Und doch ist dies Gemälde ein Markstein in der Entwicklung der

deutschen Malerei, und Karl v. Piloty, von tiefer empfindenden

Künstlern, ja seinen Schülern schon bei Lebzeiten in den Hintergrund

gedrängt, ist in Wahrheit ein Bahnbrecher von Verdiensten gewesen, die

nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Er führte die Deutschen,

wie gesagt, von der Kartonkunst zur wirklichen Malerei, er brachte

ihnen Freude an der Farbe bei und den Begriff der malerischen Freiheit.

Viele seiner Schüler haben sich große Namen gemacht; die von ihnen

noch leben, gelten auch noch heute, und was er vor so vielen voraus

hatte -- er ließ seine Schüler werden und wachsen, wie es ihnen ihre

Natur vorschrieb. Von allen seinen bekannten Schülern hat vielleicht

einzig der Ungar Benczur Palette und Vortragsweise seines Meisters auf

die Dauer behalten. Die anderen, die _Gabriel Max_, _Defregger_, _Hans

Makart_, _Eduard Grützner_, _Hugo v. Habermann_, _Franz v. Lenbach_

usw. nahmen wohl des klugen und weitschauenden Meisters Korrektur und

Ratschläge dankbar entgegen, aber, sobald sie selbständig geworden

und genug gelernt hatten, gingen sie ihre eigenen Wege. Auch jene,

die ihren „historischen Unglücksfall“ -- so nannte boshafterweise

damals der Künstlerwitz die von den Schülern gefürchteten Pilotyschen

Geschichtsmotive -- bereits hinter sich hatten. Ohne einen Versuch

in der Geschichtsmalerei kam bei Piloty selten einer durch, so

wenig engherzig der Meister war, wenn er fühlte, daß die Begabung

des Schülers nach einer anderen Seite drängte. Er selbst blieb bei

seiner „Großen Historie“ -- nur ein paar Bildnisse hat er außer den

Geschichtsbildern gemalt, ihn verlangte nach malerischem Aufwand, nach

dramatischem, ja oft ein wenig theatralischem Effekt -- und dazu gab

ihm eben das Stoffgebiet, das er gewählt hatte, Gelegenheit! --

Die Familie des Künstlers stammte aus Italien, hatte sich in der

Pfalz niedergelassen, und der Großvater Karl v. Pilotys war, als die

Sulzbacher Linie in Bayern zur Regierung kam, mit dem Kurfürsten Karl

Theodor nach München übergesiedelt. Dieses Piloty künstlerisch begabter

Sohn Ferdinand hatte eine lithographische Kunstanstalt eröffnet,

bald nachdem Senefelder seine große Erfindung gemacht, und sein Sohn

Carl besuchte die Münchener Kunsthochschule. Sein Talent zeigte sich

so früh, daß ihn der Vater schon mit zwölf Jahren auf die Akademie

schickte, an der freilich damals -- 1838 -- noch wenig künstlerischer

Gewinn zu holen war. Aber Pilotys eiserner Fleiß ließ ihn, der übrigens

in allem ein Mensch von fast düsterm, schwerblütigem Ernste war, auch

hier vorwärtskommen. Aber nach wenigen Jahren schon warf ihn das

Schicksal einstweilen jäh aus der Laufbahn des Malers. Der Vater starb,

und um die Familie zu erhalten, mußte der Sechzehnjährige die Leitung

des umfangreichen lithographischen Geschäftes übernehmen, was er auch

zustande brachte. Nur in den Freistunden, die wohl spärlich genug

waren, lebte er noch seiner Kunst, bis ihn glücklichere Lebensumstände

aus diesem Frondienst befreiten und er zu seiner Malerei zurückkehren

konnte.

Um die Mitte der vierziger Jahre -- damals schickte man die großen

und sensationellen Bilder noch auf Reisen -- wurde in München des

berühmten Belgiers Gallait „Abdankung Karls V.“ ausgestellt. Das

packende Werk wirkte mächtig auf Piloty und drängte ihn in die Richtung

der historischen Malerei. Er sah auch unter starken Eindrücken ein

verwandtes Werk von Gallaits Landsmann Bièfve, lernte in Paris die

Kunst Delaroches kennen, und in Venedig, wohin er 1847 zum ersten

Male zu Fuße pilgerte, begeisterte er sich an Paolo Veronese. Alle

diese Einflüsse bestimmten seine endgültige Richtung. Nach ein paar

„Genrebildern“ kam er zu seinem ersten historischen Gemälde, als

König Maximilian II. von Bayern für seine, der Historienmalerei

gewidmete Galerie des Maximilianeums ein Bild bestellte: „Kurfürst

Maximilian tritt 1609 der katholischen Legion bei“. Das Werk des

siebenundzwanzigjährigen Jünglings fiel so glänzend aus, daß alle Welt

staunte. Und als er ein Jahr später das in der Münchener Pinakothek

befindliche Werk „Seni an der Leiche Wallensteins“ mit der für die

damalige Zeit blendenden Vollendung aller Stillebenteile, namentlich

der Stoffe, herausgebracht, stand sein Ruhm für alle Zeit fest. Im

nächsten Jahre wurde er Professor an der Kgl. Kunstakademie und nach

W. v. Kaulbachs Tode, allerdings fast zwei Jahrzehnte später, deren

Direktor. Nach dem „Seni“ folgte ein Geschichtsbild dem andern. Einige

Stoffe nahm der Künstler noch aus der Geschichte des Dreißigjährigen

Krieges; 1860 vollendete er das gewaltige Werk „Nero nach dem Brande

Roms“, 1861 „Galilei im Kerker“, „Gottfried von Bouillon auf der

Wallfahrt zum Heiligen Grabe“, „Kolumbus als Entdecker Amerikas“,

„Maria Stuart, die Verkündigung ihres Todesurteils empfangend“, „Der

Dauphin Ludwig XVII. bei seinem ‚Pfleger‘, dem Schuster Simon“. Eine

Berufung zum Leiter der Berliner Kunstakademie lehnte er (1869) ab und

vollendete 1873 seine „Thusnelda“, ein Werk, in dem er die glänzenden

Seiten seiner Kunst vielleicht klarer offenbarte, als in irgendeinem

späteren: seine höchst vervollkommnete Gabe zu komponieren, seine

Zeichenkunst und seine farbige Wahrheit. Von gewaltigen Ausmaßen

ist auch das damals begonnene, 1879 vollendete Werk „Die Munichia“,

umgeben von allen um die Entwicklung Münchens verdienten Männern --

eine schwere Aufgabe, meisterlich gelöst. Die vielen Bildnisse in dem

Gemälde, das den Sitzungssaal des Münchener Rathauses ziert, sind voll

frischen Lebens und, so weit es das Thema nur irgend zuließ, frei

von akademischer Konvention. Der kleiner gehaltene „Letzte Gang der

Girondisten“, die „Klugen und die törichten Jungfrauen“, „Unter der

Arena“, „Der Rat der Drei in Venedig“ folgten -- ein „Tod Alexanders

des Großen in Babylon“ blieb unvollendet; denn während der Arbeit, am

21. Juli 1886, starb Piloty in seiner Besitzung am Starnberger See,

in Ambach. Mit den oben aufgezählten Bildern ist übrigens noch lange

nicht das ganze Malerwerk des Historienmalers Piloty erschöpft. Sein

Hauptverdienst aber erwarb er sich trotz jener glänzenden Leistungen

als Anreger, als Lehrer. Wilhelm v. Kaulbach, damals Direktor der

Kunstakademie, hat seinen Sohn Hermann in Pilotys Schule geschickt,

damit er malen lerne, und er selbst plagte sich hinter verschlossenen

Türen noch in seinen alten Tagen, im neuen Sinne nach der Natur malen

zu lernen. Vielleicht die schlagendsten Beweise für die Macht von

Pilotys Wirkung auf seine Zeit!

_Fritz v. Ostini._

Gefilde der Seligen

Von Arnold Böcklin

Geboren 16. Oktober 1827 in Basel, gestorben 16. Januar 1901 in

Fiesole bei Florenz. -- Nationalgalerie in Berlin

Buntbild VI

Welch wunderbare, farbenfrohe Märchenwelt!

Ein seltsam fremdes Fabelwesen, Chiron, der Zentaur, halb Mensch, halb

Pferd, trägt sinnend, in beschaulichem Wohlgefühl, eine schöne junge

Frau über das geheimnisvolle Dunkel blauschimmernden Wassers hinüber an

ein grünes, durch ragende, silberglänzende Pappeln belebtes Gestade.

Das ist ein Ereignis für die Geister des weltfernen, ruhig in einsamem

Stolz dahinflutenden Stromes; denn nur wenigen Auserwählten ist der

Zutritt vergönnt zu der Stätte seliger Gottesnähe und ewigen Friedens,

zum paradiesischen Reiche der Schönheit und Anmut. Zwei Nixen haben

es bemerkt, holde Wesen, denen der schuppige Fischschwanz nichts von

ihrer Schönheit nimmt; sie trieben im Wasser blumengeschmückt ihr

neckisches Spiel; nun schwimmen sie heran und singen, überwältigt von

der Schönheit der Frau, die ihren Einzug hält, zum Gruß am schilfigen

Gestade ihr schönstes Lied von Lust und Liebe, von seliger, goldener

Zeit. Aber der Beschauer muß lächeln: sie mühen sich vergebens. Mögen

sie noch so hingebungsvoll ihren Sang ertönen lassen: die stolze

Frau ist solcher Huldigungen gewohnt; sie hört wohl die schmelzenden

Klänge, aber ihr Geist ist auf Höheres gespannt; ihr Auge mag flüchtig

mit Wohlgefallen auf ihnen geruht haben, jetzt richtet sie den Blick

vorwärts und schaut erhobenen Hauptes in das Land ihrer Sehnsucht, und:

Wundersam, auch Schwäne kommen

Aus den Buchten hergeschwommen,

Majestätisch rein bewegt.

Ruhig schwebend, zart gesellig,

Aber stolz und selbstgefällig,

Wie sich Haupt und Schnabel regt ...

Sie fühlen sich recht wichtig, wie sie von beiden Seiten in großen

Bogen würdevoll heranschwimmen, halb neugierig fragend, halb

geheimnisvoll-feierlich Ungeahntes kündend. Fast ein wenig aufdringlich

scheinen sie den Zugang wahren oder doch prüfen zu wollen, ob der

getreue Grenzwächter auf seinem breiten, braunen Rücken auch eine

würdige Last herübertrage; ganz erfüllt sind sie von der Herrlichkeit

der Dinge, die hier zu schauen sind. Aber Chiron stemmt den Arm in die

Seite und ist spöttisch gestimmt. Er hat sein weißes Haar festlich

bekränzt, und sein Herz ist voll Neigung zu dem reizvollen Wesen,

das auf ihm ruht und seinen Hals so wonnesam umfängt; ihm ist der

Augenblick zu kostbar und seine Last zu lieb, um Neugierigen und

Propheten Rede zu stehen; halb belustigt, halb verächtlich bannt er sie

durch seinen Blick: Was wollt ihr Wichtigtuer? Kümmert euch um euch!

In ähnlicher Spannung wie die Schwäne harrt der Ankommenden ein auf

dem Rasen zwischen den Stämmen am Landungswege ruhendes Liebespaar.

Erwartungsvoll richten sie sich ein wenig auf: Wer bist du, königliche

Frau, so erhaben und doch so lieblich, der die Götter erlauben, mit

uns das Paradies zu teilen? In der Ferne, sich klar abhebend von einer

einsamen lichten Baumgruppe, sieht man Jünglinge mit Tamburinen

und Jungfrauen mit Girlanden in strahlenden, rot, goldgelb und rosa

blinkenden Gewändern; sie führen einen festlichen Reigen auf um einen

hellen Altar und sind der hohen Frau gewärtig zu freudigem Empfang: ein

Götterbote hat verkündet, wer da kommt. An ihnen vorbei blickt man weit

hinein in die lachende sonnige Ebene, bis hin zu den sanft schwellenden

Hügeln am fernen Horizont.

Vorbei zieht die Kommende an der dunklen Felsengrotte, die schauerlich

geheimnisvolle Tiefen birgt: an jenem Eingang zu der traurigen Stätte

ewigen Todes, wo die leiblosen Schatten ein dumpf-bewußtloses Dasein

führen. Ihr winkt die strahlende Sonne paradiesischer Freude und

ungetrübten Glückes, ein erhöhtes Leben voll Genuß und Schönheit, unter

südlich leuchtendem Himmel, in vollkommenem Einklang mit der Natur,

in seligster Harmonie mit Wesen von gleicher Feierstimmung. Es ist

Helena, die lieblichste der Frauen, die Gattin des Menelaos, die einst

Paris freventlich entführte, um derentwillen dann der männermordende

Trojanische Krieg entbrannte; jetzt ist sie den Ihren daheim gestorben

und geht zur Seligkeit ein in das traumhafte Reich ewigen Lichtes,

reinster Schönheit, nie aufhörender Wonne. Alles Schwere und Trübe

des Erdendaseins ist abgestreift, golden liegt die Zukunft vor ihr.

Unter Göttern und Heroen, mit den edelsten Helden der Vorzeit und den

blühendsten Mädchen und Frauen vergangener Tage wird sie leben in

unverwelkbarer Jugendschöne und unbekümmerter Heiterkeit, in sieghafter

Anmut, liebend und geliebt, ein einziges großes Fest feiernd. Von ihr,

die so vieles erlebt, die aller Menschen und selbst der Greise Herz

rührte, die von allen Dichtern als die Herrlichste auf Erden gepriesen

ward, der die gütige Parze zur Schönheit noch alle beglückenden Gaben

des Geistes und Herzens in die Wiege legte, von ihr wird Chiron mit den

Goetheschen Versen reden, wenn er später dieses Augenblicks gedenkt:

Was! ... Frauenschönheit will nichts heißen,

Ist gar zu oft ein starres Bild;

Nur solch ein Wesen kann ich preisen,

Das froh und lebenslustig quillt.

Die Schöne bleibt sich selber selig;

Die Anmut macht unwiderstehlich,

Wie Helena, da ich sie trug.

Ja, sie hat recht, sie darf sich als Königin, als Göttin fühlen!

So zieht sie denn hoch erhobnen Hauptes, mit anmutiger Gebärde den

rötlichen Schleier haltend, der von dem blendenden Körper herabzufallen

droht, als Herrscherin ein in ihr neues Reich, Glück spendend schon

allein durch ihr Dasein. Richtet man ihr, der Göttin, nicht dort schon

den Altar? Welch herrliche Festesstunden wird sie erleben im fröhlichen

Spiel auf den sanften grünen Wiesen, oder ruhend im Schatten der

geheimnisvoll-dunklen Büsche, hingegeben dem sanften Klang der fernher

tönenden Hirtenflöte, oder oben auf der ragenden Bergesspitze, wenn sie

einmal das Bedürfnis hat, ihre Seele in voller Einsamkeit auszuweiten

und ganz mit Gott und der Natur eins zu sein! Jetzt erst wird das wahre

Leben beginnen, ein Genießen, das nicht gemein macht, sondern erhebt,

das eigene Selbst erhöht und in die Unendlichkeit aufgehen läßt. Der

Seele Feiertag hebt an!

Auch das ist Religion. Der christliche Gedanke einer Belohnung im

Jenseits für ein Leben voll Güte und Reinheit, für ein nie aufhörendes

Ringen nach Vervollkommnung, für eine irdische Laufbahn, an deren

Schluß der tröstende Engelsang ertönt, der die Seele der Gnade der

himmlischen Mächte gewiß macht:

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen

-- hier ist er durch die Kunst des Malers ins Heidnisch-Antike

gewendet. Wir atmen die Luft des alten Griechenlands, wir fühlen den

Geist jener glücklichen Heldenzeit, in der Kraft, Schönheit, Anmut

inmitten einer gottbegnadeten Natur unter südlichem Himmel sich

ungehemmt entfalten durften, in der die Menschen, vollsaftig, schön und

gut, kindlich und lebensfroh, ringsum in der Natur Götter, Halbgötter

und fabelhafte Zwischenwesen zu spüren meinten, in Baum und Fluß, in

Strauch und Tier lebende Wesen verehrten und sich selbst als Götter

fühlten.

So liegt religiöse Feierstimmung über diesem Bilde, und sie wird durch

die leuchtende Pracht der tiefen, satten Farben noch gesteigert. Wie

träumerisch und seltsam erwartungsvoll stimmt uns das tiefe Blau in

seinen fein erwogenen Abstufungen, wie wird unser Auge durch das

herrliche Grün erquickt, das in mannigfachster Stärke vom zartesten

bis zum tiefdunklen Ton das Ganze durchzieht und frohe Hoffnung weckt!

Und gibt nicht das schimmernde Rot, zumal das merkwürdige Krapp des

Schleiers und das strahlende Weiß der Schwäne und Wolken gerade in

Verbindung mit den blauen Farbenwerten den Eindruck des Festlichen?

Spüren wir nicht pulsierendes Leben in den hellgetönten Körpern, und

den Ernst des Daseins, wenn wir in das Dunkel der Felsengrotte schauen,

die den Weg zum Hades allen weist, die nicht des Götterglückes würdig

sind?

Und der Eindruck des Feierlich-Prächtigen wird noch erhöht durch

die straffe Linienführung. In klarer Schärfe hebt sich der sanft

ansteigende Anger vom Wasser ab, und eine fast parallele Linie

begrenzt die freie Fläche, auf der die Gestalten des Hintergrundes sich

bewegen. Kerzengerade streben die Bäume aus dem Erdboden empor, nur die

am weitesten links neigen sich ein wenig zur Seite. Und weil wir ihre

Wipfel nicht sehen, haben wir die Empfindung, sie wüchsen immer noch

höher hinauf. Nicht minder zeigt auf der rechten Seite die gewaltige

Felsenplatte über der Grotte parallele Linien, und senkrecht fließt das

träumerisch-plätschernde Quellwasser herab. Aber dieser rechtwinkelige

Aufbau wirkt nicht langweilig, sondern gibt nur das Gefühl von Ruhe,

Frieden und Sicherheit; dazu erwecken die gleichmäßig aufwärts sich

wölbenden Äste den Eindruck reicher Fülle, und die wagerechten Linien

werden angenehm durchbrochen durch die üppige Rundung des dunklen

Gebüsches in der Mitte und die davon sich lebenswahr abhebenden, das

Auge festhaltenden weichen Formen der Körper im Wasser; auch lenken

links die weißen Schwäne den Blick von der starren Linie ab, und auf

der andern Seite klingt die sich himmelhoch türmende Felsenlandschaft

mit ihren Kreisformen an die Rundung des großen Gebüsches an. Die

etwas unruhige Zeichnung dieser Felsengegend, in der ein Hirte in

weltfliehender Einsamkeit die Flöte bläst, trägt wiederum dazu

bei, die beseligende feierliche Stimmung der im frohen Verein sich

regenden, zueinander strebenden Gruppen zu betonen; denn auch durch

den Gegensatz wirkt der Maler. So zeigt das ganze Bild eine wunderbare

Übereinstimmung von Gedanken, Farbe und Form: wir fühlen, es mußte so

und konnte nicht anders gemalt werden.

Arnold Böcklin ist der Schöpfer dieses großen Kunstwerkes, ein

Künstler von Gottes Gnaden. Er war Baseler von Geburt und ein treuer

Schweizer sein Leben lang, wenn er auch viel reiste und lange Zeit in

Deutschland und Italien lebte. Die Jahre 1827 bis 1901 begrenzen sein

Dasein. Er besaß eine großartige Phantasie, geniale Gestaltungskraft,

ein tiefes Gemüt und launigen Humor. Er sah mit dem freudetrunkenen

Auge der alten Griechen die Natur belebt durch allerhand Fabelwesen,

wie Zentauren, Nixen, Faune, Pane, Einhörner, Tritonen, Meergreise,

Waldteufel, Najaden und Wasserkinder, die an Strand und Busch und

Felsen, in Wald und Wasser und Heide ihr Spiel treiben, sich necken und

zanken, immer von Kraft und Laune strotzen und das innerste Weben und

Leben, die schöpferische Kraft der Natur offenbaren. Daneben stehen

ergreifende Bilder von höchstem Ernst der Lebensauffassung, wie die

Beweinung Christi, die Toteninsel, der alte Eremit, der in rührender

Einfalt vor einem Madonnenbild Geige spielt, Odysseus und Kalypso,

der heilige Hain, das Schweigen im Walde, und eine geringe Zahl von

Porträts, unter denen die Selbstbildnisse am bedeutendsten sind. Er

war ein aufrechter Mann, stark, sicher, selbstbewußt, ehrlich auch in

der Malerei: er malte mit guter handwerklicher Technik und nur das,

was er wirklich empfunden und erlebt hatte. Und dies Erleben war heiß

und innig: so steigerte er die Natur über das hinaus, was er mit dem

leiblichen Auge sah, gab ihr noch tiefere und leuchtendere Farben und

eine strengere und klarere Linienführung, um das innere Schauen und

die gehobene Seelenstimmung zum Ausdruck zu bringen. Er wird stets zu

den größten deutschen Malern gerechnet werden, denn die Innerlichkeit

seines Wesens, die träumende Sehnsucht seiner Phantasie, seine Liebe

zur Natur und sein goldener Humor, das alles ist von deutscher Art und

erfüllt den Beschauer mit Andacht und Entzücken.

_Arnold Reimann._

Medea

Von Anselm Feuerbach

Geboren 12. September 1829 in Speyer, gestorben 4. Januar 1880 in

Venedig. -- Neue Pinakothek in München

Buntbild VII

In herber, trauervoller Größe blickt uns aus dem Medea-Bilde

Anselm Feuerbachs in der Neuen Pinakothek zu München der Geist der

griechischen Tragödie an. Um dies einsame Felsenufer weht heroische

Luft. Aus dem Vorgang, den unser Auge verfolgt, steigt die Ahnung

einer furchtbaren Tat, eines schweren Schicksals auf, das unerbittlich

waltet. Medea, die Tochter eines barbarischen Stammes, in dem noch

die Künste finsterer Zauberei gedeihen und die ungebändigte Wildheit

ursprünglicher Leidenschaft regiert, hatte in ihrer Verbindung mit dem

Griechenfürsten Jason den Weg zu höherer Gesittung beschritten. Nun

sieht sie sich von Jason betrogen und verraten, und die schreckliche

Enttäuschung dieses Erlebnisses wirft sie wieder in barbarische

Art zurück. In dem Herzen der Beleidigten reift ein ungeheurer

Entschluß der Rache: sie will Jason verlassen und die Kinder, die sie

ihm geschenkt, töten. Der Augenblick des heimlichen Aufbruchs ist

dargestellt, und wie der Wille und die Gedanken Medeas von dem felsigen

Gestade, das sich zur Linken auftürmt, in die Ferne fortstreben, so

wird das ganze Bild durch eine Linienbewegung von links nach rechts

hin bestimmt. Durch die stehende Gestalt des Knaben wird das Auge

in die Höhe geführt, zu seinem Kopf, zu dem Haupte der Mutter, das

sich nach rechts beugt, und dessen Neigung die in großem Schwung

abfallenden Umrisse des Gebirges im Hintergrunde wiederholen. Dann

wandert der Blick weiter, über die zweite sitzende Gestalt in der

Mitte der Komposition, zu der Gruppe der kräftigen Gestalten rechts,

die das Segelschiff vom Strand ins Meer stoßen, um es flott zu machen.

Während vorher aufrechte Linien betont wurden, gleitet nun alles in die

Wagerechten über, die durch den Schiffsbord und das zusammengerollte

Segel gebildet werden. So ist die Anordnung darauf gestellt, daß ein

starker, mächtiger Ton zur Linken angeschlagen wird, der nach rechts

hin langsam abklingt. Wundervoll wird durch dies Liniengefüge die

heldenhafte, tragische Stimmung des Ganzen zum Ausdruck gebracht.

Erschütternd wirkt auf uns der Blick, den Medea auf ihr Jüngstes

senkt, die Bewegung ihrer Hände, mit denen sie die Kinder an sich

zieht, die ahnungslos sich an die Mutter schmiegen -- denn wir wissen,

welch gräßliche Gedanken in ihrem Haupte reifen. Mit unvergleichlicher

Kunst hat der Maler in der ganzen Haltung dieser Frau den Widerstreit

zwischen mütterlicher Zärtlichkeit und entschlossener Härte gespiegelt.

Was sie sinnt, wird noch deutlicher zum Ausdruck gebracht durch die

dunkle, verschleierte Gestalt der Dienerin, die das kommende Unheil

zu ahnen scheint und ihr Haupt in den Händen verbirgt. Der sitzenden

Gestalt Medeens, in geringer Verkleinerung, im Umriß fast gleich, sitzt

sie dort wie ein düsterer Schatten ihrer Herrin, wie eine Verkörperung

ihres entsetzlichen Planes. Der Druck der seelischen Wirrnis, die unter

der Hülle äußerer Ruhe lebt, wird noch fühlbarer durch den Gegensatz zu

der Tätigkeit der kräftigen Männer, die das Schiff gegen die Brandung

ins Wasser drücken.

Gemälde und ihre Meister · 第 18 / 25 段