deutschen Malerei, und Karl v. Piloty, von tiefer empfindenden
Künstlern, ja seinen Schülern schon bei Lebzeiten in den Hintergrund
gedrängt, ist in Wahrheit ein Bahnbrecher von Verdiensten gewesen, die
nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Er führte die Deutschen,
wie gesagt, von der Kartonkunst zur wirklichen Malerei, er brachte
ihnen Freude an der Farbe bei und den Begriff der malerischen Freiheit.
Viele seiner Schüler haben sich große Namen gemacht; die von ihnen
noch leben, gelten auch noch heute, und was er vor so vielen voraus
hatte -- er ließ seine Schüler werden und wachsen, wie es ihnen ihre
Natur vorschrieb. Von allen seinen bekannten Schülern hat vielleicht
einzig der Ungar Benczur Palette und Vortragsweise seines Meisters auf
die Dauer behalten. Die anderen, die _Gabriel Max_, _Defregger_, _Hans
Makart_, _Eduard Grützner_, _Hugo v. Habermann_, _Franz v. Lenbach_
usw. nahmen wohl des klugen und weitschauenden Meisters Korrektur und
Ratschläge dankbar entgegen, aber, sobald sie selbständig geworden
und genug gelernt hatten, gingen sie ihre eigenen Wege. Auch jene,
die ihren „historischen Unglücksfall“ -- so nannte boshafterweise
damals der Künstlerwitz die von den Schülern gefürchteten Pilotyschen
Geschichtsmotive -- bereits hinter sich hatten. Ohne einen Versuch
in der Geschichtsmalerei kam bei Piloty selten einer durch, so
wenig engherzig der Meister war, wenn er fühlte, daß die Begabung
des Schülers nach einer anderen Seite drängte. Er selbst blieb bei
seiner „Großen Historie“ -- nur ein paar Bildnisse hat er außer den
Geschichtsbildern gemalt, ihn verlangte nach malerischem Aufwand, nach
dramatischem, ja oft ein wenig theatralischem Effekt -- und dazu gab
ihm eben das Stoffgebiet, das er gewählt hatte, Gelegenheit! --
Die Familie des Künstlers stammte aus Italien, hatte sich in der
Pfalz niedergelassen, und der Großvater Karl v. Pilotys war, als die
Sulzbacher Linie in Bayern zur Regierung kam, mit dem Kurfürsten Karl
Theodor nach München übergesiedelt. Dieses Piloty künstlerisch begabter
Sohn Ferdinand hatte eine lithographische Kunstanstalt eröffnet,
bald nachdem Senefelder seine große Erfindung gemacht, und sein Sohn
Carl besuchte die Münchener Kunsthochschule. Sein Talent zeigte sich
so früh, daß ihn der Vater schon mit zwölf Jahren auf die Akademie
schickte, an der freilich damals -- 1838 -- noch wenig künstlerischer
Gewinn zu holen war. Aber Pilotys eiserner Fleiß ließ ihn, der übrigens
in allem ein Mensch von fast düsterm, schwerblütigem Ernste war, auch
hier vorwärtskommen. Aber nach wenigen Jahren schon warf ihn das
Schicksal einstweilen jäh aus der Laufbahn des Malers. Der Vater starb,
und um die Familie zu erhalten, mußte der Sechzehnjährige die Leitung
des umfangreichen lithographischen Geschäftes übernehmen, was er auch
zustande brachte. Nur in den Freistunden, die wohl spärlich genug
waren, lebte er noch seiner Kunst, bis ihn glücklichere Lebensumstände
aus diesem Frondienst befreiten und er zu seiner Malerei zurückkehren
konnte.
Um die Mitte der vierziger Jahre -- damals schickte man die großen
und sensationellen Bilder noch auf Reisen -- wurde in München des
berühmten Belgiers Gallait „Abdankung Karls V.“ ausgestellt. Das
packende Werk wirkte mächtig auf Piloty und drängte ihn in die Richtung
der historischen Malerei. Er sah auch unter starken Eindrücken ein
verwandtes Werk von Gallaits Landsmann Bièfve, lernte in Paris die
Kunst Delaroches kennen, und in Venedig, wohin er 1847 zum ersten
Male zu Fuße pilgerte, begeisterte er sich an Paolo Veronese. Alle
diese Einflüsse bestimmten seine endgültige Richtung. Nach ein paar
„Genrebildern“ kam er zu seinem ersten historischen Gemälde, als
König Maximilian II. von Bayern für seine, der Historienmalerei
gewidmete Galerie des Maximilianeums ein Bild bestellte: „Kurfürst
Maximilian tritt 1609 der katholischen Legion bei“. Das Werk des
siebenundzwanzigjährigen Jünglings fiel so glänzend aus, daß alle Welt
staunte. Und als er ein Jahr später das in der Münchener Pinakothek
befindliche Werk „Seni an der Leiche Wallensteins“ mit der für die
damalige Zeit blendenden Vollendung aller Stillebenteile, namentlich
der Stoffe, herausgebracht, stand sein Ruhm für alle Zeit fest. Im
nächsten Jahre wurde er Professor an der Kgl. Kunstakademie und nach
W. v. Kaulbachs Tode, allerdings fast zwei Jahrzehnte später, deren
Direktor. Nach dem „Seni“ folgte ein Geschichtsbild dem andern. Einige
Stoffe nahm der Künstler noch aus der Geschichte des Dreißigjährigen
Krieges; 1860 vollendete er das gewaltige Werk „Nero nach dem Brande
Roms“, 1861 „Galilei im Kerker“, „Gottfried von Bouillon auf der
Wallfahrt zum Heiligen Grabe“, „Kolumbus als Entdecker Amerikas“,
„Maria Stuart, die Verkündigung ihres Todesurteils empfangend“, „Der
Dauphin Ludwig XVII. bei seinem ‚Pfleger‘, dem Schuster Simon“. Eine
Berufung zum Leiter der Berliner Kunstakademie lehnte er (1869) ab und
vollendete 1873 seine „Thusnelda“, ein Werk, in dem er die glänzenden
Seiten seiner Kunst vielleicht klarer offenbarte, als in irgendeinem
späteren: seine höchst vervollkommnete Gabe zu komponieren, seine
Zeichenkunst und seine farbige Wahrheit. Von gewaltigen Ausmaßen
ist auch das damals begonnene, 1879 vollendete Werk „Die Munichia“,
umgeben von allen um die Entwicklung Münchens verdienten Männern --
eine schwere Aufgabe, meisterlich gelöst. Die vielen Bildnisse in dem
Gemälde, das den Sitzungssaal des Münchener Rathauses ziert, sind voll
frischen Lebens und, so weit es das Thema nur irgend zuließ, frei
von akademischer Konvention. Der kleiner gehaltene „Letzte Gang der
Girondisten“, die „Klugen und die törichten Jungfrauen“, „Unter der
Arena“, „Der Rat der Drei in Venedig“ folgten -- ein „Tod Alexanders
des Großen in Babylon“ blieb unvollendet; denn während der Arbeit, am
21. Juli 1886, starb Piloty in seiner Besitzung am Starnberger See,
in Ambach. Mit den oben aufgezählten Bildern ist übrigens noch lange
nicht das ganze Malerwerk des Historienmalers Piloty erschöpft. Sein
Hauptverdienst aber erwarb er sich trotz jener glänzenden Leistungen
als Anreger, als Lehrer. Wilhelm v. Kaulbach, damals Direktor der
Kunstakademie, hat seinen Sohn Hermann in Pilotys Schule geschickt,
damit er malen lerne, und er selbst plagte sich hinter verschlossenen
Türen noch in seinen alten Tagen, im neuen Sinne nach der Natur malen
zu lernen. Vielleicht die schlagendsten Beweise für die Macht von
Pilotys Wirkung auf seine Zeit!
_Fritz v. Ostini._
Gefilde der Seligen
Von Arnold Böcklin
Geboren 16. Oktober 1827 in Basel, gestorben 16. Januar 1901 in
Fiesole bei Florenz. -- Nationalgalerie in Berlin
Buntbild VI
Welch wunderbare, farbenfrohe Märchenwelt!
Ein seltsam fremdes Fabelwesen, Chiron, der Zentaur, halb Mensch, halb
Pferd, trägt sinnend, in beschaulichem Wohlgefühl, eine schöne junge
Frau über das geheimnisvolle Dunkel blauschimmernden Wassers hinüber an
ein grünes, durch ragende, silberglänzende Pappeln belebtes Gestade.
Das ist ein Ereignis für die Geister des weltfernen, ruhig in einsamem
Stolz dahinflutenden Stromes; denn nur wenigen Auserwählten ist der
Zutritt vergönnt zu der Stätte seliger Gottesnähe und ewigen Friedens,
zum paradiesischen Reiche der Schönheit und Anmut. Zwei Nixen haben
es bemerkt, holde Wesen, denen der schuppige Fischschwanz nichts von
ihrer Schönheit nimmt; sie trieben im Wasser blumengeschmückt ihr
neckisches Spiel; nun schwimmen sie heran und singen, überwältigt von
der Schönheit der Frau, die ihren Einzug hält, zum Gruß am schilfigen
Gestade ihr schönstes Lied von Lust und Liebe, von seliger, goldener
Zeit. Aber der Beschauer muß lächeln: sie mühen sich vergebens. Mögen
sie noch so hingebungsvoll ihren Sang ertönen lassen: die stolze
Frau ist solcher Huldigungen gewohnt; sie hört wohl die schmelzenden
Klänge, aber ihr Geist ist auf Höheres gespannt; ihr Auge mag flüchtig
mit Wohlgefallen auf ihnen geruht haben, jetzt richtet sie den Blick
vorwärts und schaut erhobenen Hauptes in das Land ihrer Sehnsucht, und:
Wundersam, auch Schwäne kommen
Aus den Buchten hergeschwommen,
Majestätisch rein bewegt.
Ruhig schwebend, zart gesellig,
Aber stolz und selbstgefällig,
Wie sich Haupt und Schnabel regt ...
Sie fühlen sich recht wichtig, wie sie von beiden Seiten in großen
Bogen würdevoll heranschwimmen, halb neugierig fragend, halb
geheimnisvoll-feierlich Ungeahntes kündend. Fast ein wenig aufdringlich
scheinen sie den Zugang wahren oder doch prüfen zu wollen, ob der
getreue Grenzwächter auf seinem breiten, braunen Rücken auch eine
würdige Last herübertrage; ganz erfüllt sind sie von der Herrlichkeit
der Dinge, die hier zu schauen sind. Aber Chiron stemmt den Arm in die
Seite und ist spöttisch gestimmt. Er hat sein weißes Haar festlich
bekränzt, und sein Herz ist voll Neigung zu dem reizvollen Wesen,
das auf ihm ruht und seinen Hals so wonnesam umfängt; ihm ist der
Augenblick zu kostbar und seine Last zu lieb, um Neugierigen und
Propheten Rede zu stehen; halb belustigt, halb verächtlich bannt er sie
durch seinen Blick: Was wollt ihr Wichtigtuer? Kümmert euch um euch!
In ähnlicher Spannung wie die Schwäne harrt der Ankommenden ein auf
dem Rasen zwischen den Stämmen am Landungswege ruhendes Liebespaar.
Erwartungsvoll richten sie sich ein wenig auf: Wer bist du, königliche
Frau, so erhaben und doch so lieblich, der die Götter erlauben, mit
uns das Paradies zu teilen? In der Ferne, sich klar abhebend von einer
einsamen lichten Baumgruppe, sieht man Jünglinge mit Tamburinen
und Jungfrauen mit Girlanden in strahlenden, rot, goldgelb und rosa
blinkenden Gewändern; sie führen einen festlichen Reigen auf um einen
hellen Altar und sind der hohen Frau gewärtig zu freudigem Empfang: ein
Götterbote hat verkündet, wer da kommt. An ihnen vorbei blickt man weit
hinein in die lachende sonnige Ebene, bis hin zu den sanft schwellenden
Hügeln am fernen Horizont.
Vorbei zieht die Kommende an der dunklen Felsengrotte, die schauerlich
geheimnisvolle Tiefen birgt: an jenem Eingang zu der traurigen Stätte
ewigen Todes, wo die leiblosen Schatten ein dumpf-bewußtloses Dasein
führen. Ihr winkt die strahlende Sonne paradiesischer Freude und
ungetrübten Glückes, ein erhöhtes Leben voll Genuß und Schönheit, unter
südlich leuchtendem Himmel, in vollkommenem Einklang mit der Natur,
in seligster Harmonie mit Wesen von gleicher Feierstimmung. Es ist
Helena, die lieblichste der Frauen, die Gattin des Menelaos, die einst
Paris freventlich entführte, um derentwillen dann der männermordende
Trojanische Krieg entbrannte; jetzt ist sie den Ihren daheim gestorben
und geht zur Seligkeit ein in das traumhafte Reich ewigen Lichtes,
reinster Schönheit, nie aufhörender Wonne. Alles Schwere und Trübe
des Erdendaseins ist abgestreift, golden liegt die Zukunft vor ihr.
Unter Göttern und Heroen, mit den edelsten Helden der Vorzeit und den
blühendsten Mädchen und Frauen vergangener Tage wird sie leben in
unverwelkbarer Jugendschöne und unbekümmerter Heiterkeit, in sieghafter
Anmut, liebend und geliebt, ein einziges großes Fest feiernd. Von ihr,
die so vieles erlebt, die aller Menschen und selbst der Greise Herz
rührte, die von allen Dichtern als die Herrlichste auf Erden gepriesen
ward, der die gütige Parze zur Schönheit noch alle beglückenden Gaben
des Geistes und Herzens in die Wiege legte, von ihr wird Chiron mit den
Goetheschen Versen reden, wenn er später dieses Augenblicks gedenkt:
Was! ... Frauenschönheit will nichts heißen,
Ist gar zu oft ein starres Bild;
Nur solch ein Wesen kann ich preisen,
Das froh und lebenslustig quillt.
Die Schöne bleibt sich selber selig;
Die Anmut macht unwiderstehlich,
Wie Helena, da ich sie trug.
Ja, sie hat recht, sie darf sich als Königin, als Göttin fühlen!
So zieht sie denn hoch erhobnen Hauptes, mit anmutiger Gebärde den
rötlichen Schleier haltend, der von dem blendenden Körper herabzufallen
droht, als Herrscherin ein in ihr neues Reich, Glück spendend schon
allein durch ihr Dasein. Richtet man ihr, der Göttin, nicht dort schon
den Altar? Welch herrliche Festesstunden wird sie erleben im fröhlichen
Spiel auf den sanften grünen Wiesen, oder ruhend im Schatten der
geheimnisvoll-dunklen Büsche, hingegeben dem sanften Klang der fernher
tönenden Hirtenflöte, oder oben auf der ragenden Bergesspitze, wenn sie
einmal das Bedürfnis hat, ihre Seele in voller Einsamkeit auszuweiten
und ganz mit Gott und der Natur eins zu sein! Jetzt erst wird das wahre
Leben beginnen, ein Genießen, das nicht gemein macht, sondern erhebt,
das eigene Selbst erhöht und in die Unendlichkeit aufgehen läßt. Der
Seele Feiertag hebt an!
Auch das ist Religion. Der christliche Gedanke einer Belohnung im
Jenseits für ein Leben voll Güte und Reinheit, für ein nie aufhörendes
Ringen nach Vervollkommnung, für eine irdische Laufbahn, an deren
Schluß der tröstende Engelsang ertönt, der die Seele der Gnade der
himmlischen Mächte gewiß macht:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen
-- hier ist er durch die Kunst des Malers ins Heidnisch-Antike
gewendet. Wir atmen die Luft des alten Griechenlands, wir fühlen den
Geist jener glücklichen Heldenzeit, in der Kraft, Schönheit, Anmut
inmitten einer gottbegnadeten Natur unter südlichem Himmel sich
ungehemmt entfalten durften, in der die Menschen, vollsaftig, schön und
gut, kindlich und lebensfroh, ringsum in der Natur Götter, Halbgötter
und fabelhafte Zwischenwesen zu spüren meinten, in Baum und Fluß, in
Strauch und Tier lebende Wesen verehrten und sich selbst als Götter
fühlten.
So liegt religiöse Feierstimmung über diesem Bilde, und sie wird durch
die leuchtende Pracht der tiefen, satten Farben noch gesteigert. Wie
träumerisch und seltsam erwartungsvoll stimmt uns das tiefe Blau in
seinen fein erwogenen Abstufungen, wie wird unser Auge durch das
herrliche Grün erquickt, das in mannigfachster Stärke vom zartesten
bis zum tiefdunklen Ton das Ganze durchzieht und frohe Hoffnung weckt!
Und gibt nicht das schimmernde Rot, zumal das merkwürdige Krapp des
Schleiers und das strahlende Weiß der Schwäne und Wolken gerade in
Verbindung mit den blauen Farbenwerten den Eindruck des Festlichen?
Spüren wir nicht pulsierendes Leben in den hellgetönten Körpern, und
den Ernst des Daseins, wenn wir in das Dunkel der Felsengrotte schauen,
die den Weg zum Hades allen weist, die nicht des Götterglückes würdig
sind?
Und der Eindruck des Feierlich-Prächtigen wird noch erhöht durch
die straffe Linienführung. In klarer Schärfe hebt sich der sanft
ansteigende Anger vom Wasser ab, und eine fast parallele Linie
begrenzt die freie Fläche, auf der die Gestalten des Hintergrundes sich
bewegen. Kerzengerade streben die Bäume aus dem Erdboden empor, nur die
am weitesten links neigen sich ein wenig zur Seite. Und weil wir ihre
Wipfel nicht sehen, haben wir die Empfindung, sie wüchsen immer noch
höher hinauf. Nicht minder zeigt auf der rechten Seite die gewaltige
Felsenplatte über der Grotte parallele Linien, und senkrecht fließt das
träumerisch-plätschernde Quellwasser herab. Aber dieser rechtwinkelige
Aufbau wirkt nicht langweilig, sondern gibt nur das Gefühl von Ruhe,
Frieden und Sicherheit; dazu erwecken die gleichmäßig aufwärts sich
wölbenden Äste den Eindruck reicher Fülle, und die wagerechten Linien
werden angenehm durchbrochen durch die üppige Rundung des dunklen
Gebüsches in der Mitte und die davon sich lebenswahr abhebenden, das
Auge festhaltenden weichen Formen der Körper im Wasser; auch lenken
links die weißen Schwäne den Blick von der starren Linie ab, und auf
der andern Seite klingt die sich himmelhoch türmende Felsenlandschaft
mit ihren Kreisformen an die Rundung des großen Gebüsches an. Die
etwas unruhige Zeichnung dieser Felsengegend, in der ein Hirte in
weltfliehender Einsamkeit die Flöte bläst, trägt wiederum dazu
bei, die beseligende feierliche Stimmung der im frohen Verein sich
regenden, zueinander strebenden Gruppen zu betonen; denn auch durch
den Gegensatz wirkt der Maler. So zeigt das ganze Bild eine wunderbare
Übereinstimmung von Gedanken, Farbe und Form: wir fühlen, es mußte so
und konnte nicht anders gemalt werden.
Arnold Böcklin ist der Schöpfer dieses großen Kunstwerkes, ein
Künstler von Gottes Gnaden. Er war Baseler von Geburt und ein treuer
Schweizer sein Leben lang, wenn er auch viel reiste und lange Zeit in
Deutschland und Italien lebte. Die Jahre 1827 bis 1901 begrenzen sein
Dasein. Er besaß eine großartige Phantasie, geniale Gestaltungskraft,
ein tiefes Gemüt und launigen Humor. Er sah mit dem freudetrunkenen
Auge der alten Griechen die Natur belebt durch allerhand Fabelwesen,
wie Zentauren, Nixen, Faune, Pane, Einhörner, Tritonen, Meergreise,
Waldteufel, Najaden und Wasserkinder, die an Strand und Busch und
Felsen, in Wald und Wasser und Heide ihr Spiel treiben, sich necken und
zanken, immer von Kraft und Laune strotzen und das innerste Weben und
Leben, die schöpferische Kraft der Natur offenbaren. Daneben stehen
ergreifende Bilder von höchstem Ernst der Lebensauffassung, wie die
Beweinung Christi, die Toteninsel, der alte Eremit, der in rührender
Einfalt vor einem Madonnenbild Geige spielt, Odysseus und Kalypso,
der heilige Hain, das Schweigen im Walde, und eine geringe Zahl von
Porträts, unter denen die Selbstbildnisse am bedeutendsten sind. Er
war ein aufrechter Mann, stark, sicher, selbstbewußt, ehrlich auch in
der Malerei: er malte mit guter handwerklicher Technik und nur das,
was er wirklich empfunden und erlebt hatte. Und dies Erleben war heiß
und innig: so steigerte er die Natur über das hinaus, was er mit dem
leiblichen Auge sah, gab ihr noch tiefere und leuchtendere Farben und
eine strengere und klarere Linienführung, um das innere Schauen und
die gehobene Seelenstimmung zum Ausdruck zu bringen. Er wird stets zu
den größten deutschen Malern gerechnet werden, denn die Innerlichkeit
seines Wesens, die träumende Sehnsucht seiner Phantasie, seine Liebe
zur Natur und sein goldener Humor, das alles ist von deutscher Art und
erfüllt den Beschauer mit Andacht und Entzücken.
_Arnold Reimann._
Medea
Von Anselm Feuerbach
Geboren 12. September 1829 in Speyer, gestorben 4. Januar 1880 in
Venedig. -- Neue Pinakothek in München
Buntbild VII
In herber, trauervoller Größe blickt uns aus dem Medea-Bilde
Anselm Feuerbachs in der Neuen Pinakothek zu München der Geist der
griechischen Tragödie an. Um dies einsame Felsenufer weht heroische
Luft. Aus dem Vorgang, den unser Auge verfolgt, steigt die Ahnung
einer furchtbaren Tat, eines schweren Schicksals auf, das unerbittlich
waltet. Medea, die Tochter eines barbarischen Stammes, in dem noch
die Künste finsterer Zauberei gedeihen und die ungebändigte Wildheit
ursprünglicher Leidenschaft regiert, hatte in ihrer Verbindung mit dem
Griechenfürsten Jason den Weg zu höherer Gesittung beschritten. Nun
sieht sie sich von Jason betrogen und verraten, und die schreckliche
Enttäuschung dieses Erlebnisses wirft sie wieder in barbarische
Art zurück. In dem Herzen der Beleidigten reift ein ungeheurer
Entschluß der Rache: sie will Jason verlassen und die Kinder, die sie
ihm geschenkt, töten. Der Augenblick des heimlichen Aufbruchs ist
dargestellt, und wie der Wille und die Gedanken Medeas von dem felsigen
Gestade, das sich zur Linken auftürmt, in die Ferne fortstreben, so
wird das ganze Bild durch eine Linienbewegung von links nach rechts
hin bestimmt. Durch die stehende Gestalt des Knaben wird das Auge
in die Höhe geführt, zu seinem Kopf, zu dem Haupte der Mutter, das
sich nach rechts beugt, und dessen Neigung die in großem Schwung
abfallenden Umrisse des Gebirges im Hintergrunde wiederholen. Dann
wandert der Blick weiter, über die zweite sitzende Gestalt in der
Mitte der Komposition, zu der Gruppe der kräftigen Gestalten rechts,
die das Segelschiff vom Strand ins Meer stoßen, um es flott zu machen.
Während vorher aufrechte Linien betont wurden, gleitet nun alles in die
Wagerechten über, die durch den Schiffsbord und das zusammengerollte
Segel gebildet werden. So ist die Anordnung darauf gestellt, daß ein
starker, mächtiger Ton zur Linken angeschlagen wird, der nach rechts
hin langsam abklingt. Wundervoll wird durch dies Liniengefüge die
heldenhafte, tragische Stimmung des Ganzen zum Ausdruck gebracht.
Erschütternd wirkt auf uns der Blick, den Medea auf ihr Jüngstes
senkt, die Bewegung ihrer Hände, mit denen sie die Kinder an sich
zieht, die ahnungslos sich an die Mutter schmiegen -- denn wir wissen,
welch gräßliche Gedanken in ihrem Haupte reifen. Mit unvergleichlicher
Kunst hat der Maler in der ganzen Haltung dieser Frau den Widerstreit
zwischen mütterlicher Zärtlichkeit und entschlossener Härte gespiegelt.
Was sie sinnt, wird noch deutlicher zum Ausdruck gebracht durch die
dunkle, verschleierte Gestalt der Dienerin, die das kommende Unheil
zu ahnen scheint und ihr Haupt in den Händen verbirgt. Der sitzenden
Gestalt Medeens, in geringer Verkleinerung, im Umriß fast gleich, sitzt
sie dort wie ein düsterer Schatten ihrer Herrin, wie eine Verkörperung
ihres entsetzlichen Planes. Der Druck der seelischen Wirrnis, die unter
der Hülle äußerer Ruhe lebt, wird noch fühlbarer durch den Gegensatz zu
der Tätigkeit der kräftigen Männer, die das Schiff gegen die Brandung
ins Wasser drücken.