Es geht durch dies Werk etwas wie eine Klage über die tragischen

Verkettungen, denen das Dasein des Menschen unterworfen ist. Und wir

fühlen aus dem innerlichen Ernst, mit dem das Ereignis geschildert

wird, daß der Künstler sich nicht für eine einzelne Arbeit in diese

Stimmung hineinzwang, sondern daß sie seinem tiefsten Wesen eigen

war. Anselm Feuerbach gehörte zu den großen Meistern der deutschen

Kunst des vorigen Jahrhunderts, die bis zu ihrem Ende mit dem

Unverstand der Menschen zu ringen hatten und, diesem Kampfe nicht

gewachsen, früh verbittert und zerrüttet starben, um erst lange nach

ihrem Tode die Anerkennung und den Ruhm zu finden, nach dem sie im

Leben vergebens gedürstet hatten. In einer Zeit, da die allgemeine

Aufmerksamkeit der Erforschung der Naturkräfte zugewandt und daher

auch das ganze Streben der Kunst darauf gerichtet war, die Wahrheit

des Lebens ringsum zu schildern, gehörte Feuerbach zu dem kleinen

Kreise der Meister, in deren Herzen eine unbezwingliche Sehnsucht

nach Schönheit, Größe und Hoheit lebendig war, die sie in ihren

künstlerischen Werken zu offenbaren suchten. Um die Umgebung zu

finden, die solchem Schaffen entsprach, zog Feuerbach, ebenso wie

der Schweizer Arnold Böcklin und der Rheinländer Hans von Marées,

über die Alpen nach Italien, wo die großartigen Linien der südlichen

Landschaft, der freiere Zug des Volkslebens und die Erinnerungen an

die Welt der Antike, deren Reste und Trümmer den fremden Wanderer

grüßen, den Deutschen von jeher aus Gegenwart und Alltag in eine ferne

Schönheitswelt entrückt haben. Mit den beiden Meistern, die eben

genannt wurden, lebt Feuerbach in der Kunstgeschichte fort als einer

der Führer des Kreises der „Deutsch-Römer“, die sich in ausgesprochenen

Gegensatz zu den Realisten und Impressionisten stellten. Diese

wollten die malerische Spiegelung von Leben und Bewegtheit, von

Natur und modernem Wesen wiedergeben, den Zauber des Lichtes und

seiner farbigen Brechungen ergründen, den Reiz und den Schimmer der

Erscheinungen festhalten, die das Auge ringsum, überall und jeden

Augenblick wahrnimmt. Die Deutsch-Römer erstrebten ganz andere Ziele.

Einer mit der Phantasie erschauten bedeutungsvolleren Welt wollten

sie Form geben, die in der Wirklichkeit nicht zu finden ist, und in

der menschliche Empfindungen und Leidenschaften, unser innerstes

Lebensgefühl und unsere Träume in Gebilden von einer höheren Geltung

sichtbaren Ausdruck gewinnen. Stärker noch als seine Genossen fühlte

sich Feuerbach bei solchem Streben zu der Schönheit und der Kultur

Italiens hingezogen. Als Sohn eines gelehrten Archäologen war er 1829

in Speyer geboren. Er entstammte einer Familie von Wissenschaftlern

und Universitätsprofessoren. Von Kindheit an war ihm die Welt des

klassischen Altertums nahe vertraut. Als blutjunger Kunstschüler war

er zuerst, sechzehnjährig, auf die Akademie nach Düsseldorf, dann

nach München und Antwerpen gekommen, um das malerische Handwerk zu

erlernen. In Paris, im Atelier von Thomas Couture, der um die Mitte

des Jahrhunderts unzählige Schüler aus der ganzen Welt unterrichtete,

schloß Feuerbach dann seine Ausbildung ab. Aber sein Herz ging ihm

erst auf, als er 1855 nach Italien kam. „In Venedig“, so heißt es in

seinen wundervollen Briefen, deren Sammlung einen kostbaren Schatz

unserer Kunstliteratur bedeutet, „verkündigte sich das Morgengrauen,

in Florenz brach die Morgenröte an, in Rom aber vollzog sich das

Wunder, das man eine vollkommene Seelenwanderung nennen kann -- eine

Offenbarung.“ Seine zarte, empfindsame Seele suchte hier die freie

Heiterkeit der Antike, die Klarheit und Geschlossenheit der alten

Kunst. In dem Gegensatz und Widerspruch zwischen dieser Sehnsucht und

der Wirklichkeit des modernen Lebens, in die er sich geschleudert

sah, ruht der tragische Konflikt seines Wesens, ruht aber auch der

Reiz seiner Kunst. In seinen Bildern ist etwas wie Trauer, wie eine

Klage um ein verlorenes Glück. Wiederholt hat er Iphigenie gemalt,

wie sie, an ein fernes, fremdes Gestade verbannt, über das Meer

hinblickt, „das Land der Griechen mit der Seele suchend.“ So mochte

er selbst empfinden. Und nicht anders mag er auch die tragische

Zerrissenheit im Herzen der Medea in sich gefühlt haben. Alle diese

Bilder wurden nicht nur Darstellungen aus einem Stoffgebiet der Sage,

sondern zugleich persönliche Bekenntnisse eigenen Erlebens. Daher

die zurückhaltende Farbenstimmung seiner Werke, das schwermütige

Halbdunkel, der trübe nordische Himmel, der Landschaft wie Menschen

in ein ernstes Grau hüllt. Auch auf unserm Bilde herrscht dieser

graublaue Ton, der sich über die breiten Farbflächen legt. Er dämpft

und mildert das satte Rot vom Mantel der Medea und von den Mützen der

halbnackten Schiffsmannschaft, das Blau der Hose, die der eine Bursche

trägt, das Weiß vom Gewande der Fürstin und von dem lässig über die

Schulter geschlungenen Hemde des einen Bootsmanns -- und er sinkt

nieder bis zu schwärzlicher Dunkelheit in der Gestalt der Dienerin,

die wie eine aus dem Boden gestiegene, unheimliche Schicksalsgöttin

mitten im Bildviereck als finsteres Wahrzeichen schattenhaft aufragt.

Deutlich erkennen wir auf diesem Meisterwerke, wie der Aufenthalt in

Italien Feuerbachs Art beeinflußte. Medea selbst ist die Idealisierung

einer schönen Italienerin. Ihr Faltenwurf deutet auf das Studium

antiker Kunstwerke. Die prachtvoll bewegte Gruppe der Schiffsleute

zeigt, was der Künstler dort unten mit durstigen Blicken in sich

aufgenommen hatte: dergleichen kann man an den Küsten Italiens

jederzeit beobachten. Auch die Kinder Medeas stammen von den Straßen

italienischer Städte und Dörfer. So gewann die ganze Szene eine

unmittelbare Wahrheit und Lebendigkeit. Aber sie wurde darüber hinaus

emporgehoben zu einer heroischen Würde und edlen Hoheit. Die innere

Erregung ist durch die Ruhe und Gemessenheit der Anordnung gebändigt.

Ein Griechentum steigt empor, das durch die Seele eines modernen

Menschen hindurchgegangen ist.

Nicht lange nachdem Feuerbach dies Werk geschaffen, schien sein

Leben eine glückliche Wendung zu nehmen. Im Jahre 1873 wurde er nach

Wien berufen, um dort zu wirken. Endlich glaubte er Anerkennung und

Verständnis gefunden zu haben. Aber was ihn erwartete, war nur noch

grimmigere Enttäuschung. In der fröhlichen österreichischen Stadt,

die damals den farbentrunkenen Bildern von Hans Makart zujubelte,

konnte die schlichte Vornehmheit der Feuerbachschen Kunst sich nicht

durchsetzen. In nervöser Überreizung verließ er Wien nach wenigen

Jahren wieder und flüchtete nach Venedig. Die Verzweiflung darüber,

daß sein heißer Wunsch, den Deutschen eine monumentale Malerei großen

Stiles zu schenken, ohne Echo blieb, trieb ihn, wenig über fünfzig

Jahre alt, 1880 in den Tod. Seine Selbstbiographie, die unter dem Titel

„Ein Vermächtnis“ nach seinem Hingang erschien, zeigt ergreifend das

schmerzvolle Ringen, in dem er sich zerquält hat, und bleibt für alle

Zeiten eine Mahnung für unser Volk, das einen seiner größten Künstler

verkannte und mißachtete.

_Max Osborn._

Wie die Alten sungen

Von Ludwig Knaus

Geboren 5. Oktober 1829 in Wiesbaden, gestorben 7. Dezember 1910.

-- Nationalgalerie in Berlin

Bild 30

Als _Ludwig Knaus_ im Oktober 1899 auf der Höhe seines Ruhms seinen

siebzigsten Geburtstag feierte, hatte die Berliner Akademie der

Künste ihm zu Ehren in einer großen Ausstellung alle Gemälde und

Zeichnungen vereinigt, die aus seinen fleißigen Händen hervorgegangen

und nur irgendwie erreichbar gewesen waren. Zufolge einer Zufälligkeit

entsinne ich mich dieser Ausstellung noch ganz genau. Ich hatte einen

reichen Amerikaner kennengelernt, der es sich in den Kopf gesetzt

hatte, seinen hübschen fünfjährigen Buben von Knaus malen zu lassen.

Nun war Knaus, obwohl er auch einige ausgezeichnete Bildnisse nach

dem Leben geschaffen hat, nicht so recht eigentlich das, was man

einen Porträtmaler zu nennen pflegt. Aber da er einen großen Teil

seiner Berühmtheit insonderheit seiner lebensfrischen Auffassung

des Kindlichen verdankte, so versteifte der amerikanische Herr sich

auf seinen Wunsch. Er war bereits dreimal bei Knaus gewesen und nie

empfangen worden und wollte es nun mit einer Art Überfall versuchen.

Da ich wußte, daß Knaus zu einer bestimmten Stunde von dem Vorstande

der Akademie in seiner Ausstellung empfangen werden sollte und

ich ihn persönlich kannte, so hatte ich meinen leidenschaftlichen

Amerikaner mitgenommen, und es glückte mir auch, ihn bei einer

günstigen Gelegenheit dem Jubilar vorzustellen. Da kam es nun zu einer

drolligen kleinen Szene. Der Amerikaner pflanzte sich breitspurig vor

Knaus auf und radebrechte in seinem schlechten Deutsch: „Sie sein das

weltberühmte Knaus. Ich uollen malen lassen mein Boy von Ihnen. Ich

zahle die höchste Preis. Uas soll dies koste...?“ Knaus war anfänglich

etwas verblüfft, lächelte dann (die Umstehenden kicherten bereits)

und erwiderte: „Sehr freundlich von Ihnen, aber ich nehme in meinen

hohen Jahren keine Aufträge mehr an...“ Doch mein Amerikaner ließ

sich nicht aus der Fassung bringen. „Ich uill zahlen 20000 Dollars

vor die Bildnuß“, schoß er von neuem los. Knaus strich sich über den

grauen Kinnbart. „Kann ich Ihren Jungen einmal sehen?“ fragte er. Der

Amerikaner nickte. „Well,“ sagte er, „ich haben ein Photograf von

ihn --“ und er zog seine Brieftasche, holte eine Photographie hervor

und zeigte sie Knaus. „Ein hübscher Junge,“ meinte der Maler, „aber

ich muß ihn schon lebendig vor mir haben...“ „Er sein in Milwaukee

in Amerrrika,“ antwortete der andere, „kommen Sie mit, Mister Knaus,

wir fahre morgen ab, ich zahle Reise hin und her und Aufenthalt und

alles, Sie sollen auch meine liebe Frau malen, und in Chikago habe ich

Freunde zu malen, und in Washington und in New York, es kann sein ein

splendid Geschäft vor Sie. Uollen Sie fahre morgen mit mir ab?“ Nun

lachte der alte Knaus herzlich, und der Kreis um ihn stimmte fröhlich

in das Lachen ein. „Ich danke Ihnen sehr für Ihr gütiges Anerbieten,“

antwortete der Maler, „aber ich bin siebzig Jahre alt und auf längere

Reisen nicht mehr eingerichtet...“ Die Freunde des Jubilars hielten

es jetzt für zweckmäßig, der Szene ein Ende zu bereiten, zumal ein

paar königliche Prinzen in der Eingangstür sichtbar wurden -- sie

faßten Knaus unter den Arm und zogen ihn mit sich. Der Amerikaner

wollte nach, aber nun hielt ich ihn fest und versuchte, ihm klar zu

machen, daß er nach Lage der Sache schon notgedrungen auf seinen

Wunsch verzichten müsse. Er hörte mich kopfschüttelnd an und meinte

schließlich: „Der alte Herr sein kein smarter Geschäftsmann...“

Auf dieser Ausstellung befanden sich auch zwei Gemälde und einige dazu

gehörige Skizzen, die uns hier besonders interessieren. Das eine Bild

hieß ursprünglich „Der Katzentisch“ und zeigt fast genau dieselbe

Darstellung wie auf dem unter dem Titel „Wie die Alten sungen, so

zwitschern die Jungen“ bekannten, in der Berliner Nationalgalerie

hängenden und hier wiedergegebenen Gemälde. Nur ein Unterschied waltet

ob: auf der ersten Bearbeitung, dem sogenannten „Katzentisch“, tragen

die Figuren die halb kleinstädtische, halb ländliche Tracht unserer

Tage, während das zweite Bild sie in Rokokokostüm zeigt. Knaus selbst

erklärte mir einmal, warum er die Umarbeitung vorgenommen hat. Ihn

reizte das farbige Kostüm aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts

in diesem Falle um so mehr, als dadurch die Gegensatzwirkung zwischen

dem altväterischen Gehaben am Tische der Erwachsenen und der naiven

Kindlichkeit an den Katzentischen viel stärker zum Ausdruck gebracht

werden konnte. In der Tat ist dies Bild von den „zwitschernden

Jungen“ eins der reizendsten und liebenswürdigsten Kunstwerke, die

aus dem Knausschen Atelier hervorgegangen sind, und ist auch zu einem

Lieblingsbilde unsrer kinderreichen Nation geworden.

Auf dem freien Platz außerhalb der Stadt unter den Linden vor dem

alten Wirtshause tafelt die Gesellschaft, vielleicht aus Anlaß eines

Geburtstags- oder eines sonstigen Familienfestes. Wie die Kleidung

zeigt, ist es eine gutbürgerliche Gesellschaft, die eines Beamten oder

eines vermögenden Handwerksmeisters, und zwar sitzen die Erwachsenen

im Hintergrunde an einem langen Tische auf schlichten Holzbänken, denn

gerade ausgangs des vergnügungssüchtigen 18. Jahrhunderts liebte man

es, im Gegensatz zu der recht üppigen Lebensführung in den Städten,

bei ländlichen Ausflügen die Einfachheit aufzusuchen und „zur Natur

zurückzukehren“. Ganz vorn steht das eigentliche Katzentischchen, an

dem unter der Obhut eines hübschen Kindermädchens die Allerkleinsten

ihren Platz gefunden haben. An diesem Tischchen merkt man noch nicht

viel von der angeborenen Nachahmungssucht der Kinder, die zu dem

Sprichwort geführt hat, das dem Bilde seinen Titel gab. Höchstens

versucht das niedliche Dirnchen an der linken Tischecke durch sein

ehrpusseliges Getue, die steife Haltung und die Sicherheit in der

Handhabung von Messer und Gabel, sich als wohlerzogenes junges Dämchen

zu erweisen, das schon den Vergleich mit den Erwachsenen aufnehmen

kann. Um so wilder benehmen sich die beiden Buben, von denen der eine

dem andern den Teller mit Naschwerk fortreißen möchte, was ihm, nach

der drohenden Bewegung seines Tischnachbarn zu urteilen, vermutlich

schlecht bekommen wird. Artiger ist der kleine Krauskopf neben dem

sittigen Dämchen, der sogar von seinem Imbiß das schwarze Katzerl

etwas abbekommen läßt. Gegenüber sitzt das Kindermädchen (es kann auch

eine ältere Schwester sein) und füttert das jüngste Baby, was die

große Ulmer Dogge, die zutraulich den dicken Kopf auf die Schulter

des Mädchens legt, mit Neugier und -- Freßlust beobachtet, indes ein

zweites Baby im festgesicherten Kinderstuhl am Däumchen lutscht.

Anders geht es schon an dem größeren Tische dahinter zu. Da

„zwitschern“ wahrhaftig die Jungen, „was die Alten sungen!“ Seh’ einer

den frechen Bengel links unten an der Tafel an, der dem sich lachend

sträubenden Mädelchen sogar einen Kuß rauben will! Da benimmt sich das

Pärchen, das dem Beschauer den Rücken wendet, immerhin vornehmer, wenn

seine Haltung auch zeigt, daß es gerne die Verlobten und Verliebten

spielen möchte, vielleicht so wie der ältere Bruder und die künftige

Schwägerin. Da ist aber auch einer, der stehende Junge rechts, der nach

Vatersart zu einer Strafpredigt ausholt und den sich Schnäbelnden unten

die Wahrheit sagt, während die neben ihm sitzenden Kleinen lachende

Zuschauer sind und zwei andere Bübchen in ihrem Essenseifer gar keine

Zeit haben, sich um das Zuständliche ringsum zu kümmern.

Das reizende Bild beweist am schlagendsten die wundervolle Gabe der

Beobachtung der Kindernatur, die der Maler in hohem Maße besaß.

Ludwig Knaus, am 5. Oktober 1829 zu Wiesbaden geboren, bezog als

sechzehnjähriger Jüngling die Düsseldorfer Akademie und erregte bereits

durch seine Erstlingsarbeiten, den „Bauerntanz“ und „Die falschen

Spieler“ (1851), die durch ihre eigentümlichen Hell-Dunkelreize an

die alten Niederländer mahnten, allgemeine Aufmerksamkeit. Unter dem

Einfluß der französischen Meister entwickelte sich während eines

Pariser Studienaufenthalts seine malerische Technik so schnell, daß

ihm (1855) die schon damals nicht häufige Ehre zuteil wurde, eins

seiner Bilder an das Luxembourg-Museum verkaufen zu können -- den

„Spaziergang“ einer von einem kleinen Mohren als Diener begleiteten

Dame in einem sommerlichen Park. In seinem innersten künstlerischen

Wesen blieb Knaus aber trotz seines langjährigen Pariser Aufenthalts

immer ganz deutsch, das zeigten seine Ende der fünfziger Jahre

entstandenen Genrebilder aus dem rheinischen Bauernleben in der Tiefe

und Reinheit des Empfindens und der von warmem Humor durchsonnten

Charakterzeichnung. Nach Rückkehr in die Heimat lebte Knaus zunächst

fünf Jahre in Berlin, siedelte hierauf nach Düsseldorf über und

wurde 1874 abermals nach Berlin berufen, diesmal als Vorsteher eines

Meisterateliers in der Kunstakademie, an deren veredelnder Umwandlung

er tätigen Anteil nahm. Auch in dieser Periode entstanden vorzugsweise

Bilder aus dem Leben des Volks, Lustspielszenen voll zauberhaften

Reizes wie schmerzerfüllte Dramen, Gemälde, die gewissermaßen die ganze

Stufenleiter menschlichen Empfindens zu malerischem Ausdruck brachten.

Eine besondere Meisterschaft aber erreichte er in dieser Zeit in der

mannigfaltigen Charakteristik der Kinderwelt. So sind selbst die

rührenden Engelsfiguren auf seiner „Heiligen Familie“ Kinderbildchen

im besten Sinne des Wortes, pausbäckige Erdenkinder mit drallen

Gliederchen, die auf ihren Fittichen munter durch die Luft tummeln.

Neben seinen zahlreichen Darstellungen aus dem Kinderleben schuf er in

seiner Berliner Zeit auch mannigfache Bilder aus dem Hasten und Treiben

der Großstadt und zudem noch eine kleinere Anzahl von Porträts (meist

berühmter Gelehrter, wie der Professoren Mommsen und Helmholtz), die

er für die Nationalgalerie malte, Bilder voller Feinheit und Echtheit

im seelischen Ausdruck und eigenartiger Intimität der Auffassung. Das

Knaussche Gesamtwerk ist von einer erstaunlichen Vielseitigkeit, aber

was er auch schaffte, er schaffte sozusagen „vom Herzen zum Herzen“,

wie einer seiner Biographen sich ausdrückt, er malte das, was der

Menschen Augen und Seelen erquickt, froh macht und rührt -- deutsche

Innigkeit spiegelt in seinen Bildern sich wider.

_Fedor v. Zobeltitz._

Stiergefecht

Von Edouard Manet

Geboren 1832 in Paris, gestorben 30. April 1883 ebendort. --

Privatbesitz

Bild 31

Der Schöpfer dieses Bildes mußte zu seinen Lebzeiten viel Kummer und

Schmerz erdulden. Die Herren, die vor Eröffnung einer Kunstausstellung

darüber entscheiden, welche Bilder dem Publikum gezeigt werden

dürfen und welche nicht, haben oft genug Edouard Manets Bilder

zurückgewiesen. Da verband sich Manet mit einigen gleichgesinnten

Malern, denen es ebenso böse wie ihm ergangen war, und sie eröffneten

gemeinsam eine eigene Ausstellung, die sie trotzig die Ausstellung

der „Zurückgewiesenen“ nannten. Und hier zeigten sie dem Publikum die

Bilder, die das Prüfungskollegium mit „ungenügend“ bezeichnet hatte.

Nun aber ging das Spotten und Schimpfen erst los. Die Herren, die in

den Zeitungen über Kunstausstellungen zu schreiben pflegen, verstanden

diese Kunstwerke nicht, und so sagten sie in ihren Zeitungen, die

Bilder Manets und seiner Freunde seien überhaupt nicht Kunst. Um aber

auch das Publikum auf ihre Seite zu bekommen, machten sie über die

Bilder Manets und seiner Freunde boshafte Witze. Denn sie wußten, daß

die Menschen immer jenen gerne zustimmen, die den, der etwas Neues oder

Kühnes zu unternehmen wagt, verspotten. Weil aber die Besucher der

Ausstellung selber von Kunst nicht viel verstanden, waren sie über das

ungewohnte, das sie in den Bildern Manets und seiner Freunde fanden,

ebenso wütend wie die Zeitungsschreiber und gingen mit Schirmen und

Stöcken gegen die Bilder los. Und wie Manet, so erging es vielen, ja

den meisten großen Künstlern aller Zeiten. Da sie lebten, da sie mit

ihren großen, entscheidenden Werken hervortraten, mit jenen Werken, die

sie später berühmt und unsterblich machen sollten, wurden sie von ihren

Zeitgenossen verlacht, verspottet, ja beschimpft.

Und wenn ihr euch nun dieses „Stiergefecht“ von Manet betrachtet,

findet ihr etwas daran, das häßlich oder den Spott herausfordernd

wäre? Ich glaube kaum. Es ist ein Bild voll Leben, Kraft und Licht,

schlicht und doch prächtig und bewegt, wie solch Stiergefecht da unten

in Spanien oder Südfrankreich wirklich ist. Der Tag, an dem so eine

„~Corrida~“ -- dies ist der spanische Ausdruck für „Stiergefecht“ --

stattfindet, ist einer der aufregendsten und größten Festtage für die

betreffende Stadt. Schon Tage vorher sieht man in allen Händen das

Programm, auf dem die Namen der einzelnen Stierkämpfer und die Anzahl

der Stiere, die die Arena betreten sollen, verzeichnet stehen. In

den Straßen, an den Tischen vor den Kaffeehäusern, ja beim Abendbrot

in der Familie wird von nichts anderem gesprochen. Die Namen der

größten „Toreros“ -- so heißen die Stierkämpfer auf spanisch -- gehen

von Mund zu Mund; ihre Tapferkeit, ihre Geschicklichkeit wird voll

Feuer erörtert oder bestritten. Die ganze Stadt zittert förmlich

vor Aufregung. Da kann es einem wohl geschehen -- wie ich es selbst

einmal erlebte --, daß man auf der Straße von einem wildfremden

Menschen angesprochen wird, der einem ungefragt einen Rat darüber

erteilt, was für einen Sitzplatz man in der Arena wählen müsse, um

alles nur ja recht gut sehen zu können. Denn solch einem Spanier oder

Südfranzosen erscheint es ganz und gar undenkbar, daß man in seiner

Stadt, heute, an diesem Tage zu einem andern Zweck weilen könne, als

um eben der Corrida beizuwohnen. Und nun der Tag des Stiergefechts!

Schon am frühen Vormittag gerät die Stadt in Bewegung. Von überallher

strömen die Menschen zusammen. Mit der Bahn, in von kleinen Mauleseln

gezogenen Wagen, zu Pferde und auf dem Fahrrad, einzeln und in ganzen

Trupps, selbst aus vielen Stunden weit entfernten Orten und Städten

kommen sie herbeigeeilt. Und alles, Männer, Frauen, Knaben, Greise,

ja sogar Kinder, alles pilgert hinaus zur Arena vor der Stadt. Die

Luft zittert vor Hitze, Pferden und Hunden hängt die Zunge zum Maul

heraus, der Himmel ist dunkelstrahlendblau, und der feine weiße Staub

der südlichen Landstraße, von all den tausend Füßen aufgewirbelt, legt

sich auf die Gewänder. Endlich ist es soweit. Eine nach Tausenden

und Tausenden zählende Menge erfüllt die Arena, die Sonne brennt

auf die Köpfe und auf den Sand, die Damen und Herren fächeln sich

Luft zu, Limonadenverkäufer bieten ihre Getränke an, alles lacht,

schwätzt, gestikuliert und schreit durcheinander und erfüllt die

aufsteigenden Sitzreihen der Arena mit ständiger Bewegung -- da

ertönt plötzlich Musik, und unter klingendem Spiel vollzieht sich der

Aufmarsch der „Quadrille“: die Stierkämpfer zu Fuß und zu Pferde,

in den farbenprächtigsten, reich mit Gold und Silber gestickten

Gewändern, ziehen in die Arena ein. Dann öffnet sich eine Pforte: der

Stier betritt den Kreis. Und nun beginnt, unter der gespanntesten

Aufmerksamkeit der Menge, der Kampf. Der Stier wird mit roten Tüchern

und durch Stiche buntbebänderter, kurzer Lanzen gereizt. Es ist ein

wundervolles Spiel von Mut, Kraft, Geschicklichkeit und blitzschneller

Geistesgegenwart, bis schließlich der „Espada“, der erste Torero und

Held des ganzen Spieles, die Arena allein betritt, das Publikum mit

dem blanken Degen in der Hand grüßt und dann, zuletzt, ganz Muskel und

Auge, den Stier mit einem einzigen scharfgezielten Degenstoß in den

Nacken tötet. Mißlingt ihm der Stoß, bricht ihm der Degen, vermag er

ihn nicht bis ans Heft hineinzustoßen, so spießt ihn der wütende Stier

mit seinen Hörnern auf, und er muß seine Ungeschicklichkeit mit dem

Leben bezahlen, zumindest aber zischt und pfeift ihn die empörte Menge

unerbittlich aus, so wie es etwa bei uns im Theater einem ganz, ganz

schlechten Schauspieler geschehen kann. Gelang ihm der Stoß aber, dann

bricht die ganze tausendköpfige Menge in nicht endenwollenden, tosenden

Beifall aus.

Gemälde und ihre Meister · 第 19 / 25 段