigentlich seinen Ruhm begründete. Wir sehen durch die Gasse

eines typischen Südtiroler Dorfes einen Trupp solcher kümmerlich

bewehrten alten Männer hinausziehen, bitter ernst, aber aufrecht und

entschlossen. Sie wissen, sie kehren nicht wieder. Und die andern

wissen es auch, die Frauen ringsumher. Aber keine sentimentale

Gebärde, keine Tränen. Ein einziges altes Paar sieht man einander

abschiednehmend die Hand drücken. Die andern Frauen sehen stumm dem

ergreifenden Zuge nach. Ein gleich erschütternder Moment kann im Bilde

nicht mit weniger Theatralik gegeben, das Geschichtliche nicht mit

größerer Innerlichkeit geschildert werden. Jede Gestalt, jedes Gesicht

auf dem Bilde „erzählt“ -- aber nichts Anekdotisches: durch das ganze

Werk weht der Atem einer großen Zeit. Zu den markigsten Gestalten der

ganzen Defreggerschen Kunst gehört die des voranschreitenden Führers,

der auf seine Leute einspricht. Der alte Hüne ist der einzige, der

einen Stutzen trägt -- ganz unsoldatisch, verkehrt, mit dem Kolben

nach hinten. Weit greifen die Schritte der greisen Helden aus --

sie haben Eile, zu kämpfen und zu sterben. Defregger hat ein paar

Jahre später (1876) noch ein Gegenstück zu dieser Szene voll düstern

Ernstes gemalt -- die von jauchzendem Übermute belebte „Heimkehr der

Sieger“. Auch eine Tiroler Dorfgasse im Jahre 1809, auch einen Trupp

Freiheitskämpfer, aber solcher, die irgendwo die Franzosen geschlagen

haben, wie das ja in jener Zeit oft genug geschah, ohne daß es das

traurige, ungerechte Schicksal von dem tapferen, heimattreuen Volke

abwenden konnte. Die packende Eindringlichkeit des „Letzten Aufgebots“

wurde aber durch die buntere und figurenreichere Siegerheimkehr trotz

ihrer prächtigen Typen nicht mehr erreicht. Durch das erste Bild klang

eben ein tiefstes Empfinden, das heiße Weh um ein Schicksal, wie es ein

menschlich gleich wertvolles Volk vorher nur selten erlebt hatte -- und

erst 1920 wieder erleben sollte!

Franz v. Defregger hat am 30. April 1835 in Tirol als der Sohn eines

wohlhabenden Bauern das Licht der Welt erblickt. Des Vaters Hof stand

im stillen Pustertale und gehörte zur Gemeinde Dölsach, für deren

Pfarrkirche der inzwischen längst berühmt gewordene Künstler später ein

prächtiges Altarbild gemalt hat.

Der junge Bauernsohn, dessen Begabung sich früh auf die vielseitigste

und merkwürdigste Weise offenbarte, mußte bis in sein fünfzehntes

Jahr hinein das Vieh des Vaters hüten und wußte wenig von Kunst,

insbesondere vom Malen. Er machte Figuren aus Teig, schnitzelte sie aus

Rüben und Kartoffeln, bemalte mit seinen Stiften, als er endlich solche

bekam, die Wände, ja er zeichnete einmal einen Fünfzigguldenschein,

wohl die einzige Vorlage, die er hatte, so genau nach -- in aller

Unschuld! --, daß jener für echt gehalten wurde. Später mußte er als

Knecht arbeiten in des Vaters Hof, und als er zweiundzwanzig Jahre alt

war, starb plötzlich der Vater, und dem Jüngling fiel der Hof zu. Nicht

zu seiner Freude. Er wollte erst den Hof verkaufen und nach Amerika

auswandern. Das letztere zerschlug sich, der Hof aber wurde verkauft,

und der Defregger-Franzl ging, bereits vierundzwanzigjährig, mit einer

Empfehlung des Dorfpfarrers nach Innsbruck zu einem Bildhauer in die

Lehre. Nach einigen Monaten empfahl ihm dieser, obwohl mit seinen

Leistungen zufrieden, doch lieber Maler zu werden. Noch in seiner

Tiroler Landestracht stellte er sich in München Meister Karl v. Piloty

vor, und nach einem Jahre bereits war er Schüler einer Malklasse. Im

Zeichnen war er durch eisernen Fleiß bereits selbst vorangekommen.

Freilich muten uns heute seine ersten Bildversuche seltsam an: die

Figuren sind silhouettenhaft, noch stark biedermeierisch angehaucht,

aber vorzüglich gekennzeichnet und echt.

Defregger arbeitete unermüdlich und voll Freudigkeit. In der Malklasse

bei Anschütz gefiel es ihm allerdings wenig. Er ging nach Paris, wo er

als sprachunkundiger Ausländer freilich in keine Schule aufgenommen

wurde. Trotzdem blieb er fünf Vierteljahr, sah wenigstens sehr viel

gute Kunst und malte für sich. Zurückgekommen, blieb er einen Sommer

lang in seiner Tiroler Heimat und begann dort -- es war im Jahre

1864 -- sein erstes gutes Bild „Der verwundete Wilderer“. Im Herbst

des Jahres nahm ihn Piloty in seine Schule auf. Nun ging es rapid

aufwärts, nachdem einmal das Handwerkliche von dem spät und mit etwas

schweren Händen in die Schule Gekommenen überwunden war. 1868 wurde

das vaterländische Bild „Speckbacher und sein Sohn Anderl“ fertig,

das einen Riesenerfolg brachte. Und nun folgte Jahr um Jahr ein

Schlager, und immer nahm der Maler den Stoff aus dem heimatlichen Leben

oder der Tiroler Geschichte, die Figuren aus dem eigenen geliebten

Volke. In Zeiten des „Naturalismus“ hat man ihm vorgeworfen, daß er

seine Gestalten zu sehr verschönere -- in Wahrheit wählte er sich

nur aus dem prächtigen Menschenschlage seiner Tiroler Heimat die für

seine Art passendsten Erscheinungen aus oder suchte sich unter den

Münchener Modellen solche, die mit jenen eine gewisse Rassenähnlichkeit

hatten. In der langen Reihe seiner Bilder finden wir übrigens genug

Erscheinungen, die zwar im höchsten Grade charakteristisch sind,

auf die aber das Wort „schön“ im alltäglichen Sinne durchaus nicht

paßt. Man denke nur an seine ungezählten knorrig-schnittigen Köpfe

alter Männer, an denen oft nur eins schön ist, die stark ausgeprägte

Rasseneigenart. Als Defregger noch jung war, hat ihn freilich

Jugendschönheit und Kraft als Künstler mehr gereizt, als vielleicht

später. Seinem Volkstum ist er aber auch damals immer treu gewesen,

und gerade die Typen auf seinem „Letzten Aufgebot“ konnten auf keinem

andern Boden gewachsen sein, als auf dem Tirols. Als er später

für den bayrischen Staat den „Schmied von Kochel“ schuf, gelang

ihm das Typische der Erscheinungen weit weniger, trotz der nahen

Stammverwandtschaft zwischen Tirolern und Bayern.

Er hat noch eine ganze Reihe von Szenen aus dem Befreiungskampfe

von 1809 gemalt -- die großen Bilder: „Andreas Hofers letzter Gang“

und „Andreas Hofer im Innsbrucker Schloß“ gehören zu den besten.

Voll frischen, blühenden Lebens und sehr volkstümlich geworden sind

aber zahlreiche Schilderungen aus dem friedlichen Volksleben: „Der

Ringkampf“ (1870), „Der Ball auf der Alm“ (1872), „Das Preispferd“

und „Die Bettelmusikanten“ (1873), „Das Tischgebet“ (1875), „Der

Zitherspieler“ (1876), „Brautwerbung“, „Abschied der Jäger von der

Alm“ (1877); dann „Sepps erster Brief“, vielbewundert wegen der

bildhübschen beiden Frauentypen (1880), „Der Salontiroler“ (1882),

„Ankunft auf dem Tanzboden“ (im gleichen Jahr) usw. Die Zahl kleinerer

Tiroler Genrebilder und gar die Reihe der beliebten Studienköpfe, die

von Defreggers Staffelei kam, ist Legion. Er war ein Liebling des

Kunsthandels und der Sammler, und lange Jahre hindurch war auch jede

seiner Arbeiten, kaum begonnen, auch schon in festen Händen. Im Jahre

1878 wurde er Professor an der Münchener Akademie, und seine Schule zog

natürlich vor allem seine Landsleute an. Freilich gingen aus diesen

mehr Nachahmer, als selbständige Künstler hervor. In München besaß er

ein schönes Wohnhaus und Ateliergebäude, ein prächtiges Besitztum in

Bozen. Im hohen Alter büßte er sein Augenlicht fast ganz ein, blieb

aber immer noch der gleiche gütige und lebensfrohe Mensch. Er starb,

fast sechsundachtzigjährig, im Winter 1921.

Die heutige Kunst hat vielleicht in manchem andere Ziele, als sie

einem Franz v. Defregger naturgemäß waren, sie erzählt heute weniger,

verschmäht die „Historie“, will weniger ergötzen durch Lieblichkeit der

Szenen oder dramatische Wucht der Begebenheiten -- aber sympathischere

Persönlichkeiten, als den schlichten, starken Tiroler Maler Defregger

wird sie so bald nicht aufzuweisen haben. Und heller als je wird gerade

jetzt in den Herzen nicht nur seiner engeren Landsleute, sondern wohl

aller echt deutsch Empfindenden das hohe Lied widerhallen, das den

Tiroler Freiheitskämpfern 1809 seine Kunst gesungen hat! Zumal im

„Letzten Aufgebot“.

_Fritz v. Ostini._

Vorlesung

Von Lourens Alma-Tadêma

Geboren 8. Januar 1836 in Dronryp in Friesland, gestorben 25. Juni

1912 in Wiesbaden. -- Sammlung Balcer in Baltimore

Bild 34

Das Bild Alma-Tadêmas zeigt uns, wie man im Altertum aus den Werken

der Dichter vorzulesen pflegte. Der Platz, auf den uns der Künstler

führt, ist eine Exedra, die man bei den Alten in jedem vornehmen Hause

und in den öffentlichen Bädern (Thermen) fand. Durch die Ausgrabungen

der Städte Herkulaneum und Pompeji ist viel von dem Leben der Völker

des Altertums bekannt und verständlich geworden. Ein Landsmann

Alma-Tadêmas, Edward Bulwer, hat in seinem Roman „Die letzten Tage von

Pompeji“ ein lebendiges Bild von dem Treiben dieser Stadt gegeben.

Wahrscheinlich befindet sich die Exedra, die uns der Künstler auf

dem Bilde zeigt, in den neuen Bädern von Pompeji. Die Pompejaner

kamen hier nicht nur zusammen, um zu baden, es wurde hier vorgelesen,

rezitiert und musiziert; einer der Plätze war besonders für Ringkämpfe

eingerichtet. Das war die Palästra.

Die Hauptperson unseres Bildes ist der Vorleser. Er liest aus einem

Papyrus vor, den wir unseren heutigen Büchern etwa vergleichen können.

Diese Papyrus bestanden aus langen, aus der Papyrusstaude geschnittenen

Streifen, die auf ein Stäbchen gerollt wurden. Am Ende des Streifens

war ein zweites Stäbchen angebracht, worauf das Gelesene gewickelt

wurde. Die einzelnen Absätze des Textes entsprechen den Seiten unserer

Bücher. War der Vorleser mit Lesen fertig, so mußte der Papyrus vom

Anfang dem Ende zu aufgerollt werden; denn sonst bekam der nächste

Leser das Ende des Buches zuerst zu lesen. Auf unserem Bilde sehen

wir, daß der Vorleser in große Begeisterung geraten ist. Er scheint

ganz vergessen zu haben, seine Rolle an dem abgelaufenen Ende wieder

aufzuwickeln, oder sie gleiten zu lassen, wie es bei dem Papyrus üblich

war. Auch die Körperhaltung des Vortragenden verrät seine große innere

Teilnahme an der Lektüre. Er hat das Haupt nach vorn geneigt, sein

Blick geht in die Ferne.

Gemälde und ihre Meister · 第 20 / 25 段