Wie Menzel seine Werke geschaffen hat, zeigt am besten die hier

abgebildete Tafelrunde, dieses Ölgemälde, das sich neben zahlreichen

anderen Werken Menzels in der Nationalgalerie zu Berlin befindet.

Bereits in der Kuglerschen Geschichte Friedrichs des Großen hat Menzel

die Tafelrunde in einem Holzschnitte geschildert, aber wesentlich

anders als jetzt im Bilde. Jedoch ganz so wie damals geht er auch

jetzt von der geschichtlichen, sachlichen Treue aus. Das Zimmer in

Sanssouci ist ebenso genau wiedergegeben wie seine Ausstattung, sein

Kronleuchter, seine Tische und Stühle. Wie er das alles vorher genau

nach der Wirklichkeit gezeichnet hat, so hat er auch vorher die

Personen der Tafelrunde nach zeitgenössischen Stichen gezeichnet,

ebenso ihre Kleidungsstücke und alles andere Beiwerk noch. Nun erst

baut er das Bild auf; Friedrich als Mittelpunkt vor der Tür, die den

Blick in die anschließenden Gemächer gehen läßt. Noch besonders betont

wird der König durch den über ihm hängenden Kronleuchter. Ungezwungen

erscheint Friedrich als Mittelpunkt der Tafel, ungezwungen gibt der

ihm gegenübersitzende Marquis d’Argens den Blick auf ihn frei, indem

er sich in der Unterhaltung zu seinem Nachbar rechts vom Beschauer

wendet. Ebenso leicht und gefällig ist die ganze Tafelrunde gruppiert.

Voltaire, vom Beschauer aus der zweite links vom Könige, hat eben etwas

Witziges gesagt. Der ihm gegenüber sitzende Graf Algarotti, der zweite

rechts vom Könige, beugt sich vor, um kein Wort zu verlieren. Die

beiden Herren rechts und links vom Könige hören ebenfalls eifrig zu,

lehnen sich aber zurück, um das Zwiegespräch nicht zu stören. Friedrich

hat das hellbeleuchtete Gesicht mit glänzenden Augen und lächelndem

Munde Voltaire zugewandt und wird ihm im nächsten Augenblicke

antworten. Die anderen Teilnehmer an der Tafelrunde hören entweder

zu oder unterhalten sich, wie die beiden Paare vorn im Bilde. Dieser

Vordergrund des Bildes empfängt wiederum seine besondere Belebung durch

eines der Windspiele des Königs, das unter dem Tischtuche hervorkommt.

Das Ganze ist getaucht in das warme Licht des Spätnachmittags,

das durch die zur Parkterrasse führenden geöffneten Fenstertüren

hereinflutet.

In der Folge hat Menzel noch mehrere Geschichtsbilder gemalt, aber

aus der Zeit Wilhelms I. So die Königskrönung in Königsberg, die ihn

1861 bis 1865 beschäftigt hat, und die Abreise des Königs 1870 zur

Armee. Dann wendet er sich mehr den Darstellungen von Hoffestlichkeiten

zu, wie das Ballsouper, 1878 gemalt. Die „kleine Exzellenz“ --

Menzel war zum Wirklichen Geheimen Rate mit dem Prädikat Exzellenz

ernannt und geadelt worden -- war eine bekannte Erscheinung auf

den Hoffestlichkeiten, viel beachtet und vielfach auch gefürchtet.

Denn genau so scharf, wie er sah und zeichnete, konnte er auch im

Worte sein. Er war von kleinem Wuchse, mit großem Kopfe und klaren,

hinter scharfen Brillengläsern funkelnden Augen. Von Jugend auf war

er gewohnt, sein innerstes warmes Empfinden unter kurz angebundenem

äußeren Wesen zu verstecken. Unermüdlich ist er zeitlebens tätig

gewesen und hat alles, was ihn nur irgendwie gefesselt hat,

gezeichnet. Mit sicherem Striche und in verblüffender Schnelligkeit

entstanden diese Zeichnungen.

Jene Bilder von Hoffestlichkeiten schlagen schon die Brücke zu den

Gegenwartsbildern, in denen Menzel seine höchste Kunst entfaltet hat.

Die Öffentlichkeit hat von einem Teile dieser Bilder erst nach 1867

und 1868 Kenntnis erhalten, seitdem Menzel zum zweiten und dritten

Male in Paris gewesen war. Seitdem entstanden diese Bilder, die das

Leben schildern, wie es kribbelt und krabbelt, wie es sich drängt

und stößt in unendlicher Fülle und Folge der Gestalten. So malt er

das Menschengewimmel im Restaurant der Pariser Weltausstellung 1867,

eine Pariser Straße am Wochentage 1869, das Eisenwalzwerk 1875, im

Eisenbahnkupee 1893. Dazu zahlreiche Bilder in Wasserfarben und

Deckfarben, so aus Bad Kissingen, aus dem Zoologischen Garten in

Berlin usw. In allen diesen Bildern kommt zutage, daß Menzel sich

befreit hat von jener Malweise der Geschichtsmaler, die ihre Vorwürfe

im sogenannten Atelierlicht darstellten, nämlich in einer meist von

oben kommenden Beleuchtung, die die Hauptpersonen heraushebt, das

Nebensächliche zurücktreten läßt. Das ist eine Beleuchtung, die der

Wirklichkeit nicht entspricht. Denn wenn sich beispielsweise im hellen

Tageslichte ein Festzug über den Marktplatz bewegt, so sammelt sich das

Licht auch nicht nur auf dem Anführer des Zuges, sondern es verteilt

sich gleichmäßig über den ganzen Marktplatz und Zug.

Gegen diese Atelierbeleuchtung hatte sich auf Grund solcher

Beobachtungen wie die eben geschilderte die Freilichtmalerei gewendet,

die in Frankreich ihren Anfang genommen und in Deutschland alsbald

Anhänger gefunden hatte. Es war schier unglaublich, daß Menzel

ganz unvermittelt mit einer derartigen Darstellungsweise vor die

Öffentlichkeit trat. Erst nach seinem Tode fand man den Schlüssel

dazu in Arbeiten, die er in den vierziger und fünfziger Jahren ganz

selbständig nur für sich geschaffen und niemals an die Öffentlichkeit

hatte gelangen lassen. Da malt er 1845 das Balkonzimmer, das er in

der Schöneberger Straße in Berlin bewohnt, da malt er 1846 den Blick

aus seiner Werkstatt auf den Garten des Prinzen Albrecht, da malt er

im gleichen Jahre den Bauplatz mit Weiden, den späteren Hafenplatz,

1847 die Potsdamer Bahn, 1848 den Kopf eines toten Schimmels,

eine Abendgesellschaft und seinen Bruder, 1849 Frau Schmidt von

Knobelsdorff, 1851 eine prächtige Wolkenstudie, 1852 die Wand seines

Ateliers mit den daran hängenden Gipsabgüssen von Gliedmaßen und

Gesichtern, 1855 den Tuileriengarten und das Théâtre Gymnase in Paris,

1858 und 1859 Darstellungen von Fackelzügen. Immer gibt er da nur den

Gesamteindruck der Vorgänge wieder, hält Form und Farbe gleichsam nur

im großen Zuge fest, ganz so, wie es die späteren Impressionisten getan

haben. So hat Menzel die Entwicklung, die die Kunst erst in unseren

Tagen durchlaufen hat, schon fünfzig Jahre vorher in sich selbst

durchlebt. Aber alles das, was er damals so impressionistisch aus

sich selbst heraus gemalt hat, hat er zur Seite gestellt und nie an

die Öffentlichkeit gebracht. Hätte er nicht so gehandelt, so hätte er

sich bei Lebzeiten noch weitere unvergängliche Lorbeerzweige in seinen

Ruhmeskranz geflochten.

_Georg Lehnert._

Der Stephansturm

Von Rudolf Alt

Geboren 28. August 1812 in Wien, gestorben 12. März 1905 in Wien.

-- Privatbesitz

Bild 28

Wenn ihr jemals in Wien wart, so kennt ihr auch den „alten Steffel“,

das Wahrzeichen der Stadt. Und wenn ihr _nicht_ dort wart, so laßt euch

sagen, daß „der Steffel“ die volksmundartlich-zutrauliche Bezeichnung

für den Stephansturm ist, und der erhebt sich im Mittelpunkte der

Stadt, 136 Meter hoch, als imposantester Teil der Kathedrale, der

weltberühmten Stephanskirche. Von welcher Seite immer ihr euch Wien

nähern möget, von wo aus immer ihr, sei es von Waldhügeln oder aus

der Ebene her, auf Wien schauen möget, das erste, das euch in die

Augen fällt, ist der steil und spitz über das Häusermeer ehrwürdig

emporragende Stephansturm. Die Wiener haben ihn darum in ihr

bekanntlich „goldenes“ Herz geschlossen. Sie lieben ihn, als sei er ein

lebendiges Wesen, ja ein Freud und Leid mitfühlender Genosse und Teil

ihrer selbst, so daß sie sich ohne ihn ihr Leben und Dasein einfach

nicht mehr vorzustellen vermögen.

Und der Turm verdient diese Liebe. Er ist wirklich kein gewöhnlicher

Kirchturm, sondern neben den beiden Türmen des Straßburger und des

Ulmer Münsters das wundersamste Denkmal altgotischer Kirchenbaukunst

in deutschen Landen. Vierundvierzig Jahre ist an ihm gebaut worden,

und während der als sein Zwillingsbruder gedachte Nordturm etwa in der

Hälfte stecken blieb und durch ein kurzes Nottürmlein 1579 künstlich

zugedeckt werden mußte, wurde der Südturm, eben unser „Steffel“,

bereits im Jahre 1433 durch Hans Prachatitz zu Ende geführt und mit

der Turmrose gekrönt. Ganz so, wie er damals gebaut wurde, hat er nun

freilich den Wetterstürmen der Zeit nicht standzuhalten vermocht. Er

mußte später teilweise abgetragen und wieder erneuert werden, und so

hat denn das 19. Jahrhundert noch zweiundzwanzig Jahre (von 1842 bis

1864) an ihm herumgebaut, bis zum Schluß auf das neue Turmkreuz ein

drei Zentner schwerer Steinadler aufgesetzt wurde -- den nun so leicht

keiner mehr herunterholen wird.

Alles in allem ist der Turm recht flink entstanden. An der Domkirche

selbst wurde weit länger gebaut, vom 13. bis ins 16. Jahrhundert, und

mehrere Stilepochen, Gotik, Renaissance und im Innern die Barockkunst,

haben dem Bauwerk ihren Stempel aufgedrückt. Der Turm aber ist völlig

einheitlich und harmonisch gefügt und auch, was unsere neueren Zeiten

hinzugetan haben, geschah ganz im Geiste und nach dem Vorbilde

alter Kunst. Niemand denkt mehr ans 19. Jahrhundert, im Anblick des

Stephansturms. Jeder fühlt hier den Hauch des Mittelalters, das

zuerst dieses Kunstwerk errichtete, und das aus seinem religiösen

Geiste heraus, in tiefer Inbrunst und mit hoher Schöpfermacht, dieses

Wunderwerk ersann. Wie die steile Spitze aus flankierenden Turmspitzen,

über einem hohen, geschmückten Quaderunterbau, herauswächst, immer

schlanker und dünner wird, von steinernen Krabben wie von einem

begleitenden Zackenwerk bis zur höchsten Spitze lebendig umkrochen,

und so in den Wolkenhimmel vorstößt, ein gleichsam aus der Erde

emporschießender Sehnsuchtspfeil zur Gottheit, das reißt auch den

heutigen Betrachter immer wieder mächtig mit sich fort und schenkt ihm

fromme und hohe Gefühle der Verehrung und der Andacht.

Und da ist nun in unseren Zeiten in Wien ein Maler gewesen, der hat

den Stephansturm und überhaupt den ganzen Stephansdom mit besonders

warmem Herzen geliebt, und er ist nicht müde geworden, ihn zu malen.

Immer aufs neue, bald von dieser, bald von jener Seite aus, bald von

innen und bald von außen. Doch nie als bloßes kaltes Gemäuer und

einsam ragende Steinmasse, sondern stets mit einem pulsierenden Stück

Menschenleben drumherum -- so daß man so recht fühlt, wie auch dieser

Dom kein beliebiges totes Bauwerk, sondern selbst ein Stück Leben ist,

umbraust und ausstrahlend, und gleichsam atmend und fühlend. Der Maler,

der das so erfaßt hat, hieß Rudolf Alt, und er hat seinem Namen Ehre

gemacht und hat nicht bloß das Alte geliebt, sondern ist auch selber

alt geworden, 92 Jahre und noch ein paar Monate drüber. Hierdurch paßt

er nun gerade erst recht zum alten Stephansturm, so daß man wohl sagen

kann: die beiden gehören zueinander. Und das haben die Wiener auch so

empfunden und nannten schließlich die beiden immer gewissermaßen in

einem Atem.

Aber wenn ich sage: der Rudolf Alt liebte das Alte, so muß ich doch

hinzufügen: er liebte nicht minder auch das Junge und das Neue. Er

zählte sechsundachtzig Jahre, da gründete man in Wien, 1898, die

Sezession, d. h. die jungen Künstler taten sich zusammen und wollten

der Welt zeigen, daß sie auch da wären und etwas machen könnten und den

hergebrachten Schlendrian nicht mehr brauchten. Viele, namentlich alte

Leute haben sie darum gehaßt und haben sie geschmäht und befehdet, vor

allem natürlich aus Künstlerkreisen. Aber just der älteste Künstler von

allen, eben unser Rudolf Alt, ließ sich nicht ins Bockshorn jagen,

stellte sich frisch und fröhlich zu den Jungen und wurde Ehrenpräsident

der Sezession. Er war aber damals keineswegs das, was man eine

künstlerische Ruine nennt, sondern er malte noch fest und feurig

drauflos und stellte jedes Jahr mit den Sezessionisten zusammen aus.

Und er konnte sich noch sehr gut blicken lassen, alles, was er machte,

zeigte Leben, und er wurde mitunter so keck mit der Farbe, als spürte

er eine neue Jugend in sich. März 1905 ist er dann gestorben.

Ja, so war er, der Rudolf Alt, ein Alter und ein Junger zugleich, ein

ehrfürchtig Zurückschauender und ein hoffnungsfreudig in die Zukunft

Blickender. Das sind aber grade immer die Allerbesten, die so fühlen.

Denn es ist kein Kunststück, immer nur das Neueste mitmachen zu wollen

und auch in der Kunst ein Modefex zu werden, der Tracht und Art von

Jahr zu Jahr wechselt. Ebensowenig freilich kann der einem imponieren,

der stets nur am Überlieferten klebt und alles immer so weitermacht,

wie er es als Schüler gelernt hat, und nichts Neues hinzu erfindet. Die

wirklich guten und tüchtigen Künstler vielmehr leben gewiß gern mit

ihrer Zeit und lassen sich heiß davon erfüllen und durchdringen, aber

sie verlieren dabei nie die Ehrfurcht vor dem, was die Jahrhunderte

und Jahrtausende vorher gemacht und als Zeugnisse ihres höchsten und

heiligsten Strebens und Könnens hinterlassen haben. Es kommt eben

darauf an, daß man überall das zu finden weiß, was einem die meiste

Kraft gibt, und das strömt sowohl aus der Vergangenheit wie aus der

Zukunft -- man muß es nur einzufangen wissen. Und dann muß es in einem

neu erstehen und aufblühen. Doch das kann man nicht „machen“, das muß

man „werden“ lassen.

Rudolf Alt war einer, der die Kunst in sich werden ließ. Er hatte die

schöne Geduld und feine Versenkung des bescheidenen und liebenswürdigen

Österreichers und dabei doch etwas von der emsigen Tätigkeit und

geistigen Bestimmtheit des Reichsdeutschen. Er stammte nämlich von

Vaters Seite her aus dem Reich. Dieser, Jacob Alt und auch schon

ein Maler, kam aus Frankfurt am Main her und war in Wien in jungen

Jahren eingewandert. Er heiratete dann eine echte Wienerin, und so

wurden seine beiden Jungens, Rudolf und Franz, beide Wiener und beide

Maler. Also Künstlerblut, wohin wir blicken! Und darum auch echte und

ehrliche Liebe zur Kunst! Zur Kunst und zur Heimat! Denn die schöne

österreichische Heimat ist von Vater und Söhnen Alt, vorab von Rudolf,

der der bedeutendste war, mit unermüdlicher Zuneigung durchstreift und

abgemalt worden. Es gibt kaum eine Gegend im schönen alten Österreich,

zumal im Alpengebiet, die Rudolf Alt nicht irgendwann einmal vor den

Pinsel bekommen hätte. Von allen seinen Fahrten aber kehrte er immer

nach Wien zurück und blieb und arbeitete dort den größten Teil des

Jahres. Wiener Menschen und Wiener Häuser, Wiener Paläste und Wiener

Kirchen, manchmal auch nur schöne Bruchstücke von solchen, fesselten

ihn immer wieder zu malerischer Wiedergabe. Und dabei guckte er genau

und scharf hin. Er malte nicht bloß so von ungefähr, er gab das Ding

mit all seinen Eigenheiten, den Stein mit seinen Verwitterungen, das

Schmuckstück mit seinen Verschnörkelungen. Ihm war jede Kleinigkeit

wichtig, sie hatte für ihn Sinn und Bedeutung. Er war darin nicht

anders als unser norddeutscher Malmeister, der große Adolf Menzel.

Darum hat man auch öfters die beiden miteinander verglichen. Das ist

immerhin viel Ehre für Rudolf Alt. Denn Menzel war gewiß der Größere,

der Vielseitigere und der Mächtigere. Dafür hat Alt freilich mehr

Liebenswürdigkeit, Innigkeit und Plauderhaftigkeit.

Von all seinen Bildern ist kaum eines so populär geworden wie das

des Stephansturmes, das wir hier abbilden. Es ist sowohl für Rudolf

Alt selber wie auch für die Stephanskirche am bezeichnendsten. Was

immer auch der Maler sonst dieser Kirche abzugewinnen vermochte --

mochte er das Riesentor an der Westfront oder den Chor im Osten

mit dem steckengebliebenen Nordturm malen, mochte er auch nur die

Armeseelennische mit einem stillen Beter wiedergeben oder sich in

die mystische Pracht des Inneren versenken, mit dem durchs Dunkel

flimmernden Geleuchte der Kerzen und der bunten Kirchenfenster --

soviel unser Künstler auch in solchen Bildern an feiner Kunst und

zärtlichen Versenkungen darzubieten hatte: es schwang doch nicht

in dem Maße sein ganzes Innere mit, wie wenn es dem ruhmvollsten

Vergangenheitszeugen der Wienerstadt galt, dem vielgeliebten „Steffel“.

Den hat er nun auf unserem Bilde in seiner ganzen Schönheit und

Ehrwürdigkeit wirklich gepackt. Wenn er von jeher liebte, jedes Detail

sorgsam und hingebend malerisch nachzubilden, hier tat er es ganz

besonders. Die ganze krause Vielfältigkeit gotischer Verzierungskunst,

an Fenstern und Fensterkrönungen, an Wimpergen und Fialen, an

Kreuzblumen und Nischenstandbildern, sei es am Turm selbst oder am

anstoßenden Langhaus, das, dem Beschauer entgegen, aus dem Bilde

herauswächst: allüberall folgte die zarte und anschmiegende Kunst

des Pinsels dem Werke des mittelalterlichen Architekten, notierte

jeden Einfall, liebkoste jedes vorkragende Steinchen und zauberte so

das ganze überzierliche und doch so mächtig empfundene Spitzennetz,

das der alte Baukünstler seiner gewaltigen Schöpfung zum Schmucke

übergeworfen hat, aufs neue vor unsere Sinne. Welche Gefahr bestand,

hierbei kleinlich zu werden und sich ganz in lauter Einzelwerk zu

verlieren! Alt wich dieser Gefahr aus oder vielmehr, er bemeisterte

sie, indem er stark das Konstruktive und die Umrißlinien betonte und

so den großen Zug des Bauwerkes zur Geltung brachte. Nirgends haftet

unser Blick ungebührlich an wertlosen Nebendingen. Diese schweben wie

Koloraturen um das Ganze, aber sie ordnen sich dem Hauptzuge unter.

Was uns er Blick sofort und mit innerster Bewegung umfaßt, das ist:

wie dieser machtvolle Turm in zierlicher Verjüngung gleichsam zum

Himmel emporstößt; wie er, klar und scharfumrissen, zwischen Wolken

und Himmelsblau den Sieg der Menschenhand verkündet; und wie er dabei

zum ekstatischen Gottesanbeter wird, der in verklärter, sich selbst

verzehrender Andacht einen wundervollen und hinreißenden Formausdruck

findet.

Alles dieses, das Religiös-Wesenhafte der mittelalterlichen

Kirchenschöpfung, findet sich auf dem Altschen Bilde wieder. Und

dennoch geht es keineswegs hierin auf. Dafür ist es zu wienerisch.

Dem Wiener, wenigstens dem heutigen, liegt das Verzückte nicht und

hat ihm im Grunde wohl niemals gelegen. Er liebt das Gemütliche und

Natürliche, das dem Augenblick lässig Hingegebene. So gewissenhaft er

in seiner Frömmigkeit ist, so wenig er die Religion missen möchte --

schon um der schönen Feierlichkeiten willen, die damit verbunden sind

-- seine Behaglichkeit und sein Vergnügen will er keinesfalls darum

aufgeben. Der gute alte Steffel hat nun gewiß nichts Aufdringliches

noch Aufreizendes. Er ist kein fanatischer Bußprediger. Er steht als

braver erprobter Sittenwächter und Gottheitsmahner mitten in der Stadt,

hebt den Finger zum Himmel, aber raubt den Menschen nicht ihr irdisches

Behagen. Wenn sie nur als liebe Schäflein sonntags und feiertags

folgsam zu ihm kommen, und ihm ab und zu mal einen warmen und stolzen

Blick bewundernder Verehrung schenken, so ist er schon ganz zufrieden

und läßt das liebe dumme Menschenvolk in seiner Tagesgeschäftigkeit um

sich herumwimmeln.

Das gehört eben zum frommen Stephansturm, dieses durchaus weltliche

Menschengewimmel -- sonst könnte er nicht in Wien stehen, noch die

Herzen der Wiener in dem Grade, wie er tat, sich erobert haben.

Darum hat auch der Maler recht daran getan, das bunte und ach so

selbstvergessene Straßenleben, das sich um das Gotteshaus ergießt, mit

in sein Bild hineinzubeziehen, die braven Spießerhäuser mitzumalen,

die der Kirche gegenüberlagern, die Omnibusse nicht zu vergessen,

die ihrer Fahrgäste harren, und das ganze Gemisch von volksmäßigem

Gaffertum, flüchtiger Eleganz und geschäftigem Umherschlendern redlich

einzufangen, das für diese Stadtgegend -- nahe bei der Kärntnerstraße

und dem Graben, den vornehmsten Geschäftsgegenden Wiens -- so

charakteristisch ist. Erst hiermit haben wir das richtige Bild, das

richtige Wien. Der Stephansturm aber ragt darüber auf in gleichgültiger

Majestät, ein milder Mahner, ein duldsamer Verzeiher, ein einsamer

Heiliger und Gottesheld.

_Franz Servaes._

Thusnelda im Triumphzug des Germanicus

Von Karl Theodor v. Piloty

Geboren 1. Oktober 1826 in München, gestorben 21. Juli 1886 in

Ambach (Oberbayern). -- Neue Pinakothek in München

Bild 29

Düster, fast teilnahmlos sitzt der römische Kaiser Tiberius auf

seinem Thron und wohnt dem Triumphzug des Germanicus bei, der mit dem

wohlgerüsteten und disziplinierten Römerheere Siege über die Germanen

erfochten in frechen Raubkriegen. Pyrrhussiege übrigens, die es den

Römern für die Zukunft verleideten, weiter in Germanien vorrücken zu

wollen. Die Römer hatten die Gewohnheit, bei solchen Triumphzügen

gefangene, hervorragende Persönlichkeiten aus der besiegten Nation

dem Volke vorzuführen. Dieses Mal gab Tiberius die ein paar Jahre

vorher in Römerhände gefallene Thusnelda, des edlen Arminius Gemahlin,

die in der Gefangenschaft einen Sohn, den Thumelikus, geboren hatte,

der Schaulust des römischen Pöbels preis. Und den Augenblick, in dem

die Unglückliche, die ihren Gatten nie wiedergesehen hat, am Sitze

des finsteren Kaisers vorbeischritt, hat Karl v. Piloty in seinem

Riesenbilde geschildert. Hoheitsvoll wandelt sie mit ihrem Knaben

einher, an Wuchs und Würde alle andern überragend. Hinter ihr gefangene

deutsche Frauen, vor ihr gefangene Germanen, gefesselt und mißhandelt

von römischen Soldaten. Mit roher Faust zerrt der eine von diesen

einen greisen germanischen Barden an seinem langen Bart vorwärts, ein

zweiter Skalde liegt gefesselt, tot oder ohnmächtig, im Vordergrund

unter einem Haufen von Beutestücken. Im Hintergrunde sieht man den

Triumphator heranfahren, dunkel gegen lichte Bauten gestellt, umjubelt

von der kranzspendenden, Kränze werfenden Menge. Eine Fülle mehr

episodenhafter Charakterfiguren ist unter die Hauptgestalten gemischt:

um den Kaiser ein Kranz von Frauen, neben ihm ein Germane, der

vielleicht zu seiner Leibwache gehört und beschämt den Blick wegwendet

von seinen gedemütigten Landsleuten, weiter unten ein Weib, das den

gefangenen Germanen haßerfüllt die Faust zeigt, Gassenjugend usw.

Die mächtige Komposition ist auf verhältnismäßig engem Raum mit

Meisterschaft zusammengedrängt, reich, für ihre Entstehungszeit über

alle Begriffe reich, und doch nicht mit Menschen und Dingen überladen.

Aber darin wie in den glänzend gegebenen Einzelheiten, liegt nicht der

Wert des 1873 für die Wiener Weltausstellung vollendeten Bildes. Es war

ein Triumph der _Malerei_, die Offenbarung eines neuen Begriffes vom

Malen, nachdem man darunter viele Jahrzehnte lang nur ein Kolorieren,

nur das Ausfüllen von Umrissen durch farbige Flächen verstanden. Auch

die _Form_, die Bewegung der Gestalten war von einer überzeugenden

Wahrhaftigkeit, die damals den Beschauern mit atemraubender Wucht vor

Augen trat -- heute freilich kommt das Bild denen, die inzwischen

Epochen eines viel robusteren Realismus in der Kunst durchgemacht,

durchaus nicht mehr durch seine Naturwahrheit verblüffend vor -- oder

höchstens durch seine Größe.

Gemälde und ihre Meister · 第 17 / 25 段